POLITIK
04/09/2018 00:55 CEST | Aktualisiert 04/09/2018 15:01 CEST

AfD in Chemnitz: Frau wehrt sich gegen Hass – und lässt sich nicht niederbrüllen

“Ich habe mit Politik nichts am Hut. Aber man muss ja was tun. Und bei Gewalt ist bei mir Schluss.”

Elke ist mehr. 

Mehr als #wirsindmehr. Mehr als die 65.000, die im Zentrum ihrer Stadt, in Chemnitz, vor einer großen Bühne stehen und tanzend und singend gegen Nazis und Rechtsextreme demonstrieren. 

Und Elke ist mehr als die AfD. Jene Partei, zu deren Vortrag über den angeblichen “Kontrollverlust” in Deutschland die 66-Jährige an diesem Montagabend in das Haus des Gastes im Chemnitzer Stadtteil Reichenbrand gekommen ist. 

► Hier steht Elke auf, gegen knapp 150 Leute, gegen fast 150 Anhänger der AfD. Alleine. 

Gegen Menschen, die gerade offen geleugnet haben, dass in den vergangenen Tagen Rechtsextreme durch Chemnitz zogen. Die gegen die Lügenpresse wettern. Die zum Teil kaum verhohlen vom Sturz des deutschen Staates fantasieren. 

“Die machen sehr viel falsch, unsere Politiker”, fängt Elke an, als sie das Mikrofon während der Fragerunde in die Hand bekommt. “Und das betonen sie auch, und dazu stehen sie auch”, sagt sie noch. 

Dann wütet die AfD-Menge hinter ihr schon los. Sie buht und schimpft.

Aber Elke lässt sich nicht unterkriegen (die ganze Szene seht ihr im Video oben). 

Die AfD-Anhänger brüllen – “Ist mir egal”, sagt Elke

“Jawohl!”, sagt sie. Sie habe viele Politiker kennengelernt, die das tun würden. Die nachts nicht ruhig schlafen könnten. Etwa Frank Heinrich, der als CDU-Politiker für einen Wahlkreis in Chemnitz im Bundestag sitzt. 

Auch interessant: Streit um linke Band: Alter Tweet bringt Kramp-Karrenbauer in Erklärungsnot

Wieder brüllt die Menge Elke nieder. “Pfui!”-Rufe sind zu hören. Eine blonde Frau steht auf, pöbelt die alte Frau ihr gegenüber an. 

► “Ist auch egal”, sagt Elke ins Mikro. “Ich will jetzt mal was zur Flüchtlingspolitik sagen.” 

Um die ging es an diesem Abend ausschließlich.

Egal, ob die Themen im Vortrag Frauenrechte, Sozialpolitik, Rente, Bildung oder Sicherheit waren – immer machten die AfD-Frauenrechtlerin Leyla Bilge und der AfD-Bundestagsabgeordnete Marc Bernhard dafür die “sogenannten Flüchtlinge” verantwortlich.

Elke findet das zu kurz gegriffen: 

“Wenn die Flüchtlinge alle in ihre Länder zurückkommen, wenn wir jetzt die Grenzen dicht machen. Und die Flüchtlinge, die kann man ja nicht auf einmal alle wegschicken oder erschießen. Was haben Sie denn für eine Lösung in diesen Ländern, dass die da alles wieder aufbauen? Das würde mich mal interessieren.” 

Kurz ist es still. Dann schreit die Menge wieder. Elke wird beschimpft. Sie bleibt aber stehen. Bis AfD-Mann Bernhard das Mikro ergreift. 

Die Bundesregierung solle die Verantwortung über die Deutschen übernehmen, sagt er. Sie dürfe nicht “mit Bauchweh herumlaufen”, sondern solle die richtige Politik machen, “verdammt noch mal!” 

Statt “Wirtschaftsmigranten” und “Analphabeten” und “Syrer mit 24 Frauen” aufzunehmen – “das bringt nix”, sagt er, “die Millionen werden in Afrika in ein paar Wochen neu geboren” – schlägt er Entwicklungshilfe vor, die helfe viel mehr. 

Aber Elke überzeugt der AfD-Politiker nicht. 

″‘Merkel muss weg’, das ist mir zu aggressiv”

“Die Angst auf allen Seiten ist spürbar”, sagt Elke der HuffPost nach dem Vortrag über ihre Stadt und über die angespannte Lage im politischen Deutschland.

“Ich will mich ihr aber nicht unterwerfen”, sagt die überzeugte Christin. Mit Politik habe sie nichts am Hut – aber man müsse ja was tun. “Und bei Gewalt ist bei mir Schluss. ‘Merkel muss weg’, das ist mir zu aggressiv.” 

Elke möchte keine unbegrenzte Zuwanderung nach Deutschland. Sie sieht die Probleme in der Flüchtlingspolitik. Aber sie glaubt auch, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel diese Probleme erkannt habe. 

“Merkel hat 2015 nach ihrem Gewissen gehandelt, das war richtig, sie hat Mut bewiesen”, sagt Elke. 

Für solche Sätze schlägt ihr hier offener Hass entgegen. Mehrere Männer und Frauen gehen die alte Dame rhetorisch hart an, schimpfen sie aus. 

Ein Mann ist besonders erbost. “Merkel hat die Gesetze gebrochen!”, sagt er. Er gibt der Kanzlerin die Schuld am Tod von Daniel H., der die Krawalle in Chemnitz ausgelöst hat. 

Dass sie die Menschen hier niedergeschrien haben, stört Elke nicht. Das halte sie aus, sagt sie. Zu dem Mann ihr gegenüber sagt sie noch: “Wir können alle unsere Meinung haben. Aber wir dürfen nicht mit den Fäusten aufeinander zu.” 

Und dann geht Elke. Unversehrt.  

(ujo)