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03/10/2015 10:33 CEST | Aktualisiert 03/10/2016 07:12 CEST

Wir brauchen eine Zweite Wiedervereinigung!

claudiodivizia via Getty Images

Am Samstag, den 03. Oktober 2015, feiert die Deutsche Wiedervereinigung ihren 25. Geburtstag. Dieses hauptsächliche Narrativ ist für viele deutsche Bürgerinnen und Bürger ein prägendes und sinnstiftendes Element ihrer Geschichte.

Obwohl ich weiß, wie wichtig dieser historische und politische Moment für die damaligen und auch für die heutigen Menschen war und auch einige Bilder und Videos vom Mauerfall sehe, weiß ich nicht, was ich mit diesem Tag anfangen soll.

Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich den 3. Oktober in Berlin begehen, aber warum ist dieser bevorstehende Tag für mich so völlig ohne Emotionen, ohne Gefühle - ja fast schon "inhaltsleer"? Liegt es vielleicht daran, dass meine Eltern mit mir nie darüber sprachen und auch nicht mein Opa, der als Gastarbeiter nach Deutschland kam? Ist dieser Tag nur für die sogenannten „Bio-Deutschen" reserviert und hat mir als „Neu-Deutschen" nichts zu tun?

Genau das ist der springende Punkt: Für viele Menschen mit Migrationshintergrund, die damals vor allem in Westdeutschland lebten, war dieser Tag auch mit Enttäuschungen verbunden: Die deutschen"Ossis" und die deutschen "Wessis" wurden vereint, aber was war mit ihnen?

Galt es früher, die Wessis und die Ossis zu vereinen, sodass aus zwei Gesellschaften eine Gesellschaft wurde, sollte heute der Diskurs dahingehend geprägt sein, dass es darum gehen muss, ein neues Narrativ zu eruieren, um alle Bewohnerinnen und Bewohner der Bundesrepublik Deutschland in eine "neue", solidarische und demokratische Gesellschaft zu vereinen.

Denn wir brauchen eine Zweite Wiedervereinigung!

Schließlich ist die Bundesrepublik in Aushandlungs- und Selbstvergewisserungsprozessen bestens geübt: So finden in überragendem Maße Debatten über Sachverhalte statt, die wahrscheinlich nur ganz wenige Einzelpersonen betreffen, sodass den Menschen der Eindruck vermittelt wird, dass es sich hier um die Mehrheit der Bevölkerung handelt: um den sogenannten Mainstream.

Illustrativ sei hier das Kopftuch erwähnt: Obwohl es mehr als Zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler egal ist, ob ihre Lehrerin ein Kopftuch trägt oder nicht, laufen Verbände, Initiativen und Personen des öffentlichen Rechts Sturm gegen das Kopftuch an Schulen, zumal es sie doch gar nicht direkt betrifft. Solche Diskurse lassen sich auch als Phänomene lassen sich auch in der aktuellen Asyl- und Migrationpolitik identifizieren:

Sicherlich haben Sie schon einmal in ihrem Umfeld Bekanntschaft mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien gemacht. Jugoslawien? Woran denken wir da bloß? An den tollen Urlaub an den Küstenstränden im heutigen Kroatien oder Montenegro? An die leckeren Cevapcici? An die vielen Gastarbeiter, die nach Deutschland kamen? Oder doch irgendwie ein bisschen von allem? Und woran denken wir, wenn die Rede vom Westbalkan ist? An chaotische und korrupte Nachfolgestaaten Jugoslawiens? An den grausamen Krieg nach Ende des Zweiten Weltkriegs? Oder doch an die vielen „Wirtschaftsflüchtlinge", die zu uns nach Deutschland wollen und unseren Wohlstand „bedrohen" möchten?

Deutschland ist inzwischen das zweitbeliebteste Einwanderungsland und auf Dauer macht es keinen Sinn, eine Region, die in direkter Nachbarschaft liegt, völlig abzuschotten.

Viele Balkanesen haben - bedingt durch die Familie - deutsche Sprachkenntnisse und sind mit dem deutschen Rechts- und Wertesystem bestens vertraut: "Bei euch kann man keinen Sachbearbeiter kaufen!" - um nur ein Beispiel zu nennen.

Häufig ist es aber auch eine Frage der Kommunikation: Dass Deutschland nach qualifizierten Fachkräften suche, haben viele auf dem Balkan so verstanden, dass Deutschland wieder "Gastarbeiter" suche - wie damals. Aber die Tatsache, dass Deutschland nur Arbeitskräfte mit hohen und höchsten Qualifikationen benötigen würde, stimmt nicht ganz: Allein in den vergangenen Jahren entstanden rund eine Million neue Jobs für Ausländer in Bereichen, die keine formale Ausbildung erfordern, wie z.B. Hilfskräfte in der Pflege, Gastronomie oder Landwirtschaft.

Deshalb ist eine Diskussion über ein modernes Einwanderungsgesetz gerade heute omnipräsenter denn je und auch völlig zu Recht auf der aktuellen politischen Agenda.

Die vielen Flüchtlinge, die zu uns nach Deutschland kommen, müssen wir von Anfang an in den deutschen Staatsverband integrieren: Von Beginn an müssen deutsche Sprachkurse organisiert und durchgeführt werden.

Denn nur wer die deutsche Sprache beherrscht, kann sich mit seinen Mitmenschen verständigen, in Kontakt treten und durch Begegnung Vorurteile abbauen. Gerade für die Kinder ist der Spracherwerb so wichtig, um in der Schule bestehen zu können und um viele Sprachspiele, Andeutungen und viele Scherze zu verstehen.

Aber auch die Integration in den deutschen Arbeitsmarkt ist eine essentielle Komponente: Durch Erwerbsarbeit erlangen die Flüchtlinge Selbständigkeit, um für sich und ihre Familie den Lebensunterhalt zu bestreiten. Sicherlich erinnern sich alle Eltern daran, dass ihre Kinder irgendwann den Wunsch äußerten, auszuziehen zu wollen, um auf eigenen Beinen zu stehen.

Deshalb braucht man auch die (erwachsenen) Flüchtlinge nicht wie ein kleines Kind zu behandeln. Sie alle wollen unabhängig und schon gar nicht auf die staatlichen Transferleistungen angewiesen sein.

Vielen hierzulande ist nicht bewusst, dass sie sich sogar schämen, jene finanziellen Möglichkeiten in Anspruch nehmen zu müssen: "Bei uns sind Leute, die nicht arbeiten, faul" - um nur ein Beispiel zu nennen. Sie haben alles hinter sich gelassen, sie sind risikobereit und wollen ein neues Leben beginnen. In meinem Umfeld habe ich sehr viele Menschen, die erst kürzlich aus Syrien gekommen sind, kennengelernt.

Überwältigt wurde ich von ihren Fragen: „Wann kann ich denn endlich arbeiten?", „Wann kann ich endlich deutsch lernen?", „Kannst Du mir schon die einfachsten Dinge beibringen?" Diese Potenziale müssen im positivsten Sinne genutzt und nicht zurückgelassen werden. Vielen ist auch nicht bewusst, dass die Flüchtlinge ganz andere Probleme haben: Was für viele hierzulande normal ist, ist für sie eine teure Errungenschaft.

Sie können sich nicht auf Dauer einen Döner, Pizza & Co., einen Besuch ins Schwimmbad oder ins Kino leisten - ganz zu schweigen von Skiurlaub in den Alpen. Wer ernsthaft meint, dass man mit 130€ Taschengeld monatlich ein solides und schönes Leben in Deutschland führen kann, der sollte wahrlich den Selbsttest wagen.

Viele dieser Menschen sind traumatisiert und brauchen ein psychologische Betreuung. Die Konflikte zwischen „Christen" und „Muslimen" innerhalb von Flüchtlingsunterkünften finden nicht per se statt, sondern sie sind das Resultat der Schikane, Diskriminierung und Stigmatisierung eines diktatorischen Regimes und der Erfahrungen mit ihrer Flucht.

Es finden lediglich Verteilungskämpfe statt: Wer bekommt mehr Essen und Trinken? Wer darf in ein größeres Zimmer? Wer darf wo schlafen? Eine Aufteilung der Flüchtlingsunterkünfte entlang der religiösen Zugehörigkeit sollte auf jeden Fall vermieden werden, da die Bundesrepublik es sich nicht erneut leisten kann, neue Parallelgesellschaften zu installieren, zumal es heute schon einige soziale Brennpunkte in den deutschen Großstädten gibt, die uns alle alarmieren und aufwachen lassen sollten.

Abschaffen sollte man die Befristung der Aufenthaltsgenehmigungen. Denn durch solche Fristen gerät die Lebensplanung, die durch die Globalisierung ohnehin schon schwierig zu managen ist, ins Wanken. Ich kenne einige Menschen, die mir ihre Erfahrungen mit der deutschen Ausländerbehörde schildern: „Man werde wie eine Wartemarke behandelt.

Total kühl und ohne Verständnis"; „Wenn ich alleine schon an die Sachbearbeiter in der Ausländerbehörde denke, wird mir schon schlecht". So kenne ich auch viele persönliche Schicksalsschläge von Menschen, die jahrelang ihre Träume aufgrund dieser Befristung nicht erfüllen konnten und sie folglich wie eine Seifenblase zerplatzten. Sie fühlten sich nicht als Teil Deutschlands und hatten auch nicht das Gefühl, dazuzugehören.

Teilhabe in all ihren gesellschaftlichen und individuellen Ausprägungen ist heute besonders wichtig. Wir müssen auch endlich davon wegkommen, Menschen, die gefühlt schon ewig in Deutschland leben, als "Minderheit" zu bezeichnen. Sie sind ein Teil der Bevölkerung Deutschlands.

In jüngster Zeit habe ich davon mitbekommen, dass einige Politikerinnen und Politiker das Grundgesetz verteilen oder auch in anderen Sprachen übersetzen lassen. Vielleicht wäre es tatsächlich gut, wenn wir alle zumindest die ersten 20 Artikel des Grundgesetzes lesen, verstehen und verinnerlichen würden um in spätestens 25 Jahren sagen zu können: „Für mich ist es typisch deutsch, unser Grundgesetz zu verteidigen und meine Freiheit in der Einheit der Vielfalt genießen zu dürfen".

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