POLITIK
06/04/2018 14:41 CEST | Aktualisiert 07/04/2018 09:53 CEST

10 bizarre Wendungen im Fall Skripal zeigen, wie Russland den Westen manipuliert

Auf den Punkt gebracht.

DANIEL LEAL-OLIVAS via Getty Images
Der russische Botschafter in London.

Verschwörungstheorien, Anschuldigungen und gegenseitige Vorwürfe: In den Wochen, seit der russische Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter Julia im britischen Salisbury vergiftet wurden, haben sich die Ereignisse überschlagen.

Doch der Donnerstag war noch einmal ein außerordentlicher Tag in der Nervengift-Affäre. Binnen weniger Stunden folgten ein verdächtiger Telefonanruf, eine unerwartete Stellungnahme eines Opfers und eine unterhaltsame Pressekonferenz aufeinander. 

Das alles gipfelte in der Anklage des russischen Botschafters in London, dass viele russische Bürger in Großbritannien “unter sehr seltsamen Umständen” gestorben sind.  

Die zehn bizarrsten Wendungen im Fall Skripal – auf den Punkt gebracht.

1. Russland nutzt eine Twitter-Umfrage als Beweis

► Während einer Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag zog der russische Botschafter in Großbritannien eine Twitter-Umfrage als Beweismittel heran, wonach “die Mehrheit der britischen Bevölkerung” glauben würde, die Untersuchungsergebnisse werden vertuscht.

► Ob dem Botschafter klar war, dass auch Menschen außerhalb Großbritanniens an der Abstimmung teilnehmen können?

2. Das russische Fernsehen veröffentlicht einen dubiosen Anruf

► Am Donnerstag veröffentlichte das russische Staatsfernsehen ein angebliches Telefonat zwischen Julia Skripal, der Tochter des vergifteten Ex-Spions, und ihrer Cousine Viktoria.

► Einige Aussagen des Gesprächs sind allerdings merkwürdig. Journalisten halten die Äußerungen von Julia Skripal zum Gesundheitszustand ihres Vaters für unglaubwürdig. Die Frau, die behauptet, Julia zu sein, sagt, ihrem Vater gehe es gut, er “ruhe sich aus”.

► Auch der russische TV-Sender Rossiya-1 gab an, die Echtheit der Aufzeichnung nicht verifizieren zu können.  

► Die BBC hat eine Transkription des angeblichen Telefonats veröffentlicht:  

Viktoria: Hallo?

Angebliche Julia: Hallo. Kannst du mich hören?

Viktoria: Ja, ich höre dich.

Angebliche Julia: Ich bin es, Julia Skripal. 

Viktoria: Oh, Julka (Kosename für Julia, Anm.) du bist es! An deiner Stimme kann ich erkennen, dass du es bist, aber ich verstehe nicht. Also haben sie dir ein Telefon gegeben?

Angebliche Julia: Ja, ja.

Viktoria: Gott sei Dank. Juljasch (Kosename für Julia), ist alles in Ordnung mit dir? 

Angebliche Julia: Alles ist okay, alles gut. 

Viktoria: Schau, wenn ich morgen mein (britisches) Visum bekomme, werde ich am Montag zu dir kommen.

Angebliche Julia: Vika, niemand wird dir ein Visum geben.

Viktoria: Ja, das dachte ich mir auch schon. Nun ja.

Angebliche Julia: Höchstwahrscheinlich.

Viktoria: Wenn ich es bekomme, muss ich wissen, ob ich dich dann besuchen kann oder nicht. Sag mir, dass es geht. 

Angebliche Julia: Ich glaube nicht. Es ist hier gerade zu so einer Situation gekommen, wir werden es später klären.

Viktoria: Ich weiß es, ich weiß alles.

Angebliche Julia: Später, wir klären das später. Alles ist gut, wir werden später sehen.

Viktoria: Ist das dein Telefon?

Angebliche Julia: Das ist mein vorübergehendes Telefon. Alles ist gut, aber wir werden sehen, wie es läuft. Wir entscheiden später. Du weißt, wie die Lage hier ist. Alles ist gut, alles lässt sich lösen, wir alle (sie und ihr Vater, Anm.) erholen uns und sind am Leben.

Viktoria: Offensichtlich! Ist alles okay mit deinem Vater?

Angebliche Julia: Alles ist okay. Er ruht sich gerade aus und schläft. Wir sind alle gesund, es gibt keine irreparablen Schäden. Ich werde bald entlassen. Alles ist okay.

Viktoria: Küsse, mein Hase.

Angebliche Julia: Tschüss.

3. Die Londoner Polizei veröffentlichte Julias erste Stellungnahme

► Nur Stunden, nachdem das Telefonat bekannt geworden war, veröffentlichte die Londoner Polizei eine Stellungnahme für Julia Skripal.

► Darin heißt es:

Ich bin vor über einer Woche aufgewacht und bin froh, sagen zu können, dass meine Kraft von Tag zu Tag wächst. Ich bin dankbar, für das Interesse an meiner Person und für die vielen Nachrichten und Genesungswünsche, die ich erhalten habe.

Ich habe vielen Menschen zu danken für meine Genesung. Besonders will ich an dieser Stelle die Menschen aus Salisbury erwähnen, die zu meiner Unterstützung gekommen sind, als mein Vater und ich außer Gefecht gesetzt waren. Zudem will ich den Mitarbeitern des Krankenhauses in Salisbury für ihre Fürsorge und ihre Professionalität danken.

Ich bin mir sicher, dass ihr das zu schätzen wisst, da der ganze Vorfall etwas verwirrend war und ich hoffe, dass ihr meine Privatsphäre und die meiner Familie während meiner Genesung respektiert.

4. Die russische Botschaft nutzt die Pressekonferenz, um mit 5G-Mobilfunktechnik zu prahlen

► Der russische Botschafter Alexander Jakowenko nutzte die dann folgende Pressekonferenz am Donnerstag, um das angeblich exzellente russische Mobilfunk-Netz zu loben 

► Er sagte: “Was nicht viele wissen: Im vergangenen Monat ging bei uns 5G an den Start – wissen Sie, was 5G ist? Auf ihrem Mobil-Telefon? Es ist zehnmal so schnell wie 4G.”

► Im weiteren Verlauf der Pressekonferenz wurde Jakowenko gefragt, ob die Russen die ganze Affäre um den Nervengift-Anschlag überhaupt ernst nehmen würden – angesichts des provokanten Vorgehens der Botschaft auf Twitter.

► Jakowenko erwiderte: “Das ist kein Spiel, wir nehmen das ernst. Wir nutzen diese Art des Humors, weil einige Stellungnahmen (Großbritanniens, Anm.) wirklich... nun, nach dem allgemeinen Verständnis, nicht gerade freundlich sind.”

5. Russland macht den Brexit verantwortlich – erneut

► Jakowenko wiederholte immer wieder Behauptungen des russischen Außenministers Sergej Lawrow, wonach der Giftanschlag verübt wurde, um vom Brexit abzulenken.

► Außerdem wolle Großbritannien die “Führung der westlichen Welt übernehmen, wenn es darum geht Russland abzuschrecken”.

► “Diese beiden Gesichtspunkte stecken hinter allem, was passiert ist”, brachte Jakowenko noch einmal die Meinung des Außenministers auf den Punkt.

 6. Russland frönt dem kreativen Rechnen

► Jakowenko wurde auch darauf angesprochen, ob sein Land nun international weiter isoliert sei. 

► In einer Sondersitzung des Exekutivrats der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPWC) hatte eine Mehrheit der Länder gegen den Vorschlag Russlands gestimmt, dass Briten und Russen gemeinsam den Skripal-Anschlag untersuchen sollten.

► Russland verlor die Abstimmung mit 15 zu sechs Stimmen – 17 Mitglieder enthielten sich. Jakowenko machte daraus: “Sechs Stimmen für uns und 17 Stimmenthaltungen, das macht 23 – eine ganz einfache Rechnung.”

► Er betonte auch: “Die 15 Gegenstimmen kamen aus den NATO- und EU-Ländern.”

7. Russland und das Nervengift

► Jakowenko bestritt zudem, dass Russland jemals das Nervengift Nowitschok produziert habe, mit dem Skripal vergiftet wurde. Auf der Pressekonferenz sagte er: “Die Geschichte von Nowitschok beginnt in den 90er-Jahren in den USA.”

► Russland habe Nowitschok nie produziert, noch es besessen. “Das ist eine Erfindung einiger anderer Länder und Wissenschaftler.”

► Russische Wissenschaftler, die Nowitschok entwickelt haben, sagen allerdings etwas anderes: 

Wil Sultanowitsch Mirsajanow, ein ehemaliger Chemiker und Leiter der Spionageabwehr in der einstigen Sowjetunion, machte 1992 die Existenz des Stoffes öffentlich und sprach erst im vergangenen Monat mit dem US-Magazin “The Atlantic”über seine Arbeit mit Nowitschok.

8. Großbritannien identifiziert Gift-Labor

► Am Donnerstag wurde auch bekannt: Laut einem Bericht der britischen “Times” konnten Experten das russische Labor identifizieren, in dem der Kampfstoff produziert worden sei, mit dem Skripal und seine Tochter vergiftet wurden.

Nähere Details gab es dazu zunächst nicht. 

9. Russland wütet im US-Sicherheitsrat

► Am Donnerstag geht das absurde Schauspiel der Russen im UN-Sicherheitsrat in New York weiter. UN-Botschafter Wassili Nebensja beschuldigt Großbritannien, Großbritannien betreibe mit seinen Verbündeteten eine Vorverurteilung.

► Nebensja versuchte Zweifel an der Version der Briten zu dem Anschlag zu verbreiten. “Warum ein so seltsamer und gefährlicher Mordanschlag für alle in Skripals Nähe – und so öffentlich?”

► Am Ende warf der Russe Großbritannien vor, sich den Methoden des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels zu bedienen: “Lügen, die man tausendmal wiederholt, werden zur Wahrheit.” 

10. Gibt es ein Novitschok-Geheimprogramm?

► Im Deutschlandfunk erhob der britische Botschafter in Berlin, Sebastian Wood,  am Freitagmorgen schwere Vorwürfe gegen Russland: Moskau habe nie aufgehört, mit dem Giftstoff Novitschok zu experimentieren.

► “Unsere Nachrichtendienste wissen, dass es dieses Geheimprogramm zum Nowitschok-Giftstoff gibt, das die russische Regierung nie offengelegt hat”, sagte er.  

► Die Behauptung Russlands, alle Kampfstoffe aus der Sowjetzeit vernichtet zu haben, seien falsch. 

Auf den Punkt gebracht: 

Russland versucht, den Anschuldigungen Großbritanniens zu entgehen – manchmal mit bizarren Mitteln wie einer Online-Umfrage. Oder mit einer Gegenattacke. 

Die nächste Wendung in der Skripal-Affäre dürfte nicht lange auf sich warten lassen.

Der Artikel erschien zuerst bei der britischen Ausgabe der HuffPost und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt und von Leonhard Landes editiert und ergänzt.