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24/07/2018 15:55 CEST | Aktualisiert 24/07/2018 16:49 CEST

Kinder, Job, Single – und zufrieden: Was es heißt, alleinerziehend zu sein

Es braucht Mut, eine andere Familien-Konstellation zu wagen.

Rosales C Matthias Bothor
Caroline Rosales und ihre beiden Kinder.

Auf einmal war alles anders: Mit 34 Jahren fand sich Caroline Rosales als Single-Mutter wieder. Nach vier Jahren, in denen sie sich den Kindern gewidmet hatte, fing sie wieder an zu arbeiten. Aus dem ruhigen Familienbezirk im Grünen zieht sie ins Zentrum Berlins.  

Über ihr Leben als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern hat sie das Buch “Single Mom” (Rowohlt Verlag) geschrieben, das heute erscheint. Darin erklärt sie unter anderem, warum es nicht nur Nachteile hat, trotz Kindern getrennt zu leben. Im folgenden lest ihr einen Auszug aus ihrem Buch.

Aus: Caroline Rosales, “Single Mom” Copyright 2018 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Die Rama-Familie 2. 0.

Ein bisschen kommt mir mein “Alleinerziehendsein” wie eine Post-Kleinfamilien-Ära vor. Was nicht das Schlechteste ist. Im Gegenteil. Als die klassische Rollenverteilung zwischen Marius [Ex-Mann von Rosales, Anmerkung der Red.] und mir zusammengebrochen war, konnte etwas Neues entstehen.

Auf einmal war jeder mal dran, die Fünfziger-Jahre-Hausfrau zu spielen, wenn auch größtenteils ich. Aber Marius kann mittlerweile sehr gute Brathähnchen aus dem Römertopf zaubern und Zöpfe flechten. Ich arbeite wieder ganze Tage. Die Rama Familie 2. 0.

Zwei Wohnungen zu haben und getrennt zu leben, hat mir auch viel Lebensqualität zurückgegeben. Man tritt sich weniger auf die Füße, man hat mehr Raum für eigene Notizen. Einige meiner Mütter-Freundinnen beneiden mich bis heute. Um die freien Wochenenden. Es ist möglich, dass sich nach einer schwierigen Anfangsphase vieles zum Guten wendet. Mit Glück und Toleranz.

Jede Familie muss ihre eigene Form finden 

Selbst wenn man zusammen ist, denke ich, ist freie Zeit für jeden Elternteil ein völlig unterschätztes Konzept. Kinder haben nichts von genervten, müden, sich streitenden Eltern am Wochenende. Dann soll doch lieber einer freimachen.

“Ihr macht nie etwas zusammen. Es ist doch egal, ob ihr getrennt seid, ihr könnt doch trotzdem etwas als Familie unternehmen”, schimpfen meine Eltern oft. Warum?, denke ich dann. Weil die glückliche Familie beim Picknick im Park in die Hände klatschen muss? Eine herrliche Radtour im Wald auf dem Programm haben sollte?

Ich bin im westdeutschen Reihenendhaus aufgewachsen und weiß, dass die Familie die kleinste Terroreinheit im Staat ist. Ich glaube nicht, dass Vater-Mutter-Kinder das Ticket ins Glück sind, sondern, dass jede Familie ihre eigene Form finden muss.

Eine Mischung von Bezugspersonen, Freunden, lieben Großeltern, die abwechselnd aufpassen. Eltern sind nicht dazu verdammt, immer mit ihren Kindern abzuhängen, nur weil das gesellschaftliche Normativ es so will.

In gewisser Form ist alleinerziehend zu sein auch der Mut, eine andere Familien-Konstellation zu wagen, denke ich heute. Geschrieben klingt das natürlich alles schön, aber ich kenne selbst die Eifersucht und das Festklammern, das die guten Pläne wie eine klebrige Kinderhand verwischt. Und natürlich wiegen diese kleinen Vorteile einer Trennung die Nachteile nicht auf.

 Zwei vollkommen verschiedene Eltern

“Die Kinder sind vor dem Fernseher eingeschlafen?”

“Und davor haben sie noch Gummibärchen bekommen?”

“Sie haben die ganze Tüte gefunden, als du im Bad warst?”

“Die war dann leer?”

“Und, halt, wenn sie vor dem Fernseher eingeschlafen sind, dann haben sie ja auch keine Zähne geputzt?!” 

So ungefähr war meine Reaktion nach dem ersten Wochenende der Kinder bei Marius. Nicht ganz so entspannt, wie ich es mir gewünscht hätte. Der ewige Streitpunkt  – Süßigkeiten und Medienkonsum.

“Mir ist langweilig ohne Papa”, maulte Lila schon eine Stunde nachdem wir Marius’ Wohnung verlassen hatten. Ja, das ist dann ziemlich schwer für das Mutterherz, wenn sich so gar keiner freut, abgeholt zu werden. Am Anfang dachte ich da “Aua”, mittlerweile denke ich “Pech”. Es gibt eben zwei Erziehungslinien und die lassen sich trotz größter Bemühungen aller beteiligten Eltern nie ganz synchronisieren.

Von Disney-Dad und Müsli-Mutti

Und es ist bei uns so wie bei vielen: Er spielt am Wochenende Disney-Dad, den lustigen Lila-Laune-Bär, dem bunte Zucker-Beruhigungs-Gummitiere aus jeder Tasche fallen, und ich darf Montagmorgen wieder die Müsli-Mutti spielen, die nicht so viele Rosinen erlaubt.

Ich hetze die ganze Woche in meinem Bermuda-Dreieck aus Supermarkt, Redaktion und Zuhause hin und her, er darf in dieser Zeit meine Anrufe auf stumm schalten. Dafür leben die Kinder unter der Woche bei mir, anders wäre es für mich nicht vorstell- oder aushaltbar.

Dann bin ich halt Team-No-Fun mit Trockenfrüchten in der Handtasche und Körnerriegeln und lasse dem Papa sein Gummibärchenglas, wo jeder mal mit seiner kleinen Hand hineingreifen darf.

Schließlich hat Marius auch die Sektion Zoo, Zirkus und Wildtiergehege fest im Griff, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Tiere in Gefangenschaft sind nicht so meins. Außerdem verfalle ich bei Pantomime, Clowns oder Robben, die durch Reifen springen, in spontane Narkolepsie.

Mit der Zeit entstehen Kompromisse

Ich stürze mich eher auf das Musische. Das Klavier, die Bücher, Heimwerken minus Basteln. Alles, wofür man nicht rausgehen muss.

Ich hasse es, Fleisch zu kochen, er liebt die Zubereitung des Sonntagsbratens. Er hat eine Dusche, ich die Badewanne. Bei ihm haben die Kinder ein Hochbett, bei mir ein Indianerzelt.

Und so entstehen im Laufe der Zeit tatsächlich Kompromisse. Zwei Erziehungsrichtlinien, erstellt mit dem nötigen pragmatischen Egoismus im Dienste der eigenen Vorlieben. Jesper Juul [Familientherapeut, Anmerkung der Red.] und die Super-Nanny würden im Dreieck springen, wenn sie von uns wüssten.

Wer soll denn Erziehungsratgeber kaufen, wenn die Eltern nicht mehr alles ganz so ernst nehmen, die Kinder nicht mehr nervig sind und die getrennten Eltern nicht mehr streiten?

Wenn jeder eine Banane isst und ausnahmsweise mal durchatmet. Wenn jeder, ob Vater oder Mutter, die metaphorische Nabelschnur durchschneidet und den anderen machen lässt.

Rowohlt Verlag

(glm), (nc)