POLITIK
29/11/2018 18:24 CET | Aktualisiert 29/11/2018 18:24 CET

5 junge Ukrainer erklären, wie es nach der Krim-Eskalation weitergeht

"Die Aggression des Kremls hat eine neue Ebene erreicht: Er versteckt sich nicht mehr und zeigt sein wahres Gesicht."

Martyn Aim via Getty Images
Ein ukrainischer Soldat bewacht ein Schiff in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer.

Die Welt schaut besorgt auf den Osten Europas. Dort, in der Meerenge zwischen der Schwarzmeerhalbinsel Krim und dem russischen Festland, ist am Sonntag der seit mehr als vier Jahren schwelende Konflikt zwischen Moskau und Kiew erneut eskaliert. 

Es gebe eine “gefährliche Zunahme” der Spannungen, erklärte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini im Namen der 28 EU-Staaten am Mittwochabend. Der Gewalteinsatz Russlands und die zunehmende Militarisierung in der Region um die Meerenge von Kertsch seien “inakzeptabel”.

Am Sonntag hatte die russische Küstenwache in der Straße von Kertsch vor der annektierten Krim ukrainischen Schiffen die Durchfahrt verweigert und eines der Boote gerammt. Später wurden die drei ukrainischen Schiffe von russischen Schiffen beschossen, mindestens drei Ukrainer wurden verletzt. 

Die ukrainischen Schiffe seien wegen Grenzverletzung festgehalten worden, hieß es von russischer Seite. Kiew bestreitet das: Die eigenen Schiffe seien in internationalen Gewässern gewesen, abgefangene Funksprüche scheinen das zu belegen.

► Klar ist: Russland hat die Schiffe und die insgesamt 24-köpfige Besatzung festgesetzt.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko erklärte nach Absegnen durch das Parlament das Kriegsrecht. Seit Mittwochmorgen gelten die Sondervollmachten für 30 Tage in allen Gebieten der Ukraine, in deren Nachbarschaft russische Truppen stehen. Das Kriegsrecht kann dazu genutzt werden, Demonstrationen zu verbieten oder Kommunikationsmittel zu überwachen. 

Die HuffPost hat fünf junge Ukrainer gefragt, wie sie diese Entwicklung sehen. Befürchten sie neue oder gar stärkere Aggressionen Russlands? Wie bewerten sie das Verhängen des Kriegrechts? Und wie sollte aus ihrer Sicht die Europäische Union reagieren? 

Oleksandra Romanzowa, Menschenrechtlerin

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“Es ist Sonntagabend gewesen, als ich das erste Mal von dem Zwischenfall gehört habe. Für mich kam er überraschend: Es war nicht nur das erste Mal, dass Russland in aggressiver Weise auf dem Meer gegen ukrainische Schiffe vorgegangen ist. Es war auch das erste Mal, dass Moskau völlig offen das ukrainische Militär attackiert hat – bei der Annexion der Krim oder dem Krieg in der Ostukraine ging der Kreml noch verdeckt vor. 

Meine Gedanken drehen sich nun aber vor allem um die 24 gefangen genommenen ukrainischen Matrosen, es sind zum Großteil junge Männer im Alter von 18 bis 27 Jahren. Wie geht es ihnen? Bekommen sie eine ausreichende medizinische Versorgung? Und was passiert mit ihnen, werden sie nach Moskau gebracht, weil es auf der Krim kein Militärgericht gibt?

Das Verhängen des Kriegsrechts sehe ich sehr skeptisch: Für mich als Menschenrechtlerin sind Einschränkungen von Freiheitsrechten immer eine schlechte Idee. Oleksandra Romanzowa, Menschenrechtsaktivistin

Ich bin mir sicher: Nur internationaler Druck wird diese 24 politischen Gefangenen wieder nach Hause bringen. Die EU sollte weitere politische und wirtschaftliche Sanktionen verhängen. Die russische Machtelite um Präsident Wladimir Putin ist nicht an Zugeständnissen interessiert, nur persönliche Einschränkungen treffen sie – sei es durch Reiseverbote oder das Einfrieren von Auslandskosten und Besitztümern.  

Das Verhängen des Kriegsrechts sehe ich allerdings sehr skeptisch: Für mich als Menschenrechtlerin sind Einschränkungen von Freiheitsrechten immer eine schlechte Idee – gerade, wenn wohl keine Erfolge zu erwarten sind. Ja, es sind nur 30 Tage. Aber verglichen mit der Lage im Donbas (hier kämpft die ukrainische Armee seit 2014 gegen von Russland unterstützte Separatisten, Anm. d. Red.) ist die Situation im Asowschen Meer wesentlich weniger dramatisch. Bisher blieb es trotz allem Säbelrasseln verhältnismäßig ruhig. Ich hoffe, dass das auch weiterhin so bleibt.”

Denis Trubetskoy, Journalist:

Privat

“Auf den Krieg bereite ich mich jetzt nicht vor – der läuft ja ohnehin seit viereinhalb Jahren. Eine wirkliche Ausweitung des Konfliktes halte ich aber für eher unwahrscheinlich.

Die Lage im Asowschen Meer habe ich als Journalist schon lange thematisiert. Am Sonntag haben wir nun gesehen, wie schnell das Ganze eskalieren kann. Die Leute, die betonen, die Lage im Donbas habe sich etabliert und dort ändere sich nichts mehr, waren ganz offensichtlich im Unrecht. Man sollte immer stark im Auge haben, was in der Ukraine passiert.

Das Kriegsrecht ist zum Gegenstand vieler Alltagsscherze geworden. Denis Trubetskoy, Journalist

Schwierig ist die Kommunikation im persönlichen Bereich, vor allen mit meinen Eltern, die auf der Krim leben. Zum einen bekommen sie ein völlig anderes Bild von den dortigen Medien serviert. Zum anderen denken sie wirklich, es würde in der Ukraine Schreckliches passieren – was bekanntlich nicht ganz der Fall ist.

In Kiew ist fast alles normal. Die Menschen sind vielleicht ein bisschen aufgeregter als sonst und man sieht auch, dass vor allem ältere Leute mehr Lebensmitteln einkaufen als sonst. Aber alle bleiben locker, das Kriegsrecht ist absurderweise sogar zum Gegenstand vieler Alltagsscherze geworden.”  

Nina Lischtschuk, Fotografin: 

Privat

“Das Letzte, was ich mir derzeit vorstellen kann, ist ein Krieg im ganzen Land. Aber wird Russland nicht plötzlich stoppen, Moskau wird weitere Wege zur Destabilisierung der Situation in der Ukraine finden.

Der Schutz unseres Landes ist das Wichtigste, auch wenn wir dabei auf das Kriegsrecht zurückgreifen müssen, wie jetzt geschehen. Der Krieg hat schon vor langer Zeit begonnen. Auch wenn wir dieses Gebiet im Donbas Anti-Terror-Einsatz-Zone (ATO-Zone) nennen, müssen wir uns klar machen: Dort sind seit mehr als vier Jahren Tausende Menschen gestorben, noch viel mehr wurden verwundet, Hunderttausende sind aus der Region geflohen.

Mit dem Zwischenfall in der Straße von Kertsch hat die Aggression des Kremls eine neue Ebene erreicht. Er versteckt sich nicht mehr und zeigt sein wahres Gesicht. Nina Lischtschuk, Fotografin

Noch vor fünf Jahren konnte sich kein Ukrainer vorstellen, dass wir die Krim verlieren könnten oder uns mit Russland bekriegen. Das Verhängen des Kriegsrechts ist nun ein Hilfeschrei an die Welt: Die Ukraine braucht die Unterstützung des Westens, der Europäischen Union und der USA. 

Denn mit dem Zwischenfall in der Straße von Kertsch hat die Aggression des Kremls eine neue Ebene erreicht. Er versteckt sich nicht mehr und zeigt sein wahres Gesicht. 

Persönlich sorge ich mich nun vor allem um die wirtschaftliche Zukunft des Landes, um Verluste von Soldaten und einer weiteren Eskalation des Konflikts. Hoffentlich schafft es nun internationaler Druck auf Moskau, neuerliche Angriffe und Aggression zu verhindern.”  

Roman Hnidets, Banker

Privat

“Der Angriff hat mich nicht überrascht. Wir wussten, in der Ostukraine könnte das jederzeit passieren – gerade vor dem Hintergrund, dass sich die Situation im Asowschen Meer schon seit Monaten zugespitzt hat. Unklar ist, ob Russland wirklich weiter eskalieren will oder ob es nicht nur ein Machtbeweis war. 

Viele Leute unterstützen wie ich Präsident Poroschenko und befürworten die Einführung des Kriegsrechts auf Zeit. Es ist die derzeit beste Antwort auf die russische Aggression. Es dient aber mehr dazu das Land zu einen und darauf vorzubereiten, dass auch ein Krieg nicht völlig ausgeschlossen werden kann, denn als Abschreckungsmaßnahme in Richtung Moskau. 

Die Ukraine muss für einen größeren Konflikt gewappnet sein. Die beste Lösung wäre nun aber eine UN-Mission mit neutralen Kräften, die in der gesamten Region eingesetzt werden. Roman Hnidets, Banker

Zwar werden durch das Kriegsrecht ein wenig die Rechte der Ukrainer beschnitten, aber das nur für 30 Tage. Die Wahlen im kommenden Jahren werden davon jedenfalls nicht beeinflusst.  

Für mich ist klar: Die Ukraine muss für einen größeren Konflikt gewappnet sein. Die beste Lösung wäre nun aber eine UN-Mission mit neutralen Kräften, die in der gesamten Region eingesetzt werden. Skeptisch bin ich allerdings, ob die EU neue Sanktionen gegen Moskau verhängen wird. Denn die Ukraine ist alles andere als die Top-Priorität des Westens.”   

Inna Borsilo, Menschenrechtsaktivistin

Privat

“Viereinhalb Jahre anhaltende russische Aggression haben uns abgehärtet. Wir geraten nicht in Panik und setzen unsere Arbeit fort. Nachdem das Kriegsrecht verkündet wurde, spüre ich keine Veränderungen in den friedlichen Straßen von Kiew. 

Die Liste der politischen Gefangenen des Kremls ist länger geworden. Inna Borsilo, Menschenrechtsaktivistin

Negativ ist, dass die Liste der politischen Gefangenen des Kremls länger 
wurde und nun 24 Ukrainer mehr enthält. Wir hoffen, dass eine weitere Eskalation des Konflikts vermieden wird, insbesondere dank der internationalen Reaktion auf die Taten Russlands.”

Mit Material von dpa.

(ll)