LIFE
22/09/2018 12:14 CEST | Aktualisiert 22/09/2018 16:51 CEST

Alles, was ihr über Übergewicht wisst, ist falsch

“Dicke Menschen wachsen in der gleichen fetthassenden Kultur auf wie nicht-fette Menschen.“

FINLAY MACKAY
Übergewichtige Menschen werden in Fotos oft ohne jede Art von Stärke und Persönlichkeit dargestellt. Laut einer Studie sind 60 Prozent der gezeigten Menschen mit Übergewicht in Medien-Beiträgen nur kopflose Oberkörper. Für diesen Beitrag wurden die Interview-Partner gefragt, wie sie in den Fotos dargestellt werden wollen. Das sind die Ergebnisse.

Zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert starben etwa zwei Millionen Seeleute an Skorbut (Anm. d. Red.: Vitaminmangelkrankheit), mehr als durch Krieg, Schiffbruch und Syphilis zusammen.

Es war ein hässlicher, stinkender Tod, der mit klappernden Zähnen begann und mit einem Körper endete, der von innen heraus so verrottet war, dass seine Opfer durch Lärm buchstäblich zu Tode erschreckt werden konnten.

Genauso schrecklich wie die Krankheit selbst ist jedoch, dass die Mediziner fast die gesamten 300 Jahre über wussten, wie man sie verhindert – und schlichtweg versagten.

In den 1600er-Jahren verteilten einige Kapitäne Zitronen, Limetten und Orangen an Seeleute, davon ausgehend, dass eine tägliche Dosis Zitrusfrüchte Skorbut eindämmen würde. Die Behandlung machte Schule, weshalb die britische Marine argwöhnisch die steigenden Kosten beobachtete und schließlich stattdessen Malzwürze einsetzte, ein Nebenprodukt aus zerstampfter und gekochter Gerste. Sie hatte den Vorteil, günstiger zu sein, und den Nachteil, nichts gegen Skorbut zu bewirken.

Im Jahr 1747 führte ein britischer Arzt namens James Lind ein Experiment durch, bei dem er einer Gruppe von Seglern Zitronenscheiben und der anderen Essig, Meerwasser oder Apfelwein gab. Die Ergebnisse hätten nicht eindeutiger sein können.

Die Besatzungsmitglieder, die Früchte aßen, erholten sich so schnell, dass sie den anderen helfen konnten, die immer schwächer wurden. Lind veröffentlichte seine Ergebnisse, starb aber, bevor sich jemand fast 50 Jahre später darum kümmerte, dass entsprechende Konsequenzen gezogen werden.

Diese Art von Kurzsichtigkeit wiederholt sich in der Geschichte.

► Sicherheitsgurte wurden lange vor dem Auto erfunden, waren dort aber bis in die 1960er-Jahre keine Pflicht.

► 1906 wurde der erste Tod durch Asbestbelastung bestätigt, aber erst 1973 begannen die USA, die Chemikalie zu verbieten.

Jede Entdeckung im Gesundheitswesen muss, egal wie bedeutend, Traditionen, Annahmen und finanziellen Interessen überwinden, um sich in der Gesellschaft durchzusetzen.

Das bringt uns zu einer besonders großen Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis in unserer Zeit. In den kommenden Jahren werden wir entsetzt darauf zurückblicken, wie kontraproduktiv wir das Problem der Fettleibigkeitsepidemie angegangen sind und mit welch barbarischen Methoden wir dicke Menschen behandelt haben – obwohl wir schon lange einen besseren Weg kannten.

Vor etwa 40 Jahren begann der Körperumfang der Amerikaner erheblich zu wachsen. Nach Angaben der Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention trifft heute auf fast 80 Prozent der Erwachsenen und etwa ein Drittel der Kinder die klinische Definition von Übergewicht oder Adipositas zu. Es gibt mehr US-Amerikaner mit “extremer Fettleibigkeit“ als mit Brustkrebs, Parkinson, Alzheimer und HIV zusammen.

Die erste Reaktion des Gesundheitswesens war, dicke Menschen selbst dafür verantwortlich zu machen, fett zu sein. Adipositas, hieß es, sei ein persönliches Versagen, das unser Gesundheitssystem belastet, unser BIP schrumpfen lässt und unsere militärische Stärke schwächt.

Diese Ausrede ermöglichte, füllige Menschen in einem Satz zu schikanieren und ihnen im nächsten zu sagen, dass man es für ihr eigenes Wohl tue.

Die Angst, fett zu werden oder so zu bleiben, lässt die Amerikaner jedes Jahr mehr für Diäten ausgeben als für Videospiele oder Filme.45 Prozent der Erwachsenen geben an, viel Zeit oder ständig mit ihrem Gewicht beschäftigt zu sein – elf Prozentpunkte mehr als 1990. Fast die Hälfte der drei- bis sechsjährigen Mädchen lebt in der Angst, dick zu sein.

Die emotionalen Folgen sind unabsehbar.

Nie habe ich eine Geschichte geschrieben, bei der so viele meiner Gesprächspartner während des Interviews weinten, bei der sie sich doppelt und dreifach versicherten, dass ich ihre Namen nicht preisgeben werde, und sie vor Wut zitterten, wenn sie ihre Erlebnisse mit Ärzten, Fremden und ihrer eigenen Familie beschrieben.

► Eine Frau erinnerte sich an Kinder, die “Baby Beluga“ – ein Lied über einen kleinen pummeligen Weißwal  – sangen, wenn sie in den Schulbus stieg.

► Eine andere sagte, sie habe so extreme Diäten ausprobiert, dass sie ohnmächtig wurde.

► Ein Mann beschrieb, welch aufwändige Maßnahmen er ergreift, damit ihn seine Partnerin nicht im Hellen nackt sieht.

► Ein Medizintechniker, den ich Sam nenne (er bat mich, seinen Namen zu ändern, damit seine Frau nicht herausfindet, dass er mit mir gesprochen hat), sagte, dass ein Blick in den Spiegel seine Stimmung für Tage drücken könne. “Ich fühle mich fett, und das sollte ich nicht sein“, sagt er. “Es fühlt sich wie die schlimmste Form von Schwäche an.“

Mein Interesse an diesem Thema ist nicht nur journalistisch. Als ich aufwuchs, war das Gewicht meiner Mutter der ungenannte Co-Star jedes Familiendramas. Der offensichtliche, unausgesprochene Grund, warum sie nie aus dem Auto stieg, wenn sie mich von der Schule abholte, warum sie jahrelang aus dem Familienfotoalbum verschwand, warum sie stundenlang Hackbraten machte und dann neben uns saß und eine Schüssel Karotten aß.

Vergangenes Jahr haben wir zum ersten Mal ausführlich über ihr Gewicht gesprochen. Als ich fragte, ob sie jemals schikaniert worden sei, erinnerte sie sich an einen Kerl, der sie “fette Schlampe“ nannte, als sie vor Jahren an ihm vorbeifuhr.

“Aber das war selten“, sagt sie. “Stärker beeinflusste mein Leben, dass ich wegen meines Gewichts Dinge herauszögerte. Ich dachte, dass fette Menschen es nicht können.“ Sie machte mit 38 Jahren ihren Master-Abschluss und mit 55 Jahren ihren Doktortitel.

“Ich habe so viele Aktivitäten vermieden, bei denen ich dachte, mein Gewicht würde mich diskreditieren.“

Die Geschichte meiner Mutter hätte anders verlaufen können – wie die von Sam und von allen anderen. Seit 60 Jahren wissen Ärzte und Forscher zwei Wahrheiten, die Millionen von Menschenleben hätten verbessern oder sogar retten können.

► Die erste ist, dass Diäten nicht funktionieren.

Das betrifft nicht nur Paläo oder Atkins oder Weight Watchers oder Goop, sondern alle Diäten. Seit 1959 zeigt die Forschung, dass 95 bis 98 Prozent der Versuche, Gewicht zu verlieren, scheitern und dass zwei Drittel der Diät-Machenden anschließend mehr zunehmen, als sie verloren haben. Die Gründe dafür sind biologisch und unveränderlich.

Die Chance einer Frau, die als Übergewichtig klassifiziert wird, ein "normales" Gewicht zu erreichen: 0.008% AMERICAN JOURNAL OF PUBLIC HEALTH, 2015

Bereits 1969 bestätigte die Forschung, dass die Abnahme von nur drei Prozent des Körpergewichts zu einer 17-prozentigen Verlangsamung des Stoffwechsels führt – eine körpereigene Hungerreaktion, die einen mit Hungerhormonen überflutet und die Innentemperatur senkt, bis das Höchstgewicht wieder erreicht ist.

Gewicht abzunehmen bedeutet, gegen das Energieregulierungssystem des Körpers zu kämpfen und den Hunger an 24 Stunden jeden Tag für den Rest des Lebens zu bekämpfen.

► Die zweite große Lektion, die die Medizin immer wieder gelernt und verworfen hat, ist, dass Gewicht und Gesundheit keine Synonyme sind.

Sicher, fast jede Bevölkerungsstudie zeigt, dass das Herz-Kreislauf-System dicker Menschen belasteter ist als das dünner Menschen. Aber Individuen sind keine Durchschnittswerte: Studien ergaben, dass zwischen einem Drittel und drei Viertel der als adipös eingestuften Menschen metabolisch – das heißt, in Bezug auf ihren Stoffwechsel – gesund sind.

Sie zeigen keine Anzeichen von erhöhtem Blutdruck, Insulinresistenz oder hohem Cholesterinspiegel.

Inzwischen ist etwa ein Viertel der nicht übergewichtigen Menschen das, was Epidemiologen “die mageren Ungesunden“ nennen. Eine Langzeitstudie aus dem Jahr 2016 ergab, dass die Wahrscheinlichkeit, an Diabetes zu erkranken, bei unfitten dünnen Menschen doppelt so hoch ist wie bei fetten Menschen.

Für die Studie wurden die Teilnehmer durchschnittlich 19 Jahre lang begleitet. Was wirklich zählt sind Gewohnheiten, unabhängig davon, wie dick jemand ist. Dutzende Indikatoren, vom Gemüsekonsum bis hin zu regelmäßiger Bewegung, geben einen besseren Eindruck darüber, wie gesund jemand ist, als der Blick auf ihn aus einem anderen Raum.

Die schreckliche Ironie ist, dass wir uns der Fettsucht seit 60 Jahren nähern wie diejenigen, die jeden Diät-Trend mitmachen: Wir hoffen, wenn wir es nur noch einmal versuchen, werden wir ein anderes Ergebnis erzielen. Daher ist es Zeit für einen Paradigmenwechsel. Wir werden kein dünneres Land werden. Aber wir haben immer noch die Chance, gesünder zu werden.

Finlay MacKay
“Als Kind dachte ich, dass fettleibige Menschen immer einsam und traurig sind — fast wie die Mitleid erregenden, verlorenen Fälle. Ich möchte deshalb zeigen, dass auch wir Liebe erleben. Ich bin nicht irgendeine 'dicke Freundin' oder der mollige Traum eines Kerls. Ich bin wirklich glücklich. Ich wünschte nur, ich hätte schon als Kind gewusst, wie möglich das ist.“ — CORISSA ENNEKING

Das ist Corissa Enneking zu ihren dünnsten Zeiten: Sie wacht auf, duscht und raucht eine Zigarette, um ihren Appetit zu zügeln. Sie fährt in die Arbeit in ein Möbelgeschäft, sie steht den ganzen Tag auf zehn Zentimeter hohen Absätzen, sie isst in ihrer Mittagspause eine Tasse Joghurt allein in ihrem Auto.

Nach der Arbeit ist ihr schwindlig, ihre Füße pochen – und sie zählt drei Ritz-Cracker ab, isst sie an ihrer Küchentheke und schreibt die Kalorien in ihr Tagebuch.

Oder auch nicht. An manchen Tagen kommt sie nach Hause und geht direkt ins Bett, erschöpft und benommen vor Hunger, zitternd in der Hitze von Kansas.

Zur Abendessenszeit quält sie sich aus dem Bett und trinkt Orangensaft oder isst einen halben Müsliriegel. Gelegentlich schläft sie die Nacht durch und wacht am nächsten Tag auf, um wieder von vorne zu beginnen.

Vor ein paar Jahren reichte es ihrer Mutter und sie brachte sie in ein Krankenhaus. “Meine Tochter ist krank“, sagte sie dem Arzt. “Sie isst nicht.“ Er musterte Enneking von oben bis unten. Trotz sechsmonatigen Hungerns trug sie Übergröße, konnte immer noch nicht bei J. Crew einkaufen, bekam immer noch unaufgefordert Diättipps von Kollegen und Kunden.

Enneking sagte dem Arzt, dass sie früher umfangreicher gewesen sei und dass sie schon drei oder vier Mal zuvor abgenommen habe, indem sie ausreizte, wie sie den Tag überstehen konnte, ohne zu essen, indem sie feste gegen flüssige Nahrung eintauschte, Essen gegen Schlaf.

Sie hatte ständig Hunger, aber sie gewöhnte sich daran. Wenn sie aß, bekam sie Panikattacken. Ihr Chef fing an, sich über ihr unberechenbares Verhalten zu wundern.

“Was du jetzt tust, funktioniert doch“, sagte der Arzt. Er forderte sie auf, weiterzumachen und versicherte ihr, dass ihr Körper, sobald sie dünn genug geworden sei, damit beginne, Essen anders zu verarbeiten. Sie könne ihrer Ernährung ein paar hundert Kalorien hinzufügen. Dann würde ihre Periode zurückkommen. Sie würde mit weniger Aufwand ihr Gewicht halten.

“Wenn man mich jenseits meines Gewichts betrachtete“, sagt Enneking heute, “hatte ich eine Essstörung. Und mein Arzt gratulierte mir dazu.”

Fast jede dicke Person, die Sie nach ihren Erlebnissen mit dem Gesundheitssystem fragen, wird Ihnen eine oder auch drei Geschichten erzählen wie Enneking: Augenrollen, skeptische Fragen, Behandlungen werden verweigert, verzögert oder abgesagt.

Ärzte sollen vertrauenswürdige Experten sein, der erste Zugang eines Patienten zur Heilung. Aber für fettleibige Menschen sind sie Ausgangspunkt eines einzigartigen und anhaltenden Traumas.

Egal, was du tust oder wie stark du dir schadest: Als Erstes wird dir gesagt, dass alles besser werde, wenn du nur die Finger von den Snacks lässt.

Dieses Phänomen hat weit mehr als Anekdotencharakter.Ärzte haben kürzere Termine mit fettleibigen Patienten und zeigen weniger Einfühlungsvermögen in den paar gemeinsamen Minuten.

Negative Wörter wie “nonkonform“, ”übermäßig“, “willensschwach“ häufen sich in ihrer Krankengeschichte. In einer Studie präsentierten Forscher Ärzten Fallstudien von Patienten mit Migräne. Unter sonst gleichen Bedingungen berichteten die Ärzte, dass die Patienten, die außerdem als dick eingestuft wurden, eine schlechtere Einstellung hätten, die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihren Ratschlägen folgen, sei geringer.

Es kommt auch vor, dass sie dicke Patienten gar nicht berücksichtigen: 2011 befragte die Zeitung “Sun-Sentinel“ Frauenärzte in Südflorida und entdeckte, dass 14 Prozent Frauen mit mehr als 90 Kilo erst gar nicht als neue Patientinnen aufnahmen.

Einige dieser Ärzte gehen schlicht von den gleichen Annahmen aus wie die Gesellschaft um sie herum. Ein Anästhesist an der Westküste erzählte mir, dass die Chirurgen in High-School-Manier über den fülligen Körper einer Patientin lästern, sobald sie auf dem OP-Tisch weggedämmert ist.

Janice O’Keefe, eine ehemalige Krankenschwester in Boston, erzählte mir, ein Arzt habe sie einmal gemustert und nach einer Pause gefragt: “Wie konntest du dir das antun?“

Emily, eine Beraterin in Ost-Washington, ging zu einer gynäkologischen Chirurgin, um eine Eierstockzyste entfernen zu lassen. Die Ärztin wies im MRT-Bild auf ihr Körperfett hin und sagte: ‘Denk an die dünne Frau, die da raus will’.

“Ich hatte Angst, Krebs zu haben“, sagt Emily, “und sie belehrte mich über mein Gewicht.“

Andere Ärzte glauben aufrichtig, dass das Beschämen fettleibiger Menschen der beste Weg sei, sie zum Abnehmen zu motivieren. “Es ist das letzte Gebiet der Medizin, in dem wir harte Liebe verschreiben“, sagt Sean Phelan, Forscher bei der Gesundheitsorganisation Mayo Clinic.

In einem Artikel aus dem Jahr 2013 plädierte der Bioethiker Daniel Callahan dafür, dicke Menschen stärker zu stigmatisieren. “Die Leute erkennen nicht, dass sie fettleibig sind. Und wenn sie es doch bemerken, genügt die Erkenntnis allein nicht, damit sie etwas dagegen unternehmen“, sagt er mir.

Ihm selbst habe Scham geholfen, seine Zigarettensucht loszuwerden, argumentiert er. Das sollte auch bei Fettleibigkeit funktionieren.

Dieser Glaube karikiert eine Generation von anderslautender Forschungen über Fettleibigkeit und menschliches Verhalten. Wie einer der (vielen) Stigma-Forscher, die auf Callahans Artikel reagierten, betonte, können das An-den-Pranger-Stellen von Rauchern und Drogenkonsumenten sowie simple “Just say no”-Botschaften den Drogenmissbrauch sogar verstärken.

Betroffene trauten sich seltener, ihre Sucht bei Ärzten und in der Familie zur Sprache zu bringen.

Außerdem ist Rauchen ein Verhalten, Fettsein nicht.

Jody Dushay, Endokrinologin und Adipositas-Spezialistin am Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston, hat die Erfahrung gemacht, dass die meisten ihrer Patienten Dutzende Diäten ausprobiert und Hunderte Pfunde verloren und wieder zugenommen hätten, bevor sie zu ihr kommen.

Ihnen zu sagen, sie sollten es noch einmal versuchen – und das in härteren Worten – habe die Folge, dass sie scheitern und sich dann selbst die Schuld geben.

Natürlich verunglimpfen nicht alle Ärzte ihre dickleibigen Patienten. Einige von ihnen richten Schaden mit feineren, unbewussteren Vorurteilen an. Die meisten Ärzte sind zum Beispiel fit. “Wenn Sie zu einer Adipositas-Konferenz gehen, wünsche ich Ihnen viel Glück beim Versuch, morgens um 5 Uhr ein Laufband zu ergattern“, sagt Dushay.

Die meisten haben außerdem mehr als ein Jahrzehnt ihres Lebens in der hochleistungsorientierten, stressvollen Blase der Medizinausbildung verbracht.

Mehreren Studien zufolge sind dünne Mediziner überzeugter von ihren Empfehlungen, erwarten, dass ihre Patienten mehr Gewicht verlieren, und denken eher, eine Diät sei einfach.

Sarah (Name ist geändert), technischer Vorstand einer Firma in New England, sagte einmal ihrem Arzt, dass sie Schwierigkeiten habe, den ganzen Tag über weniger zu essen. “Sehen Sie mich an“, antwortete er. “Ich hatte ein Ei zum Frühstück und mir geht es gut.“

Hinzu kommen eklatante kulturelle Unterschiede. Kenneth Resnicow schult Ärzte darin, eine Beziehung zu ihren Patienten aufzubauen. Nach seiner Erfahrung versuchen weiße, wohlhabende und dünne Ärzte oft, sich ihren sozial schwachen Patienten emotional anzunähern, indem sie ihnen sagen: “Ich weiß, wie es ist, keine Zeit zum Kochen zu haben.“ Ihre Patienten, beispielsweise alleinerziehende Mütter mit drei Kindern und zwei Arbeitsstellen, denken sofort: “Nein, das tust du nicht.“ Die Folge: Die Beziehung ist unwiederbringlich gestört.

Finlay MacKay
"Marginalisierten Gruppen wird so viel Handlungsspielraum genommen, um sie stumm zu schalten und ihre Existenz zu verbergen. Als Geschäftsführerin dargestellt zu werden — eine die schwarz und dick ist — bedeutet mir so viel. Es zeigt, wie ich Macht im Sitzungssaal, Klassenzimmer und im Wohnzimmer meines Körpers wiedergewinne. Das alles gehört mir.“ - JOY COX

Als Joy Cox, eine Akademikerin aus New Jersey, 16 Jahre alt war, ging sie wegen Bauchschmerzen ins Krankenhaus. Der Arzt übersah ihren gefährlich entzündeten Gallengang. Stattdessen riet er ihr aus heiterem Himmel, weniger gebratenes Huhn zu essen, dann werde es ihr besser gehen. “Im selben Satz verunglimpfte er meine Fettheit und meine schwarze Hautfarbe“, sagt sie.

Viele der finanziellen und administrativen Strukturen, in denen Ärzte arbeiten, verstärken dieses negative Verhalten. Das Problem beginnt an der medizinischen Fakultät. In den vier Jahren erhalten die Studenten einer Umfrage von 2015 zufolge durchschnittlich nur 19 Stunden Ernährungserziehung – fünf Stunden weniger als 2006.

In der Praxis verschlimmert es sich noch. Hausärzte haben pro Termin nur 15 Minuten Zeit. Kaum genug, um Patienten zu fragen, was sie heute gegessen haben, geschweige denn in all den Jahren davor. Dazu kommt, dass sich ein einfühlsamerer Umgang in der Behandlung nicht auszahlt: Während die Erstattungssätze für Verfahren wie Bluttests und CT-Scans Hunderte bis Tausende Dollar betragen, erhalten Ärzte nur 24 Dollar für eine Sitzung mit Diät- und Ernährungsberatung.

Ein weiteres Problem schildert Kimberly Gudzune, eine Spezialistin für Fettleibigkeit an der Johns Hopkins University in Baltimore. Viele Ärzte, egal in welcher Fachrichtung, reden beim Gewicht ihres Patienten mit.

Gudzune arbeitet oft monatelang mit Patienten realistische Ziele aus – länger mit den Enkeln spielen, die Dosis eines Cholesterin-Medikaments senken – nur damit andere Ärzte alles zu zerstören drohen. Eine ihrer Patientinnen habe bedeutende Fortschritte gemacht, bis ihr ein Kardiologe sagte, sie solle 45 Kilo abnehmen. “Plötzlich fühlt sie sich wieder wie ein Versager und wir müssen von vorne anfangen“, sagt Gudzune. “Oder sie kommt nicht mehr.”

In einem System, das Ärzte weder ausbildet noch bestärkt, sich sinnvoll mit ihren höhergewichtigen Patienten auseinanderzusetzen, greifen jene darauf zurück, Modediäten zu empfehlen und Motivations-Plattitüden zu liefern.

Ron Kirk, ein Elektriker in Boston, erzählt, dass ihm sein Arzt jahrelang immer wieder eine Diät verschrieb, die er nicht länger als ein paar Wochen durchhalten konnte. “Sie sagten mir, dass Salat ein ‘kalorienfreies‘ Essen sei“, sagt er – und er zerpflückte für das Abendessen einen Kopf Römersalat.

In einer Studie, die 461 Erfahrungen mit Ärzten auswertete, erhielten nur 13 Prozent der Patienten einen spezifischen Ernährungs- oder Bewegungsplan und nur 5 Prozent Hilfe bei der Organisation der Nachuntersuchung.

Es könne stressig sein, wenn Patienten anfangen, viele spezifische Fragen zu Ernährung und Gewichtsabnahme zu stellen, sagte ein Arzt den Forschern 2012. “Ich habe nicht die Zeit für eine private Beratung über die Grundlagen. Ich sage: ‘Hier sind ein paar Websites, schauen Sie sich das an’.“

Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2016 ist die Zahl der Amerikaner, die eine Diät ausprobierten, doppelt so hoch wie die Zahl derjenigen, die eine Ernährungsberatung erhielten. Dabei scheitern Diäten mit hoher Wahrscheinlichkeit.

“Das grenzt an einen medizinischen Kunstfehler“, sagt Andrew (Name geändert), ein Berater und Musiker, der sein ganzes Leben lang dick war. Vor einigen Jahren stellte seine Ärztin Andrew bei einem Routinebesuch auf die Waage, eröffnete ihm, er sei “gefährlich übergewichtig“, und empfahl ihm, sich anders zu ernähren und zu bewegen.

Einzelheiten nannte sie nicht.

Sollte er sich fettarm ernähren? Low-Carb? Vegetarier werden? Sollte er Crossfit machen? Yoga? Einen verdammten Oberschenkel-Trainer kaufen?

“Sie fragte mich nicht einmal, ob ich bereits Sport mache“, sagt er. “Zu dieser Zeit trainierte ich für das Bergsteigen im Winter, wanderte jedes Wochenende und ging viermal pro Woche ins Fitnessstudio. Statt eines Gesprächs bekam ich einen Spruch hingeworfen. Es fühlte sich an, als ob sie mich im Grunde einfach an den Pranger stellen wollte.“

All dies lässt Patienten mit Übergewicht Ärzte meiden.

Drei verschiedene Studien haben ergeben, dass fettleibige Frauen eher an Brust- und Gebärmutterhalskrebs sterben als schlanke Frauen. Das ist teilweise auf ihre Zurückhaltung zurückzuführen, Ärzte zu Vorsorgeuntersuchungen aufzusuchen.

Erin Harrop, Forscherin an der University of Washington, untersucht höhergewichtige Frauen mit Anorexie (Appetitlosigkeit). Im Gegensatz zum Größe-Null-Stereotyp in den meisten Mediendarstellungen kommt es bei ihnen doppelt so häufig vor, dass sie sich übergeben, Abführmittel verwenden und Diätpillen missbrauchen.

Bei dünnen Frauen, entdeckte Harrop, dauert es etwa drei Jahre, bis sie behandelt werden, während ihre Teilnehmerinnen durchschnittlich 13,5 Jahre darauf warten, bis sich jemand mit ihren Störungen befasst.

“Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, Menschen zu helfen, die traumatischen Erfahrungen im medizinischen System zu verarbeiten“, sagt Ginette Lenham, eine Beraterin, die sich auf Fettleibigkeit spezialisiert hat. In der übrigen Zeit geht es um Traumata, die sie durch andere Menschen erfahren haben.

Finlay MacKay
"Mein Gewicht macht mich nervös. Ich ziehe ständig meinen Bauch ein, wenn ich stehe. Und wenn ich sitze, greife ich immer nach einem Kissen, um es davor zu halten. Am wohlsten fühle ich mich allein in meinem Bademantel. Gleichzeitig sehnt sich mein Verstand nach Aufmerksamkeit. Ich will auf der Bühne stehen. Ich will derjenige sein, der das Mikrofon hält. Also entschied ich mich, den Unterschied auf diesem Foto durch eine Zweiteilung zu zeigen: zu spielen und zu verdecken. Das Schlimmste ist, dass mir vom Kopf her bewusst ist, dass ich mehr wert bin als Pfunde und Hüftspeck und Stereotype. Aber ich habe immer noch das Gefühl, dass ich mich verstecken muss.“ —  SAM (NAME GEÄNDERT)

Sollte Sonya jemals vergessen, dass sie fett ist, wird die Welt sie daran erinnern. Sie fährt nicht mehr Bus, sagt sie mir. Denn sie spürt den Unmut der Passagiere, die sich an ihr vorbeizwängen.

Sarah, technischer Vorstand in einer Firma, verspannt sich jedes Mal, wenn jemand Bagels zu einem Meeting mitbringt. Greift sie nach einem, denken dann ihre Mitarbeiter: “Deshalb also ist die Chefin dick“? Gratulieren sie ihr schweigend zu ihrer Zurückhaltung, wenn sie es nicht tut?

Emily berichtet von Weltverbesserern, die zu ihr kommen. Frauen, die sie auf der Straße stoppen und ihr sagen, wie mutig sie sei, an einem 35-Grad-Tag ein ärmelloses Kleid zu tragen.

Sam, der Medizintechniker, vermeidet das Thema Gewicht ganz. “Männer sollen an sowas nicht denken – und ich denke ständig daran“, gibt er zu. “Also erlaubte ich mir nie, darüber zu reden. Was seltsam ist, weil es für jeden augenscheinlich ist.“

Immer wieder höre ich Geschichten über den zunehmenden Druck, in der Öffentlichkeit ein “guter Fettsack“ zu sein.

Jessica hat vier Kinder. Jede Woche findet eine Geburtstagsfeier, ein Familientreffen oder ein geselliges Beisammensein im Schwimmbad statt. Jedes Mal aufs Neue ein Anlass, mit anderen Müttern um die Platten mit Spareribs und Häppchen zu stehen.

“Man ist den ganzen Tag damit beschäftigt, wie viele Kalorien enthalten sind, was man essen kann und wer zusieht“, sagt sie. Im Laufe der Jahre kamen einige übergriffige Kommentare zusammen — “Solltest du das essen?“.

Sie hat gelernt, vorsichtig zu sein, die Rolle des tadellosen fettleibigen Menschen zu übernehmen. Sie knabbert an Kirschtomaten, trinkt Leitungswasser, steht statt zu sitzen und ignoriert das Dessertbuffet.

Wenn das Treffen zu Ende geht, teilen Jessica und die anderen Eltern die Reste auf. Sie wickelt Burger oder Nudelsalat oder Geburtstagskuchen ein, fährt ihre Kinder nach Hause und wartet auf den Moment, wenn sie endlich im Bett liegen. Dann, wenn sie allein ist, isst sie alle Reste selbst, im Dunkeln.

“Ich mache es immer heimlich“, sagt sie. “Ich kaufe ein Päckchen Eiscreme und esse es auf einmal. Dann muss ich in den Laden gehen und ein neues kaufen. Eine Woche lang denkt meine Familie, dass Eis im Kühlschrank steht – aber in Wirklichkeit waren es fünf verschiedene Packungen.“

So funktioniert Fat-Shaming: Es ist sichtbar und unsichtbar, öffentlich und privat, versteckt und überall zur gleichen Zeit. Die Forschung stellt durchweg fest, dass beleibtere Amerikaner (besonders übergewichtige Frauen) niedrigere Gehälter verdienen und die Wahrscheinlichkeit auf Einstellung und Beförderung sinkt.

In einer Erhebung aus dem Jahr 2017 erhielten 500 Einstellungsleiter das Foto einer übergewichtigen Bewerberin.

► 21 Prozent von ihnen beschrieben sie als unprofessionell, obwohl sie keine anderen Informationen über sie hatten.

► Schlimmer noch: Nur wenige Städte und ein US-Bundesstaat (gut gemacht, Michigan) verbieten offiziell die Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund des Gewichts.

Mit der steigenden Zahl übergewichtiger Amerikaner sind die Vorurteile gegen sie paradoxerweise gravierender geworden. Mehr als 40 Prozent der als fettleibig eingestuften Amerikaner sagen heute, dass sie täglich stigmatisiert werden.

Eine Rate, die weitaus höher ist als bei jeder anderen Minderheit. Das tut ihrem Körper schreckliche Dinge an. Nach einer Studie aus dem Jahr 2015 haben fette Menschen, die sich diskriminiert fühlen, eine kürzere Lebenserwartung als fette Menschen, die es nicht tun.

“Diese Ergebnisse deuten auf die Möglichkeit hin, dass das mit Übergewicht verbundene Stigma schädlicher ist als das Übergewicht selbst“, heißt es in der Studie.

Und: In einem grausamen Bumerang-Effekt führen die Vorurteile gegen Gewicht tatsächlich dazu, mehr zu essen. Das Stresshormon Cortisol – im Zuge der Evolution entstanden – wird nicht nur ausgeschüttet, wenn dich ein Tiger verfolgt, sondern auch, wenn du wegen deines Aussehens abgelehnt wirst. Es erhöht den Appetit, reduziert den Willen zur Bewegung und verbessert sogar den Geschmack von Lebensmitteln.

Ähnlich wie viele andere Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sagt Sam, dass er letztes Jahr direkt zum Schnellrestaurant Jack in the Box gefahren ist, nachdem jemand über den Parkplatz geschrien hatte: “Iss weniger!“

Finlay MacKay
“Ich will nicht porträtiert werden; es geht nicht um mich. Es geht um den Kerl, den du immer auf langen Laufband im Fitnessstudio siehst. Oder die Dame, die jeden Tag zum Mittagessen die schönsten Salate zur Arbeit bringt. Es geht um das kleine Mädchen, das wegen seiner Fülle schikaniert wurde, und den kleinen Jungen, dem gesagt wurde, dass er nicht Mann genug sei. Es geht nicht um mich, aber wäre es um mich gegangen, als ich dieses mollige kleine Mädchen war, würde ich vielleicht nicht hier stehen, meinen Kopf an den Türrahmen lehnen und mich fragen, ob ich genug bin.“ — ERIKA

Es gibt eine düstere Höhlenmensch-Logik für unser fieses Verhalten gegenüber fetten Menschen. “Körper, die anders aussehen, triggern uns“, sagt Janet Tomiyama, eine Stigma-Forscherin an der University of California in Los Angeles.

“In unserer evolutionären Vergangenheit hätten sie ein Krankheitsrisiko und damit eine Bedrohung für deinen Stamm bedeuten können.“ Diese biologischen Überreste helfen zu erklären, warum die Stigmatisierung so früh beginnt. Kinder ab drei Jahren beschreiben ihre fetteren Klassenkameraden mit Worten wie “gemein“, “dumm“ und “faul“.

Obwohl Übergewicht der Grund Nummer eins ist, warum Kinder in der Schule schikaniert werden, verfolgen die US-Institutionen im Gesundheitswesen weiterhin eine Politik, die derartige Grausamkeiten anstacheln.

TV- und Plakatkampagnen verwenden immer noch Slogans wie “Zu viel Bildschirmzeit, zu viel Kind“ und “Fett sein verdirbt den Spaß, ein Kind zu sein“.

Cat Pausé, eine Forscherin an der Massey University in Neuseeland, suchte monatelang weltweit nach einer Kampagne im Gesundheitsbereich, die darauf abzielt, die Stigmatisierung von fetten Menschen zu reduzieren.

Sie fand keine einzige.

Dafür aber einen aufrüttelnden Fall, in dem gute Absichten schief gelaufen sind: In etwa einem Dutzend Staaten werden Kinder “Body-Mass-Index-Berichtskarten“ mit nach Hause gegeben. Eine Maßnahme, die kaum Auswirkungen auf ihr Gewicht haben dürfte, aber mit ziemlicher Sicherheit Mobbing durch Menschen aus ihrem unmittelbaren Umfeld verstärken wird.

Die Sorge hat einen konkreten Hintergrund: Umfragen bei Erwachsenen mit höherem Gewicht zeigen, dass ihre schlimmsten Diskriminierungserfahrungen aus ihren eigenen Familien kommen.

Erika, eine Gesundheitserzieherin in Washington, weiß immer noch das Wort, mit dem ihr Vater sie einst beschrieb: “Husky.“ Ihr Großvater bevorzugte “stämmig“.

Ihre Mutter sagte nie etwas über Erikas Körper, aber sie musste es nicht. Sie war besessen von ihrem eigenen und nannte ihre Ausmaße “enorm“, obwohl sie zwei Größen kleiner trug als ihre Tochter. Als Erika elf war, schlich sie sich in den Wald hinter ihrem Haus und erbrach sich in den Bach, wenn es bei gesellschaftlichen Anlässen unmöglich war, zu fasten.

Der Missbrauch durch geliebte Menschen setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort. Eine Umfrage aus dem Jahr 2017 ergab, dass 89 Prozent der übergewichtigen Erwachsenen von ihren Partnern und Affären gemobbt werden.

Emily, die Beraterin, sagt, sie habe als Teenager und in ihren 20ern “mit Typen geschlafen, die mich nicht interessierten, die aber mit mir schlafen wollten.“ In ihrem Kopf war ein Mann, der ihr Gesellschaft leistete, eine seltene Ressource, die sie nicht verschwenden konnte: “Ich suchte verzweifelt nach Männern, die mir Aufmerksamkeit schenken. Sex war ein guter Weg, sie zu bekommen.”

Irgendwann landete sie bei einem Kerl, der sie beleidigte. Er sagte ihr beim Sex, dass ihr Körper schön war, und bei Tageslicht, dass er widerlich sei. “Wann auch immer ich versuchte, ihn zu verlassen, sagte er: ‘Wo willst du jemanden finden, der deinen ekelhaften Körper erträgt?’“, erinnert sie sich.

Emily schaffte es schließlich, von ihm wegzukommen. Sie ist sich aber bewusst, dass ihr Liebesleben immer angespannt sein wird. Der Mann, mit dem sie jetzt zusammen ist, ist dünn – ähnlich wie der Sportler Tony Hawk.

Sie bemerkt die Blicke, die sie bekommen, wenn sie in der Öffentlichkeit Händchen halten. “Das passierte nie, wenn ich mit dicken Typen zusammen war“, sagt sie. “Dünne Männer dürfen sich nicht zu fetten Frauen hingezogen fühlen.“

 Aber vielleicht ist der gravierendste Aspekt der Gewichtsstigmata, wie sie ihre Opfer voneinander isoliert. Bei den meisten Minderheiten stärkt Diskriminierung das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören, die sich einer Mehrheit widersetzt. Schwule mögen andere Schwule; Mormonen tun sich mit anderen Mormonen zusammen.

Erhebungen von Menschen mit höherem Gewicht zeigen jedoch, dass viele die Vorurteile teilen mit Menschen, die sie diskriminieren. In einer Studie aus dem Jahr 2005 verwendeten übergewichtige Teilnehmer die Wörter “gefräßig“, “unrein“ und “träge“, um andere übergewichtige Menschen zu klassifizieren.

Andrea, eine pensionierte Krankenschwester aus Boston, gibt seit ihrem zehnten Lebensjahr Geld für Diäten aus. Sie weiß, wie schwer es ist, schlank zu werden, weiß, was Frauen, die fülliger sind als sie, durchmachen. Und doch fällt es ihr schwer, kein Urteil zu fällen, wenn sie sie in der Öffentlichkeit sieht.

“Ich denke: ‘Wie konnte sie das geschehen lassen?’“, sagt sie. “Es ist mehr eine Angst. Denn wenn ich mich gehen lasse, werde ich auch so schwer.“

Ihre Position ist allzu verständlich. Ich selbst wusste schon im Alter von neun oder zehn, dass sich Schwule outen. Trotzdem brauchte ich noch ein Jahrzehnt, um es zu tun.

Für dicke Menschen gibt es aber nie den Moment, ihre Identität zu erklären, sich als Teil einer bestimmten Gruppe erkennen zu geben. Sie leben immer noch in einer Gesellschaft, die glaubt, dass Gewicht temporär sei, dass es wichtig und möglich sei, abzunehmen, und dass Menschen, die sich im eigenen Körpern wohl fühlen, bloß “Fettleibigkeit verherrlichen“.

Dieser Schwebezustand, diese Lüge, ist der Grund dafür, dass es für dicke Menschen so schwer ist, andere oder gar sich selbst zu entdecken.

“Niemand glaubt unsere Es-wird-besser-Geschichte“, sagt Tigress Osborn, die Leiterin des Community Outreach für die National Association zur Förderung der Fettakzeptanz. “Du kannst keine Identität beanspruchen, wenn jeder um dich herum sagt, dass sie so nicht existiert oder nicht existieren sollte.“

Die Essstörungsforscherin Harrop bemerkte vor einigen Jahren, dass ihre Universität Clubs hatte für Transgender-Studenten, Einwanderer-Studenten, republikanische Studenten, aber keine für übergewichtige Studenten. Also hat sie eine eröffnet – und es war ein absoluter Fehlschlag. Nur eine Handvoll fülliger Leute ist überhaupt aufgetaucht; meistens kommen dünne Menschen und überlegen sich, wie sie bessere Verbündete sein können.

Ich frage Harrop, warum sie denkt, dass die Gruppe eine solche Pleite war. Es ist ganz einfach, sagt sie: “Dicke Menschen wachsen in der gleichen fetthassenden Kultur auf wie nicht-fette Menschen.“

Finlay MacKay
"Einige Menschen sind wirklich überrascht, dass ein Mann, der wie er aussieht, mit einer Frau wie mir zusammen ist. Als fettleibiger Mensch merke ich sehr wohl, wann ich angestarrt werde — und nie zuvor wurde ich so viel angesehen. Also fand ich es eine gute Idee, das Foto in der Öffentlichkeit zu machen. Es fühlt sich subversiv an, zu zeigen, wie mein dicker Körper regelmäßig Dinge tut, von denen die Welt glaubt, dass ich es nicht kann oder nicht tue.”— EMILY

Seit 1980 hat sich die Fettleibigkeitsrate in 73 Ländern verdoppelt, in weiteren 113 Ländern ist sie gestiegen. Keine Nation reduzierte in den Jahren ihre Adipositas-Rate. Keine einzige.

Das Problem ist, dass unsere Institutionen der öffentlichen Gesundheit in den USA, wie überall, so besessen geworden sind vom Körpergewicht, dass sie übersehen, was uns wirklich umbringt: unsere Nahrungsmittelversorgung.

Diät ist die häufigste Todesursache in den Vereinigten Staaten, verantwortlich für mehr als fünf Mal so viele Todesfälle wie Schusswaffengewalt und Autounfälle zusammen.

Dabei geht es nicht darum, wie viel wir essen – US-Amerikaner konsumieren heute weniger Kalorien als im Jahr 2003. Es geht darum, was wir essen.

Vor mehr als einem Jahrzehnt haben Forscher herausgefunden, dass die Qualität unserer Nahrung unabhängig von ihrer Wirkung auf das Gewicht das Krankheitsrisiko beeinflusst.

Fructose zum Beispiel schädigt die Insulinsensitivität und Leberfunktion mehr als andere Süßstoffe mit der gleichen Anzahl an Kalorien. Menschen, die viermal in der Woche Nüsse essen, haben eine 12 Prozent geringere Diabetes-Anfälligkeit und eine um 13 Prozent niedrigere Sterberate, unabhängig von ihrem Gewicht.

Alle unsere biologischen Systeme zur Regulierung von Energie, Hunger und Sättigung werden durch den Verzehr von Lebensmitteln geschädigt, die reich an Zucker sowie Zusatzstoffen und arm an Ballaststoffen sind. Das betrifft schockierende 60 Prozent der Kalorien, die wir essen.

Dieses Gift aus unserem Milliarden-Dollar-Nahrungssystem zu entfernen wird nicht schnell und einfach gehen. Jedes Glied in der Kette, von der Fabrik bis zum Schulessen, wird von einer Firma Mars oder einem Monsanto oder einem McDonald’s dominiert, die alle unermüdlich daran arbeiten, ihre Kosten zu senken und ihre Gewinne zu steigern.

Aber das ist immer noch kein Grund zur Verzweiflung. Es gibt viel, was wir im Moment tun können, um das Leben von dicken Menschen zu verbessern – um zum ersten Mal unseren Fokus von Gewicht auf Gesundheit und von Scham auf Unterstützung zu verlagern.

Der Ausgangspunkt ist die Arztpraxis. Das zentrale Versagen des medizinischen Systems beim Thema Adipositas ist, dass jeder Patienten genau gleich behandelt wird: Wenn du fett bist, nimm etwas ab. Wenn du dünn bist, mach weiter so.

Stephanie Sogg, eine Psychologin im Massachusetts General Weight Center, erzählte mir von Patienten, die seit einem sexuellen Übergriff zwanghaft essen. Andere hungern den ganzen Tag, bis sie auf dem Heimweg sind. Wieder andere essen 1000 Kalorien am Tag, trainieren fünfmal pro Woche und bestehen trotzdem darauf, dass sie fett sind, weil sie “keine Willenskraft haben“.

Statt Fußnote zu sein, steht im Mittelpunkt ihrer Behandlungen anzuerkennen, dass die Beziehung jedes Menschen zu Nahrung, Bewegung und Körperbild unendlich komplex ist. “80 Prozent meiner Patienten weinen beim ersten Termin“, sagt Sogg.

“Für etwas so Emotionales wie Gewicht muss man lange zuhören, bevor man einen Rat gibt. Jemandem zu sagen: ‘Lass die Cheeseburger in Ruhe‘ wird nie funktionieren, wenn du nicht weißt, welche Funktion diese Cheeseburger für sie einnehmen.“

Der medizinische Nutzen dieses Ansatzes ist unanfechtbar. Sogg beschreibt ihn damit, netter zu den Patienten zu sein, als sie es zu sich sind.

Finlay MacKay
"Mein Sohn und ich spielen beide gerne den Helden. Wir haben unsere Kostüme nicht unbedingt mit einer absichtlichen Symbolik gewählt. Aber ich bin definitiv ein Mitglied der Rebellion, und ich sehe meine Rolle als Forscherin für Essstörungen darin, für Gerechtigkeit und eine bessere Welt zu kämpfen. Außerdem gefällt mir, dass ich auf dem Bild verschwitzt, schmutzig und chaotisch bin, nicht mit Make-up oder hergerichteten Haaren. Ich mag es, dass ich meinen Bauch, meine Oberschenkel oder Arme nicht verstecke. Nicht, weil ich mich wohlfühle, so fotografiert zu werden, sondern weil ich so sein will— und ich möchte, dass sich andere frei fühlen, auch so zu sein.”— ERIN HARROP

Die gute Nachricht ist, dass die besten Ideen zur Umkehrung dieser Trends bereits getestet wurden. Viele angeblich “fehlgeschlagene“ Adipositas-Behandlungen sind in Wirklichkeit erfolgreiche Gesünder-essen-und-mehr-Sport-Strategien.

Eine Überprüfung von 44 internationalen Studien ergab, dass schulbasierte Aktivitätsprogramme das Gewicht der Kinder nicht beeinträchtigten, aber ihre athletischen Fähigkeiten verbesserten, die Trainingszeit verdreifachten und ihren täglichen Fernsehkonsum um bis zu eine Stunde verringerten.

Eine andere Umfrage zeigte, dass zwei Jahre, in denen Kinder sich besser bewegen und sich besser ernähren, ihr Übergewicht nicht merklich reduzierten, aber ihre Mathe-Ergebnisse verbesserten – ein Effekt, der für schwarze Kinder größer war als für weiße Kinder.

Das sehen Sie in vielen Forschungsstudien: Die effektivsten Behandlungen sind tatsächlich, keine gesundheitlichen Maßnahmen zu ergreifen – sie sind eine Politik, die die Not der Armut lindert und Zeit für Bewegung, Spiel und Erziehung schafft.

Entwicklungsländer mit höheren Löhnen für Frauen haben niedrigere Fettleibigkeitsraten. Lebensweisen ändern sich, wenn gesundes Essen günstiger wird. Ein Pilotprogramm in Massachusetts, das den Empfängern von Lebensmittelmarken zusätzlich 30 Cent für jeden Dollar gab, den sie für gesunde Lebensmittel ausgaben, erhöhte den Obst- und Gemüsekonsum um 26 Prozent. Richtlinien wie diese werden unser Gewicht nicht beeinflussen.

Sie werden jedoch sehr wahrscheinlich unsere Gesundheit erheblich verbessern.

Was uns zu dem am tiefsten verankerten Problem bringt: unsere beschissene Einstellung gegenüber fettleibigen Menschen. Laut Patrick Corrigan, dem Herausgeber der Zeitschrift “Stigma and Health“, scheitern wohlgemeinte Bemühungen, das Stigma zu reduzieren, in der Praxis.

In einer Studie zählten Forscher Zehn- bis Zwölf-Jährigen alle genetischen und medizinischen Faktoren auf, die zur Fettleibigkeit beitragen. Danach sollten die Kinder die Botschaft, die sie erhalten hatten – dicke Kinder wurden nicht durch ihr eigene Wahl so – wiedergeben. Es zeigte sich, dass sie immer noch die gleiche negative Einstellung gegenüber den fülligeren Kindern hatten, die neben ihnen saßen.

Ein ähnlicher Ansatz mit Fünft- und Sechstklässlern erhöhte sogar deren Neigung, ihre dicken Klassenkameraden zu schikanieren. Unterdessen kann das Hinzuziehen prominenter Repräsentanten dazu führen, was Corrigan den “Thurgood Marshall“-Effekt nennt: Anstatt unsere Stereotypen zu ändern (vielleicht sind dicke Menschen nicht so schlecht), sehen wir prominente Minderheiten als Ausnahmen (na ja, er ist nicht wie diese anderen fetten Leute).

Corrigan sagt, dass es für dicke Menschen wichtig ist, allen, mit denen sie interagieren, klarzumachen, dass ihre Fettleibigkeit nichts ist, wofür sie sich entschuldigen müssen. “Wenn du jemanden bemitleidest, denkst du, dass er weniger erfolgreich, weniger kompetent und gekränkter ist“, sagt er. “Du siehst ihn nicht als fähig an. Der einzige Weg, das Stigma loszuwerden, ist die Macht.“

Das war immer die große Hoffnung der Fettakzeptanz-Bewegung. (“Wir sind hier, wir sind einflussreich, gewöhnen Sie sich daran“, lautete einer der Slogans in den 1990er-Jahren.) Doch diese radikale Botschaft wurde längst von Bekleidungsmarken, Diätfirmen und Seifenkonzernen übernommen.

Weight Watchers hat sich das Image gegeben, ein “Lifestyle-Programm“ zu sein, verspricht seinen Mitgliedern aber noch immer, dass der Weg ins Glück über die Gewichtsabnahme führt. Mainstream-Bekleidungsunternehmen vermarkten sich selbst als “körperpositiv“, weigern sich aber, Kleidung herzustellen, die den Plus-Size-Modellen auf ihren eigenen Werbetafeln passt.

Auch die sozialen Medien haben eine Plattform für positive Darstellungen fettleibiger Menschen geschaffen, genauso wie Communities, die es erleichtern, sich gegenseitig zu finden. Aber es hat auch zu einer einlullenden, schmalspurigen, von Dr. Phil (populärer US-TV-Psychologe) genehmigten Form des Fortschritts beigetragen, die die Unternehmerin feiert, die so genannte Fatkinis – Bikinis in Übergröße – auf Instagram verkauft, während sie die Frau ignoriert, die (wahre Geschichte) aus ihrer Führungsposition entlassen wurde, nachdem sie angeblich über drei Jahre hinweg 45 Kilo zugenommen hat.

“Bei Fat Activism geht es nicht darum, dass sich die Menschen besser fühlen“, sagt Pausé. “Es geht darum, dass man einem nicht die Bürgerrechte verweigert und nicht stirbt, weil ein Arzt einen falsch diagnostiziert.“

Und so liegt es in einer Welt, die sich weigert, sich zu verändern, immer noch bei jedem fettleibigen Menschen selbst, zu entscheiden, wie er sie erträgt.

Emily, die Beraterin in Ost-Washington, sagt, dass sie vor etwa drei Jahren die Entscheidung getroffen hat, sich durchzusetzen. Das erste Mal, als sie in einem Restaurant nach einem Tisch anstelle einer Sitzecke fragte, schwitzte sie, errötete, ihre Brust wogte. Es habe sich angefühlt, als würden die Worte “Ich passe nie“ in ihrem Mund vertrocknen, während sie sie aussprechen wollte.

Jetzt sagt sie: “Ich mach’s einfach.“ Vergangenen Monat war sie auf einer Konferenz und fragte einen anderen Teilnehmer, ob sie Stühle tauschen könnten, da seiner keine Armlehnen hatte. Wie die meisten dieser Anfragen war es keine große Sache.

“Ein großer, schlanker Mensch würde sich nicht komisch fühlen, das zu fragen, warum also sollte ich?“, sagt sie. Ihre dünnen Freunde hätten begonnen, sich nach den Sitzgelegenheiten in Restaurants zu erkundigen, bevor Emily überhaupt dazu käme.

Von Emilys Fortschritt zu hören erinnert mich an ein Gespräch mit der Diätberaterin Ginette Lenham. Ihre Patienten leben mit ihrem Gewicht oft in der Vergangenheit oder der Zukunft. Sie sagen ihr, dass sie damit warten, wieder zur Schule zu gehen oder sich für einen neuen Job zu bewerben, bis sie dünner sind. Sie flehen sie an, sie zu dem Gewicht zurückzubringen, das sie in der High School, zur Hochzeit oder bei ihrem ersten Triathlon hatten, als könnte ihnen das ihr früheres Leben zurückbringen.

Dann muss Lenham ihnen erklären, dass diese Träume täuschen. Weil es keine Wunderheilung gibt. Und keine Zeitmaschine. Es gibt nur den revolutionären Akt, dick und glücklich zu sein in einer Welt, die einem sagt, dass das unmöglich sei. 

“Wir alle müssen unser Bestes geben in dem Körper, den wir haben“, sagt sie. “Und lass’ die Körper von anderen in Ruhe.”