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11/12/2018 18:11 CET | Aktualisiert 12/12/2018 10:44 CET

Als Kind habe ich auf der Straße gelebt – heute helfe ich Obdachlosen

Es ist möglich, von der Straße wegzukommen und neu anzufangen. Meine eigene Geschichte zeigt das. Aber niemand schafft das allein.

Tophofen

Sabrina Tophofen hat in ihrer Kindheit Unvorstellbares erlebt. Vom Vater missbraucht, von der Mutter geschlagen und verstoßen, landete sie als Zehnjährige erst in einem Kinderheim und kurz darauf auf der Straße. Jahrelang lebte sie als Straßenkind auf der Kölner Domplatte und kämpfte ums Überleben.

Heute steht Tophofen mit beiden Beinen im Leben und besitzt eine erstaunliche Kraft und Beharrlichkeit, mit der sie in Not geratenen Menschen jeden Tag hilft. 

Als ich zehn Jahre alt war, ging ich zur Polizei und zeigte meinen Vater an.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie es war, als ich den Polizisten von dem Missbrauch erzählte; von all den Jahren, in denen mein Vater sich an mir vergangen hatte. Und von meiner Mutter, die ihn dabei erwischte und dann nicht ihn, sondern mich mit Prügeln dafür bestrafte.

Es ist mir nicht leicht gefallen, meinen Vater anzuzeigen. Aber ich konnte es einfach nicht länger aushalten. Das sagte ich den Polizisten und sie glaubten mir. Ich war erleichtert und als eine Mitarbeiterin vom Jugendamt kam, schöpfte ich Hoffnung. Ich dachte, jetzt würde alles besser werden. Aber so war es nicht.

Die Frau brachte mich in ein geschlossenes Kinderheim. Es war Freitag. Sie versprach, dass sie nach dem Wochenende wiederkommen würde. Sie sagte, sie würde mich woanders unterbringen, wenn es mir hier nicht gefiele.

Doch die Frau kam nie wieder zurück. Ich war eingesperrt in diesem Heim und ich wurde von den anderen Mädchen herabgesetzt und misshandelt.

Die Betreuer taten nichts dagegen. Es war so schlimm, dass ich ausbrach. Wieder und wieder. Bis das Heim mich irgendwann nicht mehr aufnehmen wollte.

Wie erklärt man einem zehnjährigen Kind, dass es niemand haben will?

Damals hatte mich ein Polizist in Köln auf der Straße aufgegriffen und mit aufs Revier genommen. Erst hatte er versucht, mit meiner Mutter zu sprechen. Doch sie sagte ihm am Telefon, dass ich nicht mehr ihre Tochter sei und legte einfach auf.

Danach versuchte er es im Kinderheim und stellte fest, dass ich suspendiert worden war. Der Direktor sagte, meine ständigen Ausbrüche seien rufschädigend und ich sei nicht vermittelbar. 

Das Leben auf der Straße und unter anderen Obdachlosen machte mir weniger Angst als das Kinderheim.

Gregor Hoffmann hieß der Polizist, das weiß ich noch. Er setzte sich neben mich auf die Treppe und er war richtig traurig. Er wusste nicht, wie er es mir sagen sollte. Wie erklärt man einen zehnjährigen Kind, dass es niemand haben will?

Er brachte mich schließlich in ein anderes Heim, doch dort blieb ich nicht einmal die erste Nacht. Stattdessen fuhr ich zum Kölner Hauptbahnhof. Ich wurde ein Straßenkind. Das Leben auf der Straße und unter anderen Obdachlosen machte mir weniger Angst als das Kinderheim.

Dort, auf der Domplatte, fand ich zum ersten Mal so etwas wie Geborgenheit und Schutz. Es dauerte nicht lang, bis ich Anschluss zu anderen Straßenkindern fand und Freundschaften schloss.

Privat
Sabrina Tophofen als 12-Jährige

Trotzdem war das Leben auf der Straße natürlich alles andere als einfach. Wenn wir kein Geld für Essen hatten, mussten wir stehlen. Ich war mit Drogenkonsum, Aggression und Gewalt konfrontiert. Es war jeden Tag auch ein Kampf ums Überleben.

Nach vier Jahren als Straßenkind kam der erste Wendepunkt

Nach vier Jahren als Straßenkind kam endlich ein Wendepunkt. Ich kam in ein Betreuungsprogramm und lernte Andreas Priesterath kennen, einen Streetworker, der damals in Köln arbeitete. Er war einer von drei Betreuern, die sich um mich kümmerten. Ich bekam ein Hotelzimmer gestellt, damit ich nicht auf der Straße schlafen musste.

Aber es gab regelmäßig Ärger, weil ich nie alleine in meinem Zimmer schlief, sondern regelmäßig den halben Bahnhof mitbrachte. Es war für mich ganz selbstverständlich, das Zimmer mit all meinen obdachlosen Freunden zu teilen. 

Es ist echt lustig, wenn ich mir überlege, dass ich damals schon genauso drauf war wie heute: Ich wollte immer schon teilen und für andere da sein.

Die Hotels fanden das natürlich nicht so toll, weshalb ich die Unterkunft ständig wechseln musste. Ich glaube, ich habe in dieser Zeit so ziemlich jedes Hotel in Köln kennengelernt, das nicht gerade fünf Sterne hatte.

Es ist echt lustig, wenn ich mir überlege, dass ich damals schon genauso drauf war wie heute: Ich wollte immer schon teilen und für andere da sein. 

Trotz des Ärgers stand Andreas immer zu mir. Ich habe ihm so viel zu verdanken, denn er zeigte mir, dass ich seine Mühe wert war, dass mein Leben und mein Schicksal zählten.

Es gab unglaublich viele Hürden und Rückschläge, aber irgendwie schaffte ich es von der Straße wegzukommen. Ich schaffte es, die Schule nachzuholen, obwohl kaum einer mir das zutraute.

Von der Straße zurück ins Leben 

Aber ich ging gerne zur Schule und gab mir Mühe. Als ich meine erste eins in Mathe bekam, weinte ich. Es bedeutete mir unglaublich viel. 

Die Misshandlungen, die Gewalt und das Elend meiner Kindheit werden für immer ein Teil von mir sein. Doch sie haben mich nicht zerstört.

Ich habe es geschafft, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Nach der Schule machte ich eine Ausbildung, fing an zu arbeiten und mein eigenes Geld zu verdienen. Meine Erlebnisse habe ich in zwei Büchern verarbeitet.

In “Solange bin ich vogelfrei” geht es um mein Leben als Straßenkind. In “Lebenslänglich: Psst… Wenn nachts der Papa kommt” habe ich über den Missbrauch geschrieben. Dieses Buch war mir besonders wichtig, denn während missbrauchte Kinder sich ihr Leben lang mit den Folgen quälen, bekommen die Täter häufig nur eine Bewährungsstrafe. Das muss sich ändern.

Die Misshandlungen, die Gewalt und das Elend meiner Kindheit werden für immer ein Teil von mir sein. Doch sie haben mich nicht zerstört. Ich bin stark und ich bin stark genug, um anderen zu helfen, die wie ich damals eine harte Zeit durchmachen.

Deshalb gehe ich nicht nur regelmäßig für Kinderrechte auf die Straße und organisiere große Protestaktionen, sondern unterstütze auch täglich obdachlose Menschen.

Ich habe schon vor Jahren angefangen, regelmäßig zu kochen und das Essen an die Obdachlosen zu verteilen. Jeden Mittwoch und Freitag habe ich die wohnungslosen Männer und Frauen auf dem Lutherplatz in Krefeld mit einer Mahlzeit versorgt.

Die meisten sehen in den Obdachlosen nicht Menschen in Not

Doch nicht allen Menschen gefiel, was ich tat. Einige fühlten sich gestört von den häufig betrunkenen Obdachlosen, die dann auch nicht selten in Streit gerieten. Direkt am Lutherplatz ist auch eine Kita und die Eltern machten sich sorgen. Ich verstehe das.

Die meisten sehen in den Obdachlosen nicht Menschen in Not, sondern Menschen, die sich sinnlos betrinken und anderen zur Last fallen. Sie sehen ihre Menschlichkeit nicht, am liebsten wollen sie sie gar nicht sehen.

Ich wollte etwas ändern. Die Obdachlosen mussten von der Straße weg und eine Möglichkeit bekommen, würdevoll und in Ruhe eine Mahlzeit einzunehmen.

Und die Gesellschaft sollte die Möglichkeit bekommen, diesen Menschen zu begegnen. Und deshalb habe ich im Juli das Begegnungscafé Dein Name ist Mensch eröffnet. Die Obdachlosen vom Lutherplatz sollten dort eine neue Anlaufstelle finden.

Das Café war gerade einmal 42 qm groß und als wir eröffneten, dachte ich erst, ich hätte mich überschätzt. In der ersten Woche kamen gerade einmal zehn Leute. Von Lutherplatz war kaum einer dabei.

In der zweiten Woche kamen dann schon 30 Menschen. Und in der dritten Woche waren es 120. Es war überwältigend. Mit so einem Andrang hatten wir nicht gerechnet. Aber irgendwie haben wir es geschafft.

Vor wenigen Wochen, am 29. November 2018, haben wir das Café dann neu eröffnet. Horst Renner von der Nothilfe Mensch e.V. kam auf mich zu und bot mir an, das Café in einem großen Haus, das er gemietet hatte, weiterzuführen.

Wir sind für die Menschen da – jeden Tag, rund um die Uhr

Wir haben jetzt die gesamte erste Etage für das Café und können dort jeden Tag Menschen begegnen und sie mit kostenlosen warmen und kalten Mahlzeiten und Getränken versorgen – und das 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Wir sind immer da. Zu uns kommen nicht nur Menschen, die auf der Straße leben, sondern auch Menschen, die zum Beispiel Hartz IV beziehen, oder auch Menschen, denen es wirtschaftlich gut geht.

Wir wollen für Menschen in Not da sein, zuhören und ihnen Mut machen. Und wir wollen allen Menschen die Möglichkeit geben, ihre Hemmschwellen zu überwinden und zu erkennen, dass obdachlose Menschen nicht unser Mitleid brauchen, sondern unser Mitgefühl.

Wir verdienen mit dem Café kein Geld, bei uns ist alles kostenlos. Häufig investieren wir unser eigenes Geld. Wir sind auf private Spenden angewiesen, um den Betrieb aufrechterhalten zu können.

Mit Hilfe der Karuna Sozialgenossenschaft, die ich mitbegründet habe, und der Eltern Kind Initiative Momo NRW stellen wir sicher, dass die Spenden auch wirklich da ankommen, wo sie gebraucht werden. Außerdem arbeiten wir mit der Nothilfe Mensch zusammen. 

Unsere ersten großen Spenden haben wir auf einer Gala des Top-Magazins mit vielen Prominenten bekommen. Insgesamt 10.000 Euro sind für unser Café zusammengekommen. Für mich ein unvergessliches Erlebnis. 

Was wir tun, empfinden wir nicht als Arbeit 

Jeder, der im Café arbeitet, tut das ehrenamtlich. Aber wir empfinden das, was wir tun, auch nicht als Arbeit.

Wir wollen für Menschen in Not da sein, zuhören und ihnen Mut machen. Und wir wollen allen Menschen die Möglichkeit geben, ihre Hemmschwellen zu überwinden und zu erkennen, dass obdachlose Menschen nicht unser Mitleid brauchen, sondern unser Mitgefühl. Wir vermitteln. Wir lernen voneinander. Und das größte Geschenk ist zu sehen, dass es wirklich funktioniert. 

Sabrina Tophofen
Obdachlose Menschen brauchen nicht unser Mitleid, sondern unser Mitgefühl.

Jeder Mensch kann sein Leben ändern 

Menschen kommen auf mich zu und sagen, dass sie immer Vorurteile gegenüber Obdachlosen hatten. Und wenn sie gehen, sagen sie: “Ja, es ist genau so: Dein Name ist Mensch.” Dafür bin ich unglaublich dankbar und es macht mich glücklich.  

Wenn du nur eine Menschenseele retten kannst, rettest du die ganze Welt.

Gleichzeitig habe ich aber auch jeden Tag mit dieser Traurigkeit zu kämpfen, die die Arbeit mit Menschen, die in Vergessenheit geraten sind, einfach mit sich bringt.

Aber es lohnt sich. Und ich halte mich in schweren Zeiten immer an einen Satz, der mich jetzt schon viele Jahre begleitet: Wenn du nur eine Menschenseele retten kannst, rettest du die ganze Welt.

Es ist möglich, sein Leben zu ändern.

Es ist möglich, von der Straße wegzukommen und noch einmal neu anzufangen.

Meine eigene Geschichte zeigt das.

Aber niemand schafft das allein. Das geht nur, wenn wir in Not geratene Menschen auf Augenhöhe begegnen, sie stützen und liebevoll begleiten. 

Der Text basiert auf einem Gespräch zwischen Sabrina Tophofen und Gina Louisa Metzler. 

HuffPost

Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier. 

(ujo)