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08/07/2018 16:28 CEST | Aktualisiert 08/07/2018 17:28 CEST

Abrechnung mit Löw: Daum wütet im TV wegen deutschem WM-Aus

"Das ist keine Loyalität mehr, das ist Trägheit."

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Christoph Daum packten beim "Doppelpass" die Emotionen – und doch lieferte er eine sachlich gute Analyse des WM-Debakels. 
  • Der ehemalige Bundesliga-Trainer Christoph Daum hat in Folge des deutschen WM-Aus’ mit Bundestrainer Joachim Löw abgerechnet. 
  • In der Sendung “Doppelpass” kritisierte Daum, dass Löw und der DFB keine Reformen mehr angestrengt hätten, um in der Weltspitze zu bleiben. 

Sechs Minuten wütetet Christoph Daum am Stück über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft. Sechs Minuten, in der der ehemalige Bundesliga-Trainer immer emotionaler, immer lauter wird. 

Daum redet sich im Sport1-“Doppelpass” geradezu in Rage. 

Der Grund: Er wirft Bundestrainer Joachim Löw und dem Deutschen Fußball-Verband (DFB) vor, sich vor der Weltmeisterschaft in Russland nicht genug mit den neuesten Entwicklungen im Fußball beschäftigt zu haben. 

Daum sprach von ”Überheblichkeit” im deutschen Team. Und sagt: “Es ist immer wichtig, dass ich als Trainer nicht nur einen A-Plan habe – sondern auch einen B-, C- und D-Plan.” 

Daum über Löw und Bierhoff: “Die haben sich selber auf die Schulter geklopft” 

Daum fragte sich, wer eigentlich den mentalen Bereich bei der Nationalmannschaft betreue – und zwar nicht nur für die Spieler. 

“Wer coacht eigentlich den Coach?”, fragte der 64-Jährige. “Wann bekommt der Löw eigentlich eine Rückmeldung?” Dort müsse angesetzt werden. 

Löw und Bierhoff hätten mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 bewiesen, dass sie Reformen durchführen könnten, sagte Daum. Danach hätten sie sich aber nicht mehr selbst überprüft. 

“Gerade nach der Weltmeisterschaft muss die Überprüfung losgehen”, rief Daum nahezu. “Was können wir besser machen, wo müssen wir uns verändern?”

Das sei aber nicht passiert: “Man hat sich selber auf die Schulter geklopft, statt mal kritische Fragen zu stellen.” 

Daum berichtet von Uefa-Gipfel der Nationaltrainer – nur Löw sei nicht da gewesen

Es sei schon seit 2016 ersichtlich gewesen, dass der Fußball sich verändere. Bei der Europameisterschaft seien die fünf Top-Teams, die auf Ballbesitzfußball gesetzt hätten, alle ausgeschieden. 

► Teams, wie Deutschland, die auch 2018 auf Ballbesitz setzten.

Daum schrieb diese Art von Fußball nicht ab – “aber grundsätzlich muss ich mir doch Gedanken machen, wie ich ihn mit Tempo spiele, bei den vertikalen Pässen in die Spitze, bei der Positionierung im gefährlichen Raum vor dem gegnerischen Tor.” 

All das sei 2016 analysiert worden, auf einem Kongress der Uefa, an dem Daum teilgenommen habe. “Wir saßen mit sehr vielen Nationaltrainern zusammen – leider, Joachim Löw und Oliver Bierhoff waren bei diesem Kongress als einzige nicht dabei.” 

Der deutsche Fußball habe solche Diskussionen aber als Gedankenanstoß zur Innovation nötig, sagte Daum. “Da muss man wieder hinkommen – aber das traue ich Löw und Bierhoff auch zu.” 

Wenn diese dazu bereit wären. “Man spricht ja viel von Loyalität”, sagt Daum. “Die ist aber ganz oft vielmehr: Trägheit.” 

Die Nationalmannschaft habe sich in einer Komfortzone eingerichtet. Es müsse womöglich ein Externer dabei helfen, eine offene und kontroverse Diskussion über diesen Zustand anzufangen. 

Daum sagte dazu: “Das ist ein Riesenproblem, dass wir hier haben.”  

(nmi)