POLITIK
07/05/2018 17:31 CEST | Aktualisiert 07/05/2018 17:57 CEST

An alle Ellwangen-Empörten: Ihr hättet am Wochenende in Brandenburg sein sollen

Die HuffPost-These.

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Die Deutsche Kultur zeigt sich auf Volksfesten nicht von ihrer schönsten Seite. 

150 bis 200 Flüchtlinge umringen einen Streifenwagen vor dem Flüchtlingsheim in Ellwangen, Baden-Württemberg. Sie verhalten sich aggressiv und drohen den Polizisten. Mit ihrem Verhalten können sie es schließlich verhindern, dass einer von ihnen, ein 23-Jähriger aus Togo, abgeschoben wird. Vorerst. 

“Unfassbar für unser schönes Vaterland”, twittert AfD-Politiker Jörg Meuthen, “dass die Polizei sich dem Treiben krimineller Horden beugt.” 

Nicht nur die AfD, auch andere Twitter-Nutzer und Journalisten sind sich einig: Das Ende des Rechtsstaates ist nahe. 

Wenige Tage später in Brandenburg: Baumblütenfest in Werder.

Ein Volksfest, auf dem sich Besucher unter hübsch rosa blühenden Bäumen mit Erdbeerwein betrinken. Die Sonne scheint. Unbekannte Männer schmeißen eine am Ufer sitzende 18-Jährige ins Wasser.

Einer zieht sie schließlich heraus, schleppt sie zu einer Bauruine und zwingt sie zu ungewollten sexuellen Handlungen. 

Der Hass, der sonst so schnell im Netz geschürt wird, bleibt aus

Insgesamt meldet die Polizei 45 Körperverletzungen auf dem Baumblütenfest. Und eine mutmaßliche Vergewaltigung. 

Empörung? Fehlanzeige. 

Der Hass, der sonst so schnell im Netz geschürt wird, bleibt aus. Die Deutsche Bahn sorgt durch Zugausfälle in Werder für mehr Ärger. 

Was wäre los gewesen, wenn die Polizei gemeldet hätte, dass Flüchtlinge oder Deutsche mit Migrationshintergrund die Taten begangen hätten? 

Eigentlich sollte es unwichtig sein, welche Nationalität ein Täter hat. Eine Vergewaltigung wird nicht dadurch weniger schlimm, dass sie ein Deutscher begeht. 

Aber was viele Menschen in der Realität denken, sieht anders aus. 

Mehr zum Thema: Anabel Schunke ist eine der wichtigsten Figuren der neurechten Szene – wir waren mit ihr feiern 

Vor allem seit der Kölner Silvesternacht, in der hauptsächlich Nordafrikaner deutsche Frauen sexuell belästigten, zeichnet sich ein beunruhigender Trend in Deutschland ab: 

Sobald es um Flüchtlinge geht, oder auch nur ein Mensch mit einer anderen Hautfarbe bei Straftaten im Spiel ist, rastet ein nicht unerheblicher Teil der Deutschen im Netz aus. Dieser Hass treibt offensichtlich auch Politiker zu einer immer schärferen Rhetorik. 

Nur einen Klaps auf den Po zu bekommen, ist fast die Ausnahme

Die meisten jungen Frauen, die zu vorgerückter Stunde schon mal auf einem Volksfest waren, wissen: Von einem rotgesichtigen, besoffenen Mann auf einem Volksfest einen Klaps auf den Po zu bekommen, ist eher die Regel als die Ausnahme. Falls es nur bei einem Klaps bleibt. Jedes deutsche Volksfest dürfte für eine Frau gefährlicher sein als neben einem Flüchtlingsheim zu wohnen. 

Sicher: Was im Flüchtlingsheim in Ellwangen passiert ist, ist inakzeptabel. Aber auch hier wieder: Wo bleibt die Empörung bei anderen Straftaten?

Fast entsteht der Eindruck, es handle sich bei Volksfesten um heilige Rituale, bei denen alles erlaubt ist. Geopfert wird dann eben mal die eine oder andere junge Frau für die sexuellen Gelüste der betrunkenen Männer. 

45 Körperverletzungen, eine Vergewaltigung 

► Insgesamt kam es bei dem Baumblütenfest in diesem Jahr zu 284 Straftaten, darunter waren 135 Drogendelikte, 45 Körperverletzungen und eben die mutmaßliche Vergewaltigung, wie die Polizei meldet. 

Eine Ärztin sagte im “Tagesspiegel”, es sei “wie im Lazarett” gewesen, weil sie so viele verwundete Menschen hätte verarzten müssen. “Das war Krieg.” 

Und Medien dagegen schreiben, wie lecker der Erdbeerwein gewesen sei und dass das Fest “weitestgehend friedlich” verlaufen sei. Bei Ellwangen ergötzen sich die Journalisten in Analysen über das vermeintliche Staatsversagen. 

Nun mag man einwenden: Übergriffe auf Volksfesten hat es immer gegeben – so ist es eben. Randalierende Flüchtlinge sind neu. 

Aber das würde bedeuten, die eine Grenzüberschreitung hinzunehmen und die andere zu verurteilen.

Ein weiteres Beispiel: Ende April kam es Magdeburg bei der Aufstiegsfeier des dorten Fußballclubs zu stundenlangen, heftigen Ausschreitungen, die eine Schneise der Verwüstung in der Stadt hinterließen. Von Staatsversagen war in den Medien keine Rede. 

Es ist offensichtlich: Öffentlichkeit und Medien messen mit zweierlei Maß, wenn es um Gesetzesbrüche geht. 

Schon 2016 forderte die Karlsruher Soziologin Annette Treibel: “Das Motto muss lauten: Integrationskurse für alle.” 

Vielleicht sind es also tatsächlich nicht nur Flüchtlinge, die einen Integrationskurs in Deutschland brauchen. Sondern auch die deutschen Männer. Damit einige Deutsche endlich lernen, wie sie sich auf ihren eigenen Volksfesten und in den Fußgängerzonen zu verhalten haben.

(ben)