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03/12/2018 14:13 CET | Aktualisiert 07/12/2018 09:59 CET

Als Ex-Prostituierte fand ich keinen Job – also gründete ich eine Firma

Ich war entschlossen, gegen das Stigma anzukämpfen, das meine Mitmenschen mir auferlegt hatten.

HuffPost Deutschland
Amy Boyajian hat früher als Sexarbeiterin gearbeitet.

Die US-Amerikanerin Amy Boyajian hat früher als Domina gearbeitet. Sie ging der Sexarbeit nicht aus Leidenschaft nach, sondern aus Verzweiflung.

Als sie dann nach einigen Krisen den Job wechseln wollte, wollte ihr niemand eine Anstellung geben – obwohl sie auch BWL studiert hat und acht Jahre Arbeitserfahrung im Management hatte. In diesem Blog berichtet sie, wie sie den Mut fand, einfach eine eigene Firma zu gründen.

Wenn man mich fragt, wie ich zur Sexarbeit gekommen bin, antworte ich meist, dass es einfach so passiert ist. Ehrlich gesagt hatte ich anfangs unglaubliche Angst vor Sexarbeit. Meine Sexualität und mein Selbstbewusstsein waren nach einem persönlichen Trauma vollkommen verloren gegangen.

Die Vorstellung, dass ich jetzt ausgerechnet damit meinen Lebensunterhalt finanzieren sollte, erschien mir einfach nur lächerlich. Doch ich war verzweifelt.

Ich würde gerne behaupten können, dass ich meinen Latex-Anzug, meine 15 Zentimeter hohen Plateauschuhe und meine harte Reitgerte im Namen von sexueller Freiheit und Feminismus getragen habe. Oder weil ich ganz allgemein eine knallharte Frau war. Fakt ist jedoch, dass ich meine Karriere als Domina in blanker Panik begann.

Meine Panikattacken tauchten genauso oft auf wie die Ratten in meiner Küche – also regelmäßig.

Als weiße cis Frau ohne körperliche Behinderungen genieße ich in unserer Gesellschaft viele Privilegien. Durch meinen Migrationshintergrund und meine psychischen Beeinträchtigungen hatte ich jedoch Probleme, einer regulären Arbeit nachzugehen.

Ich lebte von einem Gehaltsscheck zum nächsten und hauste in einem fensterlosen Zimmer, das ziemlich weit von der U-Bahn-Linie L in Brooklyn entfernt lag. Meine Panikattacken tauchten genauso oft auf wie die Ratten in meiner Küche – also regelmäßig.

Ich wusste nicht, welche Konsequenzen die Sexarbeit für mein späteres Leben haben würde

Ich führte ein aufregendes Leben zwischen Schwulenpartys und provokativen Kunstprojekten. Was mir jedoch fehlte, waren eine richtige Aufgabe und ein Ziel. Die Sexarbeit gab mir dieses Ziel. Letzten Endes hat sie sogar mein ganzes Leben verändert.

Und obwohl ich die meisten meiner Abende damit verbrachte, in einem Kerker darauf zu warten, dass ich für ein paar Stunden die Eier von irgendeinem Typen in die Mangel nehmen konnte, wurde ich dennoch zu einem sehr viel glücklicheren Menschen.

Ich hatte keine Ahnung, welche Konsequenzen die Sexarbeit für mein späteres Leben haben würde. Doch ich musste nun endlich keine Angst mehr haben, dass meine Kreditkarte abgelehnt werden könnte, wenn ich gerade Lebensmittel kaufen wollte.

Ich zog nach Manhattan und konnte mir sogar eine Krankenversicherung leisten. Ich war finanziell stabil. Und obwohl ich die meisten meiner Abende damit verbrachte, in einem Kerker darauf zu warten, dass ich für ein paar Stunden die Eier von irgendeinem Typen in die Mangel nehmen konnte, wurde ich dennoch zu einem sehr viel glücklicheren Menschen.

Ich war jetzt eine unabhängige Unternehmerin, die über ihre Arbeitszeiten und Grenzen frei bestimmen konnte. Außerdem hatte ich die volle Kontrolle über meine Karriere. Ich begann, mich selbst als einflussreiche und attraktive Frau wahrzunehmen. Das hatte ich früher nie getan.

Dann bekam ich ein Sexarbeiter-Burnout

Nach einigen Jahren begann diese Sichtweise jedoch zu bröckeln. Ich erlitt ein sogenanntes Sexarbeiter-Burnout. Dieser Begriff beschreibt die emotionale und körperliche Erschöpfung, die man erfährt, wenn man zu lange in der Sexbranche tätig ist. Der Job an sich konnte manchmal ganz schön schwierig sein.

Doch eigentlich lag es nicht unbedingt an der Arbeit selbst oder an den Kunden, dass ich mich plötzlich so ausgebrannt fühlte. Stattdessen machte mir das Gefühl der Isolation und Einsamkeit zu schaffen, das aus der Art entstand, wie andere mich wahrnahmen und behandelten.

Hinzu kam die permanente Angst, verhaftet, verletzt oder sogar getötet zu werden.

Ich wurde für andere Menschen zu einer fast unwirklichen Figur. Für sie definierte mein Job meinen Charakter. Deshalb fühlte ich mich als Persönlichkeit mit unterschiedlichen Facetten nicht ernst genommen.

Ich wurde entweder für dumm gehalten, weil ich meinen Körper einsetzte, um Geld zu verdienen. Oder man hielt mich für unmoralisch, weil ich so einen Job ausübte. Oft wurde ich auch als eine Art Party-Clown betrachtet.

All dies führte dazu, dass ich immer mehr das Gefühl bekam, in der Falle zu sitzen. Hinzu kam die permanente Angst, verhaftet, verletzt oder sogar getötet zu werden.

Ich begann, auf Online-Stellenbörsen nach einem Job zu suchen, der mich aus dieser Situation befreien konnte. Als ich dann auch noch von einem Polizisten auf grauenhafte Weise sexuell misshandelt wurde, beschloss ich endgültig, meinen Job aufzugeben.

In dieser Zeit begann ich, mit Nick auszugehen. Auch er hatte eine schwierige Vergangenheit hinter sich. Sein Vater war im Gefängnis umgebracht worden, nachdem er zu Unrecht eingesperrt worden war.

Ich steckte wegen meiner Tätigkeit als Sexarbeiterin in einer tiefen Depression

Nick stand daraufhin vor einem Scherbenhaufen. Er war einer dieser Selfmade-Genies. Er war zwar nicht aufs College gegangen, doch er hatte sich von Informatik bis hin zu Betriebswirtschaft alles selbst beigebracht. Und so hatte er die Karriereleiter in der New Yorker Tech-Branche erklommen. Nick war einfühlsam, bodenständig und einfach ein richtig toller Mann.

Der Beginn unserer Beziehung war ziemlich chaotisch. Wir waren zwar frisch verliebt, doch ich steckte wegen meiner ehemaligen Tätigkeit als Sexarbeiterin noch immer in einer tiefen Depression.

Als Domina hatte ich mein Selbstbewusstsein darauf aufgebaut, dass Männer sogar dafür bezahlen mussten, um mir zu Füßen liegen zu dürfen. Nun musste ich feststellen, dass es eine ganze Weile dauerte, bis ich mich wieder an “normale” Verhältnisse gewöhnen konnte.  

Viele Freundinnen ließen mich im Stich

Diese Krise wurde noch dadurch verschlimmert, dass einige meiner sogenannten “Freunde” plötzlich den Kontakt zu mir abbrachen, weil ich für sie jetzt weniger interessant war und weil ich ihre Rechnungen nicht mehr mitzahlen konnte.

Außerdem fühlte ich mich von vielen meiner früheren Freundinnen aus der Sexbranche im Stich gelassen. Sie taten so, als hätte ich eine unverzeihliche Sünde begangen, weil ich das Schiff verlassen hatte.

HuffPost / Damon Dahlen
Amy Boyajian und ihr Freund Nick.

Ich begann, nach einem Job zu suchen, um mein Leben und meine Finanzen neu ordnen zu können. Doch wo ich mich auch bewarb, wurde ich abgelehnt. Sogar in “feministischen” Sexläden und in fortschrittlichen Einrichtungen. Es spielte keine Rolle, wie ich meinen Lebenslauf gestaltete.

Und auch der Hinweis, dass ich über einen BWL-Abschluss und über eine mehr als achtjährige Management-Erfahrung verfügte, brachte nichts. Denn die Abneigung gegen Sexarbeiterinnen verfolgte mich überall hin.

Einige meiner Freunde versprachen mir, dass ich bei ihrem Arbeitgeber mit Sicherheit eine Stelle bekommen würde. Doch letzten Endes kamen sie alle zurück und erzählten mir, dass ihr Chef meine frühere Stelle als “Hindernisgrund” betrachtete.

Und wenn ich dann doch einmal eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bekam, wurde mir schnell klar, dass meine Gesprächspartner nicht verstanden hatten, was ich vorher gearbeitet hatte.

Sexarbeitern wird in unserer Gesellschaft ständig eingeredet, dass sie sich einen “richtigen” Job suchen sollen. Gerade deshalb machte es mich so wütend, dass mir niemand eine Chance geben wollte.

Einer meiner Ansprechpartner bei einem Vorstellungsgespräch begann deutlich hörbar nach Luft zu japsen, als ich ihm erklärte, was eine Domina ist. Ein anderer wiederum beendete abrupt das Gespräch.

Sexarbeitern wird in unserer Gesellschaft ständig eingeredet, dass sie sich einen “richtigen” Job suchen sollen. Gerade deshalb machte es mich so wütend, dass mir niemand eine Chance geben wollte.

Ich war fasziniert von Sexualität

Meine Ersparnisse neigten sich dem Ende zu und alle meine Bewerbungen wurden abgelehnt. Nick ermunterte mich dazu, mir zu überlegen, was mich wirklich glücklich machen und motivieren würde.

Ich wollte mich als Frau, die aus ihren Erfahrungen als Sexarbeiterin gelernt hatte, neu definieren können. Und ich war entschlossen, gegen das Stigma anzukämpfen, das meine Mitmenschen mir auferlegt hatten.

Ich liebte es, anderen Menschen zu helfen und ich war fasziniert von Sexualität. Außerdem hatte ich aus erster Hand die Probleme miterlebt, die unsere Kultur mit den Themen Sex und Schamgefühl hat.

Ich wünschte mir einen Job, in dem ich andere Menschen dabei unterstützen konnte, mehr Spaß am Sex zu haben. Ich wollte mich als Frau, die aus ihren Erfahrungen als Sexarbeiterin gelernt hatte, neu definieren können. Und ich war entschlossen, gegen das Stigma anzukämpfen, das meine Mitmenschen mir auferlegt hatten.

Und so eröffneten wir meinen Sexspielzeugladen “Wild Flower.” Es entstand ein Ort, an dem Mittel und Produkte zur sexuellen Aufklärung in einem nicht-binären, auf Homosexualität spezialisierten und inklusiven Umfeld angeboten werden.

Anfangs erschien uns dieses Vorhaben als große Herausforderung. Doch dann begannen wir, mit nur ein paar hundert Dollar in der Hand in stundenlanger Arbeit Aufklärungsvideos zu drehen und riesige Figuren aus Pappmaché zu basteln.

Ich will anderen Menschen gerne zeigen, dass man nicht perfekt oder reich sein muss, um Erfolg haben zu können.

Nick erstellte uns eine Website. Mit unserer Begeisterung, uns selbst und anderen helfen zu wollen, begann “Wild Flower” schließlich ein voller Erfolg zu werden. Inzwischen können wir von dem Laden nicht nur unseren Lebensunterhalt decken. Er hilft mir auch dabei, mir darüber klar zu werden, wer ich wirklich bin und was der Sinn in meinem Leben sein soll.

Ich will anderen Menschen gerne zeigen, dass man nicht perfekt oder reich sein muss, um Erfolg haben zu können.

Ich erfülle weiterhin Menschen ihre sexuellen Bedürfnisse

Das Tagesgeschäft eines Sexspielzeugladens zu führen, ähnelt meiner früheren Arbeit als Domina tatsächlich mehr, als ich vorher gedacht hätte. Denn beide Berufe erfordern denselben Grad an Selbstorganisation und Selbstmotivation.

Außerdem arbeite ich mit denselben Mitteln und Spielzeugen wie früher und ich lege dieselbe Leidenschaft an den Tag, weil ich weiterhin anderen Menschen bei der Erfüllung ihrer sexuellen Bedürfnisse beistehe.

Ich habe auch mit denselben Problemen zu kämpfen wie früher. So muss ich auch jetzt noch darauf achten, dass ich mich nicht überarbeite, dass ich meine eigenen Grenzen wahre und dass ich mich emotional nicht zu stark in meine Arbeit verwickeln lasse.

Ich kann jetzt auf gewisse Fähigkeiten und ein bestimmtes Wissen zurückgreifen, das ich mir in meiner Zeit als Sexarbeiterin Tag für Tag erarbeitet habe. Und ich bin dankbar dafür.

Meine Verletzlichkeit und Entschlossenheit waren der Schlüssel zum Erfolg

Ich habe erlebt wie es sich anfühlt, einem Fremden sofort nach dem ersten Kennenlernen seine sämtlichen sexuellen Wünsche zu erfüllen. Ohne diese Erfahrung wäre ich bestimmt nicht so selbstbewusst und charismatisch geworden.

Außerdem bin ich dankbar, dass ich mit meiner Arbeit nun sogar noch mehr Menschen erreichen kann. Und dass ich mit meinem privaten und beruflichen Partner Nick zusammenarbeiten darf.

HuffPost / Damon Dahlen
Boyajian in ihrem Laden "Wild Flower".

Als Einwanderin konnte ich weder auf familiäre Unterstützung, noch auf Reichtum oder gute soziale Beziehungen zurückgreifen. Ich glaube, dass meine Verletzlichkeit und meine Entschlossenheit der Schlüssel zu meinem Erfolg waren.

Ich hatte aber auch Glück. Wenn Nick mich nicht unterstützt hätte und ich nicht einen Kredit über ein paar hundert Dollar bekommen hätte, würde es “Wild Flower” heute nicht geben. Und ich glaube, dass es dann auch mich nicht geben würde. 

Unsere Gesellschaft ist besessen von Sexarbeitern. Und dennoch behandelt sie sie nicht wie Menschen.

Meine Situation ist jedoch nicht typisch. Denn viele Sexarbeiter werden sehr viel stärker diskriminiert und schlechter behandelt, wenn sie der Branche den Rücken kehren. Dies gilt vor allem für Transgender-Menschen und für Schwarze.

Unsere Gesellschaft ist besessen von Sexarbeitern. Und dennoch behandelt sie sie nicht wie Menschen. Wir machen uns ihre Ästhetik zu eigen, wir nutzen ihre Dienstleistungen und wir imitieren ihre Arbeit. Doch trotzdem lassen wir ihnen nicht den Respekt zukommen, der ihnen eigentlich gebühren würde. Das muss sich ändern.

Wenn wir das Stigma um Sexarbeit verringern und den Hass gegen Prostituierte beseitigen, können wir Sexarbeitern mehr Chancen bieten. Wir können dafür sorgen, dass sie sicherer sind und mehr Einfluss auf ihre Arbeit haben. Und wir können sie mit der Menschlichkeit behandeln, die ihnen zusteht.

Wenn Menschen in bestimmten Schubladen feststecken, scheinen alle anderen Teile ihrer Persönlichkeit keine Rolle mehr zu spielen – dies gilt zum Beispiel für Einwanderer, für Gewalt-Opfer und vor allem für Sexarbeiter.

Ich würde diese Vorstellung gerne verändern, indem ich anderen zeige, dass ich neben all den Dingen, die mit meiner Arbeit zu tun haben, noch unglaublich viel mehr bin.

Der Artikel ist zuerst in der HuffPost US erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt. 

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Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier. 

(ujo)