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07/03/2019 23:48 CET | Aktualisiert 08/03/2019 09:48 CET

Aktivistin: "Die Periode ist politisch – Zeit, das Tabu zu brechen"

Wir schämen uns für einen vermeintlichen "Fehler", der keiner ist.

LoulouVonGlup via Getty Images
Die Menstruation der Frau sollte kein Tabu-Thema sein.

Franka Frei wollte 2018 ihre Bachelorarbeit über das “Tabuthema” Menstruation verfassen. Bei der Themenwahl wurden ihr durch Professoren Steine in den Weg gelegt. Nach der Veröffentlichung schrieb sie einen Post auf Facebook, der viral ging. Heute setzt sie sich dafür ein, dass die Periode nicht mehr als Tabu-Thema gelten sollte.

Menstruation! Menstruation! Menstruation! 

Wir haben gelernt, “darüber spricht man nicht”. Die Werbung macht sie “unsichtbar”, verfälscht sie auf absurdeste Weise und bringt uns bei, dass sie eine Last ist.  

Doch: Wir können es nicht leugnen. Die Periode existiert. Sie ist direkte Realität für die Hälfte der Menschheit.  

Weltweit menstruieren ungefähr 330 Millionen Frauen und Mädchen – alleine in diesem Moment. Und by the way, ohne den Menstruationszyklus gäbe es uns alle nicht. 

“Das Thema geht so gar nicht, sorry”

Doch als ich im Frühjahr 2018 das erste Exposé für meine Bachelorarbeit zum Thema “Tabuthema Menstruation in den Medien” verschickte, waren die Reaktionen von Seiten meiner Hochschule eher ernüchternd. 

Von den angefragten Professoren und Professorinnen (an meiner damaligen Hochschule bis zum heutigen Zeitpunkt zu über 90 Prozent männlich) bekam ich auf mein erstes Exposé entweder eine knappe, unpersönliche Absage oder erhielt überhaupt keine Antwort.

Die einzige weibliche angefragte Prüferin schrieb mir, sie habe für das aktuelle Semester keine Kapazitäten mehr. In meiner Not kontaktierte ich die Koordination meiner Hochschule.

Die schrieb:

“Ich glaube nicht, dass Sie einen Prüfer zum Thema Menstruation finden, auch wenn Sie dieses politisch anwenden möchten […]. Ich sehe in Ihrem Thema keine Wissenschaftlichkeit beziehungsweise die Forschungslücke, in der Sie zum Einsatz kommen.”

Nach einigen Erklärungsversuchen meinerseits kam schließlich kurz und vernichtend: “Das Thema geht so gar nicht, sorry. Das ist eine Art ‘Tabuthema’.”  

Menstruation: ein “Fehler”, der keiner ist

Menstruation gilt als “Frauensache”– offenbar so sehr, dass viele selbst mit einem akademischen Zugang lieber so tun, als gäbe es sie gar nicht. 

Bei so viel “Unsichtbarkeit“ und “Freiheit” von der Periode, die uns in der Werbung als Ideal nahegelegt wird, scheint niemandem bewusst zu sein, dass Menstruation alles andere als “nicht der Rede wert” ist. 

Für die meisten sind die Tage mit Beschwerden verbunden, viele haben Krämpfe oder andere Leiden, dazu kommt Scham und Stigmatisierung. Menstruierende gelten als “unrein” oder ekelhaft, werden bis heute aufgrund dessen ausgegrenzt oder als fehlerhaft betrachtet.  

Während wir lernen, so zu tun, als gäbe es die Periode gar nicht, behindern uns negative Gefühle im Alltag. Mehrere Tage, jeden Monat sind von der Panik begleitet, durch einen roten Fleck in die Untiefen eines Peinlichkeitslochs zu fallen und sozial geächtet zu werden. 

Wir schämen uns für einen vermeintlichen “Fehler“, der keiner ist. Eine soziale Konstruktion. Mittlerweile ist klar, dass Fehlzeiten in der Schule und gesundheitliche Themen in direkter Verbindung mit dem globalen Menstruationsstigma stehen – und das nicht nur in Regionen, die gerne als “dritte Welt” zusammengefasst werden.

Auch im “aufgeklärten” Deutschland fühlt sich die Hälfte der Frauen in sozialen Situationen unwohl. 16 Prozent geben an, deswegen schon mal den Unterricht, die Arbeit oder eine Veranstaltung verpasst zu haben. 

Dazu kommt: Auch ökologische Aspekte werden gerne verschleiert. Im Jahr 2018 war jedes fünfte Produkt, das an Küsten an Land gespült wurde, ein Tampon oder eine Binde. Dabei sind wiederverwendbare Alternativen wie die Menstruationstasse keine Erfindung veganer Hipster der 2010er Jahre. Der erste “Moon Cup” wurde 1937 entwickelt – fast zeitgleich mit dem Tampon. Was fehlt ist Aufklärung, Forschung und ein “normaler” Umgang mit dem Thema – weltweit und bis heute. 

Ein Facebook-Beitrag über die Periode: 42.000 Reaktionen

Deshalb war das Thema meiner Bachelorarbeit mehr als wichtig. Letztendlich konnte ich sie schreiben (die einzige weibliche angefragte Prüferin erklärte sich bereit, mich trotz geringer Kapazitäten zu betreuen) – nach mehreren Monaten in der Bibliothek, in der mir die Relevanz des Themas förmlich ins Gesicht sprang, schloss ich die Verteidigung der Arbeit erfolgreich ab. 

Und wie man das halt so macht, wenn man Redebedarf hat, schrieb ich hinterher einen 750 Wörter langen Beitrag über meine Bachelorarbeit und das Menstruationstabu, akademische Hürden sowie Probleme im Bezug auf den Umgang mit der Periode im globalen Kontext auf Facebook. 

 

Was ich nie geahnt hätte: Der Beitrag ging viral. Zum heutigen Zeitpunkt zählt der Post mehr als 42.000 Reaktionen und knapp 5000 Kommentare – eine englische Übersetzung wurde sogar über 15.000 Mal geteilt. 

Innerhalb weniger Wochen erreichten mich neben unzähligen Nachrichten aus Deutschland weitere hunderte aus anderen Ländern wie den USA, Australien, Pakistan, Indien, Brasilien, Südafrika und Nepal. Viele Menschen berichteten von mit der Periode einhergehenden Beschwerden, Scham, Ausgrenzung, Verletzungen der Würde und unzureichender Versorgung von Monatsprodukten.

Das sind Probleme, die dazu führen, dass weltweit Tausende Frauen und Mädchen daran gehindert werden, ihrem Alltag nachzugehen, den Unterricht zu besuchen oder zu arbeiten. 

Zeit, das Tabu in die Tonne zu kloppen

Menstruation – so “unsichtbar” wie sie uns gemacht wird – existiert.  

Sie macht weder Halt vor Herkunft, Religion noch “Klasse”, ist weltweit mit Schmerzen und Scham verbunden. Das Stigma und die Tabuisierung dessen, was kein Fehler ist, sondern für körperliche Gesundheit steht, steht uns in so vielen Bereichen im Weg.  

Wir müssen aufhören, uns für unsere Körper zu schämen und uns einreden zu lassen, dass Menstruation ein Makel ist.  

An alle Menschen mit Menstruationshintergrund weltweit: Vereinigt euch! Die Periode ist politisch – Zeit, das Tabu in die Tonne zu kloppen. 

Auch wenn das manchen peinlich ist: Alle. Frauen. Bluten.

Get over it.

Die Bachelorarbeit zum Thema: “Die Enttabuisierung eines Themas in Gesellschaft und Medien am Beispiel Menstruation” könnt ihr hier kostenlos lesen. 

Dieser Text ist im Original von Franka Frei (*Name geändert) und wurde von Nicole Rabicki verändert und angepasst.

(ak)