POLITIK
26/01/2018 20:33 CET | Aktualisiert 26/01/2018 22:47 CET

5 beunruhigende Fakten über Erdogans Syrien-Offensive

Der "Anti-Terroreinsatz" könnte bittere Konsequenzen haben.

Umit Bektas / Reuters
Erdogan am Todestag des Vaters der Nation, Mustafa Kemal.
  • Die türkische Militäroffensive in Syrien schreitet voran
  • Doch entgegen türkischer Erfolgsmeldungen könnte das Vorhaben zur Katastrophe werden – vor allem aus 5 Gründen

Operation Olivenzweig: Ein beinahe niedlicher Name für eine tödliche Militärkampagne.

Die Türkei hat am vergangenen Samstag begonnen, in der nördlichen Region Afrin in Syrien gegen kurdische Kämpfer der Gruppe YPG vorzugehen. Präsident Recep Tayyip Erdogan spricht von einer Anti-Terrorkampagne.

Die türkischen Medien feiern die Operation schon jetzt als Erfolg. Dabei deutet sich schon nach einer Woche an, welche verheerende Wirkung der Militärvorstoß entfalten wird.

Für die Frauen, Kinder und Männer in Afrin, für die Zukunft Syriens und für die kurdische Existenz in Rojava, der autonomen Kurden-Region. 

► Hier sind 5 erschreckende Wahrheiten über Erdogans Operation Olivenzweig. 

1. Offenbar massenweise zivile Opfer
5 beunruhigende Fakten über Erdogans

Beobachter melden schon jetzt dutzende zivile Tote. Gesicherte Zahlen und Informationen von unabhängiger Seite gibt es bislang nicht.

► Videos aus den betroffenen Gebieten zeigen jedoch, wie Gebäude offenbar bei willkürlichen Luftschlägen zerstört wurden. Auf vielen Aufnahmen sind Leichen zu sehen.

► Die Presseabteilung der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), zu denen die YPG gehört, berichtet von 699 Artillerie-Angrfiffen und 191 Luftangriffen in der ersten Woche.

Sprecher der Gruppe melden zivile Toten, darunter Frauen und Kinder.

Mehr zum Thema: Erdogan schwört die Türken auf einen Krieg ein – und zeigt in Syrien, dass er zu allem bereit ist

Erdogan beteuerte am Freitag dagegen in Ankara, die türkische Armee habe “kein Blut von Frauen, kein Blut von Unschuldigen an den Händen und das wird auch nie passieren”.

2. Ankaras Legitimation könnte eine Lüge sein
5 beunruhigende Fakten über Erdogans

Dass Erdogans Darstellung der Wahrheit entspricht, ist jedoch zu bezweifeln.

Bereits die Begründung des Einsatzes in Afrin ist höchst zwielichtig. Die türkische Regierung intensiviert seit 2015 den Kampf gegen Kurden – im In- und Ausland. In der YPG sieht sie den türkischen Arm der verbotenen Arbeiterpartei PKK und somit ein essentielles Sicherheitsrisiko. 

In Syrien ist die YPG bislang aber vor allem durch ihren Kampf gegen den IS aufgefallen – unter Unterstützung der USA.

Anadolu Agency via Getty Images
Türkische Kämpfer machen sich bereit.

Die türkische Presse versuchte in den vergangenen Tagen verstärkt, mutmaßliche Raketenangriffe aus dem syrischen Norden auf die türkische Grenzstädte Kilis und Reyhanli als Legitimation der Operation Olivenzweig heranzuziehen.

► Beobachter verweisen jedoch auf einen 2014 geleakten Mitschnitt, in dem der türkische Geheimdienstchef Hakan Fidan mit dem damaligen türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu diskutiert.

Die Männerstimme, mutmaßlich von Fidan, sagt: “Wenn wir eine Begründung brauchen, kann ich vier Männer auf die andere Seite (nach Syrien) schicken. Ich lasse sie acht Raketen in leere Gebiete schießen. Das ist kein Problem. Legitimation kann man kreieren.”

3. Die neue Türkei-USA-Feindschaft
5 beunruhigende Fakten über Erdogans

Der Konflikt verschärft die Spannungen zwischen den USA und Ankara. 

Während das Weiße Haus mitteilte, Trump habe seine Besorgnis über eine Eskalation der Gefechte im Afrin ausgedrückt, teilte das Präsidialamt in Ankara mit, Trump und Erdogan hätten zu der türkischen Militäroffensive lediglich ihre “Meinungen ausgetauscht”.

Mehr zum Thema: Erdogan und Trump prallen in Syrien aufeinander – Experte warnt vor Katastrophe

US-Außenminister Rex Tillerson rief bei einem Besuch in London Ankara und die kurdischen Rebellen im Norden Syriens zur Zurückhaltung auf. Er schlug eine 30 Kilometer breite Sicherheitszone zur türkischen Grenze vor. Doch Erdogan lehnt diese Lösung ab.

► Die AKP-nahen Medien in der Türkei trommeln derweil weiter gegen die USA. Die Offensive in Afrin sei die Rache für die Entscheidung des US-Präsidenten, die israelische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen.

Die Gräben werden tiefer – auch zwischen der Türkei und der Nato. Der Generalsekretär des Verteidigungsbündnisses mahnte die Regierung in Ankara am Donnerstag zu Augenmaß.

4. Auch immer mehr türkische Opfer
5 beunruhigende Fakten über Erdogans

Auch für die türkischen Soldaten in Syrien droht der Einsatz zum Höllenritt zu werden. Laut YPG sind bis Freitag bereits 308 Söldner und Soldaten der Türkei gefallen.

Laut Ankara sind bislang zwei türkische Soldaten bei der Offensive ums Leben gekommen. Experten berichten derweil von mindestens sieben türkischen Opfern. Die Verteidigungsbemühungen der Kurden sind massiv.

Erdogans Offensive könnte zum Abnutzungskampf werden – in der Heimat könnte das je nach Dauer Skepsis schüren.

► Bereits vor dem Beginn der Gefechte warnte Saleh Moslem, ehemaliger Anführer der YPG und nun Politiker in der Kurdenregion Rojava: “Das kurdische Volk wird als ein Ganzes aufbegehren. Es wird ein totaler Krieg.”

5. Assad soll Kurden helfen
5 beunruhigende Fakten über Erdogans

Auch geostrategisch könnte der Angriff einiges ins Wanken bringen.

Die Regierung der Kurdenregion Afrin hat sich an den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gewandt. Die Kurden fordern Assad auf, die syrische Grenze gegen die “türkische Aggression” zu verteidigen.

Seit Monaten ist die Beziehung zwischen YPG und Assad von gegenseitiger Duldung geprägt.

Bald könnten die beiden Parteien zusammenrücken: Weder für die Türkei, noch für die US-Amerikaner ist das eine erfreuliche Aussicht.

(ll)