POLITIK
18/11/2018 17:52 CET | Aktualisiert 18/11/2018 18:00 CET

AfD-Nachwuchs-Chef beklagt Nähe zu Identitären – denen er selbst angehörte

Es gebe "regelrechte Parallel-" und "zunehmend sektenartigen Strukturen".

privat/Junge Alternative/dpa
Moritz Brodbeck, der Vorsitzende des Landesverbandes Baden-Württemberg der Jungen Alternative.
  • Der AfD-Nachwuchs in Baden-Württemberg wird vom Verfassungsschutz beobachtet.
  • In Folge dessen kehren reihenweise Mitglieder der Jungen Alternative den Rücken – auch deren Chef, der eine pikante Vergangenheit haben soll.

Mitglieder der AfD-Parteijugend in Baden-Württemberg klagen über sektenähnliche Strukturen. Rund 50 Mitglieder der Jungen Alternative (JA) wollen deshalb austreten, berichtet der SWR.

Ihre eigenen Versuche, sich gegen “die immer stärker wachsende politische Verantwortungslosigkeit” in der JA zur Wehr zu setzen, seien “einem Radikalisierungsprozess zum Opfer gefallen, der insbesondere in den letzten Monaten noch einmal erheblich an Fahrt aufgenommen hat”, hieß es in einer gemeinsamen Austrittserklärung. 

Etwa drei Dutzend JA-Mitgliedern hatten diese am Samstag veröffentlicht. Einige von ihnen sind auch Mitglieder der AfD, darunter der stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Stuttgarter Landtag, Stefan Herre. Laut dem JA-Bundesvorsitzenden Damian Lohr sollen bundesweit zwischen 80 und 90 Prozent der JA-Mitglieder auch in der AfD sein.

Parallelstrukturen mit der Identitären Bewegung

In mehreren Bezirksverbänden seien “regelrechte Parallelstrukturen mit engen Verbindungen zu der vom Verfassungsschutz beobachteten Identitären Bewegung (IB) aufgebaut” worden, heißt es in der Erklärung weiter.

Der Vorsitzende des Baden-Württemberger AfD-Nachwuchses, Moritz Brodbeck, hatte bereits am Freitag – gemeinsam mit vier weiteren Landesvorstandsmitgliedern – seinen Rücktritt angekündigt. Er sagt: Ein “nennenswerter Teil” der Mitglieder hätten sich nicht zwischen der JA und der Identitären Bewegung entscheiden können und so personelle Überschneidungen beider Organisationen geschaffen.

► Pikant: Brodbeck war offenbar selbst Aktivist der “Identitären Bewegung”, wie die “Taz” 2016 berichtete.

► Mehr noch: Zusammen mit dem jetzigen AfD-Landtagsabgeordneten Stefan Räpple soll Brodbeck die JA im Südwesten mit aufgebaut haben: “Weil wenn‘s da wirklich nur eine Handvoll junge Leute gibt, dann könnten wir das von Anfang an unter unsere Kontrolle bringen”, habe Brodbeck Räpple laut “Taz” im Frühjar 2013 geschrieben – also kurz nach der Gründung der AfD.

In der Nachricht soll es weiter heißen: “Wir basteln uns ein kleines Netzwerk“ – wohlgemerkt unter Beteiligung von IB-Aktivisten. Räpple soll Brodbeck darin bestärkt haben, denn viele in der AfD würden “alle Positionen der IB vorbehaltlos unterschreiben”.

“Meine Freunde der IB”

So schwärmte Dubravko Mandic, AfD-Direktkandidat im Wahlkreis Tübingen bei der Bundestagswahl 2017 und ebenfalls JA-Mitglied, im Februar 2017 von einem “entstehenden rechtsradikalen Netzwerk zwischen AfD und Identitärer Bewegung”, im Juni 2016 schrieb er in einem Post auf Facebook über “meine Freunde der IB”. Zusammen mit einem Parteikollegen nahm er im gleichen Jahr auch an einer IB-Demonstration in Wien teil.

Auch der ehemalige AfD-Bayern-Chef und heutige Bundestagsabgeordnete Petr Bystron ist mit einer Nähe zu den Identiären aufgefallen. Auf einer AfD-Veranstaltung im März 2017 bezeichnete er die Identitäre Bewegung als “tolle Organisation” und als “Vorfeldorganisation der AfD”, “diese müssen wir unterstützen”

“Zunehmend sektenartige Strukturen”

All das dürfte auch den jetzigen JA-Aussteigern bekannt gewesen sein. Doch sie wehrten sich nicht offen dagegen – bis sie eben unter Beobachtung des Landesverfassungsschutz gerieten. Der sagt: Für die AfD-Nachwuchsorganisation lägen Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung vor.

In ihrer Stellungnahme versuchen die Aussteiger nun größtmögliche Distanz zu schaffen. So kritisieren sie, der Hälfte der JA-Mitglieder gehe es nicht mehr “um eine freiheitlich-patriotische Jugendpolitik”, sondern um “die Verfestigung einer in keiner Weise konstruktiven totalen Ablehnung dessen, was sie nebulös als ‘System’ bezeichnen”.

Durchgesetzt werde dieser Kurs “in zunehmend sektenartigen Strukturen”. Deshalb sei es sinnvoll, eine neue, der AfD verbundene Jugendorganisation zu gründen. Offen bleibt, ob dabei Brodbeck wieder eine Führungsposition einnimmt.

Mit Material von dpa.