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25/09/2018 10:07 CEST | Aktualisiert 25/09/2018 10:07 CEST

Warum für viele der Gang zum Jobcenter so unangenehm ist wie ein Zahnarztbesuch

Wer sich nicht traut, alleine Hartz IV zu beantragen, findet bei den Ämterlotsen Hilfe.

ullstein bild Dtl. via Getty Images
Ein Jobcenter in Berlin-Wedding (Archivbild).

Vor einigen Wochen klingelte mein Telefon: Am anderen Ende der Leitung ist ein ehemaliger Mode-Journalist, der aufgrund seines schon etwas höheren Alters keine Aufträge bekommt – die Branche soll da wohl ziemlich hart sein.

Sein Schonvermögen ist mittlerweile fast aufgebraucht, er sieht ein, dass er nun Arbeitslosengeld II ( Hartz 4) beantragen muss, weil er sonst nicht über die Runden kommt.

“Ich war alleine beim Amt”, erzählt er mir am Apparat. “Aber ich habe es nicht geschafft, den Antrag zu stellen. Das Jobcenter ist ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe, da stehen sogar Securitys. Kann mich bitte jemand vom Ämterlotsen-Team begleiten?”

Der Mann hatte nicht das Gefühl, dass ihn der Sicherheitsdienst im Amt vor aggressiven Besuchern beschützen würde. Er fühlte sich abgeschreckt.

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Solche Anrufe erreichen mich täglich – denn ich arbeite als Projektleitung bei den Ämterlotsen von der Diakonie Hamburg

Viele Menschen haben Angst davor, alleine zum Amt zu gehen

Ein Gang zum Amt kann ähnlich angenehm sein wie ein Zahnarztbesuch – gerade der Besuch eines Jobcenters bereitet vielen Menschen große Angst, vor allem, wenn sie alleine gehen müssen. 

Deswegen wurden die Ämterlotsen ins Leben gerufen: Seit 15 Jahren schon begleiten wir Menschen bei Amtsgängen, wenn sie unsicher sind, Schwierigkeiten mit den Behörden erleben oder einfach nicht genau wissen, was ihre Rechte sind und welche Formulare sie ausfüllen müssen.

Da meldet sich zum Beispiel der Freiberufler, der keine Aufträge mehr erhält und deswegen ALG II beantragen muss. Oder der Fachangestellte, der nach langer Krankheit von der Krankenkasse ausgesteuert worden und arbeitslos ist, der den bevorstehenden Gang zum Arbeitsamt alleine nicht mehr schafft. Oder die alleinerziehende Mutter, die weder ein und aus weiß. 

Unser Team besteht momentan aus 35 Lotsen, die allesamt ehrenamtlich arbeiten.

Manche von ihnen haben Behörden geleitet und bringen dementsprechend Erfahrung mit, andere haben selbst keine gute Erfahrung bei Ämtergängen gemacht und wollen deswegen nun andere Menschen unterstützen. 

Viele kennen ihre Rechte nicht

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen glauben, sie hätten kein Recht darauf, einen Antrag auf Arbeitslosengeld zu stellen. Manchmal werden sie in den Ämtern falsch beraten oder es kommt zu Missverständnissen und sie werden abgewimmelt. Dabei hat jeder erst einmal ein Recht darauf, einen Antrag zu stellen. 

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Dass ein Antrag auf Arbeitslosengeld durchkommt, können wir natürlich nicht garantieren. Aber wir können zumindest mit zum Jobcenter kommen und darauf achten, dass der Antragsteller richtig beraten wird. Denn immer noch passieren in Jobcentern zu viele Fehler: Eine Statistik von 2017 beweist, dass 50 Prozent aller Hartz-IV-Bescheide fehlerhaft waren. 

Die Kommunikation mit dem Sachbearbeiter muss stimmen

Oft achtet der Ämterlotse einfach darauf, dass die Kommunikation stimmt. Sachlichkeit ist dabei das oberste Gebot – zum Beispiel schreiten wir ein, wenn die Sprache aggressiv wird. Oder wenn unangebrachte Kommentare des Sachbearbeiters kommen wie: “Sie leben nun seit 13 Jahren hier, warum können Sie immer noch nicht richtig Deutsch?”

Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zeigt, dass Antragsteller häufiger benachteiligt werden, allein schon, wenn ihre Namen ausländisch klingen. Wenn jemand die deutsche Sprache nicht beherrscht, kann sich die Situation natürlich deutlich verschärfen.

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Solche Aussagen, wie die oben, sind anmaßend und helfen dem Antragsteller nicht. Wir achten immer darauf, dass der Ratsuchende zum bestmöglichen Ergebnis kommt.

In der Regel erreichen wir das allein dadurch, weil durch den Ämterlotsen eine neutrale Person dem Gespräch beisitzt, Missverständnisse leichter vermieden werden können und Respektlosigkeit so nicht möglich ist. 

Hilfe zur Selbsthilfe: “Ich habe das gut gemacht”

Es ist unfassbar schön, zu merken, wenn wir eine Situation klären und einen Menschen unterstützen können. Eines der schönsten Komplimente, die wir jemals bekommen haben, kam von einer arbeitslosen, zweifachen Mutter, die gerade von ihrem Mann verlassen wurde und an Selbstzweifeln litt. 

Sie sagte am Telefon: “Ich habe das gut gemacht.” Wir haben ihr so geholfen, dass sie sich selbst wieder loben und ein gutes Gefühl haben konnte. Etwas Besseres kann nicht passieren.

Übrigens hat uns auch der Mode-Journalist, von dem ich oben gesprochen habe, auch eine tolle Rückmeldung gegeben, nachdem wir ihn unterstützt haben. 

Er sagte: “Alles ist auf den Weg gebracht, dank der Ämterlotsen ... Danke, dass es euch gibt!”

Ämterlotsen oder vergleichbare Modelle gibt es in vielen Städten in Deutschland – zum Beispiel auch in Berlin oder München. Wenn ihr Unterstützung braucht bei einem Behördengang, wendet euch bitte an die jeweils zuständige Stelle in eurer Stadt oder Region. 

Dieses Gespräch wurde von Agatha Kremplewski aufgezeichnet.