ELTERN
06/09/2018 17:10 CEST | Aktualisiert 06/09/2018 18:03 CEST

Wie eine Mutter es schaffte, ihren Sohn vor den Drogen zu retten

"Es gibt immer einen Weg, egal wie viele Menschen behaupten, es ginge nicht."

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Auf dem Meer könnte sie Jonas von allen Versuchungen fernhalten.

“Als ich erfuhr, dass mein Sohn verhaftet worden ist, war ich richtig erleichtert”, erzählt Franziska Krafft. “Endlich wusste ich, wo er war und konnte Kontakt zu ihm aufnehmen. Endlich konnte ich etwas tun.”

In den drei Jahren vor seiner Verhaftung hatte die Österreicherin die Verbindung zu ihrem Sohn nach und nach verloren. In Folge der Scheidung von seinem Vater wollte Jonas nicht bei seiner Mutter und den beiden jüngeren Brüdern in einem Bergdorf in Österreich wohnen. Stattdessen zog der damals 13-Jährige zu seinem Vater nach Frankfurt.

In der Großstadt war der Junge häufig auf sich allein gestellt, geriet an die falschen Freunde, schwänzte die Schule, dealte, stahl und nahm Drogen. Ständig wechselte er die Handynummer, sodass seine Mutter ihn nicht erreichen konnte.

Mit 16 landete Jonas dann erst in der U-Haft, später in einer Entzugsklinik. Seine Mutter begann, ihm Briefe zu schreiben. Jeden Tag einen. Einfach, um ihm zu zeigen, dass sie da war.

Währenddessen drängte die Zeit. Jonas brauchte dringend einen Platz in einer Folgeklinik – andernfalls drohte dem Jungen eine einjährige Haftstrafe. Doch es gab keine freien Plätze.

Ein mutiger Plan

“Ich musste etwas machen”, sagte Franziska Krafft der HuffPost am Telefon. “Ich musste um jeden Preis verhindern, dass mein Kind ins Gefängnis kommt.”

Und so schmiedete die Mutter einen Plan. Einen außergewöhnlichen, mutigen und auch riskanten Plan, der ihren Sohn von den Drogen befreien sollte: Sie kaufte ein Segelboot und organisierte eine dreimonatige Reise über Nord- und Ostsee.

Auf der See gibt es keine Drogen und auch keine Dealer, dachte Krafft sich. Auf dem Meer könnte sie Jonas von allen Versuchungen fernhalten.

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Dass sie es schaffte, das Gericht und auch das Jugendamt von ihrem Experiment zu überzeugen, ist wohl ihrer großen Beharrlichkeit zu verdanken. Nach wochenlangem Briefwechseln durfte sie Jonas schließlich mitnehmen.

“Aufgeben ist nicht mein Fall”

Woher sie den Mut und die Kraft für diesen Schritt nahm, kann sie nicht genau erklären. Sie wusste einfach, dass sie handeln musste. “Aufgeben ist nicht mein Fall”, sagt Krafft. “Es gibt immer einen Weg, egal wie viele Menschen behaupten, es ginge nicht.”

Und so hat Franziska Krafft die Sache einfach angepackt. Anfang Juli 2017 stach sie mit ihrem Sohn und ihrem Lebensgefährten Peter auf Fehmarn in See. In den darauffolgenden Wochen steuerte die kleine Crew zahlreiche Häfen an der Nord- und Ostsee an, segelte zwischen Deutschland, Dänemark und Holland und erlebte dabei kleine und größere Abenteuer. Später kamen auch Jonas kleine Brüder und Kraffts Vater an Deck.

Franziska Krafft hatte keine Ahnung, ob ihr Plan gelingen würde. Es war ein Experiment – würde es schiefgehen, dann würde ihr Sohn im Gefängnis landen. Die Mutter hatte keine Wahl. Sie musste alles auf eine Karte setzen.

Beobachten wie eine Fuchsmama

Bevor es losging, hatte sie noch Rat bei einem Schweizer eingeholt, der Erfahrungen mit kriminellen Jugendlichen auf Segelschiffen hat. Er hatte ihr klargemacht, dass ihr Plan völlig verrückt war und ihr geraten, die Luft aus dem Beiboot zu lassen. Das würde den Jungen zumindest von einer Flucht auf dem Meer abhalten, meinte er.

Doch das erschien der Mutter zu drastisch. Sie wollte ihrem Sohn vertrauen. Stattdessen würde sie den 16-Jährigen beobachten wie eine “Fuchsmama”. So formuliert Krafft es in dem Buch, das sie nach dem Segeltörn mit ihrem Sohn schrieb und das am Freitag erscheint:

“Ich bin lieber aufmerksam. Alert. Wie eine Fuchsmama. Die sitzt am Berg im Tiefschnee, und wenn man sie beobachtet, denkt man, sie tut nichts. Aber sie hat ihre Ohren gespitzt und die Augen überall. Damit sie den Bussard erspäht, bevor er ihre Jungen schnappt. Oder die Schneelawine ahnt, bevor sie niedergeht.”

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 “Jonas lernte, sich selbst wieder zu spüren”

Und tatsächlich behielt Franziska Krafft am Ende Recht. Das Experiment gelang. Jonas kam Stück für Stück wieder zu sich, nachdem seine Mutter die starken Medikamente aus der Entzugsklinik auf eigene Faust immer weiter absetzte.

Der Junge erwachte aus seiner Lethargie, beteiligte sich an den Aufgaben an Deck der Kaimana. Er hörte auf, das Essen auf dem Teller hin und her zu schieben und fing plötzlich an, wie ein Scheunendrescher zu futtern.

Es war eines von vielen Anzeichen, durch die seine Mutter merkte, dass es aufwärts ging. “Auf dem Boot hat Jonas seine Rolle wiedergefunden”, sagt Franziska Krafft. “Durch die kleinen Aufgaben, die er bekam, gewann er wieder ein gesundes Selbstvertrauen. Er lernte nach all der Zeit wieder, sich selbst zu spüren.”

Knoten knüpfen, den Mast hochklettern, am Steuer stehen und im Hafen anlegen; Jonas hatte etwas zu tun. Es gab neue Dinge zu entdecken, neue Fertigkeiten zu erlernen. Und mit jedem Tag auf dem Meer, der verging, vertiefte sich die Beziehung zwischen Mutter und Sohn wieder. Jonas wurde wieder ein Teil der Familie.

“Jonas war verloren – aber er hat zu seiner Familie zurückgefunden”

Genau darin sieht Franziska Krafft den Grund, warum ihre ungewöhnliche Therapie für ihren Sohn funktioniert hat.

“Jonas war verloren. Durch unsere Reise hat er in unsere Familie zurückgefunden. Er hat wieder eine Rolle bekommen und gespürt, dass er dazu gehört”, erklärt Krafft.  

“Und das ist der große Unterscheid zu jeder anderen Therapie, die er in einer Einrichtung bekommen hätte.”

Diese Rückkehr zur Familie konnte jedoch nur gelingen, weil Franziska Krafft ihrer Intuition als Mutter folgte. Sie wusste, dass sie ihrem Sohn auch vertrauen musste – so schwer das bei einem straffällig gewordenen, drogenabhängigen Jugendlichen auch sein mag.

“Eine zu strenge Überwachung wäre für Jonas total kontraproduktiv gewesen”, sagt Krafft. “Er musste spüren, dass er wichtig ist. Dass ich ihm vertraue. Und nicht, dass er der Kriminelle ist, der eingesperrt werden muss.

Ich musste ihm eine Stellung verschaffen, in der er spürt, dass er jemand ist: nämlich mein Sohn.” An dieser Stelle macht Krafft eine kurze Pause, nachdem sie lange und intensiv erzählt hatte. Sie ist stolz auf ihren Sohn, dass kann man sogar am Telefon spüren.

Warum es sich lohnt, zu kämpfen und niemals aufzugeben

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Heute ist Jonas 18 Jahre alt. Er besucht eine Handelsschule, lebt bei seiner Mutter und den beiden Brüdern in dem kleinen Dorf in der Bergen. Er hat die Sucht überwunden, vorerst. Dass nach wie vor das Risiko besteht, dass Jonas noch einmal rückfällig wird, ist seiner Mutter bewusst.

Doch was die Familie geschafft hat, ist mehr als irgendjemand erwartet hätte. Niemand – schon gar nicht das Gericht oder das Jugendamt hatten damit gerechnet, dass dieses Experiment gelingen könnte. Im gerichtlichen Gutachten stand damals: “Die Erfolgsaussichten einer Entziehungskur erscheinen gering”.

Alle gingen davon aus, dass Jonas rückfällig werden würde, dass er schon bald wieder Straftaten begehen würde.  

Doch Franziska Krafft hat bewiesen, dass es immer einen Weg gibt. Dass es sich lohnt, zu kämpfen und niemals aufzugeben. Und dass man über seine Grenzen hinauswachsen kann, wenn man sich auf die Aufgaben einlässt, die das Leben einem stellt.

“Wendemanöver – Ein Sohn im Drogensumpf; Eine Mutter setzt Segel” von Franziska Krafft mit Katharina Gerhart erscheint am 07. September bei Eden Books.

Eden Krafft

(nc)