POLITIK
27/01/2018 12:57 CET | Aktualisiert 29/01/2018 10:22 CET

95 junge Politikerinnen berichten über Sexismus in ihren Parteien

"Ich fühle mich schmutzig."

Getty / HuffPost

“Man wird nicht in Ruhe gelassen, man sagt Nein, man sagt, man will das nicht. Aber die Kommentare hören nicht auf. Ich fühle mich dadurch weniger wert. Als wäre ich schmutzig. Als hätte ich ein Aussehen, das Männer dazu veranlasst, so mit mir umzugehen.” 

- Politikerin in der Jungen Union

“Es sind die Momente, in denen man als junge Frau von Männern, die locker die eigenen Väter sein könnten, gefragt wird, ob man ihnen nicht zeigen könnte, wo das nächste Hotel sei. Es sind aber auch die Momente, in denen einem nahegelegt wird, ob man nicht dieses oder jenes Amt übernehmen könnte, da man ja auch eine Frau bräuchte.”

- Elisabeth Schneider, Schatzmeisterin der JuLis Sachsen-Anhalt

“Es war leider wirklich alles dabei. Frauen, die Schnittchen verteilen durften, weil sie ja hübsch anzusehen sind. Oder im Präsidium vorgeschlagen wurden mit dem Spruch ‘Wir haben euch auch was zum Angucken mitgebracht’. Alles, bis hin zu ungefragten Berührungen oder massiven Übergriffen.”

- Politikerin der Jusos

Es sind Szenen, die anmuten, wie aus einer anderen Zeit. Doch diese Begebenheiten schildern Politikerinnen deutscher Partei-Jugendorganisationen im Jahr 2018.

► Die HuffPost hat in einer aufwendigen Recherche 95 Jungpolitikerinnen der 5 größten Jugendorganisationen Jusos, Junger Union, Linksjugend, Jungen Liberalen und Grüner Jugend zu ihren Erfahrungen mit Sexismus befragt. In einer anonymen Umfrage – und in dutzenden persönlichen Interviews.

Die meisten der Befragten sitzen in Bundes-, Landes- und Bezirksvorständen der Jungparteien. Das Bild, das viele von ihnen von der Arbeit in ihren Verbänden zeichnen, hat wenig mit der offenen politischen Diskussionskultur zu tun, die sich die jungen Parteien auf die Fahne schreiben.

Stattdessen berichten sie von sexistischen Sprüchen, Strukturen, die Frauen ausgrenzen und benachteiligen und von sexueller Belästigung bis hin zu Vergewaltigungen.

Viele der Betroffenen haben gebeten, anonym zu bleiben, aus Angst vor den politischen und persönlichen Folgen.

Politikerinnen fühlen sich nicht ernstgenommen

Für die meisten Politikerinnen und Politiker sind die Jugendverbände das Sprungbrett für ihre politische Karriere. Doch noch immer sind es hier vor allem Männer, die den Ton angeben.

►  Wo das Problem anfängt, macht eine Zahl besonders deutlich: Mehr als 70 Prozent der befragten Politikerinnen haben das Gefühl, dass sie weniger ernstgenommen werden als ihre männlichen Kollegen.

HuffPost / Infogram

Kristin Brück, stellvertretende Landesvorsitzende der Jusos im Saarland, sagt der HuffPost: “Ich werde als junge Frau häufig belächelt, als ‘Mädchen’ bezeichnet und von älteren Männern wird mir immer gesagt, dass ich auf sie hören solle.”

Oft gehen diese Herabwürdigungen einher mit der Anschuldigung, nur in Positionen gekommen zu sein, weil man eine Frau sei. Das berichtet eine überwältigende Anzahl von Politikerinnen aller Parteien. 

Ein Mitglied der Jungen Union aus Nordrhein-Westfalen nennt im Gespräch mit der HuffPost die typischen Sprüche. “Ohne die Frauenquote hättest du das nicht geschafft!” 

Oder: “Du bist eh nur wegen der Quote in dieser Position!”. Dabei sei es vollkommen egal, ob es überhaupt eine Quote gebe.

Auch Elisabeth Schneider von den Jungen Liberalen kennt diese Situationen. “Es sind Momente, in denen man nicht als gleichberechtigtes Mitglied, sondern nur in seiner Funktion als Frau, als Kuriosität im politischen Betrieb wahrgenommen wird.”

“Sie arbeiten gut, aber Sie sind eine Frau”

► Die Konsequenz: Fast die Hälfte der Jungpolitikerinnen haben das Gefühl, dass ihre politischen Ambitionen belächelt werden.

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Im politischen Alltag ist das für viele immer wieder spürbar.

► Rund 4 von 10 Politikerinnen berichten, sie würden regelmäßig in Diskussionen übertönt, unterbrochen oder übergangen. Was in Diskussionsrunden beginnt, setzt sich offenbar bei der Vergabe von Ämtern und bei der Aufstellung von Kandidatenlisten fort.

Benita Henning, Mitglied der FDP in Ostwestfalen-Lippe sagt: “Parteifreundinnen wurden zum Beispiel zu Wahlen nicht aufgestellt, da ihre politische Arbeit zwar hervorragend war, aber sie ‘leider’ Frauen sind.”

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Andere berichten, dass ihnen Posten vor allem wegen ihres Aussehens angeboten werden. So die Schriftführerin einer Jugendorganisation. Sie sagt: “Ich musste diesen Posten nicht ausfüllen, keine Berichte schreiben, sondern einfach nur da sitzen und gut auf Fotos aussehen.”

Noch schlimmer seien aber die Kommentare der Parteikollegen gewesen: “Mir wurde gesagt, ich solle mehr Sport treiben und mich besser kleiden, damit ich den Vorstellungen der Männer entspreche.”

Eine stellvertretende Landesvorsitzende der Jusos hat ähnliche Macho-Sprüche erlebt. Ein Mitarbeiter eines hochrangigen Bundestagsabgeordneten habe sie vollkommen unverblümt nach Sex gefragt.

“Das entspricht dem Reduzieren auf mein Geschlecht und meinen Körper”, sagt die junge Frau.

Frauen berichten von exklusiven Männerrunden  

Während sich viele Frauen mit solchen Kommentaren rumschlagen müssen, treffen die wichtigen politischen Entscheidungen derweil oft Männer. “Oft fallen sie an der Bar”, sagt eine hochrangige Amtsträgerin der Jungen Liberalen. Das klinge klischeehaft, entspreche aber noch immer der Wahrheit.

Diese Männernetzwerke gibt es in allen Parteien und Jugendorganisationen.

Auch bei der einem rückwärts gewandten Frauenbild unverdächtigen Grünen Jugend. “Diese männlich-dominierten Klüngelrunden”, erklärt ein junges Landesvorstandsmitglied, seien “die schlimmste Kränkung für jede Feministin”.

Dass Frauen es schwer haben, in den Entscheiderkreisen Anschluss zu finden, zeigt sich in manchen Jugendorganisationen allein an der Anzahl weiblicher Vorsitzender.

► So sind 15 der 16 Landesvorsitzenden der JuLis Männer, bei der Jungen Union sind es 14. Zumindest bei den Jusos ist die Bilanz ausgeglichen, die Grüne Jugend setzt auf eine fixe weiblich-männliche Doppelspitze.

Eine Quote, die nötig ist. Die aber nur ein Anfang sein kann. 

Fast jede zweite Frau wird Zeugin von Belästigung

Denn wie dutzende Politikerinnen berichten, drückt sich das falsche Machtverständnis einiger männlicher Kollegin auch immer wieder auf weit erschreckendere Weise aus. 

► Rund 45 Prozent der 95 Befragten sind im Rahmen ihrer politischen Arbeit Zeugin sexueller Belästigung geworden. Immer wieder auch auf politischen Abendveranstaltungen ihrer Jugendorganisation oder der Mutterpartei.

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Es beginnt mit anzüglichen Kommentaren, mit dem Klaps auf den Hintern, dem ungefragten Kuss eines Kollegen – und endet bei Vergewaltigungen.

Der HuffPost haben mehrere Jungpolitikerinnen verschiedener Parteien von Vergewaltigungen bei Parteiveranstaltungen berichtet. Eine junge Frau, die anonym bleiben will, sagt, dass allein sie von 7 Fällen innerhalb ihrer Partei wisse. Auch sie selbst sei Opfer einer Vergewaltigung geworden.

Eine andere Politikerin notiert: “Ich wurde bei einem politischen Wochenende vergewaltigt. Es ist schwer, entsprechende Dinge als Frau gegen einen Mann ins Gespräch zu bringen, da man so schnell an Ansehen verliert, gerade wenn der Mann höher gestellt ist.”

Konsequenzen bleiben – so die Berichte – die Ausnahme.  

Jede dritte Befragte wurde Opfer von Belästigung

Dabei ist das Problem offenkundig. Jede dritte Befragte gibt an, selbst Opfer sexueller Belästigung geworden zu sein. Immer wieder auch im Kreise der nahen Kollegen in Jugendorganisationen.

“Der private Kontakt ist einfach sehr eng”, sagt die stellvertretende Juso-Bundesvorsitzende Katharina Andres. Das erhöhe auch die Gefahr, dass es zu Grenzüberschreitungen komme.

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Wirklich heikel werde es aber erst, wenn die Veranstaltungen abends vorbei sind, sagen andere. Alkohol – so berichten sie – sorge häufig für Enthemmung. Auch die jungen Frauen würden oft viel trinken – nicht zuletzt, weil das bei manchen Parteien “einfach dazugehört”. 

Viele Tränen und viele Austritte 

“Männer, die viel älter waren als ich, haben mich irgendwo angefasst oder etwas eingefordert”, sagt ein Mitglied der Jungen Union.

Eine Politikerin der Grünen Jugend erzählt: “Am Rande von Parteiveranstaltungen habe ich schon erlebt, dass sich Männer Frauen aufdrängen. Sie kommen ihnen beim Reden zu nah (...) und ignorieren das Unwohlsein der Frau oder lachen darüber.”

► Mehrere Jugendorganisationen haben deshalb Awareness-Teams eingeführt, an die sich Frauen und Männer bei allen Veranstaltungen wenden können. Wenn sie sich unwohl fühlen, bedrängt werden oder Sexismus erfahren haben.

Annkatrin Esser von der Grünen Jugend in Berlin sieht darin aber nur den Anfang. “Ich glaube, es ist viel Aufklärungsarbeit nötig. Unsere Generation ist nicht unbedingt viel feministischer als die vorherigen.”

Wer nicht von Diskriminierung betroffen sei, sehe diese oft nicht, glaubt sie.

Grune Jugend Berlin
Annkatrin Esser (rechts oben) von der Grünen Jugend Berlin

Die üblen Erlebnisse haben politische Konsequenzen. Jedoch meist für die Frauen, die nicht selten nur einen Ausweg sehen: das Ende der politischen Arbeit.

Die Vorsitzende eines Stadtverbandes berichtet der HuffPost: “Ständig werden Mädchen bei uns belästigt.” Das reiche von “dummen Bemerkungen” bis zu “schmierigen Umarmungen und einem Klaps auf den Hintern”.

► Die Folge: “Viele Tränen und viele Austritte.”

Das Problem geht über die Verbände hinaus

Die Bundessprecherin der Linksjugend solid, Sarah Rambatz, denkt nicht daran hinzuwerfen.

Dabei hat sie auf besonders extreme Weise erfahren, worin der Sexismus mancher Männer gipfeln kann.

“Ich war sexualisierter Gewalt ausgesetzt, als mein Gegenüber sein erigiertes Glied bei der Begrüßung gegen meinen Willen fest an meinen Körper presste”, erzählt sie. Nachdem sie dem Mann mitgeteilt habe, dass er aufhören solle, habe der entgegnet: “Ich weiß, dass du es auch willst.”

Auch im Rahmen ihrer Bundestagskandidatur für die Linke erhielt Rambatz hunderte sexistische Drohungen.

Sarah Rambatz
Linken-Politikerin Sarah Rambatz.

“Es wurde in antifeministischen und rechtspopulistischen Blogs und Foren geschrieben, dass ich ‘zwangssterilisiert und abgeschoben’ sowie ‘totgebumst und dann zerhackt’ werden solle”, sagt Rambatz der HuffPost.

Es tut sich etwas – langsam

Die erschreckenden Berichte zeichnen ein düsteres Bild der Situation für Frauen in den Jugendorganisationen.

Dabei haben die Parteien schon erhebliche Fortschritte bei der Thematisierung von Sexismus gemacht. Auch das betonen junge Politikerinnen immer wieder.

“Durch Seminare und Leitsätze für die Redekultur kommt es bei uns (im Vergleich zu anderen Parteien, Anm. d. Red.) wahrscheinlich deutlich seltener zu Sexismus”, sagt etwa Carolin Miesner, Schatzmeisterin der Grünen Jugend Niedersachsen.

Auch bei den Jungen Liberalen würde sich langsam eine neue – feministischere – Kultur durchsetzen, berichten mehrere Mitglieder.

Auch Sozialdemokratinnen berichten von Fortschritten. Viele Jusos loben die Arbeit der “Awareness Teams”. Kristin Brück etwa sagt: “Sollte trotzdem mal etwas vorfallen, hat man direkt vertrauensvolle Personen, an die man sich wenden kann.”

Die Fortschritte sind hart erkämpft – und kommen spät.

Debatte ist wieder eingeschlafen

Kurz schien es, als wäre da etwas in Bewegung geraten – im September 2016.

Deutschland diskutierte über Sexismus in der Politik. Darüber, was gesagt werden darf. Und darüber, was endlich gesagt werden muss.

Die junge Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends hatte in einem offenen Brief über die Zustände in ihrer Partei geklagt. Ihr seien Affären unterstellt worden, der erniedrigende Kommentar “Fickst du sie?” wurde zur sinnbildlichen Floskel des sich anbahnenden Sexismus-Skandals.

Janna Behrends

Doch: So groß die Aufregung um Behrends Enthüllung war, so schnell war sie wieder verflogen. Die Diskussion über Sexismus in der Politik schlief ein – eigentlich ist sie bis heute noch nicht wieder richtig in Gang gekommen. Trotz #MeToo. 

Solidarität unter Betroffenen

Auch heute sind Frauen, die Opfer von Belästigung werden, noch immer vor allem auf die Unterstützung anderer Betroffener angewiesen.

Denn Disziplinarverfahren innerhalb der Jugendorganisationen enden häufig mit Ermahnungen. Und die können eine lange gereifte Kultur des Sexismus kaum umkehren.

Eine Juso-Politikerin, die viele negative Erlebnisse schildert, sagt: “Ich hatte großen Support aus meinem Umfeld. Ohne den hätte ich das nicht durchgestanden.”

Fällt dieser Rückhalt weg, sehen viele Frauen keine Zukunft in der Politik. “Was ich erfahren habe, kann und will ich nicht erläutern”, sagt ein Mitglied der Jungen Union.

Sie habe nur einen Ausweg gesehen: Ihre politische Karriere hinzuschmeißen. Ein Einzelfall ist das leider nicht, wie die stellvertretende Landesvorsitzende einer Jung-Partei bestätigt. Auch sie kennt Missbrauchsfälle in deren Folge Frauen die Partei verließen. 

“So werden Frauen systematisch ausgeschlossen.”