POLITIK
20/02/2018 10:44 CET | Aktualisiert 20/02/2018 11:03 CET

40 weibliche britische Abgeordnete packen aus: So sexistisch ist das Parlament

Die HuffPost UK hat erschütternde Insiderberichte gesammelt.

Toby Melville / Reuters
Das britische Regierungsviertel.
  • Weibliche Mitglieder des britischen Parlaments berichten von Belästigung und Mobbing
  • Nach einer Umfrage der HuffPost UK sind fast 6 von 10 Frauen betroffen

Ein Aufschrei bewegt Großbritannien.

Weibliche Abgeordnete legen in der HuffPost UK ihren täglichen Kampf mit Sexismus, Mobbing und Diskriminierung im Parlament offen. Rund jede dritte Parlamentarierin berichtet, sie hätte sexuelle Belästigung selbst erfahren, jede zweite wurde Opfer von Mobbing und Erniedrigung.

Für diesen erschreckenden Bericht hat die HuffPost UK 40 Politikerinnen des britischen Parlaments zu dem Thema befragt. Das Ergebnis könnte die schwelende Diskussion über Sexismus in Großbritannien weiter anheizen. 

Erst kürzlich hatten die Minister Damian Green und Michael Fallon wegen schwerer Anschuldigungen ihre Ämter im Kabinett niederlegen müssen.

Frauen berichten nun selbst, was sie im Parlament erlebt haben – und was sich dringend ändern muss. 

HuffPost UK

“Ein furchtbarer Platz zum Arbeiten”

Von den 40 Antwortenden der 208 befragten Abgeordneten sagten drei von zehn aus, sie hätten selbst sexuelle Belästigung erlebt.

Knapp über die Hälfte berichteten, sie seien in ihrer Position als Abgeordnete schikaniert worden, und 40% sagten aus, sie hätten eine Beschwerde über unangemessenes Verhalten oder Mobbing gemeldet oder selbst von einer Kollegin zur Bearbeitung erhalten.

Über die Hälfte der Befragten gaben an, dass die Kultur im Parlament schlimmer sei, als in ihren vorherigen Karrieren. 57,5 Prozent der Frauen berichteten, es sei als Frau schwerer, im Parlament etwas zu erreichen.

Viele machten Erfahrungen, die ein tief im Sexismus verankertes Bild des Parlaments zeigen.

Die Aussagen wurden anonym aufgezeichnet, um sicherzustellen, dass die Teilnehmer frei sprechen konnten. Ein Tory-Mitglied beschrieb Westminster als “einen furchtbaren Platz zum Arbeiten, wenn man eine Frau ist”.

“Anzügliche Bemerkungen und Mobbing”

Andere berichteten von ihren täglichen Konflikten. “Ich denke, man muss als Frau härter arbeiten”, sagte eine Hinterbänklerin der Tories.

Sie führte aus: “Mein männlicher Vorgänger hat nie die Erfahrungen gemacht, die ich jetzt durchlebe. Ich wurde angegriffen, schikaniert, mir wurde gesagt ich wüsste nicht, worüber ich spreche, ständig wird an meinen Fähigkeiten gezweifelt. Es ist persönlich geworden, ein Beweis für die frauenfeindlichen Ansichten hier. Als Frau wird von mir erwartet, das hinzunehmen - aber das werde ich nicht.”

HuffPost UK
Weibliche Abgeordnete der Labour Partei.

Eine frühere Oppositionssprecherin erlebte sowohl Mobbing als auch sexuelle Belästigung. Sie sprach gegenüber der HuffPost offen über “anzügliche und ungewollte Bemerkungen” über ihr Aussehen.

Eine andere Politikerin berichtete von Vorurteilen, die ihr entgegenschlugen, als sie ihr Amt antrat. “In meiner ersten Woche als Abgeordnete fragte mich einer der Männer aus dem Oberhaus, für welchen Abgeordneten ich denn arbeiten würde, und machte dann eine Bemerkung darüber, dass wir immer jünger würden, obwohl ich zu dem Zeitpunkt schon in den Vierzigern und selbst Abgeordnete war.”

Sie glaubt, es müsse und werde einen Wandel geben. “Ich denke, mit der Zeit werden sich die Dinge verändern, aber es ist unrealistisch, eine Veränderung über Nacht zu erwarten. Es ist jetzt schon so lange eine Männerwelt hier.”

Menge der gemeldeten Vorfälle überfordert MPs

Eine führende Abgeordnete der Labour Partei verglich den Umgang im Parlament mit der freien Wirtschaft: “Ich habe schon immer in einer männer-dominierten Industrie gearbeitet, in meinem ersten Vollzeit Job wurde ich sexuell missbraucht. Im Parlament arbeiten mehr Männer, als in allen Bereichen, in denen ich vorher gearbeitet habe, also geht es hier manchmal deutlich schlimmer zu.”

Mehr als die Hälfte der Frauen, mit denen die HuffPost sprach, empfindet die Atmosphäre in Westminster als schlimmer als in ihren früheren Berufen. 

Manche der befragten Abgeordneten berichteten, sie würden von Mitarbeitern über Vorfälle belehrt werden und versuchen diesen zu helfen. Die schiere Menge der gemeldeten Zwischenfälle sorge aber dafür, dass sie sich zunehmend nicht mehr darum kümmern könnten.  

Ein neues Mitglied des Parlamentes sagte: “Es gibt Männer, die ihre Position nutzen, um dich anzugreifen, damit sie ihre persönlichen Interessen durchsetzen können. Ich glaube, was mich am meisten überrascht hat, waren die Männer mit ihren selbstgefälligen Ansichten, die nicht damit umgehen können, wenn man ihnen etwas entgegensetzt oder etwas widerlegt, und dann auf frauenfeindliches Verhalten zurückgreifen.”

Frauen werden häufiger Opfer von Cybermobbing

Eine erfahrene Politikerin berichtete von ihrer Zeit im Unterhaus und davon, dass Frauen dort besonders große Schwierigkeiten damit hatten, ernst genommen zu werden.

“Es bleibt das Gefühl, dass es für Frauen schwieriger ist, gehört zu werden, es sei denn, sie arbeiten in bestimmten Regierungsstellen”, offenbart sie.

Zusätzlich werde sich über Frauen deutlich öfter in sozialen Medien lustig gemacht, als über Männer. Die Politikerin gab zu denken: “Vergleicht man nur den Umgang mit Diane Abbott und Boris Johnson, wenn sie Fehler machen, die an die Öffentlichkeit gelangen.”

HuffPost-UK-Befragung weiblicher Parlamentsabgeordneter:

Haben Sie bei ihrer Arbeit als Abgeordnete jemals sexuelle Belästigung erfahren?

Nein: 70%, Ja: 30%

Waren Sie je Opfer von Mobbing oder Schikanie während Ihrer Arbeit als Abgeordnete?

Nein: 42.5%, Ja: 57.5%

Haben Sie je eine Beschwerde eingereicht oder erhalten?

Nein: 62.5%, Ja: 37.5%

Sind die Umstände, was Belästigung und Mobbing betrifft, im Parlament besser oder schlechter als in Ihren früheren Berufen?

Besser/Kein Unterschied: 47.5%, Schlechter: 52.5%

Haben Sie eine Veränderung in der Menge der Vorfälle, oder in der Atmosphäre allgemein, festgestellt, seit Vorwürfe erhoben wurden?

Ja: 50%, Nein: 50%

Denken Sie, es ist schwieriger, als Frau im Parlament zu arbeiten?

Ja: 57.5%, Nein: 42.5%

Was muss sich ändern?

Knapp acht von zehn Befragten sagten aus, es müssten mehr Frauen gewählt werden, um den Problemen zu begegnen.

Ein Mitglied fügte hinzu: “Ich glaube, Frauen werden häufiger bevormundet. Es wird auf sie herabgeschaut. Der Ton in Debatten kann schon mal rau werden, aber ich denke nicht, dass das Frauen davon abhält, Dinge voranzubringen. Die Atmosphäre kann sehr aggressiv sein.”

Diese Probleme rückten mit der Entlassung von Green und Fallon letzten Jahres mehr in den Fokus. Theresa May war gezwungen, das Kabinett neu zu strukturieren, als die Weihnachtspause des Parlaments endete.

Eine Konservative berichtete, die Umstrukturierung habe neue Vorurteile seitens der Tory-Abgeordneten laut werden lassen.

“Dass viele Frauen in die Positionen ernannt wurden, resultierte in den üblichen Kommentaren. Sie wurde ’nur befördert, weil sie Brüste hat’, und ’wenn ein Mädchen wie ***** denkt, sie wird mir sagen können, wie ich zu wählen habe, hat sie sich getäuscht”, erklärte die Politikerin.

“Stoppt das Alkohol-Trinken in den Bars”

Andere Abgeordnete, die befragt wurden, gaben an, die Politiker seien “rücksichtsvoller” in ihrem Verhalten geworden, seit Fallon und Green ihre Ämter aufgegeben hatten.

Die Mehrheit verneinte das jedoch. Die Frauen hätten keine nennenswerten Veränderungen bemerkt.

Viele der Politikerinnen äußerten Ideen zur Verbesserung des Arbeitsklimas. “Stoppt das Alkohol-Trinken in den Bars,” schlug ein junges Mitglied vor und bestätigte damit einen neuen Bericht, der die problematische Trinkkultur in Westminster offenlegte

“Im Moment verhindert die Boulevardpresse, dass ernsthafte Beschwerden und Vorwürfe beachtet und bearbeitet werden”, sagte eine andere Abgeordnete.

Eine Person berichtet, sie könne die Premierministerin und ihr Versprechen, sexuelle Belästigung zu bekämpfen, nicht ernst nehmen. Nach der umstrittenen Ernennung Toby Youngs in den Vorstand einer Universität-Aufsichtsbehörde habe dieses Versprechen an Glaubwürdigkeit verloren.

“Was mir Sorgen bereitet, ist, dass die verschiedenen Parteien immer noch versuchen, das Thema zu verharmlosen und behaupten, es sei in manchen Parteien schlimmer als in anderen”, bemerkte eine Abgeordnete, die seit drei Jahren im Parlament sitzt. 

Mobbing auch unter Frauen

Doch viele Frauen wollen das Thema ohnehin breiter angehen.

Mobbing und Belästigung von Mitarbeitern passiere unabhängig von ihrem Geschlecht.  

“Um ehrlich zu sein: Im Parlament wurde ich tatsächlich am schlimmsten von Frauen behandelt”, berichtete eine Politikerin der HuffPost.

“Manche Frauen zeigen völlig unangemessenes Verhalten. Ich würde nicht so weit gehen, dies als Mobbing zu bezeichnen, weil ich einfach darüber lache und mit meiner Arbeit fortfahre. Zwei prominente Frauen zum Beispiel meinten ’wir haben gerade während des Abendessens über Sie geredet und gesagt, dass Sie alles so gut zu können scheinen. Wir haben beschlossen, dass irgendetwas mit Ihnen nicht stimmen muss, also sind Sie bestimmt eine furchtbare Mutter’.”

Dennoch überwiegen die Anschuldigungen gegenüber Männern.

Andrew Bazeley, Manager der Fawcett Society, der sich für die Rechte von Frauen einsetzt, sagte der HuffPost: “Es ist an der Zeit, dass Westminster sich verändert. Sexuelle Belästigung und Sexismus im Parlament können nicht mehr toleriert werden.”

Die Berichte seien schockierend. “Um dem etwas entgegenzusetzen, benötigen wir ein unabhängiges Beschwerde-Verfahren, wirkliche Unterstützung für die Betroffenen, und wirkliche Sanktionsmaßnahmen für Abgeordnete oder Mitarbeiter, die schikanieren oder belästigen.”

Der Artikel erschien zuerst in der HuffPost UK und wurde von Meret Brockmann aus dem Englischen übersetzt.