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15/11/2018 13:24 CET | Aktualisiert 16/11/2018 12:05 CET

20-jähriger Flüchtling berichtet: "Von wegen, wir wollen nur euer Geld"

"In Wirklichkeit sind die beruflichen Bedingungen für die meisten Geflüchteten hier nicht besser."

Amed Sherwan
"Ich werde vermutlich nie studieren, sondern mich mit Aushilfsjobs über Wasser halten."
 

Amed Sherwan ist als 15-Jähriger aus dem Irak nach Deutschland geflohen. In seiner Heimat wurde er inhaftiert und gefoltert, weil er nicht an Gott glaubt. Mit Hilfe von Verwandten, den örtlichen Medien und Menschenrechtsaktivisten rettete er sich nach Deutschland.

In diesem Blog erzählt er, wie die berufliche Realität in Deutschland für viele Flüchtlinge aussieht und warum sie in Deutschland häufig missverstanden werden.

Meine Flucht hat meine Eltern insgesamt 16.800 Dollar gekostet. Mein Vater musste dafür sein Auto verkaufen und sich Geld leihen. Er hat das nur gemacht, um mich in Sicherheit zu bringen und hatte nie die Erwartung, dass ich die Familie zu mir nach Deutschland hole.

Die meisten Geflüchteten, die ich kenne, haben sehr viel Geld für ihre Flucht ausgegeben. Viele haben alles verkauft, was sie besitzen. Denn für die illegale Reise nach Europa nehmen die Schleuser unfassbare Summen

Europa ist nicht der Ort unserer Träume

Niemand gibt leichtsinnig so viel Geld aus und sein ganzes bisheriges Leben ohne Grund auf. Aus einer europäischen Perspektive mag Europa der Traumort für alle sein.

Aber in Wirklichkeit sind die beruflichen Bedingungen für die meisten Geflüchteten hier nicht besser (im Gegenteil) und das wissen inzwischen auch viele. Aber was soll man machen, wenn es für viele dennoch keinen anderen Ausweg gibt, als hierher zu kommen.

Mehr zum Thema: Bei den Deutschen kommt es besser an, nicht zu integriert zu sein

Mein Bruder ist Ingenieur, meine Schwester hat Biologie studiert. Ich werde vermutlich nie studieren, sondern mich mit Aushilfsjobs über Wasser halten. Ich kenne ehemalige Grafikdesign-Studenten, Anwälte, Künstlerinnen, Journalistinnen und Fotografen, die nun in der Dönerbude oder im Café arbeiten, putzen gehen oder Ausbildungen als Pflegehelfer machen. Sie geben sich damit natürlich zufrieden – aber Traumjobs sind das nicht. 

Klar gibt es auch Leute, die wegen totaler Armut nach Deutschland kommen – für die ist hier natürlich vieles besser als in ihren Heimatländern.  

Die geflüchteten Jungs allerdings, die ich kenne, hassen es alle, auf Sozialleistungen angewiesen zu sein und in sinnlose Jobmaßnahmen gesteckt zu werden. Sie wollen arbeiten, das ist in Deutschland aber nicht so einfach wie zum Beispiel in der Türkei. 

Viele müssen auch Geld an ihre Familien schicken, die vielleicht noch in den großen Lagern in den Nahgebieten stecken. Also spielen sie Glücksspiel, verkaufen Drogen und prostituieren sich.

Flüchtlinge mit 3000 Euro Monatsgehalt – diese Idee finden Deutsche lächerlich

Ich finde bestimmt nicht alle geflüchteten Menschen sympathisch, aber zum Spaß oder für Sozialleistungen sind sie nicht gekommen.

In meiner Jobmaßnahme haben wir vor ein paar Tagen über unsere Zukunftspläne gesprochen und wurden gefragt, welches Bruttogehalt wir uns in Zukunft wünschen. Ein junger Mann aus Somalia hat 3000 Euro gesagt.

Daraufhin haben ihn Leiterinnen des Kurses lautstark und abfällig ausgelacht; das sei ja völlig unrealistisch. Die Gruppe hat dann brav mitgelacht. Ein anderer Teilnehmer hat dann 1500 vorgeschlagen und ist dafür gelobt worden.

Das sei zwar auch nicht leicht, aber ein realistisches Ziel. Große Ziele zu haben, sollen sich arbeitslose Jugendliche sowieso abschminken – und die mit Fluchterfahrungen umso mehr!

Es geht um Frieden und Sicherheit, nicht um Reichtum

Die geflüchteten Menschen, die ich kenne, sind vor Krieg oder persönlicher Verfolgung geflüchtet. Sie hoffen genau wie ich, in Europa Sicherheit und Freiheit zu finden. Dabei geht es sicherlich nicht darum, das Geld der Europäer zu stehlen. Kaum jemand ist noch so naiv zu glauben, dass man in Europa reich wird und die meisten wissen ganz genau, dass die Flucht lebensgefährlich sein kann.

Aber sie sehen einfach keine Alternative und müssen alles auf eine Karte setzen. Alle wollen überleben und natürlich wünschen sich alle auch ein selbstbestimmtes Leben in Würde – aber die Chance, eine gute Ausbildung und einen gut bezahlten Job zu ergattern, ist verschwindend gering.

(ak/ujo)