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25/06/2018 12:43 CEST | Aktualisiert 25/06/2018 12:43 CEST

2,8 Kilometer in der „Wilden Zicke“

Pufferküsser, kommt nach Naumburg...

© Copyright Karl-Heinz Hänel
Naumburger Straßenbahn

Die Straßenbahn in Naumburg fährt vom Hauptbahnhof ab und endet am Salztor.

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Naumbuger Tram

Sie ruckelt und zuckelt, quietscht und klingelt. Die „Wilde Zicke“, wie die Naumburger sie scherzhaft nennen, ist mit 2,8 Kilometern Deutschlands kürzeste Straßenbahn. Die Holzklasse hat 22 bis 24 Sitze. Der Fahrer an der großen Kurbel für Tempo und Bremse verkauft auch Fahrscheine und zwickt sie mit der Zange.

Automaten gibt es nicht. Täglich pendelt die Linie 4 zwischen Hauptbahnhof und Salztor in Richtung historische Altstadt, neun Stationen im Abstand von einer Minute, immer pünktlich. Demnächst wird sie 90 Meter erweitert, endet dann wieder wie zuletzt 1991 direkt vor dem Bahnhofsausgang im Blickfeld von Pendlern und Touristen.

Seit 1907 war sie als Ringbahn in der Domstadt unterwegs. Dann wurde die Strecke halbiert, übernahmen Busse den Verkehr. Gern hätte man den alten Zustand wiederhergestellt.

Die Schienen sind längst demontiert oder überbaut, doch die Diskussion um die Rückkehr der Ringbahn ist Dauerthema in der Naumburger Öffentlichkeit. Nicht nur das Geschäftsführer-Duo der Straßenbahn, Andreas Messerli und Andreas Plehn, wirbt dafür.

Auch weite Kreise der Bürgerschaft engagieren sich. Der Aufruf „70 Euro für eine Schwelle, 1.400 Euro für einen Lichtmast!“ erbrachte die stolze Summe von über 100.000 Euro, als es im letzten Herbst darum ging, die Strecke um 400 Meter zu erweitern. Auch das Land Sachsen und der Bund ließen sich nicht lange bitten.

Andreas Messerli ist ein Zugereister. Der Schweizer aus Bern, passionierter Eisenbahner, verliebte sich im Urlaub in die Domstadt an der Saale, heiratete und wurde sesshaft. Unermüdlich wirbt er seit Dienstantritt 2007 für die utopische Idee. Ebenso stark setzt er sich für Pflege und Erhalt des aktuellen Fuhrparks und der Restaurierung der Oldtimer ein. Ehrenamtliche Mitstreiter des „Vereins der Nahverkehrsfreunde Naumburg-Jena“ begleiten ihn dabei.

Andreas
Im Naumburger Straßenbahn-Depot

In der Werkstatt des Depots wird geschweißt, gehämmert und gesägt. Freiwillige leisten Schwerarbeit. Derzeit wird der Lowa-Beiwagen Nr.1 fitgemacht mit neuem Holzdach und Regenrinnen. Er fuhr zuletzt in Halberstadt, wurde nach der Wende von den Nahverkehrsfreunden vor dem Abwracken bewahrt.

Die sind mächtig stolz auf ihren EB 50, dem ersten serienmäßig in der DDR produzierten Fahrzeug dieser Art und zugleich letztem Modell der Meterspur. Sein Stammwerk Werdau gehörte zur „Vereinigung Volkseigener Betriebe Lokomotiv- und Waggonbau“ und belieferte auch die UdSSR und Polen.

Mit dem Nachfolger, dem ET 54 aus dem „VEB Waggonwerk Gotha“ und den Triebwagen 23 und 29 sind drei weitere Oldies in Naumburg erhalten. Hin und wieder wird auch der „Sommerwagen“ angespannt, ein Kutschen-Cabrio für zwölf Personen vom Ende der 1880er. Das Vehikel aus dem Schweizerischen Neuchatel krönt jeden Festzug.

Doch der Einsatz ist schwierig. Das Fahrzeug hat keine Deichsel und kann deshalb nur von besonders geschulten Pferden gezogen werden. Eine eigene Pferdebahn besaß Naumburg wegen der Steigungen nicht. Der aktuelle Fuhrpark besteht aus fünf Triebwagen und einem Anhänger. Zu besonderen Anlässen wird der Fahrplan von 30 auf 15-Minuten-Takt umgestellt. Die Bahn fährt Extra-Schicht, wenn in der Region gefeiert wird.

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Geldkatze und Fahrscheine

Eine Tram-Tageskarte ist günstigster, als zwei Einzelfahrten und kostet € 3,20 für den Erhalt des Vereins.

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grüner Schienenbereich

... noch bis zum Montag, 25. Juni 2018 findet in Naumburg das traditionelle Hussiten-Kirschfest statt. Während dieses großen Stadtfests fährt die Naumburger Straßenbahn jeden Tag bis nach Mitternacht. Zudem bietet sie an drei Tagen den 15-Minuten-Takt: am Freitag von 17 bis 21 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 8:45 bis 21 Uhr. Den Straßenbahn-Sonderfahrplan finden Sie hier in der Kurzfassung und in der Langfassung.

Im Herbst & Winter stehen folgende Termine an: Winzerfest Freyburg (7.-9. September) in Verbindung mit der Unstrut-Bahn, 126 Jahre Straßenbahn (15. September), Weihnachtliches In den Höfen (1.-2. Dezember) und Advent in den Weinbergen (22.-23. Dezember). Auch bei privaten Feten macht die „Wilde Zicke“ mit.

Eine Schienen-Party für 22 Personen kostet 120 Euro, auf Wunsch mit Weinspezialitäten aus Saale-Unstrut verschönt. Das breite Angebot führt zu stetig steigenden Fahrgastzahlen. Andreas Messerli freut sich: 2015 konnte erstmals die 100.000-Marke um 9.000 Personen getoppt werden, 2016 waren es schon 134.000, 2017 nutzten 152.000 Einheimische und Touristen die umweltfreundliche Nostalgietram, die zum Mitteldeutschen Verkehrsverbund (MDV) gehört. Noch mehr Bewegung erwartet er, wenn Naumburg Weltkulturerbe wird. Die Entscheidung des Komitees steht kurz bevor.

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Uta im Naumburger Dom

Historisches Stadtviertel mit Dom und seiner legendären Stifterfigur, der Markgräfin Uta, sind von der Haltestelle Lindenring bequem zu Fuß zu erreichen.

Text © Copyright: Karl-Hugo DierichsFotos © Copyright: Karl-Heinz Hänel

Sonst noch auf der Straße der Romanik und der Weinstraße Saale-Unstrut

Mit freundlicher Unterstützung von www.saale-unstrut-tourismus.de

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