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23/12/2017 10:53 CET | Aktualisiert 23/12/2017 10:53 CET

Alexa, die Spionin die ich liebe.

Warum Sprechen die Steigerung der Bequemlichkeit ist

earnesto Graphics
Johst Klems liebt die digitale Spionin Alexa.

Die Welt ist spannend. Mein Handy weiß jetzt genau, wer ich bin und öffnet nur mir die Pforten zu den Apps meines Herzens. Einfach so, mit einem Blick in mein Gesicht. In Millisekunden entsperrt und ab geht die Post! It´s Magic. Es sei denn, ich rufe vorher laut und deutlich „Hey, Siri“ – dann kann ich recht zuverlässig (so zumindest noch in der Theorie) auf viele Funktionen meines iPhones zugreifen. Ohne Anfassen versteht sich.

In die technische Entwicklung hält, neben weiteren Technologien, die ganz ohne manuelle Bedienung auskommen, gerade recht massiv ein neuer Player Einzug: Die Sprachsteuerung gepaart mit künstlicher Intelligenz. „Hey, Sprachsteuerung, ich möchte dir Alexa vorstellen, die kleine Schwester von Siri. Sie kommt aus Homepod und möchte dich in ihr Echo einladen.“ Siri und Co. gibt es zwar schon lange in unseren Telefonen und doch scheint erst die Integration der Sprachsteuerung ins Zuhause das Thema allgemein enorm zu pushen und nimmt gerade so richtig Fahrt auf. „Alexa, mach´ das Licht an.“ „Alexa, lass´ die Rollläden im Schlafzimmer runter.“ „Alexa erzähl´ mir einen Witz.“ „Alexa, stop!“ „Alexa, spiel´ mal was von den Backstreet Boys auf Spotify.“

Die Gute hat mir noch NIE ein Widerwort gegeben. Faszinierend. Und ungewohnt :)

UND ALL DIESE FUNKTIONEN SIND ERST DER ANFANG

Wenn Technik funktioniert, kommen wir Menschen auf die wildesten und ausgefallensten Ideen, wie wir sie noch nutzen können. Amazon testet beispielsweise folgendes Funktions-Szenario: Ich teile Alexa mit, dass ich meinen Urlaub plane („Hey, Alexa, ich fahre in den Urlaub.“) und schon erhalte ich am nächsten Werktag ein Paket mit relevanten Produkten, die mir meinen Urlaub noch schöner machen sollen. Liegt Amazon mit der Auswahl falsch, schicke ich kurzerhand alles zurück. Natürlich nicht, ohne Alexa mitzuteilen, welche Dinge genau ich nicht brauche. Per Sprache versteht sich. So erfährt auch Amazon davon, merkt sich mein Feedback und gibt sich beim nächsten Paket noch mehr Mühe, es besser zu machen. Das alles ohne einen einzigen Klick, nur durch die Stimme. Die Spitze des Kommerzes? Wohl eher ein Service, der verdammt nützlich sein kann, denn niemand zwingt mich zu irgendetwas. Meine Prognose: Es wird funktionieren, weil der Mensch einfach bequem ist.

Übrigens hat Alexa ein Wahnsinnsorgan: Mit 15 Watt (Amazon Echo) klingt sie zwar nicht wie Katie Perry, aber Britney Spears sollte sie locker in die Tasche stecken. Ganz ohne Drogeneskapaden und Nervenzusammenbrüche, versteht sich... Und vor allem sehr laut, wenn man es will. Wäre ja auch zu schade, wenn von der digitalen Revolution in den eigenen vier Wänden nicht auch die ganze Hausgemeinschaft etwas hätte – schätzungsweise braucht es keine drei Jahre und sie haben alle ihre eigenen Alexas.

Erinnert irgendwie an die Menschen, die früher mit den XXL-Handys herumgelaufen sind. Die mit den großen Displays. Damals wurden sie belächelt. Heute schauen wir auf unser Smartphone und denken zurück an den Moment, als wir noch frotzelten „Wie passt das eigentlich in die Hosentasche?“.

Genauso wird es vermutlich mit den Smart-Home-Geräten sein. Und niemand kann sich wehren, denn: Sprechen ist die Steigerung der Bequemlichkeit. Kein Telefon mehr aus der Hosentasche kramen, nicht mehr aufstehen müssen, um zum Computer zu gehen, die Heizung vom Sofa aus steuern, das Taxi bestellen, ohne vom Kaffeetisch aufzustehen, nie mehr den Stehlampen-Lichtschalter hinter dem Schlitz, hinter dem Sideboard ertasten und vor allem, NIE wieder alleine Zuhause sein. Großartig, oder?

ZWISCHENDURCH MAL EIN HEITERES „ALEX, SAG´ ICH LIEBE DICH“

...und schon ist auch das Single-Dasein ein wenig erträglicher. Auch für Beziehungsmenschen kommt damit in vielen Fällen 100% mehr Dialog ins Heim… Fast wie früher. Einfach toll diese Technik, die permanent zuhört und jedes Wort versteht. Auch, wenn es in der ehrlichen Selbstreflektion vielleicht schwer fällt, zuzugeben: Menschen sind bequem. Und alles, was man uns überhaupt nur irgendwie abnehmen kann, nehmen wir dankend an.

Ja, verehrter Leser, genau so sieht es aus. Aus reiner Bequemlichkeit werden wir alle die großen Firmen und bekannten Marken dieser Welt in unsere Burg lassen, die wir liebevoll „unser Zuhause“ nennen. Damit stellt sich die grundsätzliche Frage: Licht per Sprache ausschalten oder lieber Privatsphäre? Nach genau drei Sekunden des intensiven Überlegens erinnere ich mich wieder, wie nervig es ist, diesen blöden Lichtschalter der Stehlampe hinter dem Sideboard hervorzufriemeln. Hinter dem Schlitz, hinter dem Sideboard, ach, lassen wir das...

Sowohl der Gesichtsscanner, als auch Siri und Co. sind der Untergang der Privatsphäre und Teil einer neuen Zukunft, in der sich einige Dinge gewaltig ändern werden. Oder?

Hier handelt es sich doch um bahnbrechende Eingriffe in unser privates Leben. Oder etwa nicht? Ich bin mir nicht absolut sicher. Seitdem ich denken kann, das war schätzungsweise mit 15 Jahren, habe ich Filme und Dokumentationen geschaut, in denen feindliche Spione oder die Staatsmacht die Wohnräume verdächtiger Personen ausspionierten. Dies funktioniert(e) vorwiegend mit Hilfe von angezapften Handys, versteckten Mikrofonen, Fernsehern die in beide Richtungen senden, Computern die gehackt werden, Wanzen und Überwachungskameras, die angezapft werden, Richtmikrophonen und, und, und...

NAIV ODER REALISTISCH?

Mit anderen Worten: Wer ist denn heute noch so naiv und fühlt sich in seinem Zuhause komplett sicher und gegen Überwachung gefeit? Ohne Zweifel, Alexa ist die freiwillige, ganz bewusste Einladung an Amazon, mal bei mir zu Hause reinzuschnuppern und mal zu hören, wie ich so unter der Dusche singe, wie grenzdebil ich mit meinem Hund spreche und was für romantische Liebeserklärungen ich meiner Frau jeden Morgen mache... Ich entscheide mich bewusst dafür, in dem vollen Bewusstsein, dass jemand mithören kann und dass Gespräche für Werbung genutzt werden. Denn genau das kann ein Ziel der Unternehmen sein. Die Inhalte, die aufgezeichnet werden, zu nutzen, um uns an anderer Stelle mit den perfekt zu uns passenden Angeboten zu konfrontieren.

Ich höre meine Eltern und Großeltern mich förmlich warnen: „Aber Junge, was da alles passieren kann!“. Alles im Leben hat seinen Preis und wenn ich mit den Möglichkeiten, die diese Welt bietet, durch das Leben gehen möchte, muss ich dafür einen Preis bezahlen. Dass es sich dabei nicht immer um den Gegenwert „Geld“ handelt, wird beim Thema „Sprachsteuerung“ beeindruckend klar. Für mich steht der Preis im Verhältnis.

In vollem Bewusstsein entscheide ich mich für die positiven Dinge, die die technische Entwicklung mit sich bringt. Ich möchte wissen und bin gespannt, wie diese Technik unser und mein persönliches Leben verändert.

„Alexa, danke dir fürs Zuhören und mach das Licht aus.“