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08/10/2018 14:36 CEST | Aktualisiert 08/10/2018 23:11 CEST

3 Monate ohne Koffein: "Es war schmerzhaft, aber es hat sich gelohnt"

Ich hatte Kopfschmerzen wie nie zuvor in meinem Leben.

Svante Berg / EyeEm via Getty Images

Ich erinnere mich nicht, wann genau ich meine letzte Tasse schwarzen Tee trank. Ich wusste auch nicht, dass sie die letzte sein würde. Mein Abschied war nicht im Voraus geplant. Sonst hätte ich vielleicht sogar eine kleine Lebewohl-Zeremonie veranstaltet. Vielleicht hätte ich mir mehr Zeit genommen, den vertrauten, leicht gebäckartigen Geschmack des Getränks zu genießen, genau wie auch das Wärmegefühl, das der Tee in meinem Hals zurückgelassen hätte.  

Verdammt noch mal, ich hätte vielleicht sogar einen kleinen Keks dazu gegessen. Stattdessen vergaß ich wohl, dass ich überhaupt einen Tee gekocht hatte – und ließ ihn kalt werden.

Woran ich mich allerdings sehr gut erinnere: Die pochenden Kopfschmerzen, die mich während der drei nachfolgenden Tage quälten. Sogar Ibuprofen schaffte keine Abhilfe.

In der Vergangenheit hätte ich mich kaum als süchtig bezeichnet – ich trank täglich drei Tassen Tee (der britische Gesundheitsdienst NHS meint, bis zu vier seien unschädlich) und alle paar Jubeljahre mal eine Tasse Kaffee – doch mein Körper sah die Dinge wohl etwas anders.

Koffein machte mich morgens wach, nachmittags wieder müde

Das war vor 12 Wochen. Seitdem habe ich keinen einzelnen Tropfen Koffein mehr konsumiert. Diese Entscheidung kam etwas unerwartet. Meine Abstinenz begann ohne eine vorherige Agenda oder größere Abwägungen.

Doch tief in meinem Inneren hatte ich mir schon länger Gedanken über meinen Koffeinkonsum gemacht: Darüber, dass der Tee mich morgens zwar aufwachen ließ, mich dann aber nachmittags häufig wieder müde machte. Darüber, dass er meine monatlichen, hormonell Bedingten Hautprobleme nur noch schlimmer machte, und auch einen nicht unerheblichen negativen Einfluss auf meinen Kontostand ausübte.

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Lange ließen sich diese Dinge einfach von der Hand weisen – vor allem, da wir in einer Kultur leben, in der die Menschen ihre Tagestaktung an dem (teilweise gemeinsamen) Konsum von Heißgetränken ausrichten.

Mir wurde schon nach einem Tag klar, dass ich es durchziehen muss

Doch bereits nach dem ersten Tag meines Koffeinentzuges (der mit Kopfschmerzen, seltsamen Gelüsten, Erschöpfung und gewaltigem Weltschmerz einherging) wurde mir klar, dass ich meinen Entscheidung würde durchziehen müssen.

Auch am zweiten und dritten Tag gaben meine hämmernden Kopfschmerzen nicht nach. Was meine Frustration nur noch schlimmer werden ließ: Ohne den Rausch des Koffeins in meiner Blutbahn fühlte ich mich zusätzlich auch müde und ausgelaugt. Als ein Kollege mir mit den allerbesten Absichten eine dampfende Tasse Tee auf den Schreibtisch stellte, war ich ernsthaft versucht, dem Drang endlich nachzugeben.

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Doch da es meinem Körper so schlecht ging, aufgrund der kurzen Auszeit von einer Gewohnheit, die ich doch eigentlich nicht als Problem empfand, schlussfolgerte ich, dass ich wohl am besten mit meinem Blitzentzug weiter machen sollte.

Plötzlich hatte ich wieder Energie

Am vierten Tag waren meine Kopfschmerzen fast gänzlich verschwunden. Doch nun vermisste ich zunehmend die mit dem Teetrinken verbundenen Rituale.

Durch die Haustür zu kommen und den Teekocher anzustellen. Faul den Samstagmorgen mit einer Tasse Tee im Bett zu verbringen. In unserer Gesellschaft ist das Tee- und Kaffeemachen ein nahezu unbemerkbarer, doch sehr wichtiger Akt der Nächstenliebe.

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Und ich hatte irgendwann wirklich genug davon, meine Teetassen heimlich wegschütten zu müssen, nur um die Gefühle meiner Mitmenschen nicht zu verletzen.

Doch gegen Ende der ersten Woche bemerkte ich, dass mein Energiehaushalt sich auf einem relativ konstanten Niveau stabilisiert hatte, und meine Lebenskraft nicht mehr nur in Schüben zur Verfügung stand. Mein Körper begann wohl, sich an den eigenen Energievorräten zu bedienen, statt ständig nur auf chemischen Nachschub zu warten.

Ebenfalls verschwanden meine Verdauungsprobleme, meine Kopfschmerzen wurden seltener, und auch meine Haut sah (nervigerweise) schon bald sehr viel besser aus.  

Jeder verträgt Koffein unterschiedlich

Damit möchte ich nicht behaupten, dass der Koffeinverzicht bei jedem Menschen zu solch positiven Veränderungen führt. Victoria Taylor, Ernährungswissenschaftlerin bei der British Heart Foundation, erklärt, dass manche Erwachsene eine höhere Anfälligkeit für die Nebeneffekte von Koffein haben (was von zahlreichen Studien bestätigt wurde).

Eine moderate Einnahme der Substanz – also bis zu vier oder fünf Tassen täglich – sollte sich bei den meisten Menschen nicht negativ auf die Gesundheit auswirken.

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Andere Menschen hätten allerdings eine sehr viel niedrigere Koffeintoleranz, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Charlotte Stirling-Reed. Sobald nach dem Kaffeetrinken Symptome wie beispielsweise eine erhöhte Herzfrequenz, Angstanfälle oder Unwohlsein auftreten, sollten die betreffenden Personen sich überlegen, ob sie ihren Koffeinkonsum nicht vielleicht ein wenig zurückschrauben sollten.

Stirling-Reed erklärt: “Zu den positiven und negativen Auswirkungen des Koffeins wurde bereits sehr viel geforscht. Viel hängt dabei von den individuellen Konsumenten ab, eindeutige Schlussfolgerungen lassen sich deswegen kaum treffen. Letztendlich ist es ratsam, Koffein nur achtsam zu konsumieren und die eigenen Grenzen auszutesten.“

Die größte Herausforderung droht mir noch

Meine eigenen Grenzen habe ich inzwischen gefunden. Seitdem ich dem Koffein abgeschworen habe, bemerke ich zahlreiche positive Nebeneffekte an mir. Deswegen habe ich mich entschlossen, meiner neuen Abstinenz treu zu bleiben.

Inzwischen trinke ich auch wieder Tee – jedoch ausschließlich koffeinfreien. 

Ob ich dem Koffein wohl für immer entsagt habe? Wer weiß. Die größte Herausforderung steht mir wohl noch bevor: Ein Mega-Kater, wie beispielsweise nach einer durchfeierten Hochzeitsparty, mit nichts als Kamillentee als Gegenmittel.

Vielleicht wird mein Widerstand dann letztendlich brechen. Doch bisher läuft mein Experiment mit der Koffeinfreiheit eigentlich ziemlich gut.

Dieser Artikel ist zuerst in der HuffPost UK erschienen und wurde von Lukas Wahden aus dem Englischen übersetzt.

(ujo)