POLITIK
30/07/2018 06:55 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 11:45 CEST

AfD warnt vor sexuellen Übergriffen in Freibädern – aber macht schweren Fehler

"Unsere Freibäder gehen vor die Hunde!"

  • Die AfD glaubt: Den deutschen Freibädern geht es schlecht – wegen der Flüchtlinge.
  • Die Zahlen sagen etwas anderes.
  • Im Video oben mehr zum Thema: Weltweit steigt die Zahl der Flüchtlinge – aber nicht in Deutschland.

Die AfD hat in den sozialen Netzwerken eine Zunahme der sexuellen Übergriffe in Freibädern beklagt. Diese sei Schuld, dass Bäder “trotz schönem Wetter Einbußen von bis zu 50 Prozent” zu verzeichnen hätten.

Die Rechtspopulisten beschuldigen Flüchtlinge, für die Situation verantwortlich zu sein. So verbreitete die Partei etwa bei Facebook unter dem Slogan “Unsere Freibäder gehen vor die Hunde”: 

“Die sogenannte ‘Willkommenskultur’ offenbart zunehmend ihre Schattenseiten. Denn wenn man hunderttausende Alleinstehende, oftmals aus frauenverachtenden ‘Kulturen’ stammende Männer ins Land lässt, müssen eben – wie so oft in letzter Zeit – die Schwächsten darunter leiden!”

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Das Problem: Ganz so einfach, wie es sich die AfD macht, ist die Situation – wieder einmal – nicht. 

Viele Freibäder machen Rekordumsatz

Denn: In vielen Gegenden Deutschlands steuern die Freibäder auf ein Rekordjahr hin. Das berichtete die “Bild” erst vor wenigen Tagen.

► Beispiel Köln: Dort seien in dieser Saison bereits 550.000 Besucher gezählt worden, im Rekordjahr 2013 waren es im ganzen Jahr 800.000. 

► Beispiel Leipzig: Hier kamen dieses Jahr schon 139.350 Gäste – im selben Zeitraum 2017 waren es nur 85.500 Besucher.

Statt dieses Gesamtbild zu betrachten, bezieht sich die AfD lieber auf den Fall eines Bades in Chemnitz. Über dieses hatte die “Bild” berichtet, dort seien zuletzt zwei Jugendliche begrabscht worden. Folge sei nun eine erhöhte Sicherheitspräsenz.

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Die Zeitung schrieb aber auch: In anderen Bädern der sächsischen Stadt habe es “noch keine derartigen Vorfälle gegeben”.

Keine erfasste Zunahme der Übergriffe

Ohnehin gibt es für die Zunahme der sexuellen Übergriffe in Bädern keine Belege – auch wenn besonders in rechten Kreisen jedes Jahr neu darüber spekuliert wird.

Die AfD schrieb deshalb nur vage: “Die Google-Suche nach ‘Im Bad angegrapscht’ erzielt weit über 20.000 Treffer.”

Eine schwache Argumentation, die wohl kaum als Beleg taugt – zumal die Google-Suche des Volltextes auch nur 7 Treffer ausspuckt.

Google

Sucht man nach ähnlichen Formulierungen kommt man ebenfalls nicht auf 20.000 sondern lediglich auf 15.000 Treffer.

In Bayern gibt es Zahlen

Mit ihrer Kampagne will die AfD bei der Landtagswahl in Bayern auf Stimmenfang gehen. 

Ausgerechnet in Bayern haben die Schwimmbäder im Zuge der Flüchtlingskrise 2016 jedoch bekanntgegeben, es gebe keine Zunahme der Übergriffe.

In München etwa habe sich die Zahl der Übergriffe in den vergangenen Jahren kaum verändert. Nach Angaben der Stadtwerke registrierte die Polizei im Jahr 2013 dort 19 Sexualdelikte, 2014 waren es 12, 2015 19. 

Die in der Polizeistatistik erfasste allgemeine Zunahme der Sexualstraftaten führen Experten auch auf die Verschärfung des Sexualstrafrechts und die gestiegene Sensibilität für das Thema zurück. 

Dass Zuwanderer hier überproportional oft auffällig werden, hänge auch mit der höheren Anzeigebereitschaft gegenüber Fremden zusammen. Der Kriminologe Christian Pfeiffer sagte so: “Das Bedrohungsgefühl ist größer bei jemandem, mit dem ich nicht reden kann.“

(ll)