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15/01/2015 05:57 CET | Aktualisiert 17/03/2015 06:12 CET

Sexueller Missbrauch in der Sekte: "Euer Traum war meine Hölle"

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Natacha Tormey, Jahrgang 1983, wuchs in der evangelikalen Sekte „The Familiy" auf, die sich auch "Family of Love" und in den Anfangsjahren "Children of God" nannte. Die Sekte wurde 1968 von David Berg in Kalifornien gegründet, zog anfangs vor allem Hippies an und wuchs auf mehrere Zehntausend Mitglieder mit Kommunen in Asien, Ostafrika und Europa.

Zum Konzept gehörte freie Liebe. Das bedeutete, dass die Frauen mehren Männern zu Diensten sein mussten, dass sie durch Sex Geld oder neue Mitglieder für die Sekte beschaffen sollten. Das beutete den angeordneten sexuellen Missbrauch von Kindern ab zwölf Jahren. Und tatsächlich von jüngeren. Wie von Natacha eines Tages von Sektenmitglied "Onkel Clay" in einer Dusche der Kommune in Thailand:



Am Tag darauf gelang es mir, ein paar Minuten mit meiner Mutter allein zu sein. Während einer Pause saß sie im Garten und fütterte eines der Babys. Man hatte sie mit einer Arbeit oder einem »Dienst« - wie man das hier nannte - im Kinderhort betraut. Ich rannte zu ihr hinüber und brach in Tränen aus. Sie umarmte mich und flüsterte: »Warum weinst du, Natacha? Was ist denn mit dir los, chérie?«

Ich krampfte die Finger um ihr langes blondes Haar. In mir war ein so dringender Wunsch, ihr mitzuteilen, was geschehen war - aber ich fand einfach keine Sprache, keine Worte dafür, egal wie heftig ich mir auch wünschte, ihr mütterlicher Instinkt würde einfach so verstehen, sie würde mich ansehen und wüsste es irgendwie.

Stattdessen wischte sie mir die Tränen ab und lächelte. »Ah, chérie. Hol dir den Sieg! Sollen wir miteinander beten, damit Jesus dir hilft und du dich wieder besser fühlst?«

Ich nickte. »Hol dir den Sieg« sagten die Erwachsenen andauernd. Fielen wir etwa hin und schlugen uns ein Knie auf, so wurden wir nicht getröstet, sondern dazu gedrängt, »uns den Sieg zu holen«. Und wenn es uns schwerfiel, unsere Bibeltexte auswendig zu lernen, bekamen wir dieselbe Mahnung erteilt. Egal, was uns bedrückte, stets bläute man uns ein, dass nur Jesus oder Gebete die Sache verbessern konnten.

Als ich eines Tages mit Fieber erwachte, erwartete ich daher nicht viel Mitleid vonseiten der Erwachsenen. Die ganze Nacht hatte ich gezittert und geschwitzt, in einem Moment war mir eiskalt, im nächsten siedend heiß. Beim Frühstück konnte ich meinen Porridge kaum anrühren. Tante Mary, die Aufsicht hatte, legte mir die Hand auf die Stirn und sagte besorgt: »Du fühlst dich aber heiß an, hm?«

Erwartungsvoll sah ich sie an, halb hoffend, sie werde mich zurück in mein Bett schicken. Doch das tat sie nicht. Vielmehr befahl sie mir, sofort ins Klassenzimmer zu gehen. Auf der Schulbank zu sitzen war eine Qual. Ich fieberte so heftig, dass ich Onkel Clays Fragen gar nicht verstand und falsche Antworten gab. Daraufhin verlangte er, dass ich die Hände ausstreckte, damit er mir, weil ich nicht aufgepasst hatte, mit dem Lineal darauf schlagen konnte. Mein Hemd war durchgeschwitzt, und ich fror und fröstelte.

Kein Mensch kam auf die Idee, mich zu einem Arzt zu bringen, weil Grandpa behauptete, allein der Glaube könne Krankheiten heilen. Und zum Arzt zu gehen zeuge nur von mangelndem Vertrauen auf Gott und seine heilenden Kräfte. Die einzigen Ausnahmen machte man, wenn sich jemand eindeutig in Lebensgefahr befand oder bei Hochschwangeren, die, falls sie das wünschten, auch in einem Krankenhaus entbinden durften. Ich wusste bereits, dass ich in einem hiesigen, total heruntergekommenen Spital ganz in der Nähe zur Welt gekommen war, weil mir mein Vater davon erzählt hatte. Stolz erklärte er mir, er habe darauf bestanden, weil er sichergehen wollte, dass sein wertvolles Töchterchen sicher zur Welt kam, aber er erzählte mir auch, wie dumm die Leute des Systems doch seien, weil sie Pillen nahmen, wenn sie lediglich was so Lächerliches wie Kopfschmerzen hatten. Sie verstünden einfach nicht, dass der Teufel die Pillen machte und sie dazu benutzte, um ihr Denken zu kontrollieren.

Computer, die damals gerade den Markt zu erobern begannen, wurden von meinem Vater und den anderen ebenfalls mit Argwohn betrachtet. Grandpa behauptete, die Verwendung eines solchen Geräts führe dazu, dass einem der Antichrist einen Chip ins Hirn pflanze, um einen zu kontrollieren. Und wir lasen in einer Art Märchenbuch über einen Mann, dem tatsächlich eine solche Sache zustieß. Daraufhin zwang ihn der Teufel dazu, alle möglichen schlimmen Dinge zu tun. Und am Ende musste er mit sehr vielen Frauen sehr viel Sex haben, um geheilt zu werden. Am Ende der Geschichte gelang es dann einer Dame - während sie mit ihm schlief und er abgelenkt war -, den Chip aus ihm herauszuholen. Weswegen er ihr sehr dankbar war und sich in sie verliebte.

Sogar Supermärkte, jene Orte, an denen die Leute des Systems ihre Lebensmittel kauften, waren Teil der teuflischen Verschwörung. Wir lernten ein Lied auswendig, das den Titel trug: Cathy Don't Go (to the supermarket today). Im Text wurde Cathy davor gewarnt, in den Supermarkt zu gehen und dort Reis im Sonderangebot zu kaufen, weil ein merkwürdiger Kerl an der Kasse ihre Hand einscannen würde. Der Song zeichnete sich durch unheimlich vibrierende Gitarreneffekte aus. Und mit jedem Hören des Lieds wuchs mein Grauen vor der Welt, die außerhalb unserer Kommune lag.

Am besagten Nachmittag, an dem ich also krank war, konnte ich mich gegen drei schon nicht mehr auf den Beinen halten. Schließlich wurde ich von einem der Onkel in mein Zimmer getragen und aufs Bett gelegt. Mehrere Stunden, während derer ich nach meiner Mutter schrie, immer wieder hochschreckte, um dann wieder einzudämmern, ließ man mich allein, bis ich merkte, dass Clay und zwei andere Erwachsene an meinem Bett standen und sich unterhielten. »Wahrscheinlich ist sie ansteckend. Wir müssen auf der Hut sein, sonst holen wir es uns alle.«

Clay legte die Hand auf meine Stirn und streichelte mir die Wange. Als Nächstes spürte ich, wie er mich hochhob und zur Hintertür des Hauses hinaustrug. Ein anderer Onkel folgte ihm mit etwas Essen und Wasserflaschen. Hinter dem Haus gab es eine Hütte, die mehr ein klappriger hölzerner Verschlag mit einem kleinen Doppelbett war. Diesen Verschlag nutzten von Zeit zu Zeit Hirten, um dort ihre Erfahrungen weiterzugeben, wenn sie auf ihrer Durchreise bei uns verweilten. Ich hatte ihn nie betreten, doch meine Brüder hatten gesehen, wie Erwachsene dort miteinander schliefen. Der andere Onkel entriegelte die Tür, während Clay mich hineintrug und aufs Bett legte. Ich konnte kaum atmen - es war stickig wie in einem Gewächshaus.

Der Onkel wandte sich an Clay. »Sie sieht nicht gut aus. Soll ich Meekness holen?« Als ich den Namen meiner Mutter hörte, versuchte ich, den Kopf zu bewegen und zu nicken. Clay merkte es und befahl mir, ruhig zu liegen. »Nein, sie wird sich schon erholen«, erwiderte er. »Das Wichtigste ist, dass sie die anderen Kinder nicht ansteckt. Ich bleibe hier bei ihr, bis das Fieber zurückgeht.«

»Du bist ein guter Mensch, Clay«, meinte der andere Onkel und klopfte ihm noch auf den Rücken, bevor er mich Clays Gnade auslieferte.

Ich schlief schon beinahe, als ich merkte, dass Clay unter meiner Hose mit der Hand an meinem Bein auf und ab rieb. Ich versuchte, die Knie zusammenzupressen. Er drückte sie gewaltsam auseinander und fuhr mit seinen Sexspielchen fort.

Fünf Tage und Nächte blieb ich in dem Verschlag, allein mit Clay als Gesellschaft, sank ein ums andere Mal in einen ohnmächtigen Schlaf, aus dem ich ab und an hochschreckte. Wann immer ich zu mir kam, weinte ich und schrie, meine Mutter solle kommen. Bis heute weiß ich nicht, ob der andere Onkel ihr erzählt hat, wie krank ich war.

Zuweilen verhielt sich Clay tatsächlich so, wie es eine Pflegeperson tun sollte, und drängte mich, meinen Haferbrei zu essen, während er mir den Löffel hinhielt. Ich versuchte zu schlucken, war jedoch zu schwach, um meine Körperfunktionen zu kontrollieren. Ja, ich konnte nicht einmal den Kopf vom Kissen heben und kaum den Mund öffnen. Hin und wieder sprach er beruhigende, tröstende Worte oder meinte, bald werde ich mich wieder besser fühlen. Meistens aber benutzte er mich zu seiner Befriedigung, lebte seine abstoßenden Perversionen hemmungslos an mir, einem kranken Kind, aus.

Ich denke, mein Verstand war damals und ist bis heute diesem ganzen Schrecken nicht gewachsen und hat daher einige der schlimmsten Dinge verdrängt. Ich kann nicht sagen, wie weit genau der Missbrauch ging und ob Clay vollständigen Geschlechtsverkehr mit mir hatte. Dies ist eine dunkle Stelle in meinem Bewusstsein, an die ich nicht zurückkehren möchte. Aber die sensorischen Eindrücke sind immer noch da. Sie kommen ständig wieder aufs Neue hoch und flackern als alptraumartige Bildfetzen vor meinem geistigen Auge auf. Seine ungewaschene Haut, die haarigen Achseln, sein Schweiß, der mir ins Gesicht tropft, während er sich über mich beugt. Der Geruch des Desinfektionsmittels, seine Fingernägel, die sich in meine Haut graben, sein starker philippinischer Akzent, während er dem Herrn dafür dankt, dass er mich ihm ausgeliefert hat. Ich sehe, wie er sich an mir befriedigt - immer auf und ab. Und dann presst er sich an mich und stößt und reibt ...

Vor allem aber erinnere ich mich an die schreiende Stimme in meinem Kopf: »Mami, Mami, hilf mir!«

Doch sie kam nicht.

(...)

Etwa vier Monate nach meinem Missbrauch durch Clay in der Hütte erzählte eines der größeren Mädchen mir mit gedämpfter Stimme, zwei ranghohe Hirten seien eingetroffen und wollten jedes Kind einzeln sprechen. Ich glaubte ihr nicht, bis man uns alle in den Speisesaal rief und anwies, stillzusitzen und zu warten, bis wir an der Reihe seien. Man gab uns keine Möglichkeit zu fragen, was eigentlich los sei, und verbat uns ausdrücklich, miteinander zu sprechen. Als ich an der Reihe war und in das Zimmer musste, zitterte ich vor Aufregung. Warum wollten die Hirten wohl mit mir sprechen? Hatte ich denn etwas verbrochen?

Ich trat in den Saal, in dem eine Tante und ein Onkel, die ich nicht kannte, auf zwei Stühlen saßen, während ein weiterer freier Stuhl ihnen gegenüber stand. Sie bedeuteten mir, Platz zu nehmen.

»Nun, Natacha«, sagte der Onkel. »Ich werde dir jetzt eine Frage stellen, und ich will, dass du sie mir wahrheitsgemäß beantwortest. Hab keine Angst.«

Ich nickte.

»Hat dich irgendwer jemals angefasst? Auf eine schlimme Art angefasst?«

Mein Bein begann zu zittern, und mein Mund wurde trocken. Mein Gesicht juckte, und ich wollte mich kratzen. Sicher hätte ich ihnen die Wahrheit über Clay erzählen können, doch plötzlich meldete sich mein Überlebensinstinkt. Und ich wusste die Antwort, die sie hören wollten.

Ich sah ihnen gerade ins Gesicht und sagte: »Nein.« Woraufhin sie noch ein paar weitere Fragen stellten und dann meinten, ich sei ein braves Mädchen und könne nun gehen.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück wies man uns Kinder an, wir sollten noch bleiben, weil uns die Erwachsenen etwas Wichtiges mitzuteilen hätten. Salome ergriff das Wort. Mit leiser ruhiger Stimme fragte sie uns, ob wir die Family liebten.

»Ja«, trällerten wir alle im Chor.

»Und seid ihr dankbar für eure liebevolle Familie?«, fragte sie weiter. Und wieder ertönte ein Ja.

»Und seid ihr euch auch bewusst, dass Gott euch liebt? Seid ihr euch bewusst, dass der Teufel sich euch zu eigen machen will? Seid ihr euch bewusst, dass wir, wenn wir unsere Familie nicht lieben und schätzen, auf den Pfad des Frevels geraten?«

Und so fragte sie immer weiter, während wir auf alle ihre Fragen immer nur »Ja« wiederholten.

Schließlich kam sie zum entscheidenden Punkt. »Seid ihr euch bewusst, dass Gott euch gestern geprüft hat, indem er euch Boten sandte, um euch Fragen zu stellen?«

Während wir nickten, hob sie die Augenbrauen. »Ihr seid euch dessen also bewusst? Ich weiß, dass einige von euch gottgefällige Antworten gegeben haben. Doch wie konnte es geschehen, dass ein bösartiges Kind eine Antwort gab, die ihm der Teufel selbst in den Mund gelegt haben muss.

Und nach diesen Worten schoss sie quer durch den Raum und packte ein verängstigtes Mädchen namens Samantha. Samantha war älter als ich, etwa dreizehn Jahre alt. Und offenbar hatte sie den Hirten gesagt, Onkel Ezekiel habe sie gezwungen, gewisse Handlungen an ihm vorzunehmen.

Als Salome Samantha ein Stück Seife in den Mund drückte und sie anschnauzte, sie solle sie essen, um ihre Lügen und ihre Sündhaftigkeit fortzuwaschen, da wusste ich, dass ich mit meinem Schweigen die richtige Entscheidung getroffen hatte. Wir alle, vom Kleinkind bis zum Teenager, mussten mitansehen, wie Samantha nur mehr gedemütigt und gequält wurde, und standen reglos dabei.

Als es vorbei war, durfte Samantha ein Glas Wasser trinken, und man stieß sie zurück auf ihren Stuhl. Während der darauffolgenden Woche musste sie schweigen. Jedes Kind, das im Gespräch mit ihr ertappt wurde, sollte die gleiche Strafe erhalten. Danach wurden wir wieder in den Unterricht geschickt. Niemand wagte es, die arme Samantha auch nur eines Blickes zu würdigen.

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Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Euer Traum war meine Hölle. Als Kind misshandelt und missbraucht in einer Sekte" von Natacha Tormey mit Nadene Ghouri, Verlag Bastei Lübbe, 8,99 Euro.


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