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17/09/2018 14:32 CEST | Aktualisiert 18/09/2018 15:07 CEST

An den Fleischverkäufer von Edeka: Diesen Satz hättest du besser nicht gesagt

Diesen Spruch werde ich nie vergessen.

Die Reportage im Video oben zeigt, wie Frauen in Deutschland Sexismus im Alltag erleben und wie sie damit umgehen. 

Es ist Samstag, 13:00 Uhr: “Langsam sollte ich mir Gedanken machen, was ich essen will”, dachte ich mir. Also machte ich mich auf den Weg zu Edeka

Ich schlenderte durch den Supermarkt, als ich plötzlich richtig Lust auf gebratene Putenbrust bekam. Im Kopf stellte ich mir schon vor, wie das fertige Gericht aussehen könnte. 

Der überfreundliche Metzgerei-Fachverkäufer

Also ging ich direkt auf die Fleisch-Theke zu und schaute mich um. Ein Verkäufer stand mit dem Rücken zu mir. Dann drehte sich der junge Mann um und sagte: “Ach Gott, hätten Sie was gesagt, hätte ich Sie doch sofort bedient.” 

Er hatte kurze, aschblonde Haare und trug eine Brille. Er war mir auf Anhieb sympathisch.

Achtung: Das ist keine Liebesgeschichte.

Ich dachte bloß: “Wow, sehr aufmerksam.”

Schnell entschied ich mich für Putenbrust. Zwei Stück. “Eher größere Stücke oder kleinere?”, fragte mich der Metzgerei-Fachverkäufer. “Die größeren bitte”, antwortete ich und freute mich schon darauf.

Der Satz, mit dem alles begann

Ich bekam einen kurzen prüfenden Blick des Verkäufers im weißen Kittel. Dann umwickelte er zwei große Putenbrustscheiben in Papier, steckte sie in eine Papiertüte und klebte den Zettel mit dem Barcode dran.

Bis dahin alles normal soweit. Bis er den Mund erneut aufmachte.

Er drückte mir meine Wunsch-Ware in die Hand, lächelte und sagte überaus freundlich: 

►“Da wird sich der Mann zu Hause aber freuen.”

Ich hielt kurz inne. “Momentan ist kein Mann bei mir im Haus”, sagte ich. Mein Freund und ich führen nämlich aktuell einer Fernbeziehung. Etwas Schlaueres ist mir in dem kurzen Moment zumindest nicht eingefallen – meine Schlagfertigkeit war dahin. 

Er schaute etwas verdutzt und sagte dann: “Na ja, oder eben für die Freundinnen.” Ich wünschte ihm einen schönen Tag, bezahlte mein Fleisch und ging nach Hause. 

Der Satz ging mir jedoch nicht mehr aus dem Kopf.

Fleisch: Der Inbegriff der Männlichkeit? 

Ich dachte den ganzen Tag darüber nach, was der Mann gesagt hatte und was es bedeutete. “Ich wollte doch bloß Fleisch kaufen”, dachte ich.

Doch offensichtlich dachte der Mann weiter. Daher geht das an dich, Metzgerei-Fachverkäufer:

Du bist offensichtlich sofort davon ausgegangen, dass ich einen Mann zu Hause habe. Warum? War es die Menge? War es, weil ich zwei besonders große Stücke wollte? Ist Fleisch der Inbegriff der Männlichkeit?  

Es fängt klein an

Vielleicht mögen einige meinen, ich übertreibe. Aber solche erstmals unbedeutenden Sätze bewirken Großes. 

Ich kaufe Fleisch und du als Verkäufer suggerierst mir, dass ich es nur kaufe, um meinem starken und schwer arbeitendem Mann zu Hause seine Mahlzeit zu kochen.

Offenbar würde ich als Frau das Fleisch alleine nicht essen können. Weil Frauen zierliche, zerbrechliche Wesen sind, die nur Salat essen?  

Ich weiß nicht, was dich dazu verleitet hat, diesen Satz zu sagen. Vielleicht war es nur als freundlicher Smalltalk gedacht.

Oder viel schlimmer: Vielleicht dachtest du, dass ich mit meinen 24 Jahren wie ein Hausmütterchen vor dem Herd stehe, das Fleisch für den Herrn des Hauses kocheund zu allem Überflüss noch einen Kuchen als Nachspeise backe. Das sind jedoch überholte Ansichten aus längst vergangenen Zeiten – mehr nicht.

Auch Frauen gehen arbeiten

Ich will nicht sagen, dass es schlecht oder rückschrittlich ist, für den Mann zu kochen. Denn auch meine Mutter hat das jahrelang gemacht. In vielen Haushalten ist es nicht anders regelbar. Aber: Wie kommst du von zwei Scheiben Putenbrust darauf, dass das bei mir der Fall sein könnte? 

Mit deinem Satz hast du mir gezeigt, dass das Frauenbild einiger, zumindest deines, noch immer in der Vergangenheit liegt. Dennoch: Ich bin 24 Jahre alt,  gehe jeden Tag arbeiten, verdiene mein eigenes Geld. Auch ich würde es schätzen, wenn mich jemand bekocht. Aber ich versorge mich selbst. 

Es gibt viele Familien, in denen die Frau voll berufstätig ist und der Mann zu Hause bleibt. Mittlerweile sollte das in die Köpfe aller Menschen gesickert sein. 

War dein Satz frauenfeindlich? Nein. Aber auch nicht frauenfreundlich.

Habe ich einen Rat für dich, was du das nächste Mal sagen könntest, wenn ich wieder Lust auf Fleisch bekomme? Ja! 

“Guten Appetit.”, “Lass es dir schmecken.” Das wäre zumindest schon ein Anfang – und das kann man dann wirklich nicht falsch verstehen. 

(nmi)