POLITIK
08/04/2018 11:57 CEST | Aktualisiert 08/04/2018 17:01 CEST

AfD-Reaktion auf Münster-Attentat zeigt, wie sehr die Partei den Staat verachtet

Die HuffPost-These.

Im Video oben: Bewohner der Stadt Münster bekunden ihre Trauer

Das Hirn ist ein komplexes Organ.

Manchmal funktioniert das menschliche Steuerzentrum aber bemerkenswert simpel. Der psychologische Reflex, bei jedem Attentat noch vor Klärung der Hintergründe an einen islamistischen Terroranschlag zu denken, ist das Ergebnis einer simplen Konditionierung.

Im Falle dieses Mechanismus ist die AfD Täter und Opfer zugleich.

Immer wieder fiel die rechte Partei in der Vergangenheit mit vorschnellen Schlüssen zur Täterschaft von Straftaten auf. Als im Juli 2016 ein jugendlicher Rassist neun Menschen im Münchener Olympia-Einkaufszentrum umbrachte, beschuldigten AfD-Politiker so etwa die “tödliche Willkommenskultur”.

Auch die Amokfahrt von Münster deklarierten mehrere AfD-Politiker vorschnell als islamischen Terror. Sie mussten schnell zurückrudern – und doch sorgen die hetzerischen Wortmeldungen fast zwangsläufig dafür, dass sich der Reflex auch in Zukunft verfestigt.

► Für die Rechten ist Unsicherheit zum Synonym des Islams geworden. 

Als wäre das nicht traurig genug, bedienen die Populisten zunehmend wirre Verschwörungstheorien, die das Potential haben, die Legitimation des deutschen Staates zu untergraben.

AfD-Mann wirft Polizei Täuschung vor

Wo die AfD sonst so tut, als würde sie sich besonders für deutsche Polizisten einsetzen, schürte sie nun Zweifel am Vorgehen der Sicherheitsbehörden.

Das gipfelte in einer völlig absurden und geschmacklosen Frage des Berliner AfD-Abgeordneten Gunnar Lindemann an die Münsteraner Polizei. Lindemann twitterte den Einsatzkräften um 17:15 Uhr, also noch während des laufenden Großeinsatzes, Ungeheuerliches entgegen.

“Wann wird die Bevölkerung informiert??? Oder muss erst noch etwas zurechtgebogen werden?” Am Sonntag wollte er zu seinem Vorwurf auf Nachfrage der HuffPost bislang keine Stellung beziehen.

Lindemann suggerierte mit seinem Tweet einen Komplott von Politik und Polizei. Dem Bürger solle etwas verheimlicht werden – womöglich die Herkunft des Täters? Oder gar Schlimmeres?

Nur wenig später wurde dann bekannt: Bei dem Attentäter handelt es sich um einen verwirrten deutschen Einzeltäter, der sich noch am Tatort erschoss. Das vermeintlich lange Schweigen war Professionalität, gute Polizeiarbeit, vor der der AfD-Mann offenbar wenig Respekt hat.

Respekt vor Behörden nimmt ab

► Das pauschale Misstrauen gegenüber den Institutionen hat die AfD ihren Anhänger mittlerweile so tief eingepflanzt, dass es nicht einmal mehr einen ausländischen Täter braucht, um die islamische Übermannung des Abendlandes zum Top-Thema in den sozialen Medien zu machen.

Immer wieder klingt in den Kommentaren an: Die Rechten gehen von einem staatlich geförderten Gewalt-Import aus. Die AfD-Anhänger knüpfen damit an die Gedankenwelt des ungarischen Präsidenten Viktor Orbàn an, der nicht müde wird, zu behaupten, US-Milliardär George Soros würde Europa mit Migranten überfluten.

► Heute heißt es nach Schreckensnachrichten immer wieder: Genauso habe das die Bundesregierung doch immer gewollt. Als habe es in zurückliegenden Dekaden keine Gewaltverbrechen gegeben. Von Links, von Rechts, von organisierten Banden. Von einzelnen Verrückten. 

Ausgerechnet der rechte Publizist David Berger brachte die Paranoia der Neuen Rechten in einem Blogeintrag perfekt auf den Punkt. Berger zitiert darin den AfD-Politiker Markus Roscher-Meinel mit den Worten: “Die Bürger trauen offiziellen Meldungen von Politik und Polizei schon lange nicht mehr, weil sie wissen, dass staatlicherseits eine negative Stimmung gegen Migranten oder den Islam nicht erwünscht ist.”

Ersetzt man “Bürger” mit “AfD-Anhänger” erfasst Berger das zerstörerische Potenzial der rechten Propaganda.

► Jedes Übel, das passiert, wird von den Rechten auf Ausländer projiziert.

► Alles, was die Bundesregierung oder deutsche Behörden tun, zum Kampf gegen die eigene Bevölkerung uminterpretiert.

Die AfD verachtet die Institutionen dieses Landes

Kommentare unter Medienartikeln zeigen, welch gefährlicher Cocktail entsteht, wenn sich dieser Verschwörungswahn mit offenem Rassismus mischt.

► Ein Nutzer schreibt da etwa: “Die Polizei wußte angeblich schon nach 10 Min Name, Wohnort, Herkunft (?) des Täters. Solange Polizei und Innenministerien diie Ethnie des Täters nicht ehrlich und nachprüfbar veröffentlichen, bleibt der Verdacht bestehen, daß es sich um einen Deutschen aus o.g. zweiter oder dritter Art handeln könnte - auch wenn vorschnell behauptet wurde, daß ‘kein Migrationshintergrund’ bestünde.” (Von der Redaktion nicht editiert.)

► Ein anderer fabuliert: “Angenommen, der Täter wäre in Wirklichkeit ein gestrandeter Islamist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass so einige in der GroKo wegen der gegenwärtig übermäßig aufgeheizten Debatte über Obergrenzen einschließlich Radikalisierung von Muslimen und Flüchtlingen, vor allem auch deren Identifizierung als Islamisten bzw. ihrer Entfernung (Abschiebung) aus der Gesamtmenge von Asylanten sich sehr stark genieren würden, in aller Öffentlichkeit zuzugeben, dass die Tat einen terroristischen Hintergrund hat - weil sie als unvermeidliche Folge von Merkels Flüchtlingspolitik interpretiert würde.” (Ebenfalls unverändert.)

Das zeigt nur: Die Saat der AfD geht auf. Dass Misstrauen gegen den deutschen Staat wächst – auch ohne islamistischen Terror. 

Wenn die Rechtspopulisten in Zukunft wieder einem politischen Gegner “Deutschlandhass” vorwerfen, Andersdenkende als “Deutschlandfeinde” denunzieren, sollten Sie bedenken, wer es wirklich ist, der die Institutionen dieses Landes verachtet.