ENTERTAINMENT
10/09/2018 17:57 CEST | Aktualisiert 11/09/2018 01:04 CEST

5 Helene-Fischer-Konzerte in 5 Nächten: Was die Sängerin mit mir gemacht hat

Das Helene-Phänomen

  • Helene Fischer wiederholt die ausgefallenen Konzerte aus dem Februar in Berlin.
  • Fünf Nächte lang spielt sie in der Hauptstadt – HuffPost war bei allen dabei und ergründet das Helene-Phänomen dahinter. 
  • Im Video oben seht ihr, wie Helene Fischer live vor Zehntausenden ihr Schweigen zu Chemnitz bricht.

Helene Fischer ist der perfekte Star. Schön, erfolgreich, herzlich, gesegnet mit Millionen Fans, einem tollen Partner und einer unterstützenden Familie. Helene Fischer hat alles. Sie ist perfekt.

Und genau deshalb wird sie von vielen gehasst. Keine Skandale. Keine Ecken, keine Kanten. Einfach nur perfekt. Zu perfekt, zu wenig menschlich für viele ihrer Kritiker.

Doch ist Helene Fischer wirklich so vollkommen, wie sie ihren Fans und Kritikern erscheint? So ganz ohne schlechte Stimmung, ohne miesen Tag, ein ewig sorgenfreies Lächeln auf den Lippen?

Wir haben uns auf die Suche nach dem Helene-Phänomen gemacht.

Eine Woche lang ist Helene Fischer in der Hauptstadt. Fünf Abende wird sie vor jeweils fast 17.000 Menschen in der Berliner Mercedes-Benz-Arena spielen. Wir sind in allen fünf Nächten dabei. Schlager-Pop-Electro in Dauerschleife. Aber auch immer wieder die kleinen Momente, in der die perfekte Fassade Risse bekommt. Und in denen sie die Kontrolle verliert. Diese vollkommene Helene Fischer.

HuffPost
In die Berliner Mercedes Benz Arena passen 17.000 Menschen - jedes der fünf Konzerte ist fast ausverkauft

Abend 1: Helene Fischer spricht von Enttäuschung...

Die fünf Konzerte, die der Schlager-Star nun fast in einer Reihe in Berlin spielt, sind Nachhol-Auftritte aus dem Februar. Damals erkrankte sie an einem schweren Atemwegsinfekt. “Mein Herz blutet”, schrieb die Sängerin Anfang des Jahres. Ein Konzert absagen zu müssen, sei für sie “der größte Schmerz”.

“In dieser einen Woche ist eine kleine Welt zusammengebrochen”, sagt sie an diesem Dienstagabend. ”Ich weiß, dass ich viele von euch enttäuscht habe. Umso schöner ist es, dass wir diesen Abend haben. Wir lassen alles hinter uns – heute lassen wir alles raus.“

Es klingt wie heruntergespult. Doch sie meint es ernst. 

Denn sie ist eine dieser Vollblutmusikerinnen. Die, die nicht anders können. Sie muss singen. Nicht Playback wie andere Sängerinnen, sondern live. Sie braucht die Bühne. Nicht zwingend für den Applaus. Sondern für sich. Aus ihrem Umfeld heißt es, dass sie einfach nur Musik machen will, alles andere sei nicht so wichtig. Deswegen war sie am Boden zerstört, als sie im Februar nicht auftreten konnte; deswegen meint sie die Bekundungen ernst.

Die Halle ist brechend voll. Von der älteren Berliner Dame mit pinkfarbenem Haar bis zu den ganz Kleinen mit Riesen-Schutzkopfhörern – Helene erreicht jede Altersklasse, jeden Bildungsstand.

Eigentlich wollte Helene Fischer, die 1984 in Sibirien geboren wurde, zu Beginn ihrer Karriere auf Englisch singen. Und am liebsten Pop. Sie soll geweint haben, als ihr Entdecker Uwe Kanthak andere Pläne mit ihr hatte: deutscher Schlager. Mit mehr als 13 Millionen verkauften Tonträgern zählt sie nun zu den erfolgreichsten Sängerinnen Deutschlands seit jeher.

In Berlin spielt sie ihre drei Stunden gewohnt routiniert. Tanzt. Schreit. Lächelt. Wirft das goldene Haar im Takt nach hinten. Helene bedankt sich brav bei ihren Tänzern, der Crew, der Band. Alles wie immer.

Und doch gibt es plötzlich zwei Abweichungen, die so gar nicht zum Bild passen, was der Vorzeige-Star bisher von sich vermittelt hat.

HuffPost
Auch eine Helene Fischer vergisst live mal ihren Text - ungewohnt für die Künstlerin

... und wird zum ersten Mal politisch

Zum einen vergisst die Perfektionistin auf einmal ihren Text. Wer Helenes Auftritte der vergangenen Jahre kennt, weiß, dass so etwas so gut wie nie vorkommt. Helene Fischer ist selbst überrascht über ihren Fauxpas.

Sie lächelt gequält und singt dann selbstironisch weiter: “Ich frage mich nur, wie geht’s jetzt weiter...”. Am Ende des Liedes hat sie sich schnell wieder gefangen: “Da hat es mich kurz mal rausgehauen, aber gut...”, überspielt sie die Situation. 

Beim zweiten Moment des Abends wird es ernster: Helene Fischer äußert sich zum ersten Mal in ihrer Karriere öffentlich zum Thema Politik. Und das vor zehntausenden Menschen. Live.

“Ich gebe nie politische Statements. Meine Sprache ist die Musik”, schränkt Helene Fischer am Anfang noch ein. Aber dann appelliert sie an ihre Fans:

“Doch auch ich verfolge, was in der Welt passiert... Und deswegen heute Abend, jetzt und hier gemeinsam mit euch... Wir setzen auch ein Zeichen. Und ich möchte jetzt und hier, dass keiner mehr sitzen bleibt. Erhebt euch. Erhebt gemeinsam mit mir die Stimme. Gegen Gewalt. Gegen Fremdenfeindlichkeit. Und lasst uns gemeinsam dieses Lied singen. Wir brechen das Schweigen hier in Berlin. Seid ihr mit mir?”

Kurz darauf singen nahezu 17.000 Menschen den Hit “Wir brechen das Schweigen”. “Als Zeichen der Liebe”, brüllt Helene ihren Anhängern entgegen; findet das am Ende “großartig” und bedankt sich bei Berlin.

Helene Fischer geht es um Chemnitz. Die Stadt, in der es nach dem gewaltsamen Tod eines Mannes zu rechten Ausschreitungen kam. Und in der 65.000 Menschen bei einem Gratis-Konzert “Wir sind mehr” ein Zeichen gegen Rechtsextremismus setzten. Helene Fischer ist jetzt im Kampf gegen Rechts angekommen.

► Am ersten Abend sind es also gleich zwei Momente, die das perfekte Bild von Helene Fischer durchbrechen. Und die die Sängerin am Ende viel größer erscheinen lassen als all ihre Songs.

Instagram
Helene Fischer positioniert sich zum ersten Mal klar gegen Gewalt und Fremdenhass

Abend 2: Helene Fischer eröffnet einen Tag später die politische Woche...

Nun 15. Reihe, direkt im ersten Block, Helene ganz nah. Der zweite Abend beginnt mit einer fünfminütigen Verspätung. Ein riesiges Metronom schwingt über die Bühne. Helene Fischer fliegt in die Halle. Alles wie gehabt. Kostümwechsel, Akrobatik, Danksagungen an Band, Artisten, Techniker. Sie ist ”überwältigt” und “erfüllt” von den Menschen, die ihr in der fast ausverkauften Arena entgegenfiebern.

HuffPost
Helene Fischer im Riesen-Format - zu Beginn überstrahlt sie die gesamte 17.000-Plätze-Arena

Alle springen zu den Beats auf, werfen die Arme in die Luft. Ich nicht. Ich bleibe sitzen und schaue gebannt auf die Leinwand, auf der mir Helene in Übergröße und viel näher als gestern entgegenstrahlt.

Zu ihrem Song “Du hast mich stark gemacht” wird sie persönlicher. Anders als am Abend zuvor beschreibt sie eingängiger, warum ihr dieses Lied so wichtig ist.

“Auch noch mit 34 sind meine Eltern meine wichtigsten Bezugspartner. Sie sind immer noch mein Anker. Ich wollte ihnen was hinterlassen und ihnen meinen großen Dank aussprechen... Auch ihr seid vielleicht gerade mit eurem Lieblingsmenschen hier.”

Die Frau neben mir seufzt und weint. Ich beobachte aus dem Augenwinkel, wie sie sich die Tränen aus dem Gesicht tupft. Sie ist allein hier. Vielleicht ist sie allein.

► Ich sehe: Helene Fischer berührt die Menschen. Auch wenn darüber viele die Nase rümpfen. Die Menschen fühlen sich offensichtlich von ihr verstanden. Gehört. Und ist das nicht das, was Musik am Ende erreichen soll, frage ich mich.

Sie tut mir leid, die Frau neben mir. Aber da ich weiß, dass gleich wieder eine Up-Tempo-Nummer kommt, weiß ich, dass auch sie wieder die Arme in die Höhe reißen wird.

In der Tat brüllt die Konzertbesucherin bei Helenes politischer Ansprache ein kräftiges “Jaaaa” in die Arena. Wieder nimmt sich der Schlager-Star ein paar Worte Zeit, um “Wir brechen das Schweigen” einzuordnen: 

“Es gibt zwei Arten, diesen Song zu interpretieren”, sagt sie, “Die eine Seite ist, dass es um Freundschaft geht. Aber die andere Seite ist auch, ein kleines politisches Statement von mir dazu, dass ich absolut dagegen bin... Wir sollten alle gewaltfrei denken, wir sollten gegen Fremdenfeindlichkeit sein. Ich bin mir ziemlich sicher, jeder heute Abend hier wird mir hoffentlich recht geben.Denn ich möchte heute und hier und vielleicht auch in der gesamten Berlin-Woche ein Zeichen setzen.”

► Mir wird am zweiten Abend klar, es hat ihr gereicht, was dort in Chemnitz passiert ist. Die nächsten Nächte wird sie wieder daran erinnern. Er steht ihr gut, dieser Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit. Und die Fans feiern sie dafür. Auch in dieser Halle. Auch in dieser Nacht. 

HuffPost
Helene Fischer berührt am zweiten Abend besonders eine Frau

... und fällt am Ende von der Schaukel 

“Atemlos” ist die Zugabe des dreistündigen Auftritts. Auf mehreren Schaukeln schwingen sich die Tänzer und Helene Fischer über die Bühne. Buntes Riesen-Konfetti gemischt mit Glitter-Schnipseln werden durch die Arena geblasen. Dazwischen die grölende Masse und Helenes Stimme.

Fast am Ende der Show angekommen, passiert der perfektionistischen Helene Fischer dann doch noch ein Malheur. Sie plumpst von der Schaukel und schafft es auch nicht mehr hinauf. Dass ihr das sichtlich unangenehm war, zeigt sich auch noch Minuten nach dem Ausrutscher. Immer wieder tuschelt sie mit ihren Tänzern und lacht sie dabei verschämt an.

►Ich merke, auch wenn die Lieder Mit-Sing- und Mit-Tanz-Potenzial haben, ich sitze trotzdem stocksteif auf meinem Platz. Ich beobachte ihre Mimik, ihre Gestik, ihre überweißen Zähne und das perfekte Make-up. Ich zähle die Ringe an ihren Fingern und bemerke, wann sie ihren Schmuck wechselt. In dieser zweiten Nacht hinterfrage ich das Phänomen Helene Fischer. Und weiß nach der fünften hoffentlich die Antwort.

HuffPost
Helene schwebt bei "Atemlos" über die Bühne

Abend 3: Helene Fischer legt sich auf der Bühne hin... 

Helene Fischer wirkt abwesend. Richtig stimmig wirken Tanz und Gesang nicht. Später hören wir sie, wie sie hinter der Bühne ein “Jungs” zu ihrem Team ruft. Dann kommt sie heraus und durchsiebt die erste Strophe von “Ich wollte mich nie wieder verlieben” mit Gekicher.

Doch dann kommt noch ein Moment, der nicht geprobt war. Wie schon die Abende davor widmet sie ihren Song “Die schönste Reise” den Kindern im Publikum. Dabei geht die Sängerin über einen Bühnenarm mitten in die Arena hinein. Und da steht dieses kleine Mädchen. Helene streckt ihr den Arm hin. Das Mädchen greift zu. Sie lächelt.

Helene kniet sich an den Rand der Bühne, während sie jetzt nur für dieses kleine Mädchen singt. Sie halten die Hände. Helene wirft ihr einen Kuss zu. Sie will aufstehen und weitergehen. Doch sie überlegt es sich anders. Vielleicht weint das Mädchen. Helene Fischer legt sich in ihrem Kostüm auf die Bühne. Ganz nah an den Rand. Hält die Hand der Kleinen. Streichelt ihr über die Wange. Gibt ihr einen Kuss. Das Mädchen ist glücklich. Helene auch. Sie ist wieder ganz bei sich.

HuffPost
Helene Fischer singt live für ein Mädchen – und legt sich sogar auf die Bühne

► Dieser Moment berührt auch mich. Natürlich soll er das am Ende auch. Helene Fischer schafft einen perfekten Augenblick. Manche würden sagen, eine perfekte Illusion. Doch das Mädchen wird diesen Moment wohl nicht vergessen. Reicht das am Ende nicht aus? Einen Menschen heute Nacht glücklich zu machen?

... und singt oft über Sex – doch keiner merkt’s

Was mir an diesem Abend plötzlich auffällt: Wie viele Lieder sich von Helene Fischer um Sex drehen. Und auch die Show ist versext. Helene Fischer selbst und auch ihre Tänzer sind durchtrainiert. Die Männer performen oberkörperfrei, die Tänzerinnen sind oft nur mit einem Höschen unter dem Blazer bekleidet.

“Für Männlein, für Weiblein – das ist für jeden was dabei”, grinst sie ins Publikum. “Ja, ja, da gibt’s viel zu gucken.”

Was in diesem Moment die Kinder denken mögen, frage ich mich. Oder ihre Eltern. Zu “Achterbahn” lüftet Helene Fischer dann noch ihr Wildleder-Röckchen und schüttelt ihren Hintern in Großaufnahme.  

HuffPost
"Po auf Leinwand" könnte dieses Bild heißen

Bei “Ich will immer wieder... dieses Fieber spür’n” tanzt Helene Fischer lasziv in einer Box. Sie streicht sich dabei immer wieder über ihren Körper. Von oben nach unten. Und wieder zurück. Am Ende kniet sie ihn ihrem Mini-Kleid auf der Bühne. Wirft ihren Körper abwechselnd nach links und rechts. 

An diesem Abend zeigen sich die zwei Gesichter der Helene Fischer: Das wilde und das einfühlsame. Das der Verführerin und das der besten Freundin. Helene Fischer kann alles sein, was ihre Fans wollen.

HuffPost
Heiße Helene! Die Sängerin mag es in ihrer Show gerne sexy
HuffPost
Bei "Ich will immer wieder... dieses Fieber spür'n" räkelt sich die 34-Jährige in einer Box - umringt von ihren Tänzerinnen
HuffPost
Auch Helene Fischers Tänzerinnen ist es zu warm für eine Hose

► Interessant bleibt dabei, wie viele Lieder natürlich die große Liebe betreffen und wie viele aber auch nur puren Sex. In “Ich will immer wieder... dieses Fieber spür’n” singt sie zum Beispiel:  

“Ich will immer wieder dieses Fieber spür’n
Immer wieder mich an dich verlier’n
Will das Leben leben
Wie ein Tanz auf dem Vulkan
Ich will immer wieder neue Sterne seh’n
Immer wieder mit dir tanzen geh’n
Wenn die Nacht beginnt, dann brauch’ ich dich
Nimm dir Zeit für mich”

Bei “Mit keinem andern” heißt es:

“Ich komm nach Haus, es ist schon Mitternacht
Und wie jedes Mal liegst du noch wach
Du willst bestimmt noch was verrücktes tun
Und ich sag ‘OK, zieh mich nur um!’”

In “Sowieso” singt Helene Fischer über ein Kennenlernen in einem Club und die Nacht danach:  

“Ist doch sowieso schon klar
Was passiert ist absehbar
Das wird ’ne Herzattackennacht
Heut sind wir beide schwach

Ist doch sowieso schon klar
Ich tu’s auf eigene Gefahr
Das wird ’ne Liebessensation
Das wissen wir beide schon”

In “Die Hölle morgen früh ist mir egal” höre ich:  

“Und ich zieh’ mir schon beim Reden
Alles an, was dich verführt
Und trag’ den Duft, der dich heut’ Nacht verzaubern wird.

Die Hölle morgen früh ist mir egal.
Egal wie oft ich noch zu Boden knall’.
Für eine Nacht mit dir allein im Himmel,
Mit dir allein im Himmel
Sterb’ ich noch tausend Mal”

Abend 4: Helene Fischer liefert eine sagenhafte Show ...

Besonders an Helene Fischer ist, dass sie nicht nur persönlich, sondern auch als Künstlerin die Grenzen des Entertainments immer weiter verschiebt. “Ich war in Las Vegas und habe mir einige Cirque-du-Soleil-Shows angesehen”, erzählt sie dem Publikum. Sie habe sich gefragt, warum in Deutschland keine Sängerin mit dieser Akrobatik auf Tour geht. Und sei nun stolz darauf, mit diesen Talenten auftreten zu können – den 45 Degrees, einer Tochtergesellschaft des Cirque du Soleil.

HuffPost
Helene Fischers Akrobaten hängen an Seilen, während sie singt
HuffPost
... oder an Trapezen. Vorne rechts wirft Helene ihren Körper in den Electro-Beat-Hexenkessel zu "Achterbahn"

Und schont sich dabei selbst kein bisschen: Sie trommelt wie wild, hängt an Seilen, lässt sich von Artisten umherwirbeln, schwingt auf riesigen Schaukeln. “Ich musste so hart arbeiten. Meine Muckis wachsen von Tag zu Tag”, sagt Helene Fischer ins Mikro und zeigt Bi- und Trizeps. 

“Mit dieser Show kann ich mich komplett ausleben. Das ist der Nervenkitzel, den ich gesucht hab.” 

HuffPost
Auch sie selbst schon sich nicht: Helene Fischer bei einer Akrobatik-Nummer
HuffPost
... inklusive Spagat in der Luft

Alles ist minutiös durchgetaktet. Und doch lässt sich Helene Fischer in dieser vierten Nacht zu einem Moment hinreißen, im dem das Publikum die Kontrolle übernimmt.

... und lässt plötzlich die Arena den Takt angeben

Danksagungen, Freude und persönliche Einblicke wie den in die Beziehung zu ihren Eltern – Helene Fischer weiß, was sie wann wie zu sagen hat. Doch manchmal lässt sie sich mitziehen. Hinreißen zu einem spontanen Augenblick.

Wie an diesem Samstagabend, als die Arena bebt und die Menschen spontan weitersummen. Sie stimmen “Seven Nation Army” von den White Stripes an. Erst leise, dann immer lauter.

Helene Fischer sieht zu und entscheidet, dem Ganzen eine Chance zu geben. Sie macht mit. Lässt sich fallen in den Sog des Publikums. Helene Fischer überlässt denen da draußen die Kontrolle. Das ist ungewöhnlich. Ihre Band stimmt in den Takt mit ein. Plötzlich tanzt sie mit. Schreit “lauter” ins Publikum. Dreht sich. Hüpft.

► Frei und unkontrolliert. 

“Yesss, ihr habt es also gespürt!”, ruft sie in die Menge. “Awww, und ich erst. Da kommt so richtig das Tier raus bei mir!”

Abend 5: Helene Fischer spricht über ihr Privatleben...

“Wie ihr alle wisst, gebe ich nicht ganz so viel aus meinem Privatleben preis”, sagt sie in die Arena. “Nicht weil ich euch nichts sagen will, sondern wegen den Medien.”

Irgendwie stimmt das, aber irgendwie auch nicht.

Seit zehn Jahren ist Helene Fischer mit TV-Moderator Florian Silbereisen zusammen. Schon öfter sprach sie in Konzerten über ihre Liebe zu ihm. Auch heute wieder: “Ich habe einen tollen Partner.” Neben ihren Eltern, denen sie jeden Abend das Lied “Du hast mich stark gemacht” widmet, spricht sie auch ihre Freunde an. 

Heute Abend lässt sie die Menschen in ihr Privatleben blicken.

Sie sei aufgeregt, sagt sie von der Bühne herunter. Wegen ihrer besten Freundin. “Mona war hier in Berlin. Fast jede Show hat sie sich angeguckt. Und vielleicht könnt ihr mir einen Gefallen tun, denn sie ist hochschwanger. Eigentlich sollte sie heute Abend auch wieder dabei sein, aber es ist soweit: Heute Abend werde ich wieder Patentante.”

Dann bittet Helene das Publikum, ihr einen Gruß zu senden. “Alles Gute, Mona”, ruft die Menge.

“Ich liebe dich”, schickt Helene hinterher. Und ist doch kurz peinlich berührt, dass ihr das herausgerutscht ist. “Ich hoffe, irgendjemand hat das aufgenommen...”, flüstert sie. “Ich habe sowieso eine unfassbar.. ähm... ja….”

Helene Fischer tupft sich eine Träne weg. “Jetzt fehlen mir grad die Worte... Sorry.” Die Menge jubelt ihr zu.

HuffPost
Helene Fischer ist gerührt, als das Publikum ihrer besten Freundin alles Gute wünscht

Später wird sie noch intimer: “Ich habe mich zum ersten Mal ein bisschen geöffnet”, sagt sie. Und meint damit den Song “Lieb mich dann” und ihren Freund Florian Silbereisen.

“Die Worte, die ich gewählt habe, kamen aus tiefstem Herzen und waren einfach nur ehrlich.” Auch sie habe ihre Ängste. Mache Fehler. Und habe das Glück als Künstlerin, durch Songs sprechen zu können. Wie über die Liebe zu ihrem “Flori”.

► Die Sängerin wirkt in diesen Momenten überraschend authentisch. Berührt. Sie schämt sich nicht. Hier vor ihren Fans ist sie bei sich. Sie fühlt sich sicher. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum sie ihre Fans immer stärker an ihrem Leben teilhaben lässt. 

Franziska Krug via Getty Images
Helene Fischer mit ihrem Freund Florian Silbereisen

... und stillt am Ende das einfachste Bedürfnis der Welt

Am Ende habe ich fünf Abende mit Helene Fischer verbracht, an denen sie ihren Text vergessen hat, von der Schaukel gefallen ist, abwesend wirkte. Ich habe eine Helene gesehen, die entgegen dem gängigen Bild von ihr nicht immer perfekt sein muss.

Sie hat außerdem ihr Herz geöffnet, sich für ein Mädchen auf die Bühne gelegt und ist nach Jahren des Schweigens zum ersten Mal politisch geworden.

► Nach fünf Nächten ist mir klar, Helene Fischer will eine von uns normalen Menschen sein. Eine Frau mit einem Partner, der zu ihr hält, einer Familie, die sie unterstützt – auch die Eltern waren bei den Konzerten vor Ort – und einem Leben ohne Aufsehen. Aber das hat sie nicht. Manchmal fühle sie sich einsam, sagt sie auf der Bühne. Das ist der Preis für dieses außergewöhnliches Leben.

Was sich an diesen fünf Abenden in Berlin zeigte: Helene Fischer ist nicht  wegen ihrer Musik ein Ausnahmetalent. Das Helene-Phänomen gibt es nur wegen ihrer Person. Sie ist es.

► Was abgegriffen klingt, stimmt bei ihr trotzdem: Sie schafft es, den Menschen aus der Seele zu sprechen. Sie formuliert das, was viele nicht sagen können oder sich nicht trauen zu sagen. Sei es in der Liebe oder überhaupt im Leben.

“Wir werden alles geben, damit ihr glücklich nach Hause geht”, ruft sie der Menge in Berlin wiederholt zu. Und stillt damit das einfachste Bedürfnis der Welt: Glück zu empfinden.

“Ich will, dass ihr hier alles von da draußen vergesst und nur Spaß habt”, sagt sie. Das hat diese unvollkommene Helene Fischer bei den 17.000 Menschen in Berlin an jedem Abend erreicht. Was will man mehr von ihr verlangen?

(ben)