POLITIK
30/08/2018 14:50 CEST

AfD-Aussteigerin: Den größten Vorwurf an Merkel haben wir uns nur ausgedacht

"Wir haben ganz bewusst das Narrativ gesetzt, dass Merkel die Grenzen geöffnet hätte. Das ist ja nie passiert."

  • AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber wirft ihrer Partei im Fall von Chemnitz Heuchelei vor. 
  • Sie räumt auch mit dem Mythos der angeblichen Grenzöffnung von Angela Merkel im Herbst 2015 auf, wie ihr im Video oben seht. 

Die AfD will am Samstag wieder durch Chemnitz marschieren, um an den gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen zu erinnern, plant die Partei eine Demonstration in der sächsischen Stadt. Tatverdächtig sind ein Syrer und ein Iraker.

Die AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber wirft ihren ehemaligen Parteikollegen für deren Trauerbekundungen im Gespräch mit “Stern TV” allerdings Heuchelei vor:

Für die AfD ist das ein unheimlicher Glücksfall. Man darf sich da nicht von den Trauerbekundungen täuschen lassen, und auch nicht von Vorwürfen an andere Politiker.”

Der Mythos von Merkels Grenzöffnung

Schreiber, ehemalige Vorsitzende der sächsischen AfD-Jugendorganisation, war 2013 in die AfD eingetreten, kurz vor der Bundestagswahl trat sie wieder aus – und kritisiert die Parteiführung seitdem scharf. Innerhalb der Partei erlebe sie inzwischen “gelebte Fremdenfeindlichkeit”, sagt Schreiber zu “Stern TV”.

Und sie räumt auch mit einem Mythos auf, der von den AfD-Funktionären noch immer verbreitet wird: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe im September 2015 die deutschen Grenzen geöffnet. 

Sie sagt: 

“Wir haben ganz bewusst das Narrativ gesetzt, dass Merkel die Grenzen geöffnet hätte. Das ist ja nie passiert. Das haben wir uns als Funktionäre in der AfD-Jugendorganisation ausgedacht. So hat die AfD einen Sündenbock und sie kann jedes Thema auf die Flüchtlingskrise beziehen.”

Es ist ein Narrativ, das seither zu den wichtigsten Argumenten der Rechten gegen die Kanzlerin gehört. Und Schreiber sagt: Es ist eine mit Kalkül erarbeitete Fiktion der Parteistrategen.  

Mehr zum Thema: Gewalt in Chemnitz – sächsischer AfD-Vize verbreitet wilde Verschwörungstheorie

Was Angela Merkel im September 2015 getan hat

Es war der Abend des 4. September 2015, der mit zu der Verschwörungstheorie von der Grenzöffnung führte: Der damalige österreichische Kanzler Werner Faymann berichtete Merkel damals, dass sich tausende Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland aufmachen.

Beide beschlossen damals: Die Grenzen bleiben offen – wie sie es seit dem Schengen-Abkommen der Europäischen Union ohnehin sind. Die Rede von der Grenzöffnung ist daher faktisch falsch. 

Doch die AfD hat diesen Mythos immer wieder beheizt. Zum Zweck dahinter sagt Aussteigerin Schreiber: “So hat die AfD einen Sündenbock und sie kann jedes Thema auf die Flüchtlingskrise beziehen.”

Wie eben jetzt auch in Chemnitz, wo die AfD immer wieder von “Merkels Toten” spricht.

(lp)