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13/02/2019 12:16 CET | Aktualisiert 13/02/2019 12:19 CET

5 radikale Ideen, die im Kampf gegen Klimawandel und Müll-Krise helfen können

Ein Blick auf extreme und manchmal auch umstrittene Ideen, die die Welt retten könnten.

Das Jahr 2018 war geprägt von einer ganzen Reihe schockierender Schlagzeilen.

Uns bleiben nur noch 12 Jahre, in denen wir unsere CO2-Emissionen drastisch verringern müssen. Denn anderenfalls wird sich die bevorstehende Klimakatastrophe nicht mehr vermeiden lassen.

Die Erde scheint sich rasend schnell auf einen Wendepunkt zuzubewegen, an dem die globalen Systeme in den sogenannten “Treibhaus-Zustand” gedrängt werden. Dies würde bedeuten, dass die Temperaturen sich um bis zu fünf Grad erhöhen könnten und der Meeresspiegel um bis zu 60 Zentimeter ansteigen würde.

Darüber hinaus sind wir bereits jetzt schon dabei, Tier- und Insektenarten in einer noch nie da gewesenen Geschwindigkeit auszurotten.

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Im Jahr 2018 ist jedoch auch eine ganze Reihe radikaler Ideen entstanden, um die Menschheit aus dem Schlamassel zu befreien, in dem sie sich befindet. Einige dieser Ideen sind ganz neu. Andere sind durch die Weiterentwicklung von sehr viel älteren Ideen entstanden. Manche dieser Ideen sind auch umstritten.

Mit keinem dieser Pläne wird sich die Welt komplett retten lassen – und zwar nicht einmal annähernd. Denn dafür müssten wir die momentanen Dynamiken in unserer Wirtschaft und Gesellschaft von Grund auf verändern.

Dass derart radikale, innovative und manchmal sogar erschreckende Ideen überhaupt entwickelt werden, zeigt jedoch, dass immer mehr Menschen sich darüber bewusst werden, vor welch riesigen Problemen wir stehen.

Hier stellen wir fünf dieser Ideen vor:

1. Die Sonneeinstrahlung verringern

RomoloTavani via Getty Images

Im Frühjahr 2019 will eine Gruppe von Wissenschaftlern der Harvard University Ballons in die Atmosphäre schicken, die Kalziumkarbonatpartikel in der Luft verteilen sollen. Damit wollen sie herausfinden, ob sich die Temperatur auf der Erde durch diese Methode verringern lässt.

Es wird der erste Praxistest für eine jahrzehntealte Technologie namens solares Geo-Engineering sein, die bisher nur in Laborversuchen erforscht wurde.

Die Grundidee ist es, Gase in der Atmosphäre zu versprühen, die die Sonneneinstrahlung verringern sollen, indem sie sie zurück ins Weltall reflektieren. Dadurch soll wiederum die Temperatur auf der Erde gesenkt werden. Der Prozess ahmt die Auswirkungen einer großen Vulkanexplosion nach, bei der Gase freigesetzt werden, die zu einer Erdabkühlung führen.

Valentina Kruchinina via Getty Images

Geo-Engineering ist die extremste Waffe in dem Arsenal an Ideen zur Verringerung der Auswirkungen des Klimawandels. Diese Methode wird sogar von einer ganzen Reihe an Menschen unterstützt, die den Klimawandel ansonsten bekanntermaßen nicht sonderlich ernst nehmen.

Laut einem Umweltbericht der amerikanischen Regierung vom vergangenen August bewegen wir uns derzeit auf einen Temperaturanstieg von 4 Grad Celsius zu. Und da diese katastrophale Veränderung des Klimas nun unmittelbar bevorsteht, reizt der Einsatz dieser Technologie natürlich sehr.

Weniger Niederschlag und Ernteausfälle könnten die Folge sein

Dennoch wurde Geo-Engineering noch nie ausprobiert. Und deshalb lässt sich nicht wirklich voraussagen, wie gut es funktionieren wird und welche potenziellen Konsequenzen es letzten Endes nach sich ziehen könnte.

Es besteht die Befürchtung, dass es durch den Einsatz dieser Methode weniger Niederschläge geben könnte oder dass es durch die verringerte Sonneneinstrahlung in manchen Regionen zu Ernteausfällen kommen könnte.

Laut einer wissenschaftlichen Studie vom Januar 2018 könnte es außerdem passieren, dass die Temperaturen sprunghaft ansteigen, falls die angewandten Geo-Engineering-Maßnahmen spontan wieder eingestellt werden müssten. Dies würde zur Ausrottung weiterer Tier- und Pflanzenarten führen und den Klimawandel noch stärker beschleunigen.

Angesichts der Tatsache, dass die Temperaturen weltweit weiter ansteigen, sind einige Wissenschaftler jedoch trotzdem der Meinung, dass wir uns den völligen Verzicht auf diese Technologie nicht leisten können.

“Nicht über Geo-Engineering zu sprechen, ist der größte Fehler, den wir jetzt machen könnten”, sagte der Atmosphärenforscher David Fahey von der Nationalen Ozean- und Atomsphärenbehörde der USA in einem Interview mit dem Wissenschaftsmagazin “Nature”.

2. Korallenriffe mit Strom nachwachsen lassen

Joe Raedle via Getty Images

Die Meereserwärmung ist eine große Gefahr für Korallenriffe. Das australische Great Barrier Reef, das zu den sieben Weltwundern der Natur zählt, leidet enorm unter den Temperaturanstiegen. Im Jahr 2016 und 2017 traten dort Massenbleichen auf, bei denen das Riff praktisch gekocht wurde und große Teile dieser farbenfrohen Unterwasserwelt zerstört wurden.

Das weltweite Korallensterben ist eine Katastrophe für die Meereswelt. Dies wiederum hat Auswirkungen auf die Menschen, die sich und ihre Familien vom Riff-Fischen ernähren. Darüber hinaus sind Korallenriffe eine wichtige Einnahmequelle für touristische Gebiete.

Inzwischen versuchen Wissenschaftler jedoch, die Korallen durch den Einsatz von Strom wieder nachwachsen zu lassen. Dazu befestigen sie Stahlgerüste an Teilen des Riffs, die durch die Bleichen stark zerstört wurden. Diese Gerüste werden anschließend unter Strom gesetzt, wodurch das Vorkommen von Mineralen erhöht werden soll.

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Dies soll den Korallen dabei helfen, schneller zu wachsen. Die Methode wird momentan sowohl in Indonesien als auch in den Teilen des Great Barrier Reefs, die bei den Massenbleichen zerstört wurden, ausprobiert.

Laut einem BBC-Bericht wachsen zerstörte Korallen nach dieser Behandlung um bis zu zwanzig Mal schneller nach. Darüber hinaus sind ihre Überlebenschancen anschließend um das Fünfzigfache größer.

Der Nachteil ist jedoch, dass diese Methode relativ teuer ist und dass Forscher noch eine Möglichkeit finden müssen, saubere Energie verwenden zu können, um nicht auf fossile Brennstoffe zurückgreifen zu müssen.

Und selbst wenn sich das Wachstum der Korallen durch diese Methode beschleunigen lässt, bleibt die Frage, ob es überhaupt jemals mit dem momentanen Grad der Zerstörung mithalten können wird. Denn es kann mehrere hundert Jahre dauern, bis Korallen nachwachsen.

3. Das plastikfressende Mutanten-Enzym

Im April 2018 berichteten Wissenschaftler, dass sie zufällig ein Mutanten-Enzym entdeckt hätten, das Plastik “fressen” könne. Das Enzym zersetzt die Polymere in dem Kunststoff PET, einer häufig verwendeten Plastikart, die sich vor allem in Einwegflaschen findet.

Anders als bei anderen plastikzersetzenden Recycling-Prozessen lassen sich mit dem Material, das durch den Einsatz des Enzyms entsteht, erneut qualitativ hochwertige, saubere Plastikflaschen herstellen.

Die Entdeckung sorgte für großes Aufsehen, da sie eine neue Lösung für die Plastikmüll-Krise sein könnte. Weltweit werden pro Sekunde mehr als 16.000 Plastikflaschen gekauft. Das sind eine Million Plastikflaschen pro Minute. Der Großteil dieser Flaschen landet auf Müllhalden oder wird in der Natur weggeschmissen. Der biologische Abbau von Plastikflaschen kann jedoch bis zu 400 Jahre dauern.

Die permanente Zunahme von Plastikmüll hat schwerwiegende Konsequenzen für die Umwelt zur Folge. Denn das Plastik erstickt die Flüsse und Meere und verstopft die Mägen von Fischen, Vögeln und anderen Tieren.

Wissenschaftler suchen nach weiteren Enzymen, die Plastik zersetzen können

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Mittlerweile wurde sogar in menschlichen Stuhlproben Plastik nachgewiesen. Von dem Plastikmüll, der zwischen 1950 und 2015 weltweit produziert wurde, wurden lediglich 9 Prozent recycelt.

Selbstverständlich lässt sich durch das Enzym nicht das grundlegende Problem lösen, dass unser Plastikverbrauch vollkommen aus der Kontrolle geraten ist. Louise Edge, Senior Ocean Campaignerin bei Greenpeace, sagte der HuffPost: “Was wir wirklich brauchen, sind systematische Veränderungen. (...) Ein Enzym allein kann das komplexe und weit verbreitete Plastikmüllproblem, das wir bereits erzeugt haben, nicht komplett aus der Welt schaffen.”

Die Wissenschaftler sind jedoch optimistisch und suchen nun nach weiteren Enzymen, die andere Plastikarten zersetzen könnten. “Diese zufällige Entdeckung lässt darauf schließen, dass diese Enzyme noch weiter verbessert werden können. Und dies wiederum könnte uns bei der Entwicklung einer Recycling-Methode für den permanent wachsenden Berg aus weggeworfenem Plastikmüll helfen”, sagte John McGeehan, Biologieprofessor an der University of Portsmouth und leitender Wissenschaftler bei dieser Studie.

4. Müllfressende Kakerlaken

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Es gibt nur wenige Tiere, die bei Menschen einen so enormen Ekel auslösen wie Kakerlaken. Denn sie sind ein Zeichen für Schmutz und Krankheiten. In China erleben die Tiere momentan jedoch eine Art Renaissance, weil sie eine mögliche Lösung für die Berge an Lebensmittelabfällen sein könnten, die jedes Jahr entstehen.

Kakerlaken werden bereits seit einiger Zeit wegen ihrer vermeintlichen medizinischen Einsatzmöglichkeiten gezüchtet. Sie sollen gegen Bauchschmerzen, Erkältungen und andere Beschwerden helfen können. Inzwischen werden sie jedoch auch als Müllschlucker eingesetzt.

In einer Anlage in Jinan, in der ostchinesischen Provinz Shandong, die von dem landwirtschaftlichen Technologieunternehmen Shandong Qiaobin betrieben wird, werden Milliarden von Kakerlaken jeden Tag mit 50 Tonnen Lebensmittelabfällen gefüttert.

Müll in Ressourcen verwandeln

Berichten der Nachrichtenagentur Reuters zufolge werden die Abfälle vor Tagesanbruch angeliefert und über Rohre in die Behälter mit den Kakerlaken geleitet.

Aus den Ausscheidungen der Kakerlaken wird dann Dünger hergestellt und wenn die Kakerlaken sterben, werden sie zu Tierfutter verarbeitet. “Das ist so, als würde man Müll in Ressourcen verwandeln”, erklärte Li Hongyi, die Vorsitzende von Shandong Qiaobin, gegenüber Reuters.

Das Unternehmen plant, bis zum Ende des Jahres noch drei weitere Anlagen zu errichten. Dadurch soll ein Drittel der Lebensmittelabfälle der sieben Millionen Einwohner der Stadt Jinan beseitigt werden.

Der Haken an der Sache ist, dass die Kakerlaken die Umwelt in der Gegend zerstören könnten, wenn sie aus der Anlage ausbrechen würden. Im Jahr 2013 sind auf einer Zuchtanlage bereits über eine Million Kakerlaken ausgebrochen, weil das Treibhaus, in dem sie sich befanden, durch Vandalismus zerstört wurde.

5. Fleisch aus dem Labor

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Seit eine Studie nach der nächsten ergeben hat, dass Menschen in reicheren Ländern ihren Fleischkonsum drastisch reduzieren sollten, um die Welt vor dem drohenden Klimawandel zu bewahren, werden unsere Essengewohnheiten genauestens unter die Lupe genommen.

Dies könnte nun jedoch bald ein Ende haben, da demnächst Fleisch auf den Markt kommen soll, das im Labor erzeugt wurde.

Die Landwirtschaft hat enorme Auswirkungen auf die Umwelt, da sie großflächige Gebiete in Anspruch nimmt und außerdem eine riesige Menge an Ressourcen wie Wasser verschlingt.

Dazu kommen die CO2-Emissionen: 60 Prozent aller Emissionen, die in der Landwirtschaft erzeugt werden, gehen auf die Produktion von Fleisch und Milchprodukten zurück.

Eine Gruppe von Lebensmittel-Startups glaubt nun jedoch, die Lösung für dieses Problem gefunden zu haben. Sie bietet Fleisch an, das ohne die Aufzucht und das Schlachten von Tieren erzeugt wird. Dieses Fleisch wird unter anderem als kultiviertes Fleisch, als Laborfleisch oder als schlachtfreies Fleisch bezeichnet.

Bei der Produktion dieses Fleisches werden tierische Zellen mit Nährstoffen, Zucker und Wachstumsfaktoren gefüttert. Die in San Francisco ansässige Firma “Just” hat bereits angekündigt, dass sie demnächst Hühnchenfleisch aus dem Labor auf den Markt bringen werde.

Und auch das Unternehmen “Memphis Meat” hat verlauten lassen, dass es noch im Jahr 2019 im Labor hergestellte Hähnchenstreifen anbieten wird.

Für viele Fleischesser ist dies eine sehr verlockende Aussicht. Die Produktion des Laborfleisches befindet sich jedoch noch in der Anfangsphase und ist deshalb sehr teuer. Im Moment würde ein im Labor hergestellter Burger rund 600 US-Dollar kosten.

Zu hohe Kosten sind in den frühen Phasen von neuen Technologien jedoch häufig ein Problem und die Unternehmen sind zuversichtlich, dass sie die Preise in Zukunft drastisch reduzieren können.

Darüber hinaus gibt es allerdings noch nicht genügend Informationen darüber, welchen Einfluss die Produktion von Laborfleisch auf die Umwelt haben könnte. Die größte Frage ist jedoch, ob die Konsumenten den Ekelfaktor jemals überwinden können und das Fleisch auch tatsächlich essen werden.

Dieser Artikel ist ursprünglich in der HuffPost US erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(ujo)