POLITIK
04/09/2018 15:51 CEST | Aktualisiert 04/09/2018 16:06 CEST

Wenn die AfD plötzlich Merkel verteidigt: Ein Abend unter Rechten in Chemnitz

“Wir müssen weiter machen! Wir können nicht warten, bis ihr gewählt worden seid!”

Josh Groeneveld/Getty
Die AfD ist in Chemnitz offen neben Rechtsextremen und Rechtsradikalen auf die Straße gegangen – am Montag zeigte sich in der Stadt bei einem AfD-Vortrag, wie die Partei in der Frage mit sich ringt. 

Es ist keine Begeisterung, die der AfD in Reichenbrand entgegenschlägt. 

Es ist Zustimmung, ja. Es ist Verbrüderung. Aber viel mehr noch ist es: enorme Erwartung. Und sogar Kritik. 

Der Ortsteil Reichenbrand in Chemnitz liegt weit im Westen der Stadt. Er ist unscheinbar, kleinbürgerlich. In seinem Zentrum liegt die Reichenbrandkirche, ein ockerfarbenes Gemäuer, das halb von hohen Bäumen bedeckt wird. Gleich daneben steht das Haus des Gastes. 

Hier, etwa sieben Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, in dem am Montagabend 65.000 Menschen unter dem Motto #wirsindmehr gegen Rechtsextremismus demonstrieren, lädt die AfD zu einem Vortrag ein. 

150 Menschen haben sich im Saal versammelt; etwa drei davon sind unter 30, etwa 100 im Rentenalter.

Sie sind gekommen, um sich von der AfD-Frauenrechtlerin Leyla Bilge und dem AfD-Bundestagsabgeordneten Marc Bernhard den angeblich bevorstehenden Untergang Deutschlands vor Augen führen zu lassen. 

► Und sie stellen rabiate Forderungen. Forderungen, vor denen selbst die Politiker der AfD zurückschrecken. Soweit, dass es am Ende plötzlich der Vorsitzende des AfD-Kreisverbands aus Chemnitz ist, der entschieden für den Erhalt der Demokratie eintreten muss. 

Die AfD-Taktik in Chemnitz: Angst, Wut, Sozialneid 

Es beginnt, wie es bei der AfD immer beginnt: Mit einer Mischung aus Angst und Wut. 

► Bilge ist die erste Anheizerin des Abends. Sie spricht streng, mit bitterem Blick. Zwischen ihren Pointen macht sie lange Kunstpausen – und klingt und wirkt damit genau wie die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel.

Die AfD-Mitarbeiterin im Bundestag warnt die Anwesenden vor einem angeblich bevorstehenden Marsch der Muslime durch die Institutionen in Europa.

Aus der Existenz von Splitterparteien wie der Denk in den Niederlanden, der AKP-nahen ADD in Deutschland und der fundamentalen Islampartei in Belgien erfindet sie eine Drohkulisse der kurz bevorstehenden Islamisierung des Abendlandes. 

Mit dem Wort “Muslime” meint Bilge stets “Islamisten”. Sie benutzt die Wörter synonym. 

Und behauptet, als sie über Kinderehen spricht: “Deutsche dürfen hier keine Kinder schänden. Muslime aber schon.” 

Dann wiederholt Bilge den AfD-Mythos, dass Angela Merkel 2015 illegal die Grenzen geöffnet habe.

“Das Establishment lügt euch dreist ins Gesicht”, ruft sie den Menschen zu. Sie schimpft, dass Grünen-Politikerin Claudia Roth und Merkel wegen Volksverrats vor Gericht müssten. 

Bilge redet sich in gut einstudierte Rage: “Das Land der Dichter und Denker wird nicht verkommen zu einem Land von ‘Alter, ich fick deine Mutter, wenn du nich abhaust!’” 

Sie erntet lauten Applaus und “Jawohl!”-Rufe. 

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Die AfD kennt auch in Chemnitz nur ein einziges Thema: Flüchtlinge

Dann ist Marc Bernhard an der Reihe. 

Bernhard kommt daher wie das Gegenmodell zu Bilge. Er schaut freundlich, ist im schwarzen Anzug mit blauem Hemd und gestreifter Krawatte gekommen.

Der Politiker, der in Karlsruhe für die AfD in den Bundestag gewählt wurde, wirkt auf den ersten Blick wie FDP-Chef Christian Lindner. Und er spricht auch so. 

Doch inhaltlich trennen Bernhard und Lindner Welten. 

In Reichenbrand arbeitet sich der AfD-Abgeordnete erstmal am #wirsindmehr-Protest ab. Das Konzert in der Innenstadt sei mit dem Blut des ermordeten Daniel H. bezahlt worden, sagt Bernhard und lügt: “50.000 feiern, weil vor einer Woche ein Mensch getötet wurde.” 

Im Gespräch mit der HuffPost wiederholt Bernhard den Vorwurf später noch einmal. Gewalt dürfe kein Mittel der Politik sein, sagt er. Doch von den Rechtsextremen, die am Samstag mit und neben der AfD durch Chemnitz marschierten und Journalisten angriffen, will er nichts mitbekommen haben. 

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Bernhards eigentliches und einziges Thema an diesem Abend ist letztlich ein anderes: Die Flüchtlinge. 

Wegen denen würden die Deutschen die Kontrolle über ihr Land verlieren, sagt Bernhard. Er zählt die angeblichen Bedrohungen auf: Halal-Fleisch, Lichterfeste, Kreuze, die abgenommen werden müssten. 

“Deren Ziel ist die Abschaffung Deutschlands”, sagt Bernhard über Merkel und ihre Regierung.

Er stellt krude Rechnungen auf, nach denen der Familiennachzug dafür sorgen würde, dass bald 6 Millionen muslimische Zuwanderer im Land leben würden, dass alle Grundschulen bald mehrheitlich muslimische Schüler hätten. 

Vor allem aber streut Bernhard Sozialneid.

“Für die Syrer mit den vielen Frauen und Kindern stehen Sie jeden morgen auf und gehen zur Arbeit!”, ruft er mehrfach. Eigene, ausgearbeitete AfD-Konzepte zur Bildungs-, Sozial-, oder Rentenpolitik stellt er nicht vor. Auch nicht auf Nachfrage. 

Von denen gibt es an diesem Abend viele. Es sind Fragen und Wortmeldungen, die Bernhard und Bilge in die Defensive zwingen – und die offenlegen, wie es um die Beziehung der AfD zum Volk in Sachsen wirklich bestellt ist. 

Die AfD reicht den Rechten in Chemnitz nicht

Denn auf einmal beim AfD-Abend steht in Reichenbrand die Demokratie in Frage. 

“Es darf hier jetzt nicht einschlafen!”, ruft eine blonde Frau, die sich zu Wort gemeldet hat. Sie meint: Der Protest in Chemnitz gegen das System dürfe nicht einschlafen. 

Das Land Sachsen müsse der AfD helfen, fordert sie. Ob die AfD sich darum nicht bemühen würde? “Kommt Hilfe, oder werden wir allein gelassen?”, fragt die Frau. 

Die gleiche Frage kommt von einer weiteren Zuhörerin, die sich als Anette vorstellt. Sie verstehe nicht, warum der Trauermarsch am Samstag abgebrochen worden sei, sagt die Frau.

Sie sagt: “Ich möchte, dass die AfD dazu was sagt. Ich habe mich verlassen gefühlt. Auch von der AfD.” 

Dann wird sie aufgebracht. “Wir haben keine Zeit mehr!”, ruft sie den AfD-Leuten zu. “Wir müssen weiter machen! Wir können nicht warten, bis ihr gewählt worden seid!” 

Es ist ein unverhohlener Aufruf zum Sturz der Regierung. Und der geht selbst der AfD zu weit. Fast wirken Bernhard und Bilge überrascht, dass ihre Hetze und Agitation bei den Menschen Wirkung gezeigt hat. 

“Wir wollen uns an das Recht halten”

Bilge betont dann, die AfD sei eine Partei und keine Bürgerbewegung. Sie wolle sich an das Recht halten und bemühe sich, nicht bald vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden.

Und auch Volker Dringenberg, der Vorstandsvorsitzender der AfD Chemnitz, der eingangs noch den “Anfang vom Ende von Merkel” beschworen hat, ergreift das Mikrofon. 

“Wir wollen in die Parlamente, um etwas zu verändern”, sagt Dringenberg.

Dann folgen zwei Sätze, deren bloßes Aussprechen beunruhigend klar machen, wie tief der braune Sumpf in Chemnitz ist. Wie viel extremer als die AfD viele Menschen hier denken:

“Was wir nicht wollen, ist, den Staat zu stürzen. Das muss ich jetzt mal klar sagen – auch, wenn das nicht jeder hier gerne hört!” 

Diesmal gibt es keinen Applaus. Diesmal, als Dringenberg das System stützt – und damit auch die Bundesregierung von Angela Merkel.

“Ich habe hier viel Zustimmung gespürt, mehr als in Baden-Württemberg”, sagt AfD-Mann Bernhard später der HuffPost über seine Tage in Chemnitz. 

Der Abend in Reichenbrand zeigt: Es ist auch die Zustimmung von Menschen, die sich wünschen, dass die AfD radikaler auftritt. Gegen Angela Merkel. Gegen die “Lügenpresse” und die “dummen Wessis”. 

Und gegen die Demokratie. 

(lp)