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19/06/2018 14:28 CEST | Aktualisiert 19/06/2018 14:28 CEST

Achtsame Erziehung: Wie das funktioniert – und warum es wichtig ist

Unsere Reaktionen können für Kinder äußerst erschreckend wirken.

AleksandarNakic via Getty Images
Du kannst dich nicht so gut um dein Kind kümmern, wenn du selber gestresst bist. 

Dieser Text erschien ursprünglich bei Motherly

Was geht eigentlich in uns vor, wenn wir Stress haben?

Unser Körper und unser Gehirn sind darauf ausgerichtet, in intensiven Stresssituationen wie eine Art Sicherheitsnetz zu funktionieren. Wenn unser Gehirn eine Bedrohung wahrnimmt, alarmiert es die Amygdala, das sogenannte Warnsystem unseres Körpers.

Dieses System bringt unseren Körper dazu, ohne langes Nachdenken zu reagieren. Die Amygdala löst in diesen Situationen entweder eine Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktion aus. Diese Reaktionen dienen als Schutzmechanismus. Doch unsere Stress-Rezeptoren können nicht unterscheiden, ob es sich gerade um eine echte Bedrohung oder um einen Fehlalarm handelt.

In der Kindererziehung kann das äußerst schwierig werden. Denn da wird unsere Stressreaktion oft unnötig durch Ereignisse ausgelöst, die nicht wirklich lebensbedrohlich sind.

► Wenn unser Kind seine Cornflakes auf dem ganzen Boden verteilt, reagiert unser Körper genauso, als würden wir von einem Bären gejagt werden.

Für Kinder kann unsere Reaktion abschreckend sein

Je nachdem, was ein Mensch in seiner Kindheit erfahren und erlebt hat, wird bei einigen Menschen manchmal schneller eine Stressreaktion ausgelöst als bei anderen. Wenn unsere Stress-Rezeptoren aktiviert werden, fällt es uns schwer, klar zu denken und auf die Menschen um uns herum zu achten.

Wir sind nicht mehr in der Lage, rücksichtsvoll zu reagieren und wir können uns nur noch schlecht konzentrieren. Außerdem ist unsere Problemlösungsfähigkeit herabgesetzt.

Dr. Dan Siegel, klinischer Psychologe, erklärt, dass es uns in stressigen Momenten in der Kindererziehung passieren kann, dass wir “die Kontrolle verlieren” oder “ausrasten” und dass dann unsere Reaktionen von unseren Gefühlen gelenkt werden.

Wenn wir plötzlich “aus der Haut fahren”, passiert das meist so schnell, dass wir nicht mehr darüber nachdenken, welches Bild wir gerade vor unseren Kindern abgeben. Doch unsere Reaktionen können auf Kinder äußerst erschreckend wirken.

Außerdem leben wir ihnen auf diese Weise vor, wie Erwachsene auf Stress reagieren. Deshalb sollten wir bewusst versuchen, achtsamer zu sein und kurz innezuhalten, bevor wir reagieren. Denn so können wir unseren Kindern beibringen, ebenfalls kurz innezuhalten, um bewusst auf die Situation zu reagieren, anstatt sich von einem Impuls leiten zu lassen.

Was bedeutet Achtsamkeit in der Kindererziehung?

Wer seinen Kindern beibringen will, auf ihre Gefühle und Verhaltensweisen zu achten, sollte in erster Linie seine eigenen im Griff haben. Das ist auch der Grund, warum uns in Flugzeugen immer wieder gesagt wird, dass wir in Notfällen zuerst unsere eigenen Sauerstoffmasken aufsetzen sollen, bevor wir sie unseren Kindern aufsetzen.

► Du musst erst einmal mit dir selbst klar kommen, bevor du deinem Kind ein gutes Vorbild darin sein kannst. Denn leider kannst du dich nicht gut genug um dein Kind kümmern, wenn du selbst gestresst, erschöpft oder überfordert bist.

Achtsamkeit in der Kindererziehung bedeutet nicht, dass du eine “perfekte Mutter” oder ein “perfekter Vater” sein musst. Und es ist auch keine Disziplin, in der du versagen könntest. Es ist nicht leicht und es erfordert eine gewisse Übung. Und wie in allen Bereichen der Kindererziehung wird es immer wieder einmal bessere und schlechtere Tage geben.

Doch du hast immer wieder die Gelegenheit, es aufs Neue zu versuchen. Vielleicht vergisst du hin und wieder, achtsam zu sein. Doch sobald dir klar wird, dass du gerade abgelenkt bis, hast du die Möglichkeit, dich bewusst dagegen zu entscheiden – nämlich dafür, wieder aufmerksam zu sein.

Achtsamkeit in der Erziehung bedeutet, dass du deine Aufmerksamkeit bewusst darauf lenkst, was gerade passiert, anstatt dich von deinen Gefühlen überrollen zu lassen. Achtsam zu sein bedeutet, sämtliche Schuld- und Schamgefühle aus der Vergangenheit loszulassen und dich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Es geht darum, alles anzunehmen, was gerade passiert, statt zu versuchen, es zu verändern oder zu ignorieren.

Dein Kind achtsam zu erziehen bedeutet, dass du genau darauf achtest, wie du dich gerade fühlst. Das heißt nicht, dass du niemals wütend oder aufgeregt sein darfst. Natürlich nimmst du auch negative Gefühle wahr. Wenn du jedoch nicht achtsam mit diesen Gefühlen umgehst, wird dies irgendwann zu Problemen in deiner Erziehung führen.

Die Vorteile von Achtsamkeit in der Erziehung:

► Du wirst dir stärker über deine eigenen Gefühle und Gedanken bewusst.
► Du erhältst mehr Bewusstsein über die Bedürfnisse, Gedanken und Gefühle deines Kindes und kannst besser darauf eingehen.
► Du kannst deine eigenen Gefühle besser regulieren.
► Du bist dir selbst und deinem Kind gegenüber weniger kritisch.
► Du verbesserst deine Fähigkeit, in stressigen Situationen Abstand zu nehmen und dadurch impulsive Reaktionen zu vermeiden.
► Deine Beziehung zu deinem Kind verbessert sich zunehmend.

Wie man Achtsamkeit in der Erziehung umsetzen kann

Versetze dich einmal in eine Situation zurück, in der du sauer oder wütend auf dein Kind warst. Eine Situation, in der du ganz automatisch reagiert hast, wie die meisten von uns es tun, wenn schwierige Gedanken, Gefühle oder Sichtweisen auftauchen. In stressigen Situationen, in denen wir schnell emotional reagieren, ist es nicht leicht, trotzdem unsere Schokoladenseite zu zeigen. Und du kannst dir sicher sein, dass dein Kind die Knöpfe für diese emotionalen Reaktionen früher oder später finden wird.

Wenn du dein Verhalten bewusst verändern willst, solltest du dir erst einmal über deine “wunden Punkte” und deine emotionalen Trigger klar werden. Die “wunden Punkte” sind bestimmte Augenblicke an einem Tag, in denen du verletzbarer und weniger emotional verfügbar bist. Oft fühlt man sich in diesen Momenten gestresst, müde, überfordert oder hilflos. Es kann auch sein, dass man gerade Probleme in der Arbeit oder in seiner Beziehung hat, über die man permanent nachdenkt.

Emotionale Trigger sind Gefühle oder Ansichten aus deiner Kindheit, die auftauchen können, wenn dein Kind eine bestimmte Handlung ausführt:

► Dein Kind verhält sich auf eine Art und Weise, die nicht deinen Vorstellungen entspricht. Beispiel: Dein Kind wirft im Restaurant mit Essen um sich oder schnappt sich in einem Geschäft alle Spielsachen. Dies bringt dich in Verlegenheit und du schämst dich.

► Das Verhalten deines Kindes löst eine Kindheitserinnerung und die dazugehörige Reaktion in dir aus. Beispiel: Die schulischen Leistungen deines Kindes sind nicht so gut, wie sie deiner Meinung nach sein sollten. Du bekommst dadurch das Gefühl, als Mutter oder Vater versagt zu haben. Denn wenn du als Kind eine schlechte Note bekamst, haben deine Eltern dir gesagt, dass deine Leistung nicht ausreicht.

► Das Verhalten deines Kindes erinnert dich an eine traumatische Situation oder an ein traumatisches Erlebnis. Beispiel: Wenn du dir als Kind schon einmal beim Herumturnen auf einem Klettergerüst den Arm gebrochen hast, hast du jedes Mal Angst, wenn dein Kind auf den Spielplatz geht.

► Das Verhalten deines Kindes lenkt deinen Fokus auf deine Ängste oder Wünsche. Beispiel: Wenn meine Kinder sich in der Nacht gegenseitig aufwecken, kann keiner mehr schlafen. Alle weinen und ich bekomme Panik, dass ich gar keine Zeit mehr für mein Erwachsenenleben habe und dass ich mein altes Ich komplett aufgegeben habe, als ich Mutter wurde.

Wenn du deine Gefühle in den Griff bekommen willst, solltest du dir bewusst machen, in welchen Situationen bei dir leicht “wunde Punkte” und emotionale Reaktionen aktiviert werden.

Kristen Race, Autorin des Buches “Mindful Parenting: Simple and Powerful Solutions for Raising Creative, Engaged, Happy Kids in Today’s Hectic World”, erklärt, dass es drei wichtige Schritte gibt, die achtsame Eltern befolgen sollten.

Die drei wichtigsten Schritte für Achtsamkeit in der Erziehung:

1. Achte bei einer Auseinandersetzung mit deinem Kind auf deine eigenen Gefühle.

Erinnere dich an den letzten Streit oder an eine frustrierende Situation mit deinem Kind. Welche Gefühle kommen bei diesem Gedanken in dir hoch? Bist du wütend, verlegen, beschämt? Versuche, dein Gefühl oder deinen Trigger wie eine Welle wahrzunehmen, die aufsteigt und wieder abflacht.

Versuche, dein Gefühl nicht auszublenden oder aufzuhalten. Verdränge es nicht. Verurteile dich nicht dafür und wehre dich nicht dagegen. Halte das Gefühl jedoch auch nicht fest. Klammere dich nicht daran. Mach es nicht größer, als es bereits ist. Du bist nicht dein Gefühl und du musst auch nicht nach diesem Gefühl reagieren. Sei einfach im Moment und nimm dein Gefühl ganz bewusst wahr. Erinnere dich daran, dass du weder dir noch deinem Kind die Schuld für das geben musst, was gerade passiert ist.

Anschließend versuche die Auseinandersetzung aus der Sicht deines Kindes zu betrachten. Wenn du bei einem Wutanfall oder einem Streit gerade überhaupt keine positive Seite an deinem Kind sehen kannst, erinnere dich an einen Moment, in dem du dich mit deinem Kind verbunden gefühlt hast und in dem du freundlich reagiert hast. Versuche, dir dein Kind in dieser Situation vorzustellen, wenn du dich in einer emotionalen Stresssituation befindest.

Versuche, dir im Alltag bewusst zu machen, in welchen Situationen du Angst bekommst oder wütend wirst. Das könnte nämlich ein Hinweis darauf sein, dass gerade ein emotionaler Trigger bei dir ausgelöst wurde. Und sobald du deine eigenen Trigger erkannt hast, kannst du zum nächsten Schritt übergehen.

2. Lerne, erst einmal innezuhalten, bevor du aus einer Wut heraus reagierst.

Der schwierigste und wichtigste Aspekt von Achtsamkeit ist es, selbst im Eifer des Gefechts immer wieder zu seinem inneren Ruhepol zurückzufinden. Wir können uns darin üben, diesen Ruhepol wiederzufinden, indem wir unsere Aufmerksamkeit auf unseren Körper und auf unsere Atmung lenken.

Denn das Auftreten von Emotionen lässt sich an Veränderungen an unserem Körper oder an unserer Atmung erkennen. Wenn wir uns wieder beruhigen und uns auf unseren Körper oder auf unsere Atmung konzentrieren, führt dies zu einer physiologischen Veränderung, die uns weniger reflexartig reagieren lässt und durch die die Leistungsfähigkeit unseres präfrontalen Cortex erhöht wird.

All dies führt dazu, dass unser Geist sich wieder beruhigt und dass wir besser mit unserem Gefühl umgehen können. Wenn wir in der Lage sind, kurz innezuhalten, können wir unsere Emotionen als Empfindungen in unserem Körper wahrnehmen.

Zudem verhindern wir, dass wir sie noch weiter zu verstärken, indem wir uns ausschließlich auf den Auslöser konzentrieren. In diesem Zustand können wir uns selbst daran erinnern, tief durchzuatmen und unsere Gedanken wieder ganz auf den momentanen Augenblick zu richten. Und dann können wir uns eine bewusste Antwort auf die jeweilige Situation überlegen, anstatt impulsiv zu reagieren, weil wir uns nicht mehr im Griff haben.

3. Hör dir den Standpunkt deines Kindes genau an, auch wenn du anderer Meinung bist.

Dein Kind wird sich immer wie ein Kind verhalten. Das bedeutet, dass es manchmal seine Gefühle einfach nicht im Zaum halten kann. Kinder müssen erst lernen, ihre Gefühle zu regulieren – und tatsächlich müssen sogar die meisten Erwachsenen das noch lernen. Außerdem haben Kinder andere Prioritäten als du. Es kann passieren, dass deine Kinder mit ihrem Verhalten hin und wieder bestimmte Knöpfe bei dir drücken. Und das ist auch völlig in Ordnung so.

Problematisch wird es jedoch, wenn auch wir Erwachsene beginnen, uns wie Kinder zu verhalten. Stattdessen sollten wir versuchen, achtsam zu bleiben – was bedeutet, dass wir unsere eigenen Gefühle wahrnehmen und sie vorbeiziehen lassen, ohne sofort darauf zu reagieren. Denn dadurch zeigen wir, wie man seine Gefühle reguliert. Und unsere Kinder lernen von uns, indem sie unser Verhalten beobachten.

Sich selbst beizubringen, kurz innezuhalten, bevor man reagiert, erfordert eine gewisse Übung. Und unsere Fähigkeit, unsere Gefühle zu kontrollieren, ist gewissen Schwankungen unterlegen – je nachdem, was gerade in unserem Leben passiert. Und deshalb ist es auch sehr wichtig, dass wir gut auf uns selbst achten.

Wir können nicht jeden Tag alles geben, ohne uns zwischendrin die Zeit zu nehmen, unsere Kräfte wieder aufzufüllen. Viele Eltern haben Schuldgefühle, wenn sie sich um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern. Das ist jedoch alles andere als egoistisch, sondern sogar notwendig. Mache dich selbst zur wichtigsten Priorität. Denn je besser du dich fühlst, desto besser kannst du mit auftretenden Frustrationen umgehen.

Du solltest unbedingt lernen, wie du dir am besten selbst helfen und dir deine emotionalen Bedürfnisse erfüllen kannst. Auf dich selbst zu achten, kann beispielsweise bedeuten, dass du dir eine kurze Auszeit gönnst, indem du dich im Badezimmer versteckst, wenn du gerade überhaupt nicht mehr mit deinen Kindern klarkommst. (Genau das habe ich letzte Nacht getan.)

Selbstfürsorge kann auch bedeuten, dass du dir ein paar Minuten Zeit nimmst, um tief durchzuatmen. Dass du den Fernseher einschaltest, um dir und deinem Kind eine Pause voneinander zu gönnen. Dass du Tagebuch schreibst. Dass du eine Dusche nimmst. Dass du spazieren gehst. Oder dass du dich mit deinem Partner oder einem Freund unterhältst.

Doch manchmal schaffen wir es einfach nicht, uns rechtzeitig in den Griff zu bekommen. Und dann reagieren wir auf eine Weise, die wir später bereuen. In solchen Momenten sollten wir uns bei unseren Kindern entschuldigen, falls wir sie vorher angeschrien haben. Denn wir alle müssen noch viel lernen und auch wir Eltern machen eben hin und wieder einmal etwas falsch.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei HuffPost US und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(ks)