POLITIK
10/05/2018 11:17 CEST | Aktualisiert 10/05/2018 20:58 CEST

Alles Weißhelm-Propaganda? Dieser Mann entlarvt die größten Syrien-Lügen

Der Brite Eliot Higgins deckt Kriegsverbrechen Assads auf – und die Propaganda des Regimes. Die HuffPost hat mit ihm gesprochen.

PIROSCHKA VAN DE WOUW via Getty Images
Eliot Higgins – britischer Investigativ-Journalist und Gründer des Recherchenetzwerks "Bellingcat"

Eliot Higgins ist ein Rechthaber.

Wer Twitter nach Informationen über die Vorgänge in Syrien durchsucht, merkt das schnell.

Der blutige Bürgerkrieg, der seit seinem Beginn im Jahre 2011 etwa eine halbe Million Menschenleben gefordert hat, ist längst zur ebenso brutalen Medien- und Propagandaschlacht verkommen.

Es ist ein Krieg um Deutungshoheit und Verschwörung, um echte und falsche Bilder – ein Krieg, in dem Menschenleben nur noch als Argumente für die Narrative der Kriegsparteien zu taugen scheinen. Und der längst auch Gift für die politische Debatte in Deutschland ist.

Der brutale syrische Diktator Baschar al-Assad ist zur Gallionsfigur einer verschwörungsfreudigen Bewegung geworden, die Kriegsverbrechen Russlands und des syrischen Regimes abstreitet – die Rebellen des Landes pauschal als Terroristen denunziert und den Westen beschuldigt, das Grauen des Syrienkriegs durch eine Regime-Change-Politik provoziert zu haben.

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Vor allem einer stellt sich dieser Erzählung entgegen: der britische Journalist und Chef des investigativen Recherchenetzwerks “Bellingcat“, Elliot Higgins.

Higgins war es, der 2013 zum ersten Mal nachwies, dass Assad die eigene Bevölkerung mit Saringas bombardierte. Aus seinem Wohnzimmer im britischen Leicester brachte er das Narrativ des Assad-Regimes zum Einstürzen.

Mit dem Zeigefinger auf der Pause-Taste

Eliott Higgins war arbeitslos, als im Mai 2012 Bilder eines Massakers in der syrischen Großstadt Homs über seinen Laptop flimmerten.

Higgins, Computer-Nerd, damals 33 Jahre alt, war fasziniert. Fasziniert von der schier unüberschaubare Menge an Videomaterial, die die Folgen des Bombardements zeigten.

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Fasziniert, dass trotzdem kein Journalist stichhaltig beweisen zu können schien, was sich in Syrien dieser Tage ereignete. Dass das Assad-Regime international geächtete Streubomben gegen die eigene Bevölkerung einsetzte.

Er schaffte das, woran internationale Korrespondenten und gestandene Reporter vor Ort scheiterten: Durch den akribischen Abgleich aller Bilder und Videos, die er in die Hände bekommen konnte.

HASAN MOHAMED via Getty Images
Zwei Helfer der Weißhelme retten im syrischen Douma eine Frau, März 2018.

Noch heute arbeitet Higgins, der kein Arabisch spricht, so. Zuletzt als er in einer aufwendigen Recherche Beweise zusammentrug, dass es das Assad-Regime war, das im April in Duma im Südwesten des Landes Zylinder voller Giftgas abwarf.

Wenn in Videos des Regimes oder verschiedener Rebellengruppen Waffen zu sehen sind oder auch nur den Bruchteil einer Sekunde lang Munition, Einschusslöcher, Explosionen oder Risse in Gemäuern aufblitzen, drückt Higgins auf die Stopptaste. Seine Arbeit beginnt.

Wie beim Angriff in Duma, wo Dutzende Menschen ums Leben kamen. Der HuffPost sagt der Experte: “Die zwei Geschosse, die in Duma benutzt wurden, modifizierte Gasflaschen, sind derselben Art, wie sie bereits bei vorherigen Luftangriffen mit Chlorgas eingesetzt wurden.“

Eine dieser Gasflaschen sei auf einem Video auf einem Dach zu sehen – das Gebäude sei voller Leichen gewesen. “Die Flasche wurde in der Nacht gefilmt und war voller Frost. Das deutet darauf hin, dass das Gas darin erst kurz zuvor entwichen ist.“

Das zeigt wohl auch: Die mörderischen Waffen waren keine Attrappen, wie es Verteidiger des Assad-Regimes immer wieder behauptet haben. 

Bellingcat
Frost auf einer Gasflasche: Es sind diese Momentaufnahmen, mit denen Higgins arbeitet.

Die weißen Flecken sind ein Phänomen, das Higgins schon häufig beobachtet hat: Zuletzt bei einer Chlorgasattacke in Duma am 22. Januar. Es sind diese Details, die den meisten entgehen. Higgins nicht.

“Mit dieser Munition lässt sich nicht wirklich zielen“, erklärt der Waffenexperte. Die Flaschen werden aus Helikoptern gestoßen. Helikopter, mit denen nur das Regime und seine Verbündeten über die betroffenen Gegenden fliegen.

Beweis genug?

Wieso sollte Assad das tun?

Offenbar nicht. Besonders mit einem Argument wollen Skeptiker Assad noch immer entlasten.

Es ist ein Schein-Argument, das sich hartnäckig hält: Assad, so eine weit verbreitete Meinung, könne schon allein aus logisch-strategischen Gründen nicht hinter den jüngsten Angriffen stecken.

Wieso sollte der Präsident, der zuletzt große Teile des Landes zurückerobern konnte, sein Momentum gefährden – mit einem Chemie-Angriff, der doch sicher die Empörung der internationalen Gemeinschaft provozieren würde?

Higgins weist auf den einfachen Denkfehler hin. Denn der Aufschrei des Westens, der dieses Mal in den Luftschlägen der USA, Großbritanniens und Frankreichs gipfelte, sei längst keine Selbstverständlichkeit.

Sputnik Photo Agency / Reuters
Baschar al-Assad, Wladimir Putin und der russische Verteidigungsminister Sergei Shoigu.

“Die syrische Regierung hat hundertfach Chemiewaffen benutzt in den vergangenen sechs Jahren. Nur ein Bruchteil dieser Fälle bekommt internationale Aufmerksamkeit“, berichtet der “Bellingcat“-Chef.

Die Reaktion des Westens sei nie stark genug gewesen, um Assad wirklich einzuschüchtern. “Wenn der Preis nicht größer wird, den Assad dafür bezahlen muss, wird er genau das weiter machen, was er seit sechs Jahren tut“, warnt Higgins.

Assad will den Kampfeswillen der Aufständischen brechen – mit allen Mitteln.

Alles Weißhelm-Propaganda?

Mehr als 250.000 Tote hatte der syrische Präsident schon im Sommer 2015 auf dem Gewissen. Zu diesem Schluss kamen UN-Ermittler. Bis heute ist seine Armee für viele Zivillisten in Syrien die gefährlichste Fraktion.

Gefährlicher noch als die vielen islamistischen Milizen, die längst größeren Einfluss haben als die gemäßigte Opposition. Und dennoch glauben im Westen viele an eine Propaganda-Kampagne gegen Assad.

Die angeblichen Übeltäter: die Weißhelme. Jene Zivilschutzorganisation, die 2016 mit dem Alternativen Nobelpreis bedacht wurde.

Der Vorwurf: Die mutmaßliche Hilfsorganisation würde Angriffe des Assad-Regimes inszenieren. Bei ihren Aufnahmen handele es sich um Propagandavideos, um die Welt zum Kampf gegen die Regierung anzustacheln. Sogar in der ARD durfte der Geograf Günter Meyer diese Theorie zuletzt minutenlang ausbreiten.

Längst ist bewiesen, dass die russische Regierung die Schmutzkampagne gegen die Weißhelme entscheidend unterstützt. In den sozialen Medien beliebte Bilder, auf denen Weißhelme an einem Filmset zu sehen seien sollen, wie sie Angriffe inszenieren, stammen in Wahrheit vom Set des syrischen Spielfilms “Revolution Man“.

Auch das konnte Higgins aufdecken. Und selbst damit überzeugte er nicht jeden.

“Die Leute, die diese Theorien verbreiten, interessieren sich eh nicht für die Wahrheit. Sie wollen nur Helfer dämonisieren und Kriegsverbrechen bestreiten“, sagt er. Das klingt resigniert. 

Die Fehler der Weißhelme 

Denn die Weißhelme sind auch eins: ein einfaches Ziel.

Der Westen, insbesondere Großbritannien und die USA, überwies der Zivilschutzorganisation Millionenbeträge. Der Vorwurf, dass die 2012 gegründeten Weißhelme damit – indirekt – die Politik eines Regimewechsels unterstützen, wurde durch die Zahlungen noch weiter angeheizt.

Die Gruppe agiert in vielen Rebellengebieten – und damit fast zwangsläufig auch Seite an Seite mit radikalen Gruppen, die häufig die militärisch stärksten Widersacher des Assad-Regimes darstellen.

OMAR HAJ KADOUR via Getty Images
Im Norden von Hama evakuieren zwei Weißhelme kleine Kinder.

Spekulationen, die Weißhelme würde in Videos Angriffe vortäuschen, nährten die Weißhelme zudem selbst. Beim missratenen Versuch, mit einem Video zur “Mannequin”-Challenge internationale Aufmerksamkeit zu erregen, inszenierten mehrere Helfer eine Rettungsaktion. Das Video verbreitete sich rasant – als mutmaßlicher Beweis für die Lügen der Assad-Gegner.

“Die Weißhelme haben sicher Fehler gemacht”, sagt auch Higgins.

Er beteuert trotzdem, die Gruppe haben keinen ideologischen Hintergrund. “Sie sind aus verschiedenen lokalen Hilfsorganisationen entstanden und haben sich durch internationale Unterstützung professionalisiert”, berichtet er.

“Wenn sie ein gemeinsames Ziel haben, dann das: Menschen zu retten”, betont Higgins. Eine andere Meinung lässt er nicht gelten. Higgins hat Recht.

(mf)