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23/02/2018 16:23 CET | Aktualisiert 23/02/2018 16:23 CET

Agilität: Das Ende der Augenhöhe naht – aber was folgt, ist nur scheinbar ganz anders

Alle wollen agiler werden. Es geht um Innovation, Schnelligkeit, Überleben in der Digitalisierung. Einem Teil der Szene ist auch Menschlichkeit wichtig. So vermischen sich Gedanken aus dem Lean-Umfeld lustig mit Ideen aus der New-Work-Szene und Frameworks aus dem Umfeld der Softwareentwicklung. Auf der organisationalen Ebene schwimmen Netzwerkgedanken, Schwarmintelligenz und Bürokratie 3.0 nebeneinander auf der Agilitätswelle. Sie haben wenig bis nichts miteinander zu tun. Und das führt zu Missverständnissen und einem zunehmenden Zynismus im Umgang mit dem Begriff.

Das Problem beginnt also schon beim Agilitätsverständnis.

Agiliität - was ist das eigentlich? Wovon sprechen wir genau, wenn wir „Agile Führung“ sagen? Kaum jemand, der nach Agilität ruft, ist das wirklich klar. Einigen wir uns hier auf einen minimalen Nenner, so ist Agilität einfach Anpassungsfähigkeit oder auch Beweglichkeit. Doch beweglicher werden? Das ist zu abstrakt. Also sucht man nach Methoden und Techniken und der Goldenen Regel. Es werden Konzepte und Ideen aus dem Zusammenhang gerissen und ins das vorhandene System gepresst.

Dann backen wir doch mal eine agile Rolle

So macht man aus Positionen und Funktionen Rollen. Der Bereichsleiter wird beispielsweise zum Berater, behält aber seinen Status wie bisher bei. Die Teams bleiben sich selbst überlassen, das nennt man Selbstorganisation. Wie zuvor wird Druck gemacht „werdet kreativer“ und auch die KPIs ändern sich nicht. Ein Kanban-Board wird angeschafft und bunte Zettel geklebt. Bald ist die Anfangseuphorie weg und die Mitarbeiter sind frustriert. Mehr Innovationen? Fehlanzeige. Schneller? Auch nicht. Nicht mal kostengünstiger ist das Ganze. Zufriedene Mitarbeiter kriegt man so auch nicht. Und Ego-Karrieristen setzen sich weiter durch, sie sind halt anpassungsfähig und verstehen es, die richtigen Begriffe zu verwenden, um weiterzukommen.

Was, es gibt gar keine ultimative Methode?

Halte ich Vorträge zu diesem Thema, kommt eine Frage immer auf: die nach den Methoden.

Wie genau muss ich es denn machen? Wo ist die Anleitung? Die gibt es zwar, aber sie sind nicht neu. Neu ist das Denken oder es könnte neu sein. Das verstehen aber viele nicht.

Das führt bei denen zu Enttäuschung, die ohnehin schon Schwierigkeiten haben, sich ohne Anleitung auf etwas Neues einzulassen. Dass es viele solcher Menschen gibt, ist kein Wunder: Unser Bildungssystem und auch die bisherige Arbeitswelt hat mit den Experten genau das Mindset ausgebildet, das wir in einem sich schnell ändernden, unüberschaubaren Umfeld nicht mehr brauchen: Die Person, die alles auf einem Fachgebiet weiß und „richtige“ Antworten geben kann. Das passte gut für komplizierte Umfelder, für komplexe nicht. So ein Mindset ändert man nicht mal eben in einem Workshop.

Erst recht nicht, wenn die Führungsebene mit solchem Mindset führt. Jahrzehntelang wurden vor allem kompetente Fachleute befördert, nicht gute Menschenführer.

Wo ich auch hinschaue, überall ist es das bisherige Führungspersonal, das Agilität vorantreibt. Mit dem gleichen Schwarz-Weiß-Denken, das sie gewohnt sind, nur anderen Inhalten. Den gewünschten Erfolg wird das nicht bringen.

Key Note Speaker und Buchautoren sollten sich in Stellung bringen. Ich denke, das nächste große Ding hat mit starker Führung zu tun. Und dem Ende von Augenhöhe.