POLITIK
13/12/2017 13:15 CET | Aktualisiert 13/12/2017 13:45 CET

Warum arabische Kinder zu Antisemiten werden – und der Islam wenig dafür kann

Haben muslimische Zuwanderer eine neue Form des Judenhasses nach Deutschland gebracht? Islamforscher Ahmad Mansour gibt Antworten.

Stefanie Loos / Reuters
Kinder bei einer Pro-Palästina-Demonstration in Berlin.
  • Antisemitismus unter Muslimen ist meist motiviert von der Nahost-Politik
  • Islamforscher Ahmad Mansour beobachtet, dass arabische Kinder schon im Kindergarten zum Judenhass erzogen werden
  • Was bedeutet das angesichts der zunehmenden arabischen Migration für Deutschland?

Längst nicht alle Judenfeinde tragen Springerstiefel.

Auch bei Linken ist Antisemitismus verbreitet, in der deutschen Mittelschicht herrschen weiter Vorurteile gegenüber Juden – und besonders Muslime fallen dieser Tage immer wieder durch hasserfüllte Reaktionen auf den Konflikt zwischen Israel und Palästina auf. 

Damit befeuern sie eine These, die immer wieder in ähnlicher Form zu lesen ist: Muslimische Zuwanderer hätten eine neue Form des Judenhasses nach Deutschland gebracht. 

Von einem “urwüchsigen, naiven Antisemitismus der Muslime” schrieb “Welt”-Chefredakteur Ulf Poschardt zuletzt – doch gibt es den so pauschal wirklich?

Wir haben mit Ahmad Mansour gesprochen, arabischer Israeli, Diplompsychologe, in seiner Jugend selbst in Kontakt mit dem fundamentalistischen Islam gekommen. Heute ist Mansour Islamismus-Experte und warnt vor der rasanten Verbreitung antisemitischer Lehren unter muslimischen Jugendlichen. 

Mansour sagt dabei aber auch: Mit dem Islam als Religion habe das nur bedingt etwas zu tun.

ZDF
Mansour im ZDF.

“Das hat fast allein mit Nahost-Politik zu tun”

Der Antisemitismus, wie er in der arabischen Welt vorherrsche, beruhe fast ausschließlich auf “der Nahost-Politik, Verschwörungstheorien und religiösen Narrativen”, erklärt Mansour. Die Medien in vielen arabischen Ländern würden ein Schwarz-Weiß-Bild zeichnen: “Sie sehen die Araber in der Opferrolle und die Juden als Täter.” Einen Unterschied zwischen “Jude” und “Israeli” gebe es in diesem Weltbild nicht.

Es ist ein Weltbild, das durch Zuwanderung auch vermehrt in Deutschland zu erkennen ist. “Der nächste Nahostkrieg – und der kommt bestimmt – wird auch auf deutschen Straßen ausgetragen werden”, warnt Mansour.

Der politische Konflikt wird so zum Existenzkampf zwischen Arabern und Juden stilisiert. Dabei sei es egal, ob es sich um christliche oder muslimische Araber handelt, sagt Mansour. Die abenteuerlichen Thesen würden durch Medien, in Schulen – und sogar bei den Kleinsten verbreitet. 

“Als Donald Trump Jerusalem zur Hauptstadt von Israel erklärt hat, wurde das auch in Schulen und Kindergärten thematisiert”, erklärt Mansour. 

Ahmed Saad / Reuters
Eine Mädchenschule in Bagdad.

“Die Kinder verstehen noch nicht mal, worum es eigentlich geht, aber sie wissen, dass der Jude ihr Feind ist”, sagt der Experte. “Jude” sei so zu einem gängigen Schimpfwort in der arabischen Sprache geworden.

Bericht des Innenministeriums bestätigt Tendenz

Dass sich ähnliche Lehren auch bei Jugendlichen in Deutschland verbreiten, bestätigt ein aktueller Bericht des Innenministeriums.

“Je stärker sich die Jugendlichen im Nahostkonflikt mit den Palästinensern identifizieren, desto deutlicher fällt auch die Ablehnung von Juden aus”, heißt es in dem Papier, das sich auf verschiedene wissenschaftliche Studien stützt.

Eine qualitative Studie der Universität Potsdam über die Einstellung von Flüchtlingen aus dem Irak und Syrien, die der HuffPost vorliegt, kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Besonders der politische Konflikt rief bei den Befragten eine starke Abneigung gegen Israelis – in manchen Fällen auch Juden per sé - hervor.

Welche radikalen Blüten das treiben kann, weiß Mansour. Er beschreibt das Weltbild einiger Fundamentalisten so: “Ein guter Jude ist ein Jude, der entweder schon im Zweiten Weltkrieg gestorben ist, oder der Israel sehr kritisch gegenübersteht.”

Nur wer das sichtbar tue, könne auch “unbesorgt durch Neukölln laufen, ohne dass er angefeindet wird”.

Auch in Deutschland wird “Jude” zum Schimpfwort

Die HuffPost hat sich an Schulen in München umgehört. Auch hier wird “du Jude” zu einem gängigen Schimpfwort. Eine junge Deutschtürkin etwa berichtete: “Ich habe eine Jüdin in der Klasse und die findet es nicht schlimm, wenn sie mit ‘Jude’ angesprochen wird. Solche Äußerungen sollten als Witz aufgefasst werden.”

Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, stimmen solche Aussagen besorgt. Denn zu den oft unbedachten Beleidigungen komme in vielen Fällen Unwissen über die deutsche Geschichte. “Die Schüler wollen sich damit gar nicht beschäftigen, weil Sie vielleicht keine deutschen Wurzeln haben und daher denken, sie hätten damit nichts zu tun”, sagte Knobloch der HuffPost.

So entstehe eine Abwehrhaltung. “Im Ergebnis wird das Judentum zum Feindbild – mit entsetzlichen Folgen.”

dpa
Schüler in München.

Mansour: “Jeden Tag hunderte Videos”

Dem entgegenzuwirken wird ein Kraftakt – für Lehrer und Politiker. Islamismus-Experte Mansour weiß: Es sind nicht nur Eltern und das direkte soziale Umfeld, die antisemitische Narrative streuen.

“Antisemitische Hetzer und Islamisten wissen, wie sie ihre Botschaft am besten verbreiten. Sie stellen jeden Tag hunderte von Videos ins Internet, sie wissen wie sie Jugendliche ansprechen müssen, indem sie ihre Ideologie auf die Jugendkultur zuschneiden”, berichtet Mansour der HuffPost.

Es gehe daher nun darum, Vorurteile abzubauen und Verschwörungstheorien glaubhaft zu widerlegen. “Wenn in Palästina das warme Wasser ausgeht, heißt es, die Juden seien dafür verantwortlich, weil sie uns das Wasser klauen”, sagt er. 

Um dem entgegenzuwirken, zieht auch Mansour durch Schulen, gibt Workshops und Kurse. Ihm ist es wichtig, auf Augenhöhe mit den meist jungen Menschen zu sprechen. Seine Herkunft kommt ihm dabei zugute.

“Wenn ich sage, dass ich arabischer Israeli bin, schaffe ich eine andere Perspektive. Viele sind der Meinung beides geht nicht, man muss entweder Israeli oder Palästinenser sein. Aber ich bin doch beides”, sagt Mansour.

So könne er Weltbilder zum Wanken bringen. Eine Aufgabe, die wohl selten so wichtig war, wie heute. 

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(amr)