POLITIK
16/04/2018 10:18 CEST | Aktualisiert 16/04/2018 14:20 CEST

19 Gründe, warum Putin bei vielen Deutschen so beliebt ist

58 Prozent der Deutschen wünschen sich mehr Nähe zu Russland.

Mikhail Klimentyev via Getty Images
Hat in Deutschland überraschend viele Fans: Russlands Präsident Wladimir Putin.

“Gab es das in der Geschichte schon mal, dass ein Land von einem anderen attackiert wird, und die Mehrheit der Bevölkerung auf Seiten des Angreifers ist?”

Es war eine hochrangige ausländische Diplomatin, die aufrichtig verwundert diese Frage stellte – nachdem sie von der  neuesten Umfrage im Auftrag der “Welt” erfahren hatte.

Der zufolge wünschen sich 58 Prozent der Deutschen sich eine weitere Annäherung an Russland, und 14 Prozent sind für gleich viel Nähe wie bisher.

Mehr zum Thema: Nervengas-Anschlag: Wie deutsche Medien und Politiker Putin auf den Leim gehen

„Rational ist diese Haltung der Deutschen schwer zu erklären“, meinte die Diplomatin, die anonym bleiben möchte, bitter.

Deutscher Sonderweg in der Russland-Politik

So wie sie sehen derzeit viele Politiker und Journalisten im Ausland mit großen Sorgen den deutschen “Sonderweg” – also die besondere Nähe zwischen Berlin und Moskau.

Aber wie kommt es zu der Wahrnehmungsverzerrung in Deutschland? Warum ist der Irrtum so verbreitet, Russlands Präsident Wladimir Putin werde in unseren Medien so schlecht gemacht?

Warum wünschen sich so viele Deutsche engere Beziehungen zu Russland und Putin, wohlgemerkt einem Präsidenten, der sein Land in eine Autokratie verwandelt hat? 

Hierfür gibt es 19 Gründe:

Durch die ständige Rechtfertigung von Putins Politik durch Lautsprecher wie Gerhard Schröder, Gabriele Krone-Schmalz, Matthias Platzeck und viele andere bleiben sie in den Köpfen vieler hängen.

Ebenso wie etwa die NATO-Osterweitungs-Lüge und viele andere Propaganda-Mythen made in Russia.

Mehr zum Thema: Die 10 Propagandamythen des russischen Präsidenten Wladimir Putin

Itar Tass / Reuters
Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Wladimir Putin. 

 Anders als etwa im Falle der USA und Großbritanniens können nur wenige Deutsche Russisch oder waren in Russland.

Die Realität in dem Land, insbesondere der Zynismus und die Lügen des Kremls übertreffen das Vorstellungsvermögen von Westeuropäern derart, dass es bei Berichten darüber beruhigender ist, die Berichterstatter in Zweifel zu ziehen als sich die alarmierenden Realitäten bewusst zu machen.

Wir im Westen sind daran gewöhnt, die Wahrheit in der Mitte zu suchen.

Moskaus Propaganda nutzt dies aus, indem sie mit absurden Theorien und Aussagen das Meinungsspektrum derart verzerrt, dass die vermeintliche Mitte deutlich Richtung Moskauer Position verrückt wird. Nur ein Beispiel hierfür ist die Berichterstattung zum Abschuss der Malaysia-Air-Maschine MH17 über der Ukraine.

Mehr zum Thema: Warum sich deutsche Medien mit der Wahrheit über MH17 schwer tun

Putin-Kritiker müssen mit massiven Anfeindungen bis hin zu Hass-Attacken, Diffamierung und Todesdrohungen rechnen.

Das führt dazu, dass viele Putin-Gegner eher vorsichtiger werden mit Aussagen über Putin und sein System – während seine Verteidiger im Zweifelsfall eher auf lukrative Jobs, Aufträge oder Ehrenämter hoffen dürfen.

Mehr zum Thema:  Psychoterror, Medienattacken und Morddrohungen: Das gefährliche Leben der Putin-Kritiker

Ein massiver Anti-Amerikanismus sorgt bei vielen für eine Sympathie Putin gegenüber, weil dieser einer der lautstärksten Kritiker und Herausforderer der USA und ihrer Politik ist.

Viele übersehen dabei, dass bei allen Missständen in den USA eine Diktatur immer noch eine unappetitliche Alternative bleibt.

Viele Linke halten Putin immer noch für einen der ihren – auch weil er, anders als in den Inlands-Medien, wo er Lenin heftig verurteilt, gegenüber dem Westen gerne mit dem Sowjet-Erbe kokettiert.

Und das obwohl sein Politikmodel nicht für Sozialismus, sondern für eine Mischung aus Mafia und KGB steht, mit unvorstellbarer Konzentration des Reichtums in den Händen einiger weniger Männer - vorzugsweise Putin nahestehenden.

Putin und seine Oligarchen sind erfolgreich darin, Teile der westlichen Eliten in Politik, Medien und Wirtschaft zu korrumpieren.

In den russischen Sprachgebrauch ist dafür das Wort “Schröderisierung” eingegangen – in Anspielung an den Wechsel von Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder in die Dienste von Putin (via Gasprom und Rosneft).

Die Liste von aktiven und vor allem pensionierten Politikern, die mit Moskau, seinen Konzernen und Lobby-Netzwerken verbandelt sind, ist erschreckend lang. Die Problematik wird kaum publik gemacht, viele der so mit Moskau verbandelten werden in den Medien als unabhängige Stimmen oder gar Experten präsentiert.

Mehr zum Thema: Ein Brandbrief an Gerhard Schröder: Sie haben sich zum Hofnarren Putins machen lassen!

Das Maß an Russland-Kompetenz ist bei vielen Politikern, Journalisten und sogenannten Experten umgekehrt proportional zu ihrer eigenen Einschätzung desselben und zu ihrer Bereitschaft, sich öffentlich zu Russland zu äußern.

Wer mit Russland wenig befasst ist, neigt dazu, die eigene Denkweise, die eigene Motivationen und die eigene (Nicht-)Gewaltbereitschaft auf die Handelnden im Kreml zu übertragen.

Typisches Beispiel hierfür ist die ständig wiederholte These, der Giftanschlag in England würde Putin vor den Wahlen schaden – obwohl in Wirklichkeit in Russland exakt das Gegenteil der Fall war.

Peter Nicholls / Reuters
Spezialisten untersuchen die Bank, auf der Sergej Skripal saß, bevor er ins Krankenhaus eingeliefert wurde. 

► Penetrant hält sich der Irrglaube, Russland sei einer der wichtigsten Handelspartner Deutschlands. Tatsächlich entspricht das Handelsvolumen dem mit Tschechien und ist halb so groß wie das mit Polen.

Anders als bei diesen Ländern sind mit Russland aber vor allem Großkonzerne aktiv, auch weil für Mittelständler und Kleinunternehmer die fehlende Rechtsstaatlichkeit Russland-Geschäfte zu riskant macht.

Diese Großkonzerne sind auf die Gunst des Kremls angewiesen – und versuchen den bei Laune zu halten indem sie in Deutschland massiv Stimmung zugunsten des Kremls machen – etwa dadurch, dass sie die Bedeutung des Russland-Geschäftes größer darstellen als sie ist.

► Eine der wichtigsten Propaganda-Strategien des Kremls ist es, Putin mit dem russischen Volk gleichzusetzen. Kritik an Putin wird von seinen Verteidigern auch in Deutschland gebetsmühlenartig mit Kritik an den Menschen in Russland gleichgesetzt.

Putin-Kritiker werden in deutschen Medien als “Russland-Kritiker” bezeichnet – und in Moskau gar als “Russlandhasser” verleumdet. Leider verfängt das.

Wie absurd dieser Trick ist, zeigt sich, wenn man ihn umkehrt: Kaum jemand in Deutschland käme auf die Idee, dass Kritik an Angela Merkel, auch aus dem Ausland, Kritik an den Deutschen sei, die Deutschen schlecht mache oder “Deutschlandhasser” sei.

Mehr zum Thema: Liebe Deutsche: Verwechselt bitte nicht Putin mit Russland

► Viele Deutsche haben ein veraltetes Russland-Bild. Sie sehen in dem Land immer noch den Staat, der unter Michail Gorbatschow einst die deutsche Einheit ermöglichte – nicht ganz uneigennützig, da Moskau damals vor dem Bankrott stand und dringend die Milliarden brauchte, die Bonn für die Einheit zahlte.

Dabei wird von vielen übersehen, dass der heutige russische Staat mit dem von Glasnost und Perestroika nichts mehr zu tun hat. Gorbatschow ist der meistgehasste Politiker in Putins Russlands – Stalin wird wieder verehrt.

NurPhoto via Getty Images
Gorbatschow bei einem Besuch in Berlin 25 Jahre nach dem Fall der Mauer. 

Putin lässt seine Propagandisten damit drohen, die USA in radioaktive Asche zu verwandeln – Drohungen und Säbelrasseln dieser Art sind in den gesteuerten Medien an der Tagesordnung. Viele Russen sind laut Umfragen deswegen inzwischen überzeugt, dass ein dritter Weltkrieg unmittelbar bevorstehe.

Mehr zum Thema:  Wieso es ein Irrglaube ist, dass die Mehrheit der Russen Putin unterstützt

Schon seit Bismarcks Zeiten und darüber hinaus herrscht in Deutschland das Stereotyp, nur bei guten Beziehungen mit Russland herrsche Sicherheit und Frieden.

Mit dem Hitler-Stalin-Pakt erreichte diese Nähe dann verbrecherische Dimensionen – die beiden Diktatoren teilten Osteuropa untereinander auf und überfielen es als Komplizen.

Umso erstaunlicher, dass diese bittere Lektion nicht zu einer Läuterung geführt hat.

► Die Angst, Position zu beziehen und Haltung zu zeigen, sowie die Scheu vor Konflikten haben 30 Jahre nach Ende des Kalten Krieges in Deutschland ungeahnte Ausmaße erreicht. Wir haben in vielem verlernt, mit Konflikten umzugehen, ja diese auch nur zu erkennen beziehungsweise zu akzeptieren.

Putin und seine Propaganda nutzen das sehr geschickt aus. Dabei stützen sie sich auf einen weit um sich greifenden Orientierungsverlust in Bezug auf Werte, Normen und Grundsätze in unserer Gesellschaft.

 Putin füttert perfide die Angst vor einer westlichen Aggression, etwa mit seiner jüngsten Waffenschau im Kreml, bei der virtuell unter anderem Teile Floridas attackiert wurden.

Auf die so ausgelösten Ängste reagieren viele mit Schöndenken oder mentalem Einknicken – dem Wunsch, Putin entgegen zu kommen. 

POOL New / Reuters
Militärparade in Moskau. 

► Der Selbsthass hat bei uns erschreckende Ausmaße angenommen. Viele Russlandfreunde haben die Lektion von Putins Fürsprechern übernommen und reden über den Westen wie über ein Feindbild, oder einen Aggressor, der nur darauf warte, Russland zu überfallen.

Die Lektion der Teilung Deutschlands, der Berliner Mauer und der von Russland initiierten und geführten Diktatur in der DDR ist von vielen vergessen. Ebenso wie Tatsachen, die die angebliche Aggression des Westens ad absurdum führen:

So waren es etwa die USA, die mit gigantischen Beträgen die Überführung von Atomraketen aus der Ukraine nach Russland finanzierten; auch rettete der Westen Russland wiederholt vor dem finanziellen Kollaps. Nur berichtet wird darüber so gut wie nie.

► Hinter vorgehaltener Hand äußern in- wie ausländische Beobachter die erschütternde These, in der Sympathie für Putin komme bei manchen seiner Anhänger in Deutschland eine tief sitzende Sehnsucht nach einem autoritären Führer zum Ausdruck – dessen Rechtsverstöße und Aggressionen eher faszinieren als empören.

Sarkastisch ist hier sogar die Rede von einem “Führer-Entzugssyndrom”.

Der Anschlag in Salisbury und auch die Ermordung von Alexander Litwinenko mit radioaktivem Polonium mitten in London waren de facto Terror. Tausende Menschen waren potentiell den Giftstoffen ausgesetzt.

Die Erkenntnis, dass hinter solchen Anschlägen ein Staat steht, der über Atomwaffen verfügt, ist extrem beunruhigend – deshalb suchen viele nach einem Strohhalm, um diese beunruhigende Vorstellung zu vermeiden.

Mehr zum Thema: Skripal-Streit: Chemiewaffen-Experte erklärt, wo Putin recht hat und wo nicht

► Die Enttäuschung, ja Verbitterung über Missstände in unserem Staatswesen und unserer Gesellschaft ist bei vielen so groß, dass sie in ihrer Suche nach einer Alternative und Hoffnung absurder Weise aus Putin stoßen – und fast schon religiös anmutende Hoffnungen auf ihn setzen und eigene Wünsche auf ihn übertragen.

Wie jugendliche Verliebte denken sie sich Putin dabei schön, verdrängen Negatives und übersehen, dass sein Mafia-/KGB-System für weitaus schlimmere Missstände steht als die bei uns zu beklagenden.

Mehr zu Thema vom Autor in den Büchern “Putins Demokratur – Was sie für den Westen so gefährlich macht” (neue, aktualisierte Auflage erschienen im März 2018) und “Putins verdeckter Krieg – Wie Moskau den Westen destabilisiert”.