LIFE
27/02/2019 10:15 CET | Aktualisiert 27/02/2019 10:15 CET

Ich war 20 Jahre lang mit einem Psychopathen verheiratet – so bin ich ihm entkommen

Eden Books

Wenn wir uns bei einer Tasse Kaffee kennenlernen würden, oder in einer Bar bei einem Drink, würde mich vermutlich niemand für ein typisches Opfer halten. Niemand würde auf die Idee kommen, dass ich eine Frau sein könnte, die 20 Jahre lang in einer Ehe mit einem Psychopathen gefangen war. Man hat da nämlich diese Bilder im Kopf, von Frauen, denen SO WAS passiert.

Zum Glück “stimmt” vermeintlich immer irgendetwas an ihnen nicht, das menschliche Gehirn funktioniert so, es schützt uns, wiegt uns in Sicherheit, sagt, siehst du, ganz ruhig, hier haben wir doch den Grund, warum sie in den ganzen Schlamassel geraten ist und es nicht gemerkt hat; mir würde das sicher nicht passieren, sogar ganz sicher nicht.

Ich ließ alle kritischen Stimmen verstummen, insbesondere meine eigene und ließ zu, dass ich zum Spielball meines Mannes wurde, zu seiner Marionette, seiner Bediensteten, seinem Fußabtreter.

Die Wahrheit ist, ich habe gemerkt, dass etwas gewaltig schief lief in meiner Ehe. Mir war schon relativ früh bewusst, dass es eine Diskrepanz gab, zwischen der Selbstdarstellung meines Mannes und meinen eigenen Eindrücken von seiner Person, seinem Arbeitsumfeld und seinem beruflichen Erfolg.

Rolf sprach über sich als sei er der tollste Mensch auf der Welt, bauschte die Dinge auf und übertrieb dabei oft über alle Maßen. Auch meiner Familie fiel dieses Verhalten auf und immer wieder versuchte sie auch, mich zu warnen.

Ich habe alle kritischen Stimmen verstummen lassen 

Doch ich gab mir alle Mühe, sie zu ignorieren. Ich wollte eben gerne glauben, dass alles gut war. Ich ließ alle kritischen Stimmen verstummen, insbesondere meine eigene und ließ zu, dass ich zum Spielball meines Mannes wurde, zu seiner Marionette, seiner Bediensteten, seinem Fußabtreter.

Es geschah schleichend.

Nachdem wir uns während des Studiums kennengelernt hatten, zogen wir bald zusammen. Als ich den von mir so ersehnten Heiratsantrag bekam, war ich überglücklich. Ich wollte Ehefrau sein und Mutter.

Doch die Ehe und die zwei Kinder, die wir bekamen, machten mich auch abhängig von meinem Mann. Ich versuchte alles, um den Anforderungen einer perfekten Ehefrau und Mutter gerecht zu werden.

Die Kinder und den Haushalt versorgte ich im Alleingang. Ich arbeitete nebenbei freiberuflich, so viel es ging, denn Rolf wurde nicht müde zu behaupten, ich sei faul und würde ihm nur auf der Tasche liegen. Doch obwohl ich teilweise bis zum Rande der völligen Erschöpfung arbeitete, war es meinem Mann nie genug. Er machte meine Arbeit lächerlich, bezeichnete sie als wertlos. Dabei verdiente ich gar nicht schlecht. Und auch zu Hause hielt ich alles am Laufen. Organisierte Kindergeburtstage, Taufen, Hobbys, Auftritte, Feiern, Einschulungen, Vorsorgeuntersuchungen, Musikschule, Elternabende und vieles mehr.

Ich stellte die Bedürfnisse meines Mannes über alles

Rolf hingegen geriet beruflich immer wieder in Sackgassen. Dafür machte er jedoch nie sich selbst, sondern immer alle anderen verantwortlich: Andere Mitarbeiter, unmögliche Chefs und am Ende sogar mich. Doch ich hörte nicht auf, ihm den Rücken zu stärken. Ich wollte so sehr, dass er erfolgreich und glücklich war, dass ich meine eigenen Bedürfnisse vollkommen untergrub.

In all den Jahren fand er unzählige Gelegenheiten mich zu demütigen, zu verletzen, zu missbrauchen.

Ich akzeptierte ohne Weiteres, dass Rolf in regelmäßigen Abständen Urlaube und Wochenendtrips mit seinen Freunden unternahm, feiern ging und sogar Drogen nahm. Ich redete mir ein, dass er die freie Zeit brauche, um sich von der Arbeit zu erholen. Und ich wollte auf keinen Fall eine nörgelnde Ehefrau sein, die ihrem Mann den Spaß nicht gönnte.

 

Mein Mann dankte es mir nicht. Im Gegenteil. In all den Jahren fand er unzählige Gelegenheiten mich zu demütigen, zu verletzen, zu missbrauchen. Ständig verglich er mich mit anderen Frauen, die angeblich so viel toller waren als ich: bessere Ehefrauen, bessere Liebhaberinnen, bessere Kumpels.

Seine widersprüchlichen Botschaften machten mich beinahe krank: Sei anhänglich – sei selbstständig, arbeite hart – sei abends nicht müde, rede mehr mit mir – aber nur das, was ich hören will, bezieh nicht jede Kritik auf dich – sei doch mal ein bisschen selbstbewusster.

Ich glaubte all die schrecklichen Dinge, die mein Mann über mich sagte

Er ließ nicht locker und schrieb mehrere Briefe an verschiedene Ärzte und Psychotherapeuten, in denen er meine “Störung” beschrieb.

Doch anstatt mich gegen seine unhaltbaren Anschuldigungen, Beleidigungen und Verletzungen zu wehren, nahm ich sie an und glaubte ihm all die schrecklichen Dinge, die er über mich sagte. Er ließ mich glauben, dass auch unsere Freunde, Bekannten und Kollegen so über mich denken würden und das raubte mir den letzten Rest meines Selbstwertgefühls. Ich wurde fragil und unsicher.

Doch es gab auch immer wieder Momente der Erkenntnis. Situationen, in denen mir bewusst wurde, dass nicht ich die Verrückte war, sondern Rolf. Einen solchen Augenblick erlebte ich einmal während eines Ausflugs. 

Mit den beleidigendsten und demütigendsten Worten, die er jemals gegen mich eingesetzt hat, machte er seinem Frust Luft, indem er mich angriff, hart und gnadenlos. Ich erinnere mich nicht an das, was er wirklich sagte, aber daran, wie ich zusammengebrüllt wurde. 

Dann spuckte er endlich aus, was er mir wohl schon lange hatte sagen wollen, brüllte wie ein Wahnsinniger, dass ich psychisch krank sei, verrückt, unnormal und total gestört.

Ich dachte, das ist normal, das wird schon wieder, wir schaffen das.

Der Moment, als Rolf sich den Spiegel vorhielt

Und gerade weil seine Vorwürfe so ungeheuerlich waren, erhaschte mich während seiner Tirade ein winzig klarer Moment der Erkenntnis: Es war ein Spiegel, den er da vor sich hielt, aber nicht ich war darin zu sehen, sondern er selbst. Alles, was er mir vorwarf, worüber er sich lustig machte oder lästerte, waren nicht meine Fehler, sondern seine eigenen. Er beschrieb sich in seinen Vorwürfen an mich so gut selbst, dass ich mich wunderte, warum mir das nicht nicht früher aufgefallen war.

Etwas brach in dieser Situation auf, ich spürte es unter der Oberfläche, sodass ich für einen Augenblick ganz gelassen war. Vielleicht, weil mir dieser unfassbar klare Gedanke, dass er ein Problem hatte und nicht ich, half, seine Worte mit Abstand zu betrachten.

Wie konnte ich überhaupt so lange bleiben? 

Natürlich werde ich oft gefragt, wie ich es überhaupt fast zwanzig Jahre mit meinem Mann aushalten konnte und dabei noch zwei Kinder quasi allein großgezogen habe. Doch das hat mit meinem Selbstverständnis als Ehefrau und Mutter zu tun. Ich dachte, das ist normal, das wird schon wieder, wir schaffen das. Überall liest man, dass jede dritte Ehe geschieden wird – in meinem Bekannten- Kollegen- und Freundeskreis dieser Zeit habe ich in all den Jahren nie eine Trennung erlebt; diese Möglichkeit war einfach für mich nicht-existent.

Und dann waren da noch die Kinder. Meine beiden Kinder, die ich vor dem Schmerz einer Scheidung um jeden Preis bewahren wollte. Ihnen zu Liebe habe ich all die Jahre durchgehalten, den emotionalen Missbrauch ertragen, entschuldigt und gerechtfertigt.

Ich konnte mich nicht selbst trennen, konnte nicht aus diesem rasenden Zug springen, der mein Leben geworden war. Es musste erst richtig eskalieren. Jemand musste mir die Entscheidung der Trennung abnehmen.

Wie der rasende Zug zum Halten kam

Und das tat Rolf. Eines Tages kam er zu mir und sagte mir, dass er sich von mir trennen wolle. Doch mein Mann hatte seine ganz eigene Vorstellung von einer Trennung.

Er sagte mir, dass er mich immer noch über alles liebe und mit mir alt werden wolle. Doch da er jetzt kurz davor war, zum ersten Mal in seinem Leben richtig viel Geld zu verdienen, wollte er sicherstellen, dass ich davon nichts abbekam.

Ich sollte einen nachträglichen Ehevertrag unterschreiben. Einen Vertrag, der es mir gestatten sollte, weiterhin im Haus wohnen zu bleiben. Der Rolf jedoch im Falle einer Scheidung von allen finanziellen Verpflichtungen mir gegenüber entbinden würde.

Wenn ich auch nur ein Augenpaar öffnen, eine Leserin für die Thematik sensibilisieren kann, hat es sich schon gelohnt, noch einmal hinabzusteigen in den Keller der Erinnerung.

An diesem Punkt war mir klar, dass dies meine Chance sein würde, Rolf zu entkommen. Ich hatte schreckliche Angst, denn mein Mann drohte mir, mich finanziell zu ruinieren. Monatelang setzte er mich unter Druck, erpresste mich, machte mir und unseren Kindern das Leben mehr denn je zur Hölle.

Doch diesmal blieb ich stark. Diesmal wehrte ich mich. Ich weiß nicht wie, doch ich fand die Kraft, Rolf zu verlassen. Ich fand ein neues Zuhause für die Kinder und mich und ich begann zu heilen.

Ich wünsche mir, dass meine Geschichte Augen öffnet

Rückblickend weiß ich, dass Rolf ein Narzisst ist. Mir ist bewusst, was er mir angetan hat. Und damit ich es nie wieder verleugnen oder vergessen kann, habe ich es in einem Buch aufgeschrieben.

Wenn ich auch nur ein Augenpaar öffnen, eine Leserin für die Thematik sensibilisieren kann, hat es sich schon gelohnt, noch einmal hinabzusteigen in den Keller der Erinnerung.

Heute weiß ich, wie stark ich bin. Heute weiß ich, dass ich richtig bin – genauso, wie ich bin.

Ich wünsche mir, dass meine Geschichte für betroffene Menschen der Auslöser sein kann, früher als ich oder überhaupt, den Mut zu fassen, die Notbremse zu ziehen und dem Missbrauch zu entkommen, solange es noch geht.

Denn nur so kann man einen rasenden Zug anhalten, wenn man unbedingt aussteigen muss.

Dieser Artikel entstand aus einen Gespräch zwischen Johanna Winter und Gina Louisa Metzler und enthält Passagen aus Johanna Winters Buch “Der Feind an meiner Seite – Wie ich mich aus meiner Ehe mit einem Psychopathen befreite”, Eden Books Verlag, 2019. 

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(ame)