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24/11/2018 14:28 CET

Amnesty-Report: Gesetze in Europa zu Vergewaltigungen sind oft veraltet

Nicht einvernehmlicher Sex ist nicht immer gleich eine Vergewaltigung – sollte es aber sein.

Frauen demonstrieren in Spanien für ihre Rechte.
  • Ein Amnesty-International-Report offenbart, dass die Gesetze der EU viel zu harmlos mit Vergewaltigern umgehen. 
  • Im Gegensatz zu Deutschland gilt nicht einvernehmlicher Sex in vielen Ländern nicht als Vergewaltigung. 

Der Fall sorgt gerade weltweit für Aufsehen: Ein Mann in Irland wurde von einer mutmaßlichen Vergewaltigung freigesprochen. Der Sex sei angeblich einvernehmlich gewesen. Die Begründung: Die Frau habe schließlich einen String-Tanga mit Spitze getragen. 

Was klingt wie ein Scherz, ist grausame Realität. Und zeigt, vor welchem riesigen Problem wir in Europa stehen: Die Gesetzeslage im Falle einer Vergewaltigung ist häufig völlig veraltet und zu harmlos. Sie hilft sogar den Tätern. 

Amnesty International hat sich die Gesetzeslage in Europa einmal genauer angesehen – mit erschreckenden Ergebnissen. Die Mehrheit europäischer Länder betrachtet eine Vergewaltigung nur als solche, wenn auch Gewalt, Bedrohung oder Nötigung im Spiel war. Nur in Irland, England, Belgien, Zypern, Island, Luxemburg, Schweden und auch Deutschland ist Vergewaltigung laut Gesetz “Sex ohne Einwilligung”. 

Nicht einvernehmlicher Sex ist immer eine Vergewaltigung. Ende. Anna Błuś, Forscherin für Frauenrechte, Amnesty International

“Nicht einvernehmlicher Sex ist immer eine Vergewaltigung. Ende”, brachte es Anna Błuś, Amnesty-International-Forscherin für Frauenrechte, in einem Presse-Statement auf den Punkt.

Doch die aktuelle Gesetzeslage zeigt etwas anderes. Auch in Deutschland gilt erst seit 2016 das neue Sexualstrafrecht. Demnach wird eine Vergewaltigung auch dann als solche definiert, wenn sich der Täter über den “erkennbaren Willen” des Opfers hinwegsetzt – dazu zählen auch Worte und Gesten.

In anderen Ländern, wie beispielsweise Kroatien, bekommen Vergewaltiger hingegen nur bis zu fünf Jahre Haft, wenn es “nur” zu Sex ohne Einwilligung kam. Erst, wenn eine Vergewaltigung mit Gewalt, Bedrohung oder Nötigung einherging, bekommen die Täter maximal zehn Jahre Haft.

Jede 20. Frau in der EU wird vergewaltigt

Allein in der EU wurde Schätzungen zufolge jede 20. Frau, die älter ist als 15, vergewaltigt. Das geht aus Daten der “European Union Agency for Fundamental Rights” hervor, die Amnesty International vorliegen. 

Das Traurige: Viele dieser Frauen entscheiden sich nach ihrer Vergewaltigung, nicht zur Polizei zu gehen. Sie wissen, dass es laut Gesetz kaum eine gerechte Strafe für den Täter geben kann – und verlieren den Mut. Viele von ihnen befürchten auch, selbst für ihre Vergewaltigung verantwortlich gemacht zu werden. Nicht zu unrecht, wie Zahlen belegen, die CNN zusammengefasst hat.

Mehr zum Thema: “Schlimmer als die Tat selbst”: Was deutsche Frauen erleben, wenn sie eine Vergewaltigung anzeigen

Studienergebnisse des ”European Commission Special Eurobarometer Reports” aus dem Jahr 2016 enthüllten, dass ganze 10 Prozent der Befragten nicht einvernehmlichen Sex “gerechtfertigt” finden, wenn die Frau “entblößende Kleidung” getragen habe. 12 Prozent fanden es gerechtfertigt, wenn die Person betrunken war oder unter Drogen stand.

Die Ergebnisse zeigen, wie erschreckend falsch viele Menschen immer noch denken. Denn an einer Vergewaltigung ist immer nur ein Mensch Schuld: der Vergewaltiger.