POLITIK
03/08/2018 11:48 CEST | Aktualisiert 03/08/2018 18:54 CEST

Seehofers bizarre Bierzelt-Rede: "Ich, der Mörder, der Terrorist"

Auf den Punkt.

Im Video oben seht ihr Ausschnitte aus Seehofers Bierzelt-Rede

Bier, Volksfeste, CSU. 

Festzeltreden gehören zum Standardrepertoire in der bayerischen Landespolitik, umso mehr im Wahlkampf. Sie sind für Politiker der Regierungspartei im Freistaat eigentlich eine ganz normale Pflichtaufgabe.

Der Auftritt von CSU-Chef Horst Seehofer am Donnerstagabend tief im Stammland der Partei ist dennoch besonders: Der Termin in Töging am Inn, im Landkreis Altötting, ist sein erster im Bierzelt seit der schweren Regierungskrise Anfang Juli.

In Sichtweite der Landtagswahl am 14. Oktober hat Seehofer seine Partei in schwere Turbulenzen gestürzt. Sämtliche Umfragewerte rauschten nach unten.

Und was macht der 69-Jährige? Er schaltet auf Angriff – wie drei Sätze zeigen:

1. “Jetzt steht also der böse Seehofer vor Ihnen – der Mörder, der Terrorist, der Rassist”

Seehofer fängt harmlos an. “Sie glauben gar nicht, wie schön es ist, wenn man aus der Bundeshauptstadt ins gelobte Land zurückkommt.”

Doch schnell schaltet der CSU-Chef in seiner 45 Minuten dauernden Rede auf Attacke. Er greift seine Kritiker an – auch wenn er meint, diese beschäftigten ihn gar nicht. “Jetzt steht also der böse Seehofer vor Ihnen – der Mörder, der Terrorist, der Rassist”, ruft er den mehreren hundert Zuhörern zu. Um den Medien dann doch eine “Kampagne” vorzuwerfen, die sich gegen ihn richten würde.

Seehofer schimpft: “Genau diejenigen, die jeden Tag dafür eintreten, dass man in der Politik Anstand und Stil zu bewahren hat, überschütten mich mit Worten und Eigenschaften und Attributen, die weit unter der Gürtellinie liegen.”

2. “Ich habe die Diskussion nicht ausgelöst”

Seehofer verteidigt in der Rede seine Politik. Und schiebt die Schuld auf andere: “Ich habe die Diskussion nicht ausgelöst”, sagt er rückblickend auf die schwere Regierungskrise wegen der Asyl- und Flüchtlingspolitik.

Er meint damit wohl, dass es Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war, die mit einem Punkt seines sogenannten Masterplans nicht einverstanden war – der Zurückweisung von bereits in anderen EU-Ländern registrierten Flüchtlingen. Seehofer verschweigt damit, dass es die CSU war, die die Eskalation im Asylstreit gesucht hat. 

Er betont, dass ein Politiker für seine Überzeugungen, seine Meinung kämpfen müsse. Dass er als Innenminister das Recht durchsetzen müsse. Dass er sich dabei nicht von einem schleswig-holsteinischen Regierungschef – der CDU-Mann und Merkel-Getraute Daniel Günther – etwas vorschreiben lasse. Dass der Rechtsstaat klare Kante gegen Gefährder und Straftäter zeigen müsse.

“Ich kann als Politiker keine Empathie für einen Vergewaltiger aufbringen”, sagt Seehofer beispielsweise. Oder auch: “Ich bin froh, dass der mutmaßliche Leibwächter von bin Laden außer Landes ist.”

dpa
Horst Seehofer bei seiner Rede in einem Bierzelt auf dem Töginger Volksfest.

3. “Manche Wahrheiten bekomme ich nicht unter eine breitere Bevölkerung”

520 von 709 Bundestagsabgeordnete sind auf Twitter aktiv. Bald könnte ein weiterer hinzustoßen. “Ich fange wahrscheinlich Ende August selbst das Twittern an”, sagt Seehofer. Schmunzelnd fügt er hinzu, der Landtagswahlkampf in Bayern werde nun “noch etwas bereichert”. 

Die Begründung hat es in sich, der Innenminister erklärt: “Ich sehe mich jetzt gezwungen, weil manche Wahrheiten ich sonst nicht unter eine breitere Bevölkerung bekomme.” Täglich müsse er “Fake News” entgegentreten.

Es sind Aussagen, die an Donald Trump erinnern – Seehofer betonte aber explizit, den Kurznachrichtendienst vielleicht “in einem anderen Stil” zu nutzen als der US-Präsident. 

Wie die CSU-Anhänger auf Seehofers Wut-Rede reagierten:

Viele der CSU-Anhänger im Bierzelt unterstützen Seehofers harten Kurs in der Asyl- und Flüchtlingspolitik. Endlich bewege sich was, sagen sie. Endlich unternehme jemand etwas.

In Bayern sieht das die Mehrheit der Bevölkerung allerdings anders. 56 Prozent erkennen laut einer Umfrage für Sat.1-Bayern trotz Asylstreits keine Veränderung der Situation, nur 37 Prozent glauben, dass es so etwas wie eine “Asylwende” gibt.

Vor allem Seehofers Ton schreckt ab – selbst bei der CSU. “Die Richtung stimmt – aber a bissl laut”, sagt einer in Töging. Und es gibt auch einzelne richtig kritische CSU-Anhänger, auch hier im CSU-Stammland. Seehofer müsse auch bedenken, dass die CSU das Christliche im Namen führe, mahnt einer. 

Mit Material von dpa.