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16/10/2015 06:21 CEST | Aktualisiert 16/10/2016 07:12 CEST

Warum Merkel die beste deutsche Sozialdemokratin ist

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Als Angela Merkel Bundeskanzlerin wurde, war ich gerade Schüler an der Catalina Magnet High School im us-amerikanischen Tucson, Arizona.

Einmal wöchentlich wurden uns in der Schule Nachrichten gezeigt, welche von SchülerInnen unserer eigenen Schule zusammengestellt wurden. Es waren im Stundenplan eigens circa 15 bis 20 Minuten pro Woche dafür vorgesehen.

Alle Schüler saßen in bestimmten Klassenräumen zusammen, der Fernseher wurde eingeschaltet und jeder hatte sich aufmerksam die Nachrichten anzusehen. Einige LehrerInnen in Kursen wie Politik und Sozialwissenschaften prüften sogar die Nachrichteninhalte in wöchentlichen Tests.

Facebook als das neue Myspace

Abgesehen davon war ich nicht nur von deutschen, sondern auch von allen sonstigen Nachrichten ziemlich abgekapselt. Meinen Facebook-Account hatte ich zwar bereits eingerichtet, weil mir jemand gesagt hatte, dass es "the next Myspace" werden würde. Ich wartete aber noch gespannt darauf.

Denn auf Facebook war damals kaum etwas los und Myspace nutzte man eigentlich fast ausschließlich nur, um Musikvideos zu teilen, mit denen man seinen MitschülerInnen und KollegeInnen zeigen wollte, wie cool man war. Ja, für einige Menschen ist Facebook tatsächlich das nächste Myspace geworden...

Es waren noch die Zeiten, in denen man sich in Sozialen Medien immer erst neu einloggte, bevor man sie benutzte, und nicht durchgängig auf mehreren Geräten gleichzeitig angemeldet war. Ich mache das heute immer noch so, bis auf auf meinem Handy - denn sonst synchronisiert sich der Kalender nicht. Facebook weiß halt, wie man uns abhängig macht...

Facebooksucht

Aber gäbe es Facebook nicht, wäre ich wohl auch heute auch nicht immer up to date. Ich merke es ab und zu, wenn ich mich einige Wochen lang mal nicht einlogge:

- "Hast Du schon gehört!?"

- "Ne, was denn!?"

- "Krass! Du hörst sowas doch sonst immer als Erster!"

- "Ja was denn!?"

- "Echt krass, dass Du es noch nicht gehört hast!"

- "Jetzt sag schon! Was!?"

Zeitungen habe ich damals auch kaum gelesen. Nicht aus fehlendem Interesse, ganz im Gegenteil! Wenn ich mal die Zeit dafür hatte und zufällig irgendwo eine seriöse Zeitung fand, konnte mich nichts davon abhalten, so viele Nachrichten wie möglich durchzulesen.

Auch der Spott meiner MitschülerInnen auf dem Schulhof und in der Pausenhalle nicht: "Wenn du so weitermachst, wirst du irgendwann Präsident!". Damals fand ich diesen Satz als Einziger nicht lustig. Heute lache ich nur darüber, weil aus mir wohl nie ein Präsident wird...

Auf jeden Fall hatte ich damals kaum Zeit für Nachrichten. Mein Tagesablauf war strikt durchgetaktet: Morgens um eine bestimmte Uhrzeit aufstehen, schnell frühstücken und früh genug an der Straße auf den Schulbus warten, der sonst einfach weiterfuhr, wenn niemand an der Straße stand. Jeden Wochentag denselben Stundenplan, bis auf den einen Tag, an dem man zusätzlich Nachrichten schaute.

Schüleraustausch in Amerika

Nach der Schule: Training. Nach dem Training: Hausaufgaben. Und wenn ich mit den Hausaufgaben dann endlich fertig war, konnte ich gegen ein Uhr nachts ins Bett, um am nächsten Morgen um 5.30 Uhr wieder aufzustehen. Den fehlenden Schlaf und die nicht erledigten Hausaufgaben holte ich samstags nach. Nur am Sonntag hatte ich ein bisschen Zeit, die ich meistens mit meiner Gastfamilie oder anderen Austauschschülern verbrachte.

Wo waren wir eigentlich? Achja, Bundeskanzlerin!

Von Angela Merkels Wahl zur Bundeskanzlerin hatte ich also erst einige Tage später erfahren. Hätte es die Schulnachrichten nicht gegeben, hätte es wahrscheinlich noch Wochen gedauert.

Als Peer Steinbrück Mitte 2005 das Amt des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten an Jürgen Rüttgers verlor, war ich noch in Deutschland. Ich kann mich noch heute daran erinnern, wie schockiert ich vor dem Fernseher saß. Es flossen sogar fast einige Tränen. Ein CDU-Ministerpräsident in NRW, was für eine Schande!

Nun, ich war halt durch und durch Juso... Mit 14 Jahren der SPD beigetreten, als Gerhard Schröder schon Kanzler war, und mehr als froh darüber, dass er es war.

SPD als Spitzenpartei

Es gab für mich nur eine Partei, die meine Vorstellungen repräsentierte, und das war die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD). Wer mich heute kennt, der weiß, dass ich darüber längst nicht mehr so pauschal denke. Aber damals war das so.

Und dann kam Merkel. Eine Frau, die mir schon unsympathisch war, weil sie für die CDU kandidierte. Hörte ich sie mir an, wurde mein Bild von ihr nur noch schlimmer.

Ich saß also da in der Schulklasse und schaute mir die Nachrichten an. Eine Mitschülerin verkündete euphorisch, dass Deutschland zum ersten Mal eine Frau zur Kanzlerin gewählt hatte. Alle um mich herum gratulierten mir. Das ging dann im Schulflur und auch in den nächsten Tagen so weiter.

Viele Leute in der Schule wussten halt, dass ich aus Deutschland war. Noch nie war ich so sehr genervt davon, dass jeder Zweite mir zu etwas gratulieren wollte. Und dann auch noch etwas, was mich richtig aggressiv machte! Ich machte aber eine gute Miene zum bösen Spiel - Woher sollten die denn wissen, wie schlimm die CDU für Deutschland war?

In den Folgejahren aber hat mich die CDU immer wieder überrascht. Klar es gab auch die Roland Kochs, von denen ich weniger überrascht war. Aber es kam eben auch zu den vielen Momenten, in denen die CDU unter Angela Merkels Führung Positionen durchsetzen konnte, die für unser Land einfach gut und richtig waren.

SPD und CDU

Positionen, gegen die sich meine SPD aus zweifelhaften Gründen oft positioniert hat. Positionen, die oft sozialdemokratischer waren, als die SPD es heute schafft zu sein.

Ich habe in den letzten Jahren meinen persönlichen Frieden mit der CDU geschlossen. Während ich 2013 noch in der Mitgliederbefragung gegen die große Koalition gestimmt und dagegen mobil gemacht habe, weil ich im Koalitionsvertrag sozialdemokratische Ziele zu schwach und nur in Worten vertreten sah, bin ich heute doch im Großen und Ganzen ziemlich zufrieden mit unserer Regierung.

Ich mag unseren Außenminister Frank-Walter Steinmeier sehr. Ich finde, dass er eine tolle Arbeit leistet und uns im Ausland sehr gut vertritt. Ich finde auch, dass das Ressort Migration, Flüchtlinge und Integration mit Aydan Özoguz endlich mal eine authentische Vertreterin hat - und zwar nicht, weil sie Türkin ist, sondern schlicht und einfach, weil sie toll ist!

Und ich fange allmählich an, Merkel zu mögen.

Es mag sich für viele anhören wie eine Krankheit, aber ich weiß, dass es eine Entwicklung ist. So wie ich Merkel die letzten zehn Jahre lang dafür kritisiert habe, dass sie ein Fähnchen im Wind ist und es eigentlich kein Thema gibt, wofür sie so richtig steht, muss ich - wenn ich authentisch bleiben will - sie heute für ihre Haltung in der Flüchtlingspolitik loben.

Merkels Positionen zeigen Mut

Merkel traut sich was! Sie beweist Mut und steht felsenfest für Positionen, für die sie in ihrer eigenen Partei wenig Rückhalt hat, die aber dieses Land einfach weiterbringen. Positionen, mit denen sie sich weigert, in der Denke des 20. Jahrhunderts hängenzubleiben und uns alle endlich ins 21. Jahrhundert leitet.

Viele meiner Genossen hassen mich für derartige Aussagen. Aber Merkel schafft es mal wieder, sozialdemokratischer zu sein als die SPD.

Und die CDU? Nun, die CDU fängt allmählich an mich wieder richtig zu nerven!

Ihr habt eine Kanzlerin, die Euch einen tollen neuen Anstrich verpasst und auch das C in CDU endlich mal wieder ordentlich zum Ausdruck bringt! Und was macht Ihr? Große Teile der CDU sabotieren regelrecht diese Politik, und zwar aus nichts als populistischen Gründen.

Dabei erkennt Ihr weder die Zeichen der Zeit, noch die Stimmung im Volk. Dieses Land will sich stolz auf dem internationalen Parkett beweisen können! Wir wollen nicht das Bild eines Landes abgeben, das hilfsbedürftige Menschen an seinen Grenzen abblockt, sondern als ein Deutschland bekannt werden, das zur richtigen Zeit das Richtige tut!

Demokratie und Auseinandersetzung

Stolz zu sein auf Errungenschaften unserer Vorfahren ist ziemlich lächerlich. Wir können und wollen aber endlich stolz sein auf unsere eigene Leistung! Rafft es endlich und lasst uns Dinge tun, auf die wir später gemeinsam stolz sein können!

Kritische Diskurse gehören in demokratische Parteien. Führt den Diskurs und kommt zu einer vernünftigen Entscheidung! Und schiebt Eurer eigenen Vorsitzenden und Kanzlerin nicht den schwarzen Peter zu!

Lernt aus unseren Fehlern: Meine Partei hat vor einigen Jahren mal ihren eigenen Kanzler für seine richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit abgestraft - und chillt seitdem bei lächerlichen 25%.

Ihr könnt aber natürlich auch die gleichen Fehler machen - dann heimsen diesmal halt wir das Lob für gute Entscheidungen ein!

„Das ist nicht mehr meine Kanzlerin": Das sind die 5 härtesten Vorwürfe, die sich Angela Merkel in Sachsen anhören musste

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