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19/02/2018 18:57 CET | Aktualisiert 19/02/2018 18:57 CET

5 Dinge, die ich nach meiner Transplantation gelernt habe

mit Bonuspunkt!

pixabay.com user jill111

Das Jahr 2015 war ein schweres Jahr für mich. Ich wurde lungentransplantiert. Als chronisch kranker Mensch war dieses Thema zwar etwas näher im Leben dran als bei Gesunden, dennoch ereilte mich dieser gesundheitliche Absturz mehr als überraschend. Der lange Kampf ins Leben zurück ist vorbei. Ich bin zurück. Ich bin die Alte geblieben und doch habe ich mich verändert. Viele Dinge sehe ich jetzt anders, haben mich zum Nachdenken gebracht oder ich habe aus ihnen gelernt. Ein paar Dinge möchte ich hier aufzählen.

1. Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist

Natürlich ist das mit der Hoffnung immer so eine Sache. Die einen wollen immerzu an sie glauben, die anderen analysieren die Fakten und verlieren diese. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen. Meine gesundheitliche Situation war aussichtslos. Ich war austherapiert. Ein Wunder oder besser ein Organ mussten her. Doch Wunder und Organe sind leider schwer zu erhalten. War es Zufall, Schicksal, Glück, Gott? Oder von jeden etwas? Alles schien aussichtslos und doch änderte sich alles und heute tippe ich diese Zeilen. Oft werden Wunder auch nicht erlebt, aber ich glaube heute anders daran. Oder wie Nena eins sang: „Wunder gescheh’n ich hab’s geseh‘n.“

2. Freundschaften halten nicht ewig

Ich glaube diese Erfahrung hat mich am meisten gelehrt und auch getroffen. Ich hatte die naive Vorstellung, dass eine vielleicht etwas holprige Freundschaft durch so einen schlimmen Schicksalsschlag, doch wohl wieder gefestigt wird. Muss doch! Schließlich ging es doch um Leben und Tod und da wirft man ja alle Differenzen über Bord und ist zur Stelle. Falsch gedacht. Zunächst muss ich erwähnen, ich wurde auch positiv überrascht. Wer mich in der schweren Zeit im Krankenhaus besucht hat, wer nach mir gefragt und sich immer wieder erkundigt hat, das war toll. Aber es gab auch eine Person, die mich schwer enttäuscht hat. Diese Person kam mich während eines fast einjährigen Krankenhausaufenthaltes nicht besuchen oder erkundigte sich nach mir. Heute weiß ich, wenn dir eine Person weder im Leben noch beim Sterben die Hand hält, brauchst du sie nicht. Du vergeudest nur deine Zeit.

3. Leuten vertrauen

Tja, wie ist das mit dem Vertrauen? Es gibt ja Menschen, die vertrauen niemanden, erst recht nicht Ärzten. Ich lag monatelang bewegungsunfähig im Bett. Ich musste lernen, wieder zu sitzen (Hölle!), zu stehen (noch mehr Hölle!) und auch wieder zu laufen (Hölle Deluxe!). Ich musste mich motivieren und den Ärzten und Therapeuten vertrauen, damit ich aus dieser Hölle wieder gesund herauskommen konnte. Ich musste darauf vertrauen, dass die 30 Tabletten, 20 Spritzen, Blutwäsche und Blutkonserven auch richtig sortiert und angeschlossen wurden. Ich musste darauf vertrauen, dass ich aus den unzähligen OPs wieder aufwachen werde. Mein Leben lag buchstäblich in deren Händen. Leicht war es nicht immer zu vertrauen, aber ich musste es lernen.

4. Mut öffnet dir Türen

Ich war vor meiner Transplantation schon selbstbewusst, aber heute ist das anders. Heute kommt noch eine Portion Mut dazu. Heute traue ich mich einfach mehr, was mich manchmal schon überrascht. Früher war ich eher ruhig, war eher für mich. Heute bin ich irgendwie lauter, mutiger, vielleicht wurde ich „geupdatet“. Ich spreche fremde Menschen an, treffe mich mit Menschen aus dem Internet, habe vor einer Gruppe Intimitäten aus meinem Buch vorgelesen, bin einfach mutiger und neugieriger geworden. Um nur ein paar Dinge zu nennen. Warum ist das so? Vielleicht, weil ich im Krankenhaus genug peinliche Situationen über mich ergehen lassen musste. Vielleicht bin ich nun gelassener. Der Duden sagt, Mut ist: „Die Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden.“ Ich bin froh darüber mutiger geworden zu sein. Mut zum Mut!

5. Das leben ist kurz, nutze es!

Ja, das klingt erstmal wie so ein Spruch auf einer Tapete. Dass, das Leben wie sprichwörtlich gesagt kurz ist, war mir schon vorher bewusst. Als kranker Mensch lebt man intensiver, bewusster, so war es bei mir schon vor der Transplantation. Man sollte so leben wie man es selber für richtig erachtet (ohne natürlich anderen zu schaden). Ich lasse gesellschaftlichen Druck nicht (mehr) an mich heran. Ich will das einfach nicht. „Uh, du bist über 30, bald 40.“ Mir doch egal. Was bedeutet schon jung, alt, erwachsen? Oder wie es in einem Tabaluga-Stück einmal hieß: „Erwachsen, was heißt das schon? Vernünftig? Wer ist das schon? Du bist jung und ich bin alt, aber was kann das schon bedeuten?“ Ich will damit sagen. Just do it! Meine Freundin erklärte mir neulich, sie hätte Angst vor ihrem 40. Geburtstag. Was? Warum? Was bedeutet schon eine Zahl? Das ist doch nur die Gesellschaft, die uns in eine Schublade stecken will, oder nicht? Ich sage dann immer gern, es gibt Länder da kennen die Leute ihre Geburtstage nicht. Uh! Was machen die wohl, um sich gegenseitig Druck zu machen? Vielleicht sehe ich das auch einfach alles nicht so verbissen. Wir leben heute. Wir leben jetzt. Wir leben hier. Lebt! Oder wie Max Raabe in einem Song singt: „Am Ende kommt immer der Schluss, bis dahin tobt das Leben.“

Bonuspunkt ;-)

Wie schön es ist, zu liegen

Man gewöhnt sich erstaunlich schnell daran ein gesundes Organ zu haben, was vernünftig atmet, auch wenn man es bisher nie so kannte. Eine völlig profane Sache die gesunde Leute jeden Tag tun ohne darüber nachdenken zu müssen, ist flach auf dem Rücken liegen. Für Lungen- oder auch Herzkranke ist das schlicht nicht möglich, weil die Luftnot dann am größten ist. Jeden Abend, wenn ich ins Bett gehe, fällt es mir wieder ein. „Hey, du kannst flach liegen, wow!“ Natürlich kann ich heute noch vieles mehr, aber ganz flach auf dem Rücken liegen zu können, ist so fantastisch, dass ich es hier erwähnen musste. ;-)

Die Autorin lebt, lernt und schreibt gern. Ihre aktuellen Projekte finden Sie unter www.hamburgersafari.de