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02/03/2018 11:24 CET | Aktualisiert 15/03/2018 12:27 CET

Ehrenamtliche Pflegerin: "Jeden Tag sehe ich, was es bedeutet, einsam zu sein"

Manchmal fragt sich Herr Barth, wer ihn vermissen würde.

Education Images/UIG via Getty Images
 Frau Auer wohnt im Vorort einer größeren Stadt in einem Einfamilienhaus. 

Als Pflegerin in der Nachbarschaftshilfe begegnet mir die Einsamkeit älterer Menschen tagtäglich.

Nehmen wir als Beispiel Frau Auer und Herrn Barth. Frau Auer wohnt im Vorort einer größeren Stadt in einem Einfamilienhaus. Bleierne Einsamkeit begleitet sie jeden Tag und von Woche zu Woche.

Frau Auer ist über 80 Jahre alt, und ihr Mann ist vor fünf Jahren verstorben. Die beiden Kinder leben aufgrund des Berufs in der Schweiz und in Amerika. Frau Auer arbeitete als Bürokraft in einer kleinen Firma, die dann vor einigen Jahren an ein Unternehmen angegliedert wurde.

Früher hat sie sich mit ehemaligen Kollegen zum Kaffee getroffen. Wie Frau Auer ist auch ihr Freundeskreis älter geworden. Ihre Freunde leben im Pflegeheim oder sind verstorben. Sie selbst möchte auf gar keinen Fall in ein Heim, sondern so lange wie möglich zu Hause bleiben.

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Bis vor Kurzem hat Frau Auer jede zweite Woche Kleidung bei einem Versandhandel bestellt - doch inzwischen haben die Paketboten keine Zeit mehr für ein kurzes Gespräch.

Sehr zufrieden ist sie mit dem Lieferdienst von Tiefkühlkost, der ihr die Packungen direkt in die Küche trägt und ein bisschen mit ihr tratscht. Frau Auer hat zwar eine große Garage, aber kein Auto mehr. Aufgrund von Seh- und Schulterproblemen hat sie das Autofahren aufgegeben.

Da gab es noch einen Fahrdienst der katholischen Kirche. Der wurde inzwischen aber aufgrund fehlender Ehrenamtlicher eingestellt. Der Nahverkehr fährt nur unregelmäßig, und Frau Auer weiß nicht, wen sie noch fragen könnte.

Es wird also zunehmend schwerer für sie, unter Leute zu kommen. Es gibt mehr und mehr Tage, an denen sie mit niemandem spricht.

Früher gab es noch Hausgemeinschaften, keine Anonymität zwischen Nachbarn

Herr Barth ist 71 Jahre alt, hat keine Kinder und keine Partnerin, das hat immer nicht so gepasst. Er hat nur noch Kontakt zu einem Cousin.

Seit vielen Jahren bewohnt er eine kleine Mietswohnung einer Genossenschaft. Herr Barth hat lange in der Fertigung bei verschiedenen Firmen gearbeitet.

Manchmal versteht er die Welt nicht mehr.

In dem Mietshaus sind seine langjährigen Nachbarn umgezogen oder verstorben. Und so wechseln sich nun ständig neue Nachbarn ab.

Diese stellen sich nicht vor, lassen sich viele Pakete zuschicken und ziehen nach einigen Monaten wieder aus. Herr Barth denkt an die Zeiten zurück, in denen es eine Hausgemeinschaft gab.

Man feierte Geburtstage zusammen, grillte im Sommer im gemeinsamen Hof und schaute immer mal nach den Nachbarn. Auch den Gesangsverein, in dem Herr Barth lange Mitglied war, gibt es nicht mehr. Er wurde eingestellt, weil sich kein Chorleiter fand.

Herr Barth freut sich jeden Morgen, wenn kurz nach acht Uhr der Pflegedienst vorbeikommt, um eine chronische Wunde am Fuß zu verbinden.

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Mittags gibt es zwei Kartoffeln und ein bisschen Gemüse. Herr Barth geht mehrmals die Woche zum Haus- und Facharzt. Aber gerade die Nachmittage und Abende sind für ihn sehr lang.

Im Ort gibt es ein Seniorenangebot, doch da geht Herr Barth nicht mehr hin. Er findet es langweilig und möchte auch nicht basteln.

Manchmal, da fragt sich Herr Barth schon, wer ihn vermissen würde und ob er nicht eigentlich allen zur Last fällt. Was passiert, wenn er nicht mehr allein einkaufen kann, weiß er nicht und sorgt sich darum.

Isolierte Menschen werden häufiger krank

Meine Tätigkeit in der Nachbarschaftshilfe zeigt mir, dass Einsamkeit ganz unterschiedliche Formen haben kann und sowohl bei gut situierten als auch bei Senioren mit einer geringen Rente gleichermaßen ausgeprägt ist.

In der sich schneller wandelnden Gesellschaft verlieren die Senioren immer mehr den Kontakt zu ihr, und die Gesellschaft verliert alleinstehende Senioren aus dem Blick.

Ein Ministerium oder eine Abteilung, die sich mit dem Thema Einsamkeit auseinandersetzen würde, halte ich für sehr sinnvoll.

In Situationen der Einsamkeit verlieren die Menschen mehr und mehr das Gefühl, dazuzugehören und gesehen zu werden. Zudem sind ältere Menschen, die isoliert sind, häufiger krank und anfälliger für psychische Störungen.

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Die Einführung und Etablierung innovativer Konzepte zur Vermeidung von Einsamkeit im Alter wird eine der größten Herausforderungen in den kommenden Jahren sein, die auf die Kommunen, auf Sozialträger aber auch auf die mittlere und junge Generation zukommt.

Wir müssen alle mithelfen, damit sich die Frau Auers und die Herr Barths in unserer Nachbarschaft nicht isoliert und ungewollt fühlen.

Der Beitrag erschien zuerst bei Xing