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10/10/2018 13:04 CEST | Aktualisiert 10/10/2018 13:12 CEST

"Seit der 6. Klasse galt ich als 'Klassenschlampe' – es hat mein Leben ruiniert"

"Ein harmloser Kuss verpasste mir einen Ruf, den ich nie mehr los wurde."

bee32 via Getty Images
Weil ich mit 11 Jahren schon als Schlampe galt, verbrachte ich den Rest meiner Schulzeit damit, Annäherungsversuche abzuwehren (Symbolbild).

Es begann am ersten Tag der sechsten Klasse.

Ich erzählte meinen Freundinnen in der Cafeteria von meinem Aufenthalt im Ferienlager. Ich schwärmte ihnen von diesem Jungen vor, auf den ich den ganzen Sommer gestanden hatte. Wie wir uns am letzten Tag in der Hängematte vor seinem Schlafsaal geküsst hatten.

Es war mein erster Kuss gewesen. Ich war total verknallt und musste andauernd an ihn denken. Den Rest des Sommers verbrachte ich damit, kitschige Songtexte in mein Tagebuch zu kritzeln.

Klar, dass ich meinen Freundinnen von unserem magischen Moment im Ferienlager erzählen wollte.

Es sprach sich schnell herum, dass ich in diesem Sommer “Erfahrungen gesammelt hatte”. Was eigentlich nur ein harmloser Kuss war, wurde plötzlich als wilde Knutscherei dargestellt.

Und da ich anscheinend die erste Person aus meiner Stufe war, die jemanden geküsst hatte, werteten einige meine Anekdote als Zeichen dafür, dass ich frühreif war. Dann gerieten die Gerüchte außer Kontrolle: Schon bald war ich als die Klassenschlampe verschrien.

Ich war zum Abschuss freigegeben 

Als ich in der siebten Klasse war, hieß es, ich würde jedem Typen einen blasen. Obwohl ich das noch nie gemacht hatte.

Es spielt keine Rolle, ob Macho-Prahlereien wie diese auf tatsächlichen Vorkommnissen basieren, oder nicht. Fest steht: Sie verschaffen einem Mädchen einen “gewissen Ruf”, wie es höflich ausgedrückt wird.

Was die meisten Jugendlichen nicht begreifen ist, dass ein solcher Ruf ein junges Mädchen zum Abschuss freigeben kann, sie zum Opfer von Mobbing, Missbrauch und lebenslangem Trauma machen kann.

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So war es jedenfalls bei mir.

► Jungs begrapschten mich vor den Augen meiner Mitschüler auf dem Flur.

► Ich bekam Nachrichten von Jungs, die Sex-Stellungen mit mir ausprobieren wollten, von denen ich noch nie gehört hatte.

► Schüler der Oberstufe nahmen mich ins Visier und wurden auf der Straße vor dem Kino zudringlich.

► Ein 17-Jähriger drängte mich bei einem Date im Park dazu, ihn oral zu befriedigen – bis ich nachgab.

► Ein Junge, den ich kannte, begrapschte mich im Treppenhaus der Schule, als alle anderen im Unterricht waren. Er zwang mich in die Knie und öffnete seine Hose. Ich konnte gerade noch wegrennen.

Ich bin nie wirklich über den Schock weggekommen, dass ein Junge, mit dem ich viele Jahre befreundet war, so schnell so zudringlich werden konnte. Dass er das Gefühl zu haben schien, er habe ein Anrecht auf meinen Körper. Und das schon in der achten Klasse.

Ich bin nie darüber weggekommen, dass ein Junge, mit dem ich befreundet war, so schnell so zudringlich werden konnte. Dass er das Gefühl zu haben schien, er habe ein Anrecht auf meinen Körper.

► Wenige Zeit später klebte mir ein anderer Junge ein Preisschild aufs T-Shirt ― weil ich für ihn eine Hure war, versteht ihr? Haha, wie lustig.

Das ist jetzt über zehn Jahre her und doch kann ich die Schmach und die Scham noch immer fühlen.

Ich reagierte, indem ich ihn gegen eine Mülltonne schubste, er hatte es verdient. Außerdem war das einfacher, als ihm zu sagen, dass all diese Gerüchte und Witze, die er über mich erzählte, dazu geführt hatten, dass ein Mitschüler mir seinen Penis ins Gesicht gedrückt hatte.

Dass ich mit elf Jahren schon als Schlampe galt, hatte zur Folge, dass ich den Rest meiner Schulzeit damit verbrachte, ungebetene Annäherungsversuche abzuwehrenund einer Vergewaltigung zu entgehen.

Obwohl mich diese Begegnungen zutiefst verletzten, erschienen sie mir nicht ungewöhnlich. Ich dachte, dass sich Jungs nun mal so verhalten.

Deshalb hatte ich auch nie das Gefühl, dass mich Erwachsene ernst nehmen würden, wenn ich mich ihnen anvertrauen würde.

Es ist nicht leicht, über derart schlimme Erfahrungen zu sprechen. Frauen, denen Ähnliches passiert ist, können sich jederzeit und kostenfrei an die Hotline des karitativen Vereins “Weisser Ring” unter 116 006 wenden. Der bundesweit tätige Opferverein unterstützt Menschen, die Opfer von Gewalt wurden.

Ich schrie wie wild - er schlug mir fest gegen den Kopf

Als ich in die Oberstufe kam, gerieten die Gerüchte über mich außer Kontrolle.

► Zuerst behauptete ein Klassenkamerad, er sei im Internet auf einen Porno gestoßen, in dem ich mitgemacht hätte (die einzige Gemeinsamkeit zwischen mir und der Darstellerin war unsere Haarfarbe und die etwaige Größe unserer Oberweite).

►  Es hieß außerdem, dass ich beim Schulball mit sechs verschiedenen Typen Sex gehabt hätte, einschließlich meines Dates (er war schwul).

In Wirklichkeit sind meine Freunde und ich nach dem Fest nach Hause gefahren und haben Brettspiele gespielt. 

Es hieß, dass ich beim Schulball mit sechs verschiedenen Typen Sex gehabt hätte.

In meinem letzten Schuljahr waren die Geschichten um meine angeblichen sexuellen Abenteuer bis zu unserer Nachbarschule vorgedrungen. Als sich einer der Schüler mit mir verabreden wollte, ahnte ich nicht, was passieren würde.

Wir waren mit seinem Jeep unterwegs, als er an den Straßenrand fuhr und versuchte, mich zu küssen.

Ich machte ihm klar, dass ich nur befreundet sein wollte. Er sagte, er habe von meinen Mitschülern gehört, dass ich geile Blowjobs gebe. Dann legte er seine Hände um meinen Nacken und drückte meinen Kopf in seinen Schritt.

Ich schrie wie wild – er schlug mir fest gegen den Kopf.

Trotzdem gelang es mir, mich irgendwie loszureißen. Ich trat solange gegen die Fenster und Türen seines Jeeps, bis ich entkommen konnte. Als ich die Straße hinunter rannte, hörte ich wie er mir wüste Beschimpfungen hinterher fluchte.

Ich fügte mich in meine Rolle

Als ich mich bei meinen Freunden ausheulen wollte – über die Gerüchte, die zu dem Vorfall geführt hatten, nicht darüber, was wirklich passiert war – sagten sie, ich solle es als Kompliment auffassen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die jungen Männern suggeriert: Wenn ein Mädchen eine Schlampe ist, dann darfst du deinen Spaß mit ihr haben. Ein Mädchen, dass einen anderen Jungen rangelassen hat, hat kein Recht, sich dir zu verweigern.

Mädchen, die als leicht zu haben gelten, müssen also herhalten, um das egoistische Verhalten von Männern zu legitimieren. Ein Kuss im Ferienlager hatte mich anscheinend jedes Rechts beraubt, mich irgendeines Mannes zu entsagen.

Meine Schulzeit hat schwere und bleibende Schäden an meinem Selbstbewusstsein hinterlassen.

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Irgendwann kam der Punkt, an dem ich mich nicht mehr gegen meinen Ruf wehren wollte. Wenn Männer alle nur das eine von mir wollten und ich ohnehin als Schlampe abgestempelt war, egal was ich tue, warum sollte ich dann nicht einfach eine sein?

Ich traf mich mit vielen älteren Jungs, weil ich dachte, es ließe mich cool wirken, reifer als meine Klassenkameradinnen. Die meisten waren um die Mitte 20.

Solange ich sie am Ende des Abends ihre Schulmädchen-Fantasien ausleben ließ, verhielten sie sich mir gegenüber sehr respektvoll.

Meine Schulzeit hat bleibende Schäden hinterlassen

Das Ganze ist jetzt 20 Jahre her und trotzdem tue ich mir manchmal noch schwer, zu glauben, dass es Männer gibt, die mich nicht einfach bloß flachlegen wollen.

Meine Klassenkameraden waren unreife Kinder. Sie machten sich nicht bewusst, wie sehr dieses Stigma mein Leben beeinflussen würde.

Ich frage mich, ob sie inzwischen gelernt haben, was Gerüchte alles anrichten können.

Ich frage mich, ob der von Donald Trump eingesetzte Richter Brett Kavanaugh den Zusammenhang zwischen Prahlereien unter Jungs und dem Anrecht, das viele Männer auf Frauen und ihre Körper zu haben glauben, versteht.

Schließlich weist sein Jahrbuchartikel darauf hin, dass auch er Frauen zu einem “gewissen Ruf” verholfen hat.

Und ich frage mich, ob es diese Männer auch nur das kleinste Bisschen interessiert, dass ich immer noch Alpträume habe, in denen ich versuche, die Fenster eines Jeeps einzutreten, aus dem ich niemals entkommen kann.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Anna Rinderspacher aus dem Englischen übersetzt.

(md/ben)