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16/12/2018 20:15 CET | Aktualisiert 16/12/2018 23:07 CET

Ali Can: "Täglich überfluten mich Fremde mit Hass – trotzdem spreche ich mit ihnen"

Wir müssen nicht alle derselben Meinung sein, aber wir müssen anfangen, einander zu respektieren und uns nicht mehr gegenseitig zu beschimpfen.

Ali Can
Ali Can in seinem Büro im VielRespektZentrum in Essen.

Ali Can ist im Südosten der Türkei geboren. Weil er und seine Familie Kurden und Aleviten sind – eine Minderheit in der Türkei – wurden sie damals politisch und gesellschaftlich unterdrückt. Als Asylsuchender kam Can dann 1995 mit seiner Familie nach Deutschland. Der heute 24-Jährige hat eine Hotline für besorgte Bürger ins Leben gerufen, in Essen das “VielRespektZentrum” mitgegründet und ist Initiator von #MeTwo. Mit dem Hashtag hat er eine Debatte über Alltagsrassismus in Deutschland ausgelöst. 

In der HuffPost schreibt er nun darüber, wie er fast täglich Hass und Rassismus erlebt – und warum er trotzdem mit diesen Menschen redet und damit Tausenden Mut macht.

Seitdem ich meine Hotline für besorgte Bürger im Herbst 2016 gestartet habe und sie bundesweit bekannt wurde, habe ich zahllose E-Mails erhalten von Menschen, die meinen Ansatz gut finden und etwas Ähnliches aufbauen wollen, oder sich davon Inspiration für Gespräche mit Familie und Freunden geholt haben.

Als jemand, der für Vielfalt und Respekt und eine offene Gesellschaft steht, habe ich natürlich  auch E-Mails bekommen, in denen Menschen schreiben, dass ich für sie kein Deutscher bin, sie mich als Kanake oder Scheiß-Türke beschimpfen und mir sagen, ich solle aus Deutschland verschwinden.

Via Mails traf mich dennoch mengenmäßig glücklicherweise nicht allzu viel Hass. Doch was mich komplett erschlagen hat und noch immer schockiert, sind die zahllosen zynischen, fremdenfeindlichen, rassistischen Nachrichten, die ich auf Twitter erhalte.

Ich kann es gar nicht in Worte fassen, wie extrem es sich anfühlt, wenn man versucht mit seiner Arbeit Menschenrechte zu verteidigen – und dann genau aus diesem Grund die größte Zielscheibe eines Landes für Migrationskritiker, Rechtspopulisten und Rechtsradikale geworden ist.

Auf Twitter bin ich mit #metwo Menschen auf der ganzen Welt bekannt geworden. Aber vor allem in Deutschland hat das zwei Monate lang zu sehr kontroversen Debatten geführt.

Hass ist blind

Dadurch wurde ich zur symbolischen Stimme stellvertretend für alle Menschen, die in Deutschland leben und in irgendeiner Form eine Migrationsgeschichte haben.

Ich kann es gar nicht in Worte fassen, wie extrem es sich anfühlt, wenn man versucht, mit seiner Arbeit Menschenrechte zu verteidigen – für geflüchtete Migranten, für Muslime und für all jene, die zur Zielscheibe von Rechten werden – und dann genau aus diesem Grund die größte Zielscheibe eines Landes für Migrationskritiker, Rechtspopulisten und Rechtsradikale wird.

Hass ist blind.

Einerseits war mein Hashtag ein Erfolg, ein Erfolg für alle, die in ihrem Leben irgendwann einmal Diskriminierung und Rassismus erleben mussten und mindestens zwei Herzen in ihrer Brust tragen.

Ich versuche den ganzen Hass als Bestätigung dafür zu sehen, dass das, was ich tue, wichtig ist.

Andererseits hat sich mein Leben seitdem komplett verändert. Sobald ich mich in sozialen Medien zu irgendetwas äußere und meine Meinung teile, schlägt mir Hass entgegen. Ich bekomme hunderte Nachrichten von fremdenfeindlichen und nicht wohl gesonnenen Menschen, die mir Böses wollen, mich nicht haben wollen.

Der Hass, der mir entgegenschlägt, ist sehr stark

Das ist eben die Kehrseite von Aktivismus und manchmal frage ich mich selbst, wie ich es noch schaffe, positiv zu bleiben.

Doch eigentlich ist die Antwort ganz einfach: Ich finde, niemand darf sich einschüchtern lassen. Stattdessen versuche ich den ganzen Hass als Bestätigung dafür zu sehen, dass das, was ich tue, wichtig ist.

Sobald du etwas ganz laut in die Welt hinein rufst und dich für etwas engagierst, dann gibt es eben auch Leute, die dagegen sind.

Denn ich polarisiere mit meiner Arbeit und empfinde sie genau deshalb als so wichtig. Ich bin für etwas, stehe für etwas ein, das ich mit vielen Menschen teile, das viele Menschen betrifft und womit ich viele Menschen erreiche.

Wenn es dann auch diejenigen gibt, denen nicht gefällt, was ich sage und sie das kundtun, zeigt das, dass da viel Bewegung und Leben drin ist.

Trotzdem: Der Hass und die Diffamierung, die mir entgegenschlagen, sind sehr stark. Ich glaube, ohne meinen festen Willen, meinen starken Glaubenssatz, dass ich mich aktiv für eine offene Gesellschaft engagieren will, die Gesellschaft verändern und zu einem vielfältigen, respektvollen zwischenmenschlichen Umgang bringen will, würde ich es nicht schaffen.

Und auch nicht ohne die vielen Menschen, die mich bei meiner Arbeit unterstützen – in Essen, in Gießen, aber auch in den Medien, der Politik und durch all jene, die #metwo als eine Emanzipation, einen Startschuss für mehr Gleichberechtigung und gleiche Chancen für Menschen mit Migrationshintergrund verstehen.

Leider sind soziale Medien ein Ort gehässiger Meinungen, falscher Informationen und Stimmungsmache geworden, der durch Algorithmen verzerrt wird.

Aber soziale Medien sind auch ein Ort der Meinungsbildung geworden. Und auch ein Ort, an dem sich Menschen begegnen und voneinander lernen können.

Wenn ich für einen Dialog mit besorgten Bürgern und gleichzeitig für eine Differenzierung zwischen Bürgern plädiere, die grundlos Menschen abstempeln und im Internet radikalisieren, versuche ich mit meiner Dialogbereitschaft die Grundlage für eine Streitkultur zu legen. Denn nur so können Menschenrechte gut verteidigt werden.

Erst wer selbst erfahren hat, wie inspirierend Dialog – auch mit Menschen anderer Gesinnung – sein kann, begreift, welche Bereicherung es für uns Menschen ist, wenn wir aufhören würden, uns mit Vorurteilen zu begegnen.

Das heißt für mich, für Freundschaften zwischen Menschen und für einen aufrichtigen Umgang miteinander zu werben.

Ich glaube, wir Menschen sind so gestrickt, dass es den direkten Kontakt untereinander braucht, um Freundschaften zu pflegen, zu lieben, aber auch um einander Anerkennung und Respekt zollen zu können.

Erst wer selbst erfahren hat, wie inspirierend Dialog – auch mit Menschen anderer Gesinnung – sein kann, begreift, welche Bereicherung es für uns Menschen ist, wenn wir aufhören würden, uns mit Vorurteilen zu begegnen.

Ich trete in Kontakt mit Menschen, die mich hassen – ihr solltet dasselbe tun

Es herrschen hunderte Kriege und bewaffnete Konflikte auf der Welt. Doch wir Menschen sind in der Lage zu reflektieren. Und das will ich fördern – mit Dialog und der Macht von Sprache. Sprache ist mächtig. Wir können sie dazu nutzen, uns ins Verderben zu stürzen – aber auch, um ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen.

Würden wir so viel Geld für Friedensmittel ausgeben wie für Waffen, sähe die Welt ganz anders aus. Angenommen, wir würden all das Geld in Begegnungsstätten stecken und alle würden begreifen, wie kostbar es ist, sich Dinge mit Fremden zu teilen, mit ihnen zusammenzuleben. Dann würde die Welt anders aussehen.

Für mich ist das Leben in Deutschland geprägt durch Kontakt, Gefühle und Erlebniswelten, die wir alle teilen. Und deshalb glaube ich, dass ein Gemeinschaftsgefühl so unglaublich wichtig ist, deshalb trete ich in den Dialog mit Menschen, die mich hassen und will euch den Mut geben, dasselbe zu tun.

Wir müssen streiten – aber mit Respekt

Wir brauchen dringend eine gemeinsame Grundlage, eine gemeinsame Basis in Deutschland. Deshalb habe ich die Hotline für besorgte Bürger gegründet, um Bereitschaft zu zeigen, diese Schwelle zu übertreten.

Wir müssen streiten. Aber was bedeutet das? Soll ich jetzt bei meinem Feind an der Haustür klingeln, ihm auf Facebook schreiben? 

Alle reden davon, dass man miteinander reden soll. Doch wo? 100 unterschiedliche Menschen bringen 100 unterschiedliche Umgangsweisen mit und wo sollen die sich sehen?

Für mich bedeutet es vor allem eins: Wir müssen einander zunächst einmal mit Respekt begegnen. Das ist das Ziel der Hotline für besorgte Bürger und auch vom VielRespektZentrum in Essen, das ich gemeinsam mit meinem guten Freund Reinhard Wiesemann gründe.

Trotz des Hasses in der Welt glaube ich, dass in einem eigens dafür gegründeten Ort Vielfalt gelingen und Respekt gelebt werden kann. Das VielRespektZentrum ist Deutschlands erstes Zentrum für Respekt mit dafür eigens geschaffenen Räumen. Dort können Menschen gemeinsam lernen, Arbeit, sich verstehen und achten lernen.

Sprache und Dialog lösen Probleme und Konflikte, Hass und Gewalt hingegen machen alles nur schlimmer.

Ich bin überzeugt, dass Menschen in der direkten Begegnung nicht so gehässig zueinander sein werden, sondern mit allen Sinnen erleben, wie gut es tut, sich wohlgesonnen zu verhalten. So kommt jeder an sein Ziel.

Habt Respekt füreinander und fangt an, einander zuzuhören

Niemand, der ins VielRepsektZentrum kommt, wird abgestempelt. Wir schaffen einen gemeinsamen Rahmen und dann reden wir, streiten wir, tauschen uns aus, versuchen nicht abzublocken, auch wenn uns nicht gefällt, was der Gegenüber sagt.

Und genau dafür will ich euch alle ermutigen. Habt Respekt füreinander und fangt an, einander zuzuhören. Wir müssen nicht alle derselben Meinung sein, aber wir müssen anfangen, einander zu respektieren und uns nicht mehr gegenseitig zu beschimpfen.

Sprache und Dialog lösen Probleme und Konflikte, Hass und Gewalt hingegen machen alles nur schlimmer.

Ich will niemanden von meiner Meinung überzeugen, sondern von friedlichen Rahmenbedingungen für ein gemeinsames Leben in einer pluralistischen Gesellschaft, in der es eine hohe Meinungsvielfalt gibt.

Wenn wir denselben Boden fühlen, die gleichen Regeln haben, werden wir uns austauschen, befruchten und verändern. Wenn nicht jetzt, dann irgendwann später. Denn die Welt ist – so ist das Naturgesetz der Menschen – stets im Wandel.

Der Artikel basiert auf einem Gespräch zwischen Ali Can und Uschi Jonas.

HuffPost

Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier.