LIFE
03/02/2019 12:34 CET | Aktualisiert 03/02/2019 12:34 CET

Achtsamkeit: Wir haben ein Dankbarkeits-Tagebuch geführt – das hat es mit uns gemacht

Achtsamkeits-Übungen scheinen ein Allzweck-Heilmittel für unsere müden Gemüter zu sein.

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Wieder im Hier und Jetzt leben und den Moment bewusst wahrnehmen: Drei Redakteurinnen der HuffPost haben eine Achtsamkeits-Übung ausprobiert. (Symbolbild)

Mit einer simplen Atemübung den Stress aus dem Alltag nehmen. Mit Meditation seine Schlafstörungen bekämpfen. Beim Weg in die Arbeit einfach mal alles ganz, ganz bewusst wahrnehmen, den Wind im Gesicht, den Boden unter den Füßen – und dein Leben könnte ein besseres werden.

Achtsamkeits-Übungen wie diese scheinen ein Allzweck-Heilmittel für unsere müden Gemüter zu sein, die es verlernt haben, im Hier und Jetzt zu leben, den Moment zu genießen und auch für die kleinen Dinge im Leben dankbar zu sein. Der Trend floriert seit Jahren schon: 

Wer “Mindfulness” – das englische Wort für Achtsamkeit – bei Google eingibt, kann zwischen über hundert Millionen Einträgen wählen, die über den Trend informieren oder uns dabei helfen sollen, uns wieder aufs Wesentliche zurückzubesinnen. Magazine wie “Flow” oder “Happinez” erklären, wie man eigentlich im Hier und Jetzt lebt und Seminare mit Titeln wie “Achtsames Yoga in der Mittagspause” tragen dazu bei, dass wir im stressigen Arbeitsalltag auch mal entspannen können. Es scheint für jeden das passende Angebot dabei zu sein.

Wir haben einen Monat lang eine Achtsamkeits-Übung gemacht

Den Moment wieder bewusst erleben können und so positive Energie ins Leben bringen: Wir, drei Redakteurinnen von der HuffPost, wollten ausprobieren, ob das wirklich klappt. 

Um unsere eigene Achtsamkeit zu trainieren, haben wir uns entschlossen, eine Dankbarkeits-Übung zu machen: In eine eigens gegründete Whatsapp-Gruppe haben wir einen Monat lang jeden Tag drei Dinge geschrieben, für die wir dankbar sind und eine Sache, auf die wir uns freuen.

Das konnte alles Mögliche sein – zum Beispiel die Vorfreude auf einen Theaterbesuch am Wochenende oder einfach das empfundene Glück darüber, in seinem warmen Bett zu liegen.

Nach dem Endes Monats haben wir mit dem Psychiater und Psychologen Michael Huppertz über unsere Erfahrungen gesprochen. 

Zum Thema Dankbarkeit, die einen Teil der Achtsamkeit ausmacht, sagt Huppertz: 

“Dankbarkeit ist ein besonders spannendes Thema: Sie hat viel damit zu tun, sich Hintergründe wieder bewusst, das Selbstverständliche wieder un-selbstverständlich zu machen.”

Soviel sei schon mal verraten: Geklappt hat das nicht bei allen von uns – statt Freude stellte sich teilweise Wut ein. Etwas bei dem Experiment gelernt haben wir aber alle. Das sind unsere Erlebnisse: 

Gina Louisa Metzler, Redakteurin für Eltern-Themen:

“Achtsamkeit heißt für mich, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Staunend und dankbar zu sein über die Wunder, von denen wir umgeben sind. Es bedeutet, bewusst zu handeln und zu sprechen und weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft zu leben, sondern im Hier und Jetzt.

Aber das ist leichter gesagt als getan.

Ich habe schon einmal die Erfahrung gemacht, dass eine kleine Achtsamkeitsübung helfen kann, mehr im Moment zu leben und größere Zufriedenheit zu empfinden. Deshalb habe ich mich gefreut, als unter uns Kolleginnen die Whatsapp-Gruppe entstand.

Als ich dieselbe Übung etwa ein Jahr zuvor gemacht hatte, war der Effekt sehr stark. Ich merkte, wie sehr ich mich an den vielen Kleinigkeiten erfreuen konnte, die mein Leben bereicherten. Und es tat gut, sich das jeden Tag bewusst zu machen.

Ich musste nicht mehr überlegen, wofür ich dankbar war – ich war es längst

Oft dachte ich schon tagsüber lächelnd darüber nach, was ich am Abend in die Gruppe schreiben könnte. Manchmal fielen mir so viele Dinge ein, für die ich dankbar war, dass ich mich abends für die drei absoluten Favoriten entscheiden musste.

Schon nach kurzer Zeit hatte sich mein Blickwinkel verändert. Alles war ein bisschen heller, ein bisschen wärmer geworden. Es gab immer mehr Momente, in denen ich innehielt und meine Wahrnehmungen voll in mich aufnahm. Und diese tiefe Zufriedenheit ist mir seitdem geblieben.

Gina Louisa Metzler / HuffPost
Gina Louisa Metzler konnte sich über die kleinen Dinge freuen.

Das ist mir bewusst geworden, als ich die Übung nun ein zweites Mal machte. Auch diesmal habe ich wieder gern Dinge aufgeschrieben, für die ich dankbar war. Dabei fiel mir auf, dass ich die meisten schönen Erlebnisse bereits in dem Moment bemerkt hatte, in denen sie geschahen. Ich musste nicht erst überlegen, wofür ich dankbar war – ich war es längst gewesen.

Umso mehr genoss ich es diesmal, mehr über meine Kolleginnen zu erfahren. Zu lesen, was sie berührte, zu erfahren, auf welche Weise sie die Welt betrachteten, hat mich ihnen näher gebracht. Ich denke, das Beste, was man über unser Experiment sagen kann, ist, dass es uns irgendwie zusammengeschweißt hat.”

Das sagt Huppertz zu Achtsamkeit und positivem Denken:

“Die Übung, die Sie gemacht haben, ist näher dran an der Autosuggestion – dabei versucht man, sich positive Dinge vor Augen zu führen. Bei der Achtsamkeit geht es eher darum, sich etwas bewusst zu machen, um Bewusstseinserweiterung – egal ob positiv oder negativ. Es geht um eine Auseinandersetzung mit allen Aspekten, die uns umgeben und uns ausmachen.”

Uschi Jonas, Redakteurin für lösungsorientierten Journalismus: 

“Seit Jahren erwische ich mich, wie ich abends im Bett liege und denke: Mist, du hast wieder nicht alles geschafft, was du heute schaffen wolltest. Sport machen, Zeitung lesen, mit der Freundin telefonieren, endlich mal die Post sortieren, ein neues Buch anfangen zu lesen, den ganzen Tag gesunde Sachen essen, auf der Arbeit alles in acht Stunden erledigen, was ich mir vorgenommen habe.

Seit Jahren macht mich das immer wieder traurig, wütend auf mich selbst und es weckt das Gefühl in mir, versagt zu haben.

Seit Jahren weiß ich auch, dass das eigentlich Unsinn ist und es nicht immer nur darum geht, Dinge zu schaffen, zu lernen, besser zu machen – sondern vor allem auch darum, das Leben zu genießen und sich über die Dinge zu freuen, die man eben doch geschafft hat. 

Uschi Jonas / HuffPost
Redaktionshund Bolle hat bei Uschi Jonas für gute Laune gesorgt.

Dennoch fällt es mir immer schwer, mich darauf zu besinnen und einfach mal dankbar zu sein für Dinge, die gut laufen. Unsere Whatsapp-Gruppe klang für mich nach einer Möglichkeit, aus meiner gedanklichen Abwärtsspirale auszubrechen.

Nach ein paar Tagen stellte sich vor allem eins ein: Stress

In den ersten Tagen lief das auch noch wunderbar, ich teilte meine Dankbarkeit für Dinge wie Ausschlafen, Sonne genießen, Zeit für eine Ausstellung haben, ein schöner Abend mit Freunden, mein eigenes Bett, neue Musik entdecken. Aber nach ein paar Tagen stellte sich vor allem eins ein: Stress.

Sich jeden Abend Zeit zu nehmen und zu überlegen, wofür ich dankbar bin, wurde zu einer weiteren zeitraubenden Last auf meiner To-Do-Liste – auch, wenn die Idee eigentlich war, genau dem entgegenzuwirken.

Gleichzeitig fing ich an, mich zu langweilen: Ich empfand die Übung als unbefriedigend, denn es gibt eben nicht jeden Tag etwas Neues, wofür ich unheimlich dankbar bin. Und eigentlich finde ich das auch ziemlich in Ordnung. Ich bin zwar jeden Abend dankbar, in meinem eigenen Bett, in meiner eigenen Wohnung schlafen zu können – aber das muss ich nicht jeden Abend schriftlich kundtun.

Mein Fazit: Mir half unsere Gruppe vor allem, mehr über meine Kolleginnen und ihren Alltag abseits des Büros zu erfahren und es ist schön, dass uns das einander näher gebracht hat. Um mich mehr auf die guten Dinge in meinem Alltag zu besinnen, muss ich mir aber eine andere Übung suchen.”

Das sagt Huppertz zu Achtsamkeit und Stress: 
“Weniger Stress macht es, wenn man seine Achtsamkeit auf die Dinge richtet, die man sowieso schon tut – morgens bewusst aufstehen zum Beispiel, ein paar Atemzüge am offenen Fenster nehmen, in Ruhe einen Kaffee oder Tee machen.” 

Agatha Kremplewski, Redakteurin für Gesellschaft:

“Normalerweise reagiere ich schon bei dem Wort ‘Achtsamkeit’ allergisch: ‘Vorgeschriebene Nabelschau’, denke ich dann immer. “Von wegen, mehr Bewusstsein für seine Umgebung und Mitmenschen entwickeln blabla. Am Ende gucken doch alle nur, wie sie sich selbst am besten fühlen.”

Und gegen Ende des Jahres, als ich besonders gestresst war, schlecht schlief und unregelmäßig aß, dachte ich: Vielleicht wäre es gar nicht mal so schlecht, einfach mal ein wenig auf sich selbst zu achten. Und was spricht dagegen, mit positivem Denken anzufangen? Unsere Whatsapp-Gruppe klang nach einem schönen ersten Schritt.

Ich habe an unser Achtsamkeits-Experiment geglaubt – dann bekam ich schlechte Laune

Ich habe wirklich an unser Experiment geglaubt. Ich wollte mit positiver Energie meine negativen Gedanken umkrempeln, gelassener – ja, ein besserer Mensch werden.

Ich wurde aber vor allem: aggressiv.

Anfangs noch habe ich es genossen, mir Gedanken darüber zu machen, was eigentlich gerade alles gut ist – schließlich vergisst man das im Alltagstrubel recht häufig. Bald schon allerdings fiel mir nur noch auf, was alles nicht gut ist. Je angestrengter ich darüber nachdachte, wofür ich dankbar sein könnte, umso mehr wurde mir bewusst, was alles schief lief. 

Agatha Kremplewski / HuffPost
Agatha Kremplewski kämpfte mit dem Zwang, positiv denken zu müssen.

Und dann habe ich gemerkt: Eigentlich habe ich kein Problem damit, für Kleinigkeiten dankbar zu sein. Ich kann mich wochenlang über eine Postkarte von einem Freund freuen. Ich bin jeden Tag dankbar für meinen Hund. Ich weiß, dass ich ein weitaus privilegierteres Leben führe als die meisten Menschen weltweit.

Ich muss mir das nicht jeden Tag selbst unter die Nase reiben. Das macht mir schlechte Laune und stresst mich zusätzlich.

An unserer Whatsapp-Gruppe hat mir eigentlich nur gefallen, dass ich den Eindruck hatte, meine Kolleginnen und ich wuchsen stärker zu einem Team zusammen: Ich erlebte nun deren Gefühle und Gedanken, die sie im üblichen Arbeitsalltag vielleicht nicht teilen würden.

Das Dankbarkeits-Tagebuch jedoch liegt seit Wochen ungenutzt in der Ecke – und dafür bin ich dankbar. Jeden Morgen, an dem ich von da an aufwachte und auf das Notizbuch starrte, ohne es aufzuklappen, fühlte sich an wie eine Erleichterung.

Das sagt Huppertz zu Achtsamkeit und Negativität: 

“Bei der Achtsamkeit sollte man negative Gedanken auf gar keinen Fall unterdrücken – Achtsamkeit und Vermeidung, das passt nicht zusammen. Man versucht eher, den negativen Gedanken wahrzunehmen, aber ihn nicht festzuhalten. Und dann schaut man weiter, was passiert: Wie fühlt sich die Umgebung an? Der Boden unter den Füßen, die Luft um einen herum... Am Ende geht es darum, die Gegenwart zu spüren und den Horizont zu erweitern, nicht, etwas zu vermeiden.”

Ob wir uns nun achtsamer und dankbarer fühlen, ist also sehr subjektiv – ein besonderes Erlebnis waren die Wochen allerdings für jede von uns. Die wichtigste Lektion war wohl, dass die Achtsamkeit keinen Zweck erfüllen kann, weil sie sonst negative Gefühle und Stress erzeugen könnte, wie wir teilweise erfahren haben.

Auch Huppertz sagt: “Die Achtsamkeit ist absichtslos – es geht nicht darum, klüger zu werden, entspannter oder in irgendeiner Form besser. Es geht darum, einfach nur da zu sein.”

Übungen zur Achtsamkeit kann laut Huppertz übrigens jeder machen – außer, wenn jemand versucht, sich so unempfindlicher oder belastbarer zu machen oder wenn man durch Achtsamkeit notwendige Veränderungen in seinem Leben vermeiden will: “Beides ist nicht das Ziel der Achtsamkeit. Wer Achtsamkeit üben will, sollte sich auch immer fragen, warum.”

(ben)