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08/06/2018 09:44 CEST | Aktualisiert 08/06/2018 13:09 CEST

"Als im Meer mehr Plastikteile als Fische um mich schwammen, hatte ich eine Idee"

"Wir haben eine riesige Macht, jeder kann was verändern."

Sablin via Getty Images
Die Weltmeere und Strände sind zugemüllt mit Plastik.

Ich liebe die Natur, ich klettere gerne in den Bergen und tauche in die blauen Tiefen des Ozeans. Eine absurde Sache dabei ist: Ich habe Angst vor Fischen. Meinen Tauchschein habe ich vor allem gemacht, um diese Angst zu überwinden.

Doch 2013 bei einem Tauchgang vor den Kapverden waren es keine Fische, die mein Bein berührt und mich damit super erschrocken haben – es war eine Plastiktüte.

Als ich mich umsah, merkte ich: Da sind mehr Plastiktüten als Fische um mich herum.

Eine Situation, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging und ich beschloss, das Thema Plastikmüll im Meer in der Abschlussarbeit meines Architekturstudiums aufzugreifen. Ich hätte niemals erwartet, dass mein Weltverbesserungs-Drang mal so groß werden könnte.

Entstanden ist eine Plattform, die von oben aussieht wie ein riesiger Boomerang mit Fransen und die Ozeane von Plastik befreien soll.  

Und das funktioniert so: Besonders die kleinen Plastikteilchen im Meer, sogenanntes Mikroplastik, stellen ein großes Problem dar. Sie sind so klein, dass Fische sie verschlucken und sie letztendlich auch wieder bei uns Menschen auf dem Teller landen. Mikroplastik hat eine geringere Dichte als Wasser und schwimmt deshalb oben – doch nicht im wilden Meer.

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Genau hier habe ich angesetzt. Innerhalb der Plattform wird das Wasser von den Meeresströmungen abgeschottet und beruhigt.

So schwimmen die Mikroplastik-Partikel nach oben und können abgeschöpft werden. Und das alles passiert, ohne dass Fische oder andere Meereslebewesen verletzt werden.

Planet Erde ist unser Kunde

Normalerweise werden Abschlussarbeiten nicht umgesetzt. Architekturprojekte sind meistens Gebäude, die für die Umsetzung einen Bauherren haben – Abschlussarbeiten sind rein theoretisch. Doch bei meiner Arbeit war das anders: Unser Kunde ist unser Planet.

Pacific Garbage Screening
So soll die Plattform aussehen.

Noch sind mein Team und ich dabei, herauszufinden, welche Größen mit der Plattform herausgefiltert werden können, damit wir nicht nur die Mikroplastik- sondern auch die Makroplastik-Verschmutzung angehen. Wir wollen so viel wie möglich einsammeln.

Was uns auch ungeheuer wichtig ist, ist die Wiederverwertung des eingesammelten Kunststoffs. Normalerweise wird der in Deutschland verbrannt, doch eigentlich ist das kein Müll, sondern kostbares Erdöl – und Menschen machen sonst ziemlich verrückte Sachen, um an diesen Rohstoff zu kommen.

Wir wollen das Plastik in erneuerbare Energie und biologisch abbaubaren Kunststoff umwandeln.

Den Planeten rettet man nicht allein

Das Ganze ist mittlerweile ein ziemlich großes Projekt geworden, das ich alleine niemals stemmen könnte. Ich arbeite mit einem 40-köpfigen, ehrenamtlichen Team zusammen bei Pacific Garbage Screening zusammen.

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Wir sind ein bunter Haufen aus Studenten, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Doktoranden, Ingenieuren, Chemikern, Grafikern, Journalisten und Fotografen. Viele kamen durch den Wassersport auf das Thema, andere durch ihr Studium – aber vor allem verbindet uns alle der Wunsch, die Welt zu verbessern. 

Im Kopf würden wir am liebsten jetzt schon die Meere vom Müll befreien – doch ohne Geld ist das gar nicht so einfach,

Wir haben ziemlich schnell einen Verein gegründet und wie man sich das bei Start-Ups so vorstellt, in der Garage angefangen zu basteln. Mittlerweile haben wir unsere Räumlichkeiten erweitert und arbeiten in einer entweihten Kirche in Aachen. Ich habe meinen Job als Architektin auf 80 Prozent runter gestockt, um mehr für Zeit für das Projekt zu haben.

Durch Crowdfunding weiter kommen

Was mich wahrscheinlich am meisten stört, ist, wie langsam alles voran geht. Im Kopf sind wir immer schon zehn Schritte weiter und würden am liebsten jetzt schon die Meere vom Müll befreien.

Doch ohne Geld ist das gar nicht so einfach, momentan zahlen wir alles aus eigener Tasche. Mit unserer Crowdfunding-Aktion, die heute startet, hoffen wir, dass sich das bald ändert.

Die letzten Monate haben wir uns für die Kampagne überlegt: Wer sind wir? Was wollen wir? Was sind unsere Ziele? Und wie viel Geld brauchen wir? Die Aktion wird jetzt 35-45 Tage laufen und wir erhoffen uns dadurch einen Batzen Geld, um endlich mal richtig zu starten.

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Bevor der Verein überhaupt gegründet wurde, hatte ich schon mal einen Moment, in dem ich gesagt habe: “Am besten lasse ich es einfach”. Ich hatte gar keinen Plan, wie man so etwas umsetzen oder überhaupt starten könnte.

Allein ist so etwas auch immer schwierig, aber dann kamen immer mehr Freunde und Kollegen und haben gesagt: “Mach das!” Und jetzt wird es immer größer. 

Unterstützt werden wir auch vom Aachener Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft. Dort gibt es eine Promotionsstelle, die vom Bundesministerium für Umwelt finanziert wird. 2016 haben wir den Bundespreis ecodesign gewonnen, den unter anderem das Bundesumweltamt und das Umweltbundesministerium verleihen.

Projekte wie unseres gibt es mehrere auf der Welt, wir versuchen auch immer mehr, Zusammenarbeiten zu organisieren. Gerade ist es noch der Zeit geschuldet, dass das noch nicht mehr ist.

Pacific Garbage Screening
Marcella Hansch und Teammitglieder von Pacific Garbage Screening

Es macht tierisch Spaß, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die so ticken wie wir. Uns allen geht es nicht darum, das große Geld zu verdienen, sondern darum, den Planeten zu retten. So eine Vision verbindet.

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Wenn unser finanzielles Ziel durch die Crowdfunding-Aktion klappt, kann unser Fünfeinhalb-Jahresplan starten. Der sieht vor, dass in den ersten drei Jahren Machbarkeitsstudien mit Modellen durchgeführt und die zwei Jahre darauf die ersten Vormodelltypen gebaut werden.

2024 darf gerne schon was schwimmen. Das Ganze ist sehr abhängig vom Geld, aber der Plan steht.

Politische Schnelligkeit und Verbraucher-Nachdruck fehlt

Im Alltag achte ich auch ziemlich darauf, umweltfreundlich zu leben. Wenn ich es nicht lebe, kann ich auch nicht von anderen Menschen erwarten, dass sie das tun.

Ich vertraue der Politik grundsätzlich nicht, die reden immer nur – deshalb müssen wir was machen.

Ich verzichte zum Beispiel auf Mikroplastik in Kosmetik, benutze keine Plastiktüten oder Einwegflaschen mehr, ich hab immer meinen wieder auffüllbaren Becher dabei und gehe im Supermarkt mit der Codecheck-App einkaufen. Jeden Tag entdeckt man etwas Neues, was man besser machen kann und es zählt jede Kleinigkeit.

In meinem Umfeld findet bei sehr vielen ein Umdenken statt. Die Umwelt zu schützen, geht besser, wenn man sich gegenseitig unterstützt. Jeder kommt wieder an mit weiteren Ideen.

Ich vertraue der Politik grundsätzlich nicht, die reden immer nur – deshalb müssen wir was machen. Ich würde mir wünschen, dass einfach viel mehr umgesetzt wird und auch, dass Verbraucher dem Ganzen viel mehr Nachdruck geben. Wir Verbraucher haben eine riesige Macht, jeder kann was verändern.

Ich glaube generell an das Gute im Menschen, ich bin eine Optimistin. Ich höre so oft, dass man doch sowieso nichts ändern kann. Aber irgendwo müssen wir anfangen, sonst können wir uns gleich die Kugel geben – und das akzeptiere ich einfach nicht.  

Der Text basiert auf einem Gespräch zwischen Sophie Franz und Marcella Hansch.

(ujo)