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26/09/2018 18:14 CEST | Aktualisiert 26/09/2018 18:14 CEST

6-Jähriger sieht seinen Opa kurz vor dem Tod – es prägt den Jungen bis heute

“Er sah und spürte, wie unsterblich die Liebe zu einem anderen Menschen sein kann”

MILOSSTANKOVIC VIA GETTY IMAGES
"Wir versuchten das Beste aus der schlechten Lage und unserer gemeinsamen Zeit (ohne seine kleinen Schwestern) zu machen."

Immer wenn es irgendwo auf der Welt zu tragischen oder verheerenden Ereignissen kommt, tue ich mein Bestes, um meine drei kleinen Kinder vor schlimmen Nachrichten zu bewahren. Ich bin immer die Erste, die meinen Mann, andere Familienmitglieder oder Freunde darauf hinweist, dass “kleine Ohren mithören”, wenn unsere Gespräche sich in eine negative Richtung wenden.

Mein ältester Sohn ist erst sechs, aber ich weiß, dass ich schon bald damit aufhören muss, die Nachrichten für ihn zu filtern und ihn stattdessen dieser nicht enden wollenden Finsternis aussetzen muss, die unsere moderne Welt zu dominieren scheint.

“Ich wusste, dass mein Sohn einige wichtige Lektionen fürs Leben lernen wird”

Eines Tages werde ich ihm vielleicht erklären müssen, warum die Schule ihre Flagge auf Halbmast hängt, wenn es – Gott bewahre – wieder einen Terror-Anschlag gibt; oder warum im Fernsehen das Foto eines kleinen Mädchens gezeigt wird, um uns zu warnen, dass schon wieder ein Kind vermisst wird; oder ich werde ihn beruhigen müssen, indem ich ihm erkläre, dass es glücklicherweise sehr unwahrscheinlich ist, dass wir hier in Kanada einen Krieg erleben werden.

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Ich bin mir sicher, dass es die richtige Entscheidung ist, meine Kinder vor diesen schlimmen Nachrichten zu beschützen. Zumindest jetzt noch. Die Wahrheit ist, dass sie ihre eigenen kleinen Probleme haben, die ihre eigene kleine Welt betreffen. Ich glaube, es sind Themen, mit denen sie eine persönliche Berührung haben und die ihnen eines Tages helfen, mitfühlender, selbstischerer und lösungsorientierter zu sein. 

Eines dieser Probleme oder eher Ereignisse fand diesen Sommer statt, als mein Vater, der Großvater meiner Kinder, starb. Mein Vater lebte in Großbritannien und als ich erfuhr, dass es ihm schlechter ging, entschied ich mich dazu, ihn mit meinem sechsjährigem Sohn zu besuchen.

Einige besorgte Stimmen meinten, dass der tägliche Besuch im Krankenhaus nicht der beste Ort für ein kleines Kind wäre. Und dass der geistige Zustand meines Vaters, er erlitt zu dieser Zeit ein Delirium – das kann sich mit Verwirrtheit und Wahnvorstellungen äußern – , auch nicht das Beste für ein Kind sei. Auch ich hatte diese Sorgen – jedoch nicht lange.

Ich wusste, dass mein Sohn einige wichtige Lektionen fürs Leben lernen wird, wenn er seinen Opa vielleicht zum letzten Mal sehen würde. Lektionen, die er nicht durch die Nachrichten lernen könnte. 

Die Wahrheit ist die einzig richtige Möglichkeit

Auch eines meiner liebsten Selbsthilfebücher – “Option B: Dem Missgeschick entgegentreten, Widerstandskraft aufbauen und Glück finden”, von Sheryl Sandberg – beschreibt genau diesen Gedankengang. Die Schriftstellerin erzählt darin, dass es ihren Kindern Trost gespendet hat, als Sandberg mit ihnen offen über ihren verstorbenen Vater gesprochen und ihren Kindern ihre wahren Emotionen gezeigt hat.

Ich hielt mich daran und an den Rat meiner besten Freundin, die letztes Jahr ihren Mann verloren hatte und das tun musste, was wohl keine Mutter jemals tun möchte: Sie sagte ihrer siebenjährigen Tochter, dass ihr Vater gestorben war.

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Die meisten fragen sich wohl, wie man eine solche Unterhaltung führt und ob sie die Umstände des seines Todes wohl beschönigte, um ihre Tochter zu schützen. Nachdem sie professionelle Hilfe von Trauerberatern geholt hatte, war sie sich jedoch sicher, dass es die einzig richtige Möglichkeit gewesen sei, ihrer Tochter die Wahrheit zu sagen. 

Für die Tochter war es wichtig, zu wissen, dass sie ihrer Mutter vertrauen konnte, denn ihr Vertrauen in alles andere war schon verloren.

Deshalb traten mein Sohn und ich die Reise an. Wenn ich heute darüber nachdenke, war das eine unvergleichliche Erfahrung, die uns zusammen geschweisst hat. 

“Er sah und spürte, wie unsterblich die Liebe zu einem anderen Menschen sein kann”

Er sah, wie es seinem Opa geistig und körperlich immer schlechter ging und wie traurig und am Boden zerstört seine Großmutter war, das miterleben zu müssen. Doch er sah und spürte auch, wie unsterblich die Liebe zu einem anderen Menschen sein kann.

Er hörte, wie sich seine Mutter für die Rechte ihres Vaters stark machte und eifrig die medizinischen Entscheidungen hinterfragte. Er hörte die Kindheitserinnerungen seiner Mutter, während sie eine Geschichte nach der anderen erzählte, weil sie hoffte, dass ihre vertraute Stimme und die Erinnerungen ihrem Vater seine Angst nehmen würden. 

Er verstand die Kraft des Gebets und und die Wichtigkeit der Familie.

Wir waren nicht die ganze Zeit nur im Krankenhaus. Während unserer Mittagspausen liefen wir die Straßen Glasgows entlang – genau wie sein Großvater als er ein Junge war – und genossen kleine Glücksmomente hier und da. Wir versuchten das Beste aus der schlechten Lage und unserer gemeinsamen Zeit (ohne seine kleinen Schwestern) zu machen. 

“Gemeinsam weinten wir in Trauer vereint”

Mein Vater starb einige Wochen nachdem mein Sohn abgereist war, aber er und seine zwei kleinen Schwestern kamen zur Beerdigung zurück.

Während der Beerdigung standen meine zwei Töchter links und rechts von mir, weil ich annahm, dass sie den Trost ihrer Mutter am nötigsten hatten. Doch zehn Minuten nach Beginn der Zeremonie hörte ich ein unterdrücktes Schluchzen. Ich blickte die Kirchenbank hinab und sah meinen Sohn weinen.

Es war er, der mich am meisten brauchte, weil er die Tragödie miterlebt hatte und eine Beziehung dazu aufgebaut hatte. In seiner kleinen Welt und zu dieser Zeit hatte ihm das Sterben und der Tod seines Großvaters so viel über das Leben und seine Höhen und Tiefen beigebracht.

Ich tröstete ihn also wie es nur eine Mutter kann. Gemeinsam weinten wir in Trauer vereint.

Dieser Text erschien zuerst in der HuffPost US und wurde von Ginalouisa Metzler, Nadine Cibu und Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt. 

(nr)