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07/08/2018 18:47 CEST | Aktualisiert 07/08/2018 19:41 CEST

Die AfD offenbart ein gestörtes Verhältnis zu Deutschland

Die Bildauswahl auf AfD-Homepage zeigt überraschendes Asien- und Südeuropa-Faible

Hannibal Hanschke / Reuters

Unter normalen Umständen wäre die Sache kaum einer Erwähnung wert, wäre lediglich Gegenstand von Lästereien von Kommunikationsprofis oder Anlass für ein paar Frotzeleien unter Pressesprechern.

Aber wir leben nicht in normalen Zeiten. Wir leben in Zeiten, in denen Halbsätze zum Verrat am Deutschen Volke skandalisiert und zum Gegenstand von Hetzkampagnen werden, in denen von einer bevorstehenden konservativen Revolution fabuliert und Neurechte von Tribunalen für Volksverräter träumen.

Aber wie hält es eigentlich die AfD mit Deutschland? Dass sie was gegen die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat, ist hinlänglich bekannt. Dass die AfD aber wohl auch etwas gegen deutsche Städte und deutsche Landschaften hat, ist neu. Zumindest überrascht das Ausmaß der Deutschlandverachtung bei der Bildauswahl der offiziellen Online-Präsenz der Bundes-AfD.

Heimliches Plädoyer für Multikulturalismus und Islamisierung?

Es kann ja durchaus sein, dass die Kommunikationsprofis der AfD niemals ein deutsches Einkaufszentrum betreten haben. Eine der größten und mondänsten – neudeutsch – Malls des Landes, die Mall of Berlin, befindet sich direkt am Potsdamer Platz, nur wenige Hundert Meter südlich des Bundestages und nur gut zwei Kilometer von der AfD-Parteizentrale entfernt.

Einen Besuch dort würden wir jetzt unter normalen Umständen nicht zwingend empfehlen. Eines aber lässt auf den allerersten Blick erkennen: Selbst die Mall of Berlin kommt nicht ganz so opulent daher wie jenes Einkaufszentrum, das auf der AfD-Seite als Schmuckbild für das Thema “Wirtschaft” abgebildet ist.

AfD - Alternative fur Deutschland

Singapur, Dubai, Shanghai? Die Google-Bildersuche liefert als Ergebnis das Pavillion Shopping Centre in Kuala Lumpur, Malaysia. Was will uns die AfD damit sagen? Das multiethnische und multikulturelle, mehrheitlich islamische Malaysia müsste ja eigentlich für die angebliche Alternative für Deutschland der Albtraum schlechthin sein.

Will uns die AfD jetzt in Sachen Wirtschaftspolitik den Bau größerer Einkaufszentren empfehlen? Will sie gar den Einzelhändlern, die selbst in boomenden Einkaufsstädten zunehmend zwischen Online-Handel und internationalen Großketten zermahlen zu werden drohen, komplett den Garaus machen?

Will die AfD unsere deutschen Innenstädte mit asiatischen Megamalls zupflastern? Oder werden gar hier Sympathien für die Sharia, die in einigen Bundesstaaten Malaysias Anwendung findet, sichtbar?

Herz für Radfahrer oder heimliche Hommage an Mao Zedong?

Verkehrspolitisch zeigt die AfD – zumindest bildlich – eine völlig unerwartete Seite. Die Luftaufnahme für das Thema Verkehr auf Seiten der Partei stammt jedenfalls eindeutig nicht aus Deutschland. Aus Grüner Sicht gefallen natürlich die sehr klar rot markierten Fahrradwege und der ziemlich komfortable Fahrrad-Kreisverkehr.

So viel Passion für Radverkehr hätte man der AfD gar nicht zugetraut. Das Bild stammt aus Shanghai, die abgebildete Kreuzung liegt im Stadtbezirk Jing’an, nur wenige hundert Meter von der früheren Shanghaier Residenz des ehemaligen KPC-Chefs Mao entfernt. Waren hier vielleicht heimliche Ex-Maoisten am Werk?

AfD - Alternative fur Deutschland

Nicht nur die Partei, auch die AfD-Bundestagsfraktion denkt Verkehrspolitik ziemlich undeutsch. Überraschend auch hier das bildliche Bekenntnis zur nachhaltigen Mobilität. Welche U-Bahn hier aber abgebildet ist, ist eigentlich nicht so schwer zu erkennen.

Vielleicht ist es die Brexit-Begeisterung der Europa-Feinde der AfD, die dazu führt, den Arbeitskreis Verkehr und digitale Infrastruktur auf der Website der AfD-Bundestagsfraktion ausgerechnet mit einem Bild der Londoner U-Bahn zu schmücken.

Vielleicht fährt man bei der AfD schlicht nicht U-Bahn und weiß nicht, wie U-Bahnen hierzulande so aussehen. Dabei ist bei lediglich vier „echten“ U-Bahn-Systemen in Deutschland (Berlin, Hamburg, München, Nürnberg) die Lage ja eigentlich nicht so unübersichtlich.

Steckt bei der AfD eine Verachtung für deutsche Pionierleistungen im U-Bahn-Bau dahinter? Schließlich war es Werner von Siemens, der 1896 in Pest die erste kontinentaleuropäische U-Bahn plante). Auch die Berliner U-Bahn zählt zu den Pioniernetzen von Anfang des 20. Jahrhunderts.

AfD - Alternative fur Deutschland

Deutsche Landschaften oder Italiensehnsucht?

Was aber wirklich empören muss: die AfD scheint keinen Schimmer zu haben, wie Landschaften in Mitteleuropa üblicherweise so aussehen. Am Bodensee, wo Alice Weidel wohnt, ist ja durchaus Einiges an mediterraner Lieblichkeit zu finden, die Unterschiede zum südchinesischen Meer, von dem offensichtlich das Schmuckbild für das Thema Energie stammt, sind dennoch augenscheinlich.

Die abgebildete Anlage ist im Netz unter dem Titel “Petrochemical Industry on Sunset” zu finden, aufgenommen von Keng Po Leung aus Hongkong. Sieht jedenfalls deutlich mehr nach südchinesischem Meer als nach Ost- oder Nordsee aus. Man fragt sich: Welche Vorstellung von deutschen Küstenlandschaften herrscht in der AfD-Parteizentrale?

AfD - Alternative fur Deutschland

Oder ist auch hier eine politische Botschaft versteckt? Eine Forderung gar die chinesische Energiepolitik zum Vorbild zu nehmen? China investierte im Jahr 2017 mehr als 130 Mrd. Euro in den Ausbau von Erneuerbare Energien. Allein 53 Gigawatt Sonnenenergie sind in China 2017 ans Netz gegangen, mehr als die Hälfte der weltweit installierten Leistung.

Eine 180-Grad-Wende in der Energiepolitik? Nach den letzten Reden im Bundestag, bei der die AfD mal wieder durch das Leugnen des Klimawandels aufgefallen ist, kann man das nicht so recht glauben. Es bleibt wohl nur ein Schluss: Die AfD scheint voller Verachtung für deutsche Küstenlandschaften und träumt von tropischen Stränden und südlichen Gefilden.

Ob es in der AfD so etwas wie eine Toskana-Fraktion gibt, wissen wir nicht. Nimmt man das Schmuckbild zu Natur, Agrar, Verbraucher, dann findet man bei Google Treffer, die von der “Frische grünen Landschaft der Toskana im Frühling“ schwärmen.

Wenn man bei der AfD also an Natur denkt, scheinen nicht deutsche Mittelgebirgslandschaften, nicht Spree- oder Elbauen in den Sinn zu kommen, sondern die Toskana. Schön ist es dort ja zweifellos. Und vielleicht wachsen ja auch in einigen Jahren hierzulande dank des Klimawandels, den die AfD so beharrlich leugnet, die Zypressen ähnlich prächtig neben dem toskanischen Rustico.

AfD - Alternative fur Deutschland

Ist das jetzt ein Skandal?

Mal im Ernst, ist das jetzt ein Skandal? Unter normalen Umständen nicht. Da hat die Online-Redaktion der Partei – oder deren Kommunikationsagentur – zur Bebilderung der AfD-Homepage einfach wild Stockfotos aus Fotodatenbanken zusammengesucht und sich nicht viel dabei gedacht.

Musste vermutlich schnell gehen, wie so oft. Jeder Online-Redakteur kennt die Probleme mit der zeitraubenden Suche nach geeignetem Bildmaterial.

Von Leuten, die aber jedes Mal den Untergang des Abendlandes ausrufen, wenn ein Markt zur kalten Jahreszeit Lichter- oder Wintermarkt heißt und nicht Weihnachtsmarkt (übrigens auch unabhängig davon, ob diese Veranstaltungen schon seit Jahrzehnten so heißen oder ob sie zusätzlich noch den Namen eines Heiligen tragen), sollte man schon etwas mehr Sorgfalt bei der Bildauswahl erwarten.

Wenn eine Krankenkasse ein Plakat veröffentlicht, auf dem werdende Eltern zu sehen sind, bei denen nicht beide Elternteile ausschließlich biodeutsche Vorfahren haben, dann wird von AfD-Seite auch mal eine rassistische Kampagne befeuert .

Mit Bildern chinesischer, südostasiatischer oder italienischer Szenerien in den Wahlkampf zu ziehen, scheint aber für die tapferen Verfechter des Deutschtums, die ihren politischen Gegnern jeden Halbsatz als Verrat an Deutschland auslegen, normal zu sein.

Gerne kann die AfD auch weiterhin ihre Internetauftritte mit Stockfotos schmücken, die am anderen Ende der Welt aufgenommen wurden, wenn sie dafür bitte in Zukunft auf ihre aggressive Deutschtümelei verzichtet.