POLITIK
30/06/2018 21:26 CEST | Aktualisiert 30/06/2018 22:46 CEST

AfD-Parteitag: Augsburg zeigt, wie gespalten Deutschland ist

“Ich bin für Deutschland. Das heißt gegen die AfD.”

Mit trotziger Miene reckt eine gebrechliche, weißhaarige Frau ein Schild in die Luft. “Augsburg ist bunt” steht darauf. Zwei Teenager mit Clownsnasen laufen Arm in Arm vorbei. “Liebe statt Hass!”, rufen sie. “Liebe statt Hass!”, ruft eine junge Frau zurück. “Liebe statt Hass!”, formt die alte Frau mit den Lippen nach. 

“Augsburg ist tolerant! Augsburg ist weltoffen!”, brüllt eine Männerstimme aus einem Mikrofon auf dem Augsburger Rathausplatz. 

“Jaaaaaaaa!”, brüllt die Menge. 

“Wir Augsburger sind Weltbürger!” 

“Jaaaaaaaaa!”

Lauter Applaus, Seifenblasen, wedelnde rote, grüne und Regenbogenfahnen.

“Jawoll!”, sagt die alte Frau.

Die Augsburger sind in Stimmung. Hunderte von ihnen haben sich auf dem  Rathausplatz versammelt. 

Es ist AfD-Parteitag. Am Samstag und Sonntag diskutieren fast 500 Delegierte der Partei in der Schwabenhalle in Augsburg über ihre Politik – während auf den Straßen drumherum tausende Menschen dagegen demonstrieren. 

Die Stadt ist heute das beste Beispiel dafür, wie gespalten Deutschland ist. Auf der einen Seite machen wenige hundert Menschen eine auf Hetze, Lügen und Verschwörungstheorien basierende Politik, von der sie glauben, dass das der richtige Weg sei. Auf der anderen Seite stehen 5000 Menschen, die genau dagegen demonstrieren. 

AfD-Chef Alexander Gauland erklärte in der Schwabenhalle: CSU-Chef und Innenminister Horst Seehofer müsse Kanzlerin Angela Merkel stürzen. Gauland verglich die aktuelle politische Situation mit dem Niedergang der DDR im Jahr 1989. “Merkel fällt, egal wie lange sie noch mit den Armen rudert”, sagte er unter Jubel der Delegierten. 

2000 Polizisten sind im Einsatz. Ein Polizeiwagen reiht sich an den nächsten. Es ist der größte Polizeieinsatz in der Geschichte der Stadt. Augsburg ist auf alles vorbereitet. Einige Journalisten haben sich Helme aufgesetzt. 

Amelie Graen
Polizisten in der Augsburger Innenstadt.

Sie rechnen mit Krawallen von Linksextremen, vor denen der bayerische Verfassungsschutz gewarnt hat. Doch die Demonstrationen verlaufen friedlich. Statt Fäusten oder Schlagstöcken kommen Seifenblasen-Spender und Konfetti-Kanonen zum Einsatz. 

Ein riesiger Demonstrationszug läuft am Vormittag durch Augsburg. Die Demonstranten starten in der Nähe der Schwabenhalle und laufen bis zum Rathausplatz. “Zieht dem Gauland die Badehosen aus!”, brüllen sie.

“Ich bin für Deutschland. Das heißt gegen die AfD.” 

Dazwischen schwenken Fahnen der Antifa, der Grünen, der Linken und der SDAJ, der sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend, durch die Luft. Aber auch Die Partei ist vertreten sowie hunderte Menschen, die privat mitlaufen. 

Ein Mann am Straßenrand schaut den Demonstranten mit ernster Miene zu. Er trägt einen Fischerhut in Deutschlandfarben. Schwer zu sagen, ob er für oder gegen die AfD ist. 

“Ich bin für Deutschland”, sagt er. “Das heißt gegen die AfD. Und gegen die Linksextremen. Ich bin für ein friedliches Deutschland.” 

Er rückt den Deutschlandhut nach hinten, sodass etwas mehr von seinem Gesicht zu sehen ist. 

“Bei mir zuhause, ich wohne in einem Dorf nahe Augsburg, da muss ich nicht mal meine Tür absperren. Ich weiß, dass alle friedlich sind. Ist das nicht toll?”

“Nazis nehmen uns die Arbeitsplätze weg!”, brüllen die vorbeilaufenden Demonstranten. Der Mann mit dem Fischerhut schüttelt den Kopf und geht weiter. 

Hass ist krass. Liebe ist krasser.  

Die meisten Augsburger auf den Straßen sind gut gelaunt. Viele tragen Schilder bei sich, auf denen “Liebe” zu lesen oder einfach nur ein riesiges Herz zu sehen sind. Auch die Sätze “Hass ist krass. Liebe ist krasser” sind sehr präsent. Heute, hier in der Augsburger Innenstadt, sind sie wahr.

Amelie Graen
Patricia und Steffen sind gegen "Abgrenzung, Fremdenhass und Dumpfbacken". 

“Ich kann mir Augsburg nicht ohne Ausländer vorstellen, aber durchaus ohne den Ausländerhass”, sagt Steffen, 55.

Der Ausländerhass existiert auch in Augsburg, das wissen Steffen und seine Begleitung Patricia. Selbst wenn es heute nicht so wirkt. Patricia hat als Flüchtlingshelferin in Augsburg gearbeitet und kennt beide Seiten.

“Natürlich war es schwierig am Anfang, als auf einmal so viele hierher kamen”, sagt sie. “Umso wichtiger ist es in solchen Zeiten zu helfen, sonst wird doch nichts besser. Ich war selbst viel im Ausland und weiß daher wie es ist, fremd zu sein.” 

Die Türkinnen Tugce und Huriye fühlen sich nicht fremd in Deutschland. Für die beiden steht fest: “Wir sind Augsburger. Und wir sind Deutsche.” 

Amelie Graen
"Der Islam gehört zu Deutschland. Wir sind Deutsche", sagen Huriye (links) und Tugce.

Beide sind in Deutschland geboren. Tugce studiert Erziehungswissenschaften, Huriye Jura. Die beiden Muslima verstehen nicht, warum die AfD Menschen so scharf für ihren Glauben verurteilt, den Islam pauschal abwertet. 

“Wir finden, dass der Islam zu Deutschland gehört”, sagt Huriye. “Genauso wie das Christentum. Und genauso wie das Judentum. Wir sind ein Teil der Gesellschaft. Deswegen sind wir gegen die AfD. Wir sind nämlich für Vielfalt.”

Doch das sehen längst nicht alle in Deutschland so. Fast 13 Prozent haben bei der Bundestagswahl 2017 die AfD gewählt. In Augsburg hat die AfD sogar 13,3 Prozent der Stimmen bekommen.

“Ich kenne viele AfDler und habe schon mit vielen diskutiert”, sagt Paul Kleiser, 67. Er ist mit seiner 79-jährigen Frau Ulla extra aus München gekommen, um gegen die AfD zu demonstrieren. 

Amelie Graen
"Die Argumente der AfDler sind oft nicht besonders einleuchtend", finden Ulla und Paul Kleiser.

“Leider sind die Argumente der AfDler oft nicht besonders einleuchtend”, sagt Paul. “Sie haben sehr viel Sozialneid. Eine AfD-Wählerin erklärte mir, sie wäre alleinerziehend gewesen mit zwei Kindern und niemand hätte ihr geholfen. Aber den Migranten, die hierherkommen, werde alles hinten reingeschoben.”

Er schüttelt den Kopf.

“Glaubt sie denn wirklich, sie hätte einen Euro mehr gekriegt, wenn es hier keine Migranten gegeben hätte?”

Ulla ist Deutschlehrerin und hat auch mit Flüchtlingen gearbeitet. “Ich habe ausschließlich gute Erfahrungen gemacht”, sagt sie. “Meine Schüler waren alle sehr lernwillig, sehr fleißig und sehr nett.” 

Der Demonstrationszug ist jetzt in Augsburg-Haunstetten angekommen.

Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen warnte auf dem Parteitag vor der Asylpolitik von Merkel, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Diese führe “in den schleichenden Selbstmord Europas”.

Meuthen erklärte: “Der Multikulturalismus ist der ideologische Grundirrtum des frühen 21. Jahrhunderts, und wer genau hinsieht, erkennt bereits, wie die Zeit über diese weltfremde Ideologie und Utopie hinweggeht.” 

Wenn Merkel ihrem Innenminister Seehofer versage, geltendes Recht durchzusetzen und Flüchtlinge an der Grenze zurückzuweisen, sei das wie in einer “Bananenrepublik”.

Der Hass kommt nicht nur von der AfD 

“Hier wird eine menschenverachtende Politik betrieben!”, tönt eine Männerstimme aus einem Mikrofon. “Wir müssen gemeinsam auf die Straße gehen! Das ist Hetze!” 

“Jaaaaa!”, brüllen Hunderte. 

“An-ti-fa! An-ti-fa! An-ti-fa!” 

“Hör auf, mich zu filmen. Lösch es. Sofort!”, sagt ein Mann. Es klingt fast beängstigend drohend. Die Aggressionen kommen nicht nur von Seiten der AfD. 

Dennoch zeigt sich Augsburg heute vor allem von seiner freundlichen, von seiner multikulturellen Seite. 

Eine schwarzes Pärchen mit Kind sieht dem Demonstrationszug vom Straßenrand aus zu. Der kleine Junge ist erschrocken von dem Gebrüll und lässt den Luftballon in seiner Hand los. Er fliegt davon, die Augen des Jungen folgen ihm weit aufgerissen und traurig. Ein Mädchen streckt die Hand aus, hält den Ballon fest und bringt ihm den Jungen zurück. 

Er lacht. “Dieser Tag heute”, sagt der Vater des Kleinen. “Unglaublich. Wunderschön.”

Claudia Roth: “Lasst uns aufstehen gegen den Hass!”

Auf dem Rathausplatz steht die Grünen-Politikerin Claudia Roth auf der Bühne. 

“Wir stehen zusammen für Demokratie, für den Rechtsstaat, für Artikel eins des Grundgesetzes: die Menschenwürde ist unantastbar”, sagt sie mit Überzeugung in der Stimme. Die Menge jubelt. Der AfD wirft sie offenen Rassismus vor.

“Lasst uns aufstehen gemeinsam gegen den Hass, für ein friedliches, vielfältiges Miteinander. Das ist unser Land.”

“Jaaaa!” 

Etwas entfernt vom Geschehen hat sich eine Gruppe Jugendlicher auf den Boden gesetzt. Es ist heiß, demonstrieren ist anstrengend. Aber nach Hause gehen wollen die Abiturienten noch lange nicht. Schließlich sind sie extra aus Lindau am Bodensee angereist.

Amelie Graen
Philipp findet die Weltsicht der AfD "mittelalterlich".

Philipp hat sich viel mit dem Parteiprogramm der AfD auseinandergesetzt. Er ist nicht nur von ihrer Flüchtlingspolitik entsetzt. 

“Die sind gelinde gesagt einfach mittelalterlich”, sagt der 19-Jährige. Die AfD vertrete das Bild von einem arbeitenden Mann und einer Frau, die daheim Kinder hat, aufpasst und den Haushalt macht und am besten keine politische Meinung hat, kritisiert Philipp.

Er betont: “Wir sind eine Welt, die so tolerant und offen ist. Da darf so ein menschenverachtendes, frauenfeindliches und ausländerfeindliches Bild einfach nicht mehr bestehen. Dafür gehe ich auf die Straße.”

Vier Stunden später steht die gebrechliche Frau mit den weißen Haaren immer noch vor dem Augsburger Rathaus auf einer Treppenstufe. Fragen will sie nicht beantworten.

“Es ist alles gesagt”, sagt sie. Sie sieht immer noch trotzig und etwas mürrisch aus. Dann setzt sie sich hin, nimmt das gelbe Pappschild vom Boden und lehnt es gegen die Treppenstufe neben sich. Im Vorbeigehen kann es jetzt jeder lesen: 

“Augsburg ist bunt.” 

Mit Material von dpa.

(mf)