POLITIK
19/06/2018 23:27 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 10:29 CEST

Ali Toprak: "Ich habe in der Türkei gelernt, was an Deutschland kostbar ist"

Ali Ertan Toprak erzählt von einem Leben zwischen Hamburg und Ankara.

dpa
Ali Toprak (Mitte).

Borussia Mönchengladbach ist amtierender deutscher Meister. Willy Brandt (SPD) ist deutscher Bundeskanzler. Ali Ertan Toprak ist zwei Jahre alt und auf dem Weg nach Hamburg.

Es ist das Jahr 1971. Toprak, heute Chef der Kurdischen Gemeinde in Deutschland, stammt aus Ankara. In Hamburg wird er mit seiner Mutter leben – für eine Weile zumindest. Denn der heute 49-Jährige – so erzählt er ohne Bitterkeit – ist eines von zahlreichen “Kofferkindern”.

So nennt man Kinder vor allem türkischer Migranten, die in den sechziger und siebziger Jahren von ihren in Deutschland arbeitenden Eltern immer wieder für längere Zeit in der Türkei zurückgelassen werden.

Zwischen Ankara und Hamburg: “Keine einfachen Zeiten”

Topraks Mutter ist 21 Jahre alt, als sie mit mehreren Freundinnen nach Deutschland geht. Höchstens für ein Jahr, das ist der Plan. “Sie hat ein bisschen gejobbt und wollte dann zurück”, sagt Toprak und lacht. “Aber sie ist hier hängengeblieben.”

Im Jahr 1974 holt sie ihren Mann nach.

Die junge Familie ist wieder vereint, in Hamburg, wo Toprak auch den Kindergarten besucht. “Die Spielplätze waren viel besser ausgestattet als in der Türkei”, erinnert er sich. “Und es gab so viele Süßigkeiten. Gummibärchen zum Beispiel, die man in der Türkei erst viele Jahre später bekommen hat.”

 

Toprak lebt sich ein. Doch bald schicken ihn seine Eltern wieder nach Ankara. Denn noch sind sie sich sicher, nicht langfristig in Deutschland zu bleiben. Die erste Klasse besucht der heutige CDU-Politiker also in der türkischen Hauptstadt, die zweite wieder in Hamburg, die dritte in Ankara.

“Es ging immer hin und her, ich wurde weggeschickt und dann wieder vermisst und zurückgeholt. Das waren keine einfachen Zeiten”, sagt Toprak.

In der Türkei lebt er bei seiner Oma und seinen Tanten. “Trotz allem waren es schöne Erinnerungen. Es war ein Abenteuer.”

Die Türkei gleicht einem Bürgerkriegsland

Während die Studentenproteste der End-60er-Jahre in Deutschland längst abkühlen, erlebt die Türkei in den 1970er-Jahren wüste Ausschreitungen zwischen rechten und linken Studentengruppen.

  • Türkei 1971: Es kommt zum vierten versuchten und ersten erfolgreichen Militärputsch in der jungen Geschichte der Türkischen Republik. Politisch ist das Land instabiler denn je. Die kommenden Jahre werden beherrscht durch blutige Kämpfe zwischen Nationalisten und Linksextremisten.
  • Deutschland 1971: Willy Brandt bekommt den Friedensnobelpreis für seine Ostpolitik. BRD und DDR unterzeichnen das erste Transitabkommen. Im Magazin “Stern” bekennen sich über 300 Frauen dazu, abgetrieben zu haben.  

Toprak ist als Kind unfreiwillig ganz nah dran. Immer dann, wenn er gerade in Ankara bei seiner Großmutter lebt. 

“Ich erinnere mich noch, wir haben Fußball gespielt – und auf einmal wurde geschossen. Es war wie in einem Western-Film”, sagt er.

Mehr als 5000 Menschen sterben landesweit in den Ausschreitungen, die Wirtschaft bricht ein, die Türkei steht vor dem Staatsbankrott. “Es waren bürgerkriegsähnliche Zustände”, sagt Toprak.

Einmal ist der Krieg für ihn besonders nah.

Ankara. Toprak und seine Tanten sitzen beim Essen, als es plötzlich laut knallt. Unter ihnen, nur wenige Häuser weiter, geht eine Bombe in einem Tante-Emma-Laden hoch. 

Was ihn die Türkei über Deutschland lehrt

Auch diese Erlebnisse sind der Grund, warum Toprak sich schnell mit Deutschland identifiziert.

Der HuffPost sagt er: “Ich habe als Kind Deutschland und die Türkei miterlebt und schnell verstanden, dass Demokratie und Freiheit keine Selbstverständlichkeit sind.”

Wie die Bundesrepublik mit ihrem dunkelsten Kapitel, der NS-Zeit, umgegangen sei, den Weg, den das Land eingeschlagen habe, habe ihn beeindruckt. “Ich habe mich früh mit diesem Land identifiziert und gemerkt, was hier so kostbar ist.”

Es sind Erfahrungen, die Topraks Arbeit noch heute prägen. Wie kaum ein anderer in Deutschland warnt der Kurden-Vertreter vor den autoritären Zügen der türkischen Politik unter Recep Tayyip Erdogan.

Die große Bundespolitik

In den 1980er-Jahre nehmen Topraks Eltern ihn zum ersten Mal auf Demonstrationen mit. Gegen Pershing-Raketen, den Nato-Doppelbeschluss, die militärische Aufrüstung.

Bald engagiert er sich selbst, hält Vorträge über Kurden, Demokratie in der Türkei, organisiert Demonstrationen gegen Neonazis. In Recklinghausen wird er erst in den Ausländerrat, dann in den Stadtrat gewählt.

Für Grünen-Politiker Cem Özdemir arbeitet Toprak 1998 im Bundestag – es sind die letzten Tage der Bonner Republik. Kanzler wird in diesem Jahr wieder ein Sozialdemokrat: Gerhard Schröder.

(sk)

1970 bis 1979