POLITIK
08/05/2018 14:16 CEST | Aktualisiert 08/05/2018 18:11 CEST

15 tote Radfahrer 2018: Zahl zeigt das Versagen der deutschen Verkehrspolitik

Lösungen, um das Risiko für solche Unfälle zu mindern, gäbe es reichlich.

ullstein bild via Getty Images
Immer wieder übersehen Lkw Fahrradfahrer beim Abbiegen.

Ein warmer Montagmorgen im Mai, die Sonne scheint, eine Neunjährige aus München ist mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Schule. Um 7.40 Uhr hält das Mädchen an der Kreuzung Moosacher Straße Ecke Schleißheimerstraße.

Als die Ampel grün wird, fährt das Kind los – gleichzeitig mit ihm einem Lkw.

Der Fahrer biegt ab, übersieht das Mädchen, der Lkw erfasst die Schülerin. Um 8 Uhr ist die Neunjährige tot. Sie hatte keine Chance.

Selber Morgen, andere Stadt. In Hamburg fährt eine 33 Jahre alte Mutter auf einer Radspur, will am Eppendorfer Weg Ecke Osterstraße geradeaus fahren. Gleichzeitig biegt ein Kühllaster nach Rechts ab, übersieht die Mutter, überrollt sie. Für die 33-Jährige kommt jede Hilfe zu spät.

Eine Woche zuvor. Leipzig. Eine 16-jährige Radfahrerin wollte am Montagmorgen am Martin-Luther-Ring/ Ecke Schillerstraße geradeaus fahren, ein Lkw-Fahrer biegt ab, er übersieht die Teenagerin. Notarzt und Rettungssanitäter versuchen, sie vor Ort zu reanimieren, bringen sie in ein Krankenhaus. Dort erliegt die junge Frau ihren Verletzungen. 

Es sind drei schreckliche Geschichte über Leben, die viel zu früh endeten. Und es sind nur drei Geschichten von vielen. 2015 starben 72 Radfahrer durch Unfälle mit Lkw, 2014 waren es 75. Zahlen von 2016 und 2017 gibt es noch keine – aber alles spricht dafür, dass sie ähnlich hoch waren. 

Bereits 15 tote Radfahrer durch Unfälle mit Lkw im Jahr 2018

Insgesamt starben 393 Radfahrer 2016 im deutschen Straßenverkehr.

Kinder, Eltern mit Kinderwagen, Berufstätige, ältere Menschen – jeder Radfahrer ist fast täglich ungeschützter Verkehrsteilnehmer und damit immer wieder in tödlicher Gefahr.

► Experten beklagen seit Jahren die Unsicherheit für Radfahrer in Deutschland – und dennoch wird viel zu wenig für den Schutz von Radfahrern getan. 

Der Verkehr auf unseren Straßen ist für Radfahrende knallhart – so hart, dass oft nur Hochleistungs-Radfahrer eine Chance haben, an Kreuzungen schnell genug weg zu kommen, um nicht von Lkw niedergemäht zu werden. ADFC-Geschäftsführer Burkhard Stork

Doch was hilft gegen den tödlichen Wahnsinn auf deutschen Straßen?

Am Montag hat der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) aufgefordert, sofort bei der EU-Kommission für die verpflichtende Einführung von elektronischen Lkw-Abbiegeassistenten zu intervenieren – und eine Task Force “Prävention von Radunfällen durch abbiegende Lkw” ins Leben zu rufen.

► Denn: 40 Prozent aller Unfälle mit Radfahrern passieren beim Abbiegen.

► Jeder zweite Fahrradunfall mit einem Lkw passiert, nachdem ein Lastwagen rechts abgebogen ist. Radfahrer wollen geradeaus, ein abbiegender Lkw übersieht sie.

Fabrizio Bensch / Reuters
Fahrradfahren in deutschen Städten ist gefährlich.

“Abbiegende Lkw sind eine Todesfalle für Radfahrende. 15 durch Lkw getötete Radfahrer müssen wir in den ersten Monaten des Jahres beklagen”, sagt Burkhard Stork, ADFC-Bundesgeschäftsführer.

Der Verkehr sei für Radfahrende knallhart, sagt Stork. “So hart, dass oft nur Hochleistungs-Radfahrer eine Chance haben, an Kreuzungen schnell genug weg zu kommen, um nicht von Lkw niedergemäht zu werden.” Gelegenheitsradler, Senioren und Kinder würde das oft nicht schaffen.

Mehr zum Thema:In Städten findet eine Verkehrsrevolution statt, ohne dass wir es merken

“Die Unfälle sind vergleichsweise selten, aber sehr schwer”, erklärte Benjamin Schreck, Experte bei der Bundesanstalt für Straßenwesen, der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”.

Sensoren und Warnlichter könnten helfen

Schreck rät Fahrradfahrern, grundsätzlich erst einmal davon auszugehen, dass sie nicht gesehen werden. Denn trotz vieler Spiegel gebe es dennoch tote Winkel für Lkw-Fahrer. 

Lösungen, um das Risiko für Unfälle zwischen zu mindern, gäbe es reichlich.

► Warn-Sensoren an Fahrzeugen könnten helfen. So hat 2016 das deutsche Unternehmen WABCO ein Fahrassistenzsystem auf den Markt gebracht, das Lkw und Busse mit einem Sensor ausstattet.

WABCO
Die Sensoren wanren Lkw und Busse mit optischen und akustischen Signalen.

Der warnt die Fahrer mit optischen und akustischen Signalen, wenn eine Kollision mit Fußgängern oder Radfahrern droht. Reagiert der Fahrer nicht, kann das System sogar aktiv bremsen.

Fahrzeughersteller müssen stärker auf solche Systeme setzen, aber vor allem Städte und Kommunen sind in der Pflicht, endlich aktiv zu werden, raten Experten.

Bike-Flash soll Radfahrer schützen

Martin Budde aus Schleswig-Holstein hat ein Warnsystem erfunden, das fest in den Verkehr integriert werden kann. Sogenannte Bike-Flash-Säulen überwachen Kreuzungen mit einer speziellen Wärmesensorik.

Erkennt das System einen Radfahrer, dann aktiviert es an der Säule vier LED-Warnlichter. Angebracht sind die auf unterschiedlichen Höhen. So sind sie für Autofahrer, aber auch Lkw-Fahrer gut sichtbar.

Bike-Flash kann den toten Winkel bis zu einer Annäherung von 40 und einer Breite von vier Metern überwachen. Die Säulen werden direkt am Abbiegepunkt installiert. Das macht es für Wartende auch sicherer, an einer Kreuzung zu stehen – Autos oder Lkw können Kurven so nicht mehr schneiden.

Sicherer Radverkehr durch Ausbau breiter und geschützter Radwege

Einziges Manko: Eine Säule kostet zwischen 15.000 und 20.000 Euro. Doch zumindest für besonders gefährliche Kreuzungen wäre die Bike-Flash eine Lösung, die viele Leben retten könnte.

Ihre gefährlichen Kreuzungen identifiziert haben die meisten deutschen Großstädte bereits.

In Berlin etwa konnten 2013 Autofahrer und Radfahrer in einem Onlineportal der Senatsverwaltung gefährliche Kreuzungen melden und Lösungsvorschläge machen. Gebracht hat das allerdings wenig. 

Denn in der Senatsverwaltung sind immer noch die Radfahrer selbst schuld, wenn sie überrollt werden. Anders ist es nicht zu verstehen, dass die Hauptstadt jetzt eine Helmpflicht für Kinder einführen will – und höhere Bußgelder für Radfahrer, damit sie sich “verantwortungsbewusster verhalten”.

München wiederum hat einen Unfall-Atlas erstellt, um die gefährlichsten Straßen zu identifizieren – und Gefahrenstellen zu entschärfen. Vor Kindergärten, Schulen und Altersheimen will die Stadt verstärkt Tempo 30 einführen und mit Dialog-Displays Raser ausbremsen.

Doch traurige, rote Smileys und Helme werden nicht ausreichen, um Menschen davor zu schützen, von Lkw überrollt zu werden.

“Natürlich machen auch Radfahrer Fehler, aber sie sind weniger folgenschwer.” ADFC-Geschäftsführer Burkhard Stork

In den meisten Fällen sind die Radfahrer nicht Hauptverursacher der Unfälle. In mehr als 90 Prozent der Unfälle zwischen Lkw und Radfahrern tragen laut Statistischem Bundesamt die Lastkraftfahrer die Schuld, bei drei von vier Unfällen zwischen Radfahrern und Autos liegt die Hauptschuld bei den Pkw-Fahrern.

Mehr zum Thema: Abschied vom Auto: Berlin plant die Fahrradrevolution

“Natürlich machen auch Radfahrer Fehler, aber sie sind weniger folgenschwer”, sagt ADFC-Geschäftsführer Stork dem WDR.

Hinzu kommt: Immer mehr Menschen in den Städten sind mit dem Rad unterwegs. “Aber die Fahrrad-Infrastruktur ist in ziemlich miserablem Zustand”, sagt Stork.

Auch der bekannte Berliner Fahrrad-Lobbyist Heinrich Strößenreuther kritisiert, dass es sicheren Radverkehr nur durch “den schnellen Ausbau breiter und geschützter Radwege“ geben könne. Den Vorstoß der SPD in Berlin, eine Helmpflicht einzuführen, hält er für “reaktionäre Verkehrspolitik”.

Diese Vorschläge würden zeigen, wie wenig die SPD-Spitze von Mobilität und den Wünschen der Bevölkerung versteht. 

Jedes Jahr verunglücken mehr Radfahrer auf deutschen Straßen

Experten haben genügend Vorschläge erarbeitet, die den Radverkehr in Städten sicherer machen könnten: 

► Breitere Radwege, flächendeckende Radnetze, die dafür sorgen, dass die Radfahrer nicht zwischen Straßen und Radwegen hin und her wechseln müssen.

► Verkehrsinseln an gefährlichen Kreuzungen, die Fußgänger und Radfahrer räumlich schützen und für eine besser Einsicht für Auto- und Lkw-Fahrer sorgen.

► Radschnellwege und separate Radstraßen, die mitten durch die Stadt führen und fernab von den Straßen verlaufen.

fhm via Getty Images
Oft müssen Radfahrer, wie hier in Berlin, zwischen Radwegen und Straße wechseln.

Gehört werden die Vorschläge offensichtlich noch zu wenig. Das zeigen nicht nur furchtbare Unfälle wie der in München. Die Verkehrspolitiker reden offenbar zu viel – und handeln zu zögerlich.

Denn statt zu sinken, steigen die Unfälle im Straßenverkehr, bei denen Radfahrer verunglücken, seit Jahren. 2010 zählte die Statistik 65.573 verunfallte Radfahrer, 2014 bereits 78.296 und 2016 ist die traurige Bilanz um weitere 3,7 Prozent auf 81.274 gestiegen. 

81.274 Unfälle zu viel. Und zu viele davon vermeidbar. 

(ben)