POLITIK
15/01/2018 13:46 CET

Erdogan und Trump prallen in Syrien aufeinander – Experte warnt vor Katastrophe

Der Krieg mit den Kurden könnte auch in die Türkei überschwappen.

SOPA Images via Getty Images
Syrische SDF-Einheiten in Rakka.
  • Die USA unterstützen im Norden Syriens die Kurdengruppe YPG beim Aufbau einer “Grenzschutzarmee”
  • Die Türkei bereitet in der Region derweil einen Angriff auf die Kurden vor

Weitgehend unbemerkt bahnt sich in Syrien ein neuer Großkonflikt an. 

Der Schauplatz: Afrin im Norden des Landes.

Seit jeher stellen Kurden hier die Bevölkerungsmehrheit, seit dem syrischen Bürgerkrieg kontrolliert die kurdische Partei PYD die Region. Rund 700.000 Menschen sollen hier mittlerweile leben.

Etwa jeder Zweite kam als Flüchtling in die lange vergleichsweise sichere Region, viele aus Aleppo. Doch die Zeit, in der Afrin ein geschützter Rückzugsort für die syrischen Kurden war, ist vorbei. 

► Türkische Streitkräfte stehen nach Angaben von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan unmittelbar vor einer großen Operation gegen die YPG, den bewaffneten Arm der PYD.

► Zugleich hat die US-Regierung von Präsident Donald Trump Berichten zufolge beschlossen, eine neue Grenztruppe mit den Kurden in der Region aufbauen zu wollen.

Die Offensive, die Erdogan plant, könnte so nicht nur für die Menschen in Afrin verheerend werden.

Syrien-Experte Ömer Özkizilcik von der türkischen Middle East Foundation sagte der HuffPost: “Die USA haben mit ihrer Unterstützung für die YPG eine gefährliche Grundlage geschaffen, die weit größere Krisen zur Folge haben kann als die aktuelle Syrien-Krise.”

USA gießen Öl ins Feuer

Was Özkizilcik meint: Die Unterstützung der US-Amerikaner für die Kurden im Grenzgebiet zur Türkei könnte die kurdische Terrormiliz PKK stärken.

Ein Konflikt mit den Kurden wäre katastrophal für die gesamte Welt. Ömer Özkizilcik

“Die PKK würde sehr gerne den Krieg in die Türkei ausweiten. Auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist, wäre ein Bürgerkrieg innerhalb der Türkei katastrophal für die gesamte Welt”, sagt der Experte.

Der Schritt der US-Regierung, eine neue Kurden-Einheit in der umkämpften Region zu fördern, wurde am Mittwoch überraschend bekannt. Zuletzt hatte Donald Trump mehrfach erklärt, die US-Unterstützung für die Kurden nach dem vermeintlichen Sieg über den IS deutlich zurückfahren zu wollen.

Mehr zum Thema: Erdogan schwört die Türken auf einen Krieg ein – und zeigt in Syrien, dass er zu allem bereit ist

Kurden warnen vor Krieg gegen Zivilsiten

Die Nachricht kommt zu einem brisanten Zeitpunkt. 

Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete, am Samstag und Sonntag hätten die türkischen Streitkräfte an der Grenze zu Syrien Gebiete unter Kontrolle der YPG mit Artillerie beschossen. Am Samstag hatte Erdogan die YPG zur Kapitulation aufgefordert und gedroht, sie andernfalls innerhalb von “weniger als einer Woche” zu vernichten.

Die AKP-Regierung will für Chaos sorgen und die YPG auseinander reißen. Hevi Mustafa

Der ehemalige Vize-Vorsitzende der PYD Salih Muslim Muhammad berichtete jedoch, die Türkei habe einzig und allein die Zivilbevölkerung mit ihren Geschützen attackiert.

“Die Türkei bombardiert keine Militär-Positionen, sondern zivile Gegenden”, schrieb er bei Twitter. Die Kurden könnten nichts tun, außer sich selbst und ihre Würde zu verteidigen.

Hevi Mustafa, Vorsitzende des Kantons Afrin, erklärte in einer Stellungnahme: “Wir wollen keinen Krieg, aber die AKP-Regierung nimmt unsere Aufrufe nicht ernst. (...) Sie wollen Afrin angreifen, um die Realität auf dem Boden zu ändern. Sie wollen hier für Chaos sorgen und die YPG auseinander reißen.”

Mustafa forderte Erdogan auf, zu beweisen, dass die Kurden vorhätten, die Türkei zu attackieren. Die Türkei rechtfertigt ihren Einsatz im Norden Syriens auch mit der Entstehung eines Rückzugsort für kurdische Terroristen, die die Türkei ins Visier nehmen würden.

Kurden geben sich kampfbereit

Die YPG-Einheiten sind Teil der Demokratischen Kräfte Syriens, einem im Kampf gegen den IS von den USA unterstützten Dachverband. Die kurdische Mehrheit der Gruppe verfolgt in Syrien Autonomiepläne, die Washington jedoch bislang ablehnt.

Die Kurden werden als ein Ganzes aufbegehren. Es wird ein totaler Krieg. Saleh Moslem

Die neuen Spannungen in der Region Afrin könnten die kurdischen Gruppen weiter radikalisieren.

Saleh Moslem, ehemaliger Anführer der YPG und nun Politiker in der Kurdenregion Rojava, warnte laut der kurdischen Nachrichtenagentur Rudaw bereits am Samstag: “Das kurdische Volk wird als ein Ganzes aufbegehren. Es wird ein totaler Krieg.”

USA hat Kurden “bis an die Zähne bewaffnet” 

Experte Özkizilcik glaubt jedoch nicht an das kurdische Durchhaltevermögen.

Zwar habe die YPG seit Jahren viele Verteidigungsanlagen in der Region etabliert. “Nichtsdestotrotz sollten die Ziele an der Front nach einer Bombardierungswelle seitens Artillerie- und Panzerbeschuss ein leichtes Ziel für die von der Türkei unterstützten syrischen Rebelleneinheiten sein”, erklärt Özkizilcik.

Nachdem der Durchbruch an der Front gelingt, hänge der Verlauf der Ereignisse davon ab, “wie weit die Türkei vorrücken will”.

In der Nacht auf Montag verlegte die Türkei offenbar erneut mehrere Panzer in Richtung ihrer südlichen Grenze.

Der Erfolg der Offensive könne jedoch von Russland und eben den USA verhindert werden. Russland unterhalte in Afrin fünf Militärbasen, die YPG-Einheiten außerhalb von Afrin seien “seitens der USA bis an die Zähne bewaffnet”.

In einem solchen Szenario würden die USA faktisch einen Nato-Verbündeten angreifen. Ömer Özkizilcik

Sogar Angriffe über die türkische Grenze hinaus hält er für denkbar. “In einem solchen Szenario würde die USA faktisch einen NATO-Verbündeten innerhalb der eigenen Grenzen angreifen, was eine gewaltige Krise für die NATO wäre”, warnt Özkizilcik. 

Erdogan fürchtet Kurdenaufstand

Auch wenn das dieser Tage unwahrscheinlich scheint: Erdogan fürchtet auch in seinem eigenen Land einen Aufstand der Kurden. 

Seit mehr als zwei Jahren kommt es im Süden und Osten des Landes immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen der türkischen Armee und kurdischen Aktivisten. In mehreren Gegenden setzt das Militär mit Gewalt Ausgangssperren für Kurden durch, hunderte Zivilisten fielen dem militärischen Vorgehen zum Opfer.

Während sich die Kurden in Rojava, im Irak und zuletzt auch im Iran in verschiedenen Bewegungen emanzipieren, unterdrückt die AKP-Regierung jeden Wunsch auf Selbstgestaltung vehement.

In Afrin geht sie nun offenbar noch einen Schritt weiter. Sie will die Kurden zurückdrängen – zur Not auch auf Kosten eines Konfliktes mit den USA.

(ben)